Alles hat mit allem zu tun

Über den Zusammenhang zwischen Glaube und Gewalt
Religion kippt bisweilen in ihr blankes Gegenteil um, und das kommt nicht von ungefähr.

"Das hat doch mit unserem Sport nichts zu tun!", hört man hilflos-verlegene und trotzig-genervte Präsidenten, Profis und Pressesprecher, wenn Fußball-Hooligans wieder einmal mit Fäusten, Füßen und Feuerwerkskörpern aufeinander los sind. Es stimmt ja: Was können Spieler, Fans und Fernsehsessel-Sportler dafür, wenn einige den Kick im dumpfen 'Wir gegen die' suchen? Was kann gar der schöne Sport selbst dafür, wenn einige ihren Frust aus sich hinausprügeln und aufeinander ein? Solche Auswüchse hätten vielerlei Ursachen, heißt es. Soziale, psychologische, politische und wirtschaftliche. Wer wollte dies bestreiten? Bloß, dass es eben keine Schach-, Tischtennis- und Volleyball-Hooligans gibt. Und dass die sozialen, psychologischen und gesellschaftlichen Probleme immer ausgerechnet beim Fußball andocken - oder andernorts bei Sportarten, die ähnlich massenwirksam sind, körper- und kampfbetont und heldenfixiert. "Das" soll nun "damit" gar nichts zu tun haben?

"Das hat doch alles nichts mit Religion zu tun!": So klingt es gut gemeint, wenn Menschen im Namen Gottes Gewalt predigen, gutheißen oder verüben. Mindestens den hilflosen-genervten Ton haben die Glaubens- und Fußballverteidiger gemeinsam. Es stimmt ja: Nicht Religionen, nicht heilige Bücher und Verse sind mörderisch, sondern Menschen. Religionen als Systeme von Ethik und Moral, von verbindlichen Erzählungen und heiligen Handlungen schweben nicht im luftleeren Raum; sie werden gelebt. Und wie Menschen und Zeiten religiös geprägt werden, so werden auch Religionen von Menschen und Zeiten geprägt. Und allemal stimmt es, dass Mord und Gewalt auch ganz ohne Gott gehen. Bloß, dass oft gerade hohe Ideale und große Worte - die Nation, der Sozialismus, die Freiheit, die Wahrheit, der Wille Gottes - zu grausigsten Taten führen.

Religion kippt bisweilen in ihr blankes Gegenteil um, und das kommt nicht von ungefähr. Wo sich Menschen auf Höheres, gar auf den Höchsten beziehen, da bündelt und da weitet sich das Leben. Kräfte werden frei, des Denkens und der Tat, des Ichs und des Wir, der Öffnung und der Abgrenzung. Es wachsen Demut und Dünkel, Unruhe und Gelassenheit, Freude und Angst, Lebensliebe und Todesmut. Alles bekommt mit dem einen zu tun - und wegen des einen alles mit allem. Das ist beglückend, und das ist gefährlich. Eins jedenfalls ist es nicht: Harmlos.

Viele religiöse Traditionen und allemal die Bibel der Juden und der Christen als heilige Schriften sind deshalb immer auch religionskritisch - und darin zuerst selbstkritisch. Weil Gott allem und allen gilt, schärfen die Zehn Gebote Menschen ein, sich selbst nicht mit Gott zu verwechseln, sich kein Bild von Gott zu machen und den "Namen des Herrn nicht zu missbrauchen". Sogar der Gottessohn, erzählen die Evangelien, sei versucht worden, Gott und sich selbst zu verraten an Glanz und Machtlust. Und gerade weil "das Reich Gottes nahe" ist, lassen sie augenzwinkernd meist diejenigen, die Jesus am nächsten sind - die Jünger - dümmer dastehen als "die Sünder und Zöllner". Der Glaube kann die Gefährdung seiner selbst weder totschweigen noch wegargumentieren. Er muss sich stellen - und kann es auch. Gott sei Dank!

Annette Kurschus ist Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und Herausgeberin von zeitzeichen.

Annette Kurschus

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