Neuer Geist klingt

Debatte über traditionelle und populare Kirchenmusik
Neue Klänge: Begeisterte Menge beim Gospelkirchentag in Dortmund. Foto: epd/ Friedrich Stark
Neue Klänge: Begeisterte Menge beim Gospelkirchentag in Dortmund. Foto: epd/ Friedrich Stark
Jahrzehntelang tobte ein Kulturkampf in der deutschen Kirchenmusik. Die Lordsiegelbewahrer, die neben Schütz, Bach, Mozart und der klassischen Moderne nichts gelten lassen, standen gegen die Popmusiker und Vertreter des Neuen Geistlichen Liedes. Zum Glück scheint in diesem unproduktiven Streit ein Ende absehbar, meint Christian Fischer, Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen.

Es gibt wohl kaum eine Gesellschaftsgruppe, die sich derart leidenschaftlich und gern in Diskurse begibt wie evangelische Theologen und Mitglieder kirchlicher Gremien. Nach meinen ersten Jahren im kirchenmusikalischen Leitungsdienst und Zugehörigkeit zu diversen Gremien hatte für mich der Satzbeginn "Kirche braucht..." heiße Chancen auf die Wahl zum Unwort des Jahres. Typisch protestantisch? - Kein Wunder, dass auch beim Thema Kirchenmusik in kirchlichen Kreisen immer wieder heftig über Stilrichtungen, Gottesdienst- und Gemeindetauglichkeit oder zuletzt (Milieustudien sei Dank!) über Zielgruppen diskutiert wird. Mancher Vollblutmusiker - einfacher Arbeiter im musikalischen Weinberg des Herrn - kann darüber nur den Kopf schütteln.

Doch nicht nur kirchliche Gremien diskutieren seit Jahrzehnten über Kirchenmusik, auch die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker selber können nicht davon lassen. Da ist der Orgelprofessor, der in einem Hochschulmagazin die "schleichende Trivialisierung" der Kirchenmusik kritisch sieht. Dort ist der Popchorleiter, der die vierstelligen Teilnehmerzahlen seines Gospeltages gerne den überschaubaren Besucherzahlen von Orgelkonzerten gegenüberstellt. Wie wurde seinerzeit doch der "Schlager-Pfarrer" Günter Hegele schräg angesehen, als Anfang der Sechzigerjahre bei dem von ihm initiierten Liederwettbewerb der Akademie Tutzing das "Danke"-Lied von Martin Gotthard Schneider den ersten Preis gewann. Und wie sehr sorgen sich heute die hauptamtlichen Kirchenmusiker, dass sie die vielfach völlig überzogenen Kompetenz-Erwartungen, die von ambitionierten Kirchengemeinden auf der Suche nach "Germanys next Top-Kantor" (Günther-Martin Göttsche, 2010) oft in Stellenausschreibungen gepackt werden, selbst beim besten Willen nicht ansatzweise erfüllen können.

Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass dieser seit über fünfzig Jahren währende Richtungsstreit zwischen den Verfechtern der traditionellen Kirchenmusik (in kirchlicher Milieuforscher-Sprache: den "Konservativ-Etablierten-Traditionellen-Bürgerliche-Mitte-Anhängern") und denen der kirchlichen Popularmusik (den "Sozialökologischen-Adaptiv-Pragmatischen-Bürgerliche-Mitte-Performern") sich allmählich zu beruhigen oder zu einem pragmatischen Nebeneinander, hier und da gar Miteinander, zu entwickeln scheint. Dazu später mehr.

Als Gegensätze, an denen sich Diskurse und Polemik zur Kirchenmusik jahrelang entzündeten, lassen sich mindestens zwei Antipoden-Paare ausmachen: Zum einen das rein auf die Stilistik abzielende Ausspielen der traditionellen "klassischen" oder modern-avantgardistischen Kirchenmusik, die angeblich nur für akademisch-konservative Kreise erschließbar sei, gegen die eher jüngere Generationen und bestimmte Milieus ansprechende Popularmusik, die von manchen auch als trivial, als sich dem kommerziellen Musikmarkt anbiedernd oder schlicht als zu laut wahrgenommen wird. Ein alter Dissens, der sehr viel mit unterschiedlichen "musikalischen Sozialisationen" zu tun hat, mit reinen Hörgewohnheiten - und doch bei gesundem Menschenverstand und einem Minimum an kultureller Neugier überbrückbar wäre.

