Solidarität

Völkermord an den Armeniern
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Rolf Hosfeld widmet sich nicht den erinnerungspolitischen Konflikten in der Türkei, sondern zeichnet den Genozid an den Armeniern nach.

Am 24. April 2015 ist ein trauriger Gedenktag zu begehen. Er ist den Opfern des Armeniengenozids vor einhundert Jahren gewidmet. Das gewählte Datum trägt symbolischen Charakter. Am 24. April 1914 wurden die ersten 235 Armenier vom Haydarpascha-Bahnhof in Istanbul aus deportiert. Das war nur der Anfang von Zwangsumsiedlung, Enteignung, Ermordung und massenhaftem Tod durch Entkräftung auf dem Weg durch die Wüste. Bis zu eineinhalb Millionen Menschen fielen dem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts zum Opfer. Ein schreckliches Geschehen, das nur wenige Jahrzehnte später durch die Shoah, den Völkermord am europäischen Judentum, auf grauenerregende Weise überboten wurde. Beide Geschehnisse zusammen waren im Bewusstsein, als die Vereinten Nationen 1948 gleichzeitig mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte die Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermords verabschiedeten.

Schon vor zehn Jahren, zum neunzigjährigen Gedenken, hatte Rolf Hosfeld ein Buch zu dieser Thematik veröffentlicht. Dessen Titel "Aktion Nemesis" bezog sich auf den Versuch armenischer Überlebender, an den Hauptakteuren des Genozids Rache zu nehmen. Das neue Buch des Autors hat einen anderen Ausgangspunkt. Das erste Kapitel trägt die programmatische Überschrift "Aghet". Dieses armenische Wort für "Katastrophe" bezeichnet in der Erinnerungskultur der über den Globus verstreuten Armenier das Geschehen, an dessen Folgen sie auch ein Jahrhundert später noch tragen. "Aghet" ist eine Mahnung dazu, der Opfer zu gedenken und der Leugnung dessen, was vor einhundert Jahren geschah, zu widerstehen.

Rolf Hosfeld widmet sich jedoch nicht den erinnerungspolitischen Konflikten in der Türkei und anderswo, sondern er zeichnet in einer "dichten Beschreibung" das Geschehen selbst nach. Zu Recht beschränkt er sich dabei nicht auf die Ereignisse des Jahres 1915, sondern greift auch das erste Massaker an Armeniern in den Jahren 1894 bis 1896 auf. Im einen wie im anderen Fall wurden diese Geschehnisse der deutschen Öffentlichkeit durch Johannes Lepsius bekannt gemacht. Rolf Hosfeld verbindet Lepsius' Berichte mit anderen zeitgenössischen Quellen zu einer Darstellung von bisweilen schrecklicher Anschaulichkeit. Er gliedert sie in zehn Kapitel; Überschriften wie "Ära der Säuberungen" oder "Endlösungen" zeigen, wovon zu berichten ist.

Die Schilderung hat in diesem Buch den Vorrang vor der Analyse. Die Stellung der christlichen Minderheiten - unter denen die Armenier nur eine Gruppe bildeten - im "Millet"-System des osmanischen Reichs wird nicht dargestellt, obwohl sie einen wichtigen Hintergrund dafür bildet, dass die jungtürkische Bewegung meinte, der Auflösung des osmanischen Reichs durch die "Türkisierung" seines verbliebenen Bestands entgegentreten zu können. Hosfeld stellt neben die politischen Zielsetzungen, die mit den Mitteln massenhafter Gewalt durchgesetzt werden sollten, wirtschaftliche Interessen, die sich in den Angriffen auf die erfolgreiche armenische Elite entlud. Vor allem aber lässt er immer wieder durchblicken, dass er in dem Hass auf die Armenier, der sich in Verfolgung, Plünderung, Entrechtung und Ermordung niederschlug, eine kollektive Paranoia am Werk sieht. Auch wenn man sich an solchen Stellen eine genauere Analyse wünschen möchte, ist Hosfelds Buch ein wichtiger Beitrag zur erinnernden Solidarität, die einen unentbehrlichen Bestandteil einer lebendigen Menschenrechtskultur darstellt.

Rolf Hosfeld: Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern. C. H. Beck Verlag. München 2015, 288 Seiten, Euro 24,95.

Wolfgang Huber

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