L'art pour l'art

Zum anderen gibt es die Diskussion über die Berechtigung von autonomer Kunst, die im Fall der "ernsten" Kirchenmusik gerne verdächtigt wird, mehr oder weniger bezugslose l'art pour l'art sein zu wollen, und die über die an gottesdienstlichen Ansprüchen orientierte "Verkündigungsmusik", die von manchen Musikern mitunter als "funktionalisierte Gebrauchsmusik" wegsortiert wird. Hier die autonome, vor allem ästhetischen Kriterien verpflichtete Kunst als "freies Spiel des von Gott begabten Menschen, die als Gleichnis befreiter Humanität den Schöpferwillen Gottes spiegelt", wie der Erlanger Theologe und Kirchenmusiker Peter Bubmann diese Haltung zusammenfasst: Dort die mehr affektiv, durch Sound und Rhythmus auf Gefühle wirkende Popmusik, die, womöglich missionarisch eingesetzt, junge Menschen zeitgeist- und milieu-anbiedernd bloß in die "Jesusfalle" locken möchte, und dabei doch stilistisch oft hinter den musikalischen Entwicklungen der säkularen Popmusik hinterher hinkt? Hinzu kommt an manchen Orten die uralte, unterschwellige Konkurrenz zwischen Kanzel und Orgelempore, der durch mehr Begegnungen zwischen angehenden Pfarrern und Kirchenmusikern in deren Ausbildungsphase vorgebaut werden könnte, sowie die deutlich schwächere finanzielle und personelle Ausstattung der kirchlichen Popularmusik.

Der Frust über letztgenannte strukturelle Diskrepanz, aber auch der innerkirchliche Anspruch, Gemeindeaufbau vor allem für jüngere Zielgruppen über Popmusik zu betreiben, hat besonders in finanzkräftigeren Landeskirchen und in evangelikal geprägten Regionen zur Entwicklung von gottesdienstlichen und damit kirchenmusikalischen Parallelstrukturen geführt. Längst sind aus den früheren Jazzgottesdiensten oder Andachten mit Taizé- und "Sacro-Pop"-Liedern alternative Gottesdienstformen entstanden wie Zweit-, GoSpecial-, Nachteulen-, TenSing- oder JuGo-Disco-Gottesdienste - und die entsprechende Kirchenmusik dazu, die sich unter anderem in mannigfachen Liederheften zum EG oder zum Kirchentag auslebt. Über die Jahre ist dabei eine eigene, ausdifferenzierte Szene christlicher Popmusik entstanden, die in manchen Verzweigungen ( zum Beispiel den Pop-Oratorien der "Creativen Kirche" aus Witten/NRW) gar mit moderner, fernsehkompatibler Eventkultur des kommerziellen Marktes mitzuhalten sucht, innerkirchlich aber auch Rückfragen evoziert.

Auch die EKD bemüht sich in diesem Bereich um Deutungshoheit und Akzentuierungen: In der so genannten Kulturdenkschrift "Räume der Begegnung. Religion und Kultur in evangelischer Perspektive" von 2002 formuliert sie: "Das Triviale ist einer von mehreren Wegen, um der protestantischen Verkopfung zu entkommen. Sinnlich, körperlich, dem Augenblick zugewandt - derartige Lebensäußerungen hat der Protestantismus in seiner Geschichte wenig gepflegt."

In denselben Jahren unterstützt die EKD die Website www.gott-in-die-charts.de, die sich "an die jugendliche Viva-Generation des neuen Jahrtausends" richten soll, und finanziert zwei christlichen Popgruppen den Auftritt im Eurovisions-Wettbewerb. Durch den hohen Stellenwert der Milieu-Studien sind in vielen Landeskirchen inzwischen strukturelle Aktivitäten zu beobachten: Stellen für Popularmusikbeauftragte oder "Pop-Kantoren" werden eingerichtet, im Ausbildungsbereich für die nebenamtlichen Kirchenmusiker spezielle C-Pop-Kurse, für die angehenden hauptamtlichen an den Musikhochschulen seit geraumer Zeit Popularmusik-Unterricht. Tendenz steigend.

Ab in den Ruhestand

Dass viele nebenamtliche Kirchenmusiker, aber auch eine sich nach und nach in den Ruhestand verabschiedende Generation hauptamtlicher Kirchenmusiker die kirchliche Popularmusik weiterhin allenfalls mit dem "Sacro-Pop" des 20. Jahrhunderts, mit schlecht ausgesteuerten Konfi-Bands - wieviel macht doch in einer Kirche, für Musik wie auch Liturgie, eine erstklassige Mikro- und Tonanlage aus! - mit mitunter auswechselbaren Kirchentags-"Schlagern" oder Gospelsongs wie "O Happy Day" assoziieren, muss wahrscheinlich noch eine Weile ertragen werden. Wer sich genauer umsieht, kann mittlerweile eine Fülle kirchlicher oder zumindest kirchennaher Singersongwriter entdecken: Sarah Brendel, Johannes Falk, Samuel Harfst, Natasha & Andreas Hausammann oder Sarah Kaiser - um nur einige zu nennen. Ferner leisten viele der kirchlichen Popmusiker zusätzlich erfolgreiche Arbeit in der Ausbildung und als Multiplikatoren - zum Beispiel Christoph Georgii, Peter Hamburger, Matthias Nagel, Hans-Martin Sauter, Wolfgang Teichmann oder auf katholischer Seite Thomas Gabriel.

Dass der Jazz wieder mehr in die Kirchen kommt, dafür sorgen Musiker wie der Berliner Saxophonist Uwe Steinmetz mit seinen Initiativen. Auch unter den hauptamtlichen Kirchenmusikern findet man immer mehr, die sich als musikalische "Allrounder" verstehen, die sowohl Orgel- als auch Banderfahrung haben, die die neusten Gospels aus den USA oder Skandinavien kennen oder die CDs von Quincy Jones, Kirk Franklin oder Xavier Naidoo tatsächlich als Arbeitsmaterial begreifen.

Bei den Ausbildungsstätten für hauptamtliche Kirchenmusiker ziehen nun vor allem die kirchlichen Musikhochschulen nach: Die Herforder Hochschule bereitet derzeit einen Bachelor-Studiengang für kirchliche Popmusiker vor (mit 80 Prozent Popmusik-Anteil), die Tübinger Hochschule hat bereits seit 2012 einen Kirchenmusik-Bachelor mit Pop-Profil im Angebot (etwa 25 Prozent Pop-Anteil) und wird ab Herbst 2015 mit einem (orgelfreien) Master-Studiengang Kirchliche Popularmusik starten. Natürlich schauen gestandene Pop-Kirchenmusiker mitunter etwas zweifelnd auf diese Bemühungen, wohl wissend, dass echtes Rhythmusgefühl, Sicherheit in diversen Pop-Grooves oder rein auditive Arbeit im Gospelchor sich nicht so nebenbei lernen lassen, sondern eigentlich einer umfassenden Beschäftigung und jahrelanger Praxis bedürfen - immer noch ein Knackpunkt in der Diskussion von Ausbildungsfragen.

Im Herbst 2014 hat in Tübingen ein viertägiger Kongress zu "Popularmusik und Kirche" den vertieften Dialog zwischen den traditionellen und Pop-Kirchenmusikern und zwischen weltlichen und kirchlichen Popularmusikern in den Blick genommen. Laufen doch letztere oft Gefahr, eigene, von aktuellen Entwicklungen abgeschottete "musikalische Biotope" herauszubilden.

Zudem ist erfreulich, dass sich in der Fachliteratur der vergangenen Jahre vermehrt profunde theologisch-musikalische Diskurse finden lassen - angestoßen von musik-affinen (oder selber musizierenden) Theologen wie Peter Bubmann (Erlangen), Harald Schroeter-Wittke (Paderborn) oder Christoph Krummacher (Leipzig) - die sich mit religiösen, ästhetischen oder praktisch-theologischen Dimensionen popularer Kirchenmusik beschäftigen, aber auch die Frage nach den "Risiken und Nebenwirkungen" der Milieuorientierung oder des allzu unkritischen Einsatzes von Texten oder Popularmusik im Gottesdienst stellen

Keine Frage, es ist an der Zeit, bei der Diskussion um Kirchenmusik und ihrer zunehmenden stilistischen Pluralität verengende Blickrichtungen wie den auf die pure Stilistik oder die Verkündigungs- oder Milieutauglichkeit von Musik fallen zu lassen und ebenso das Schielen auf bloße Quantitäten bei den Rezipienten.

Unser kirchenmusikalischer Diskurs im 21. Jahrhundert sollte sich nicht allein um musikalischen Stil und textlichen Inhalt drehen, sondern vermehrt um Fragen der Authentizität und Qualität und damit auch um die des Handwerks und der angemessenen Vermittlung der Kunst. Denn kirchliche Kunst und Kultur muss sich der nichtkirchlichen Konkurrenz stellen, sich mit dieser vernetzen und interagieren. Ist es nicht zutiefst wahr, dass Musik und Texte auch in anderen Kontexten religiöse Dimensionen und Wirksamkeiten haben und Gott erfahrbar machen können? Der Heilige Geist weht (oder klingt) eben wie er will und wird auch außerhalb von Kirche und Gottesdienst verstanden.

Informationen

Christian Fischer

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