Maß des Menschlichen

Von der Sünde reden, aber richtig
Weil unsere Gegenwart mehr und mehr bestimmt ist von abstrakten Strukturen, von anonymen Dynamiken und unpersönlichen Kräften, sind wir wie verhext von dem, was einzelne Menschen tun und lassen.

„Wir sind alle doch alle kleine Sünderlein ...“: So trällert und schunkelt es derzeit wieder über die Sender und durch die Karnevalssitzungen. „’s war immer so, ’s war immer so.“ Der bekannte Karnevalsschlager geht auf ein schlesisches Volkslied zurück. Berühmt gemacht hat es der kölsche Volksschauspieler Willy Millowitsch, der damit das Sündengedröhn, mit dem der Glaube einst die Gewissen beschwerte, kräftig ins Lächerliche zieht.

Mag sein, die Kirchen hatten das verdient. Allzu lange haben sie mit Sünde und Höllenangst Macht ausgeübt, hineinregiert in die Herzen und unter die Bettdecken. Mittlerweile ist es stumm geworden um die Sünde. Umso lauter und schriller und gnadenloser wird mit den heutigen „Sündern“ und „Sünderinnen“ ins Gericht gegangen, die je aktuell am Pranger stehen.

Obwohl – oder gerade weil – unsere Gegenwart mehr und mehr bestimmt ist von abstrakten Strukturen, von anonymen Dynamiken und unpersönlichen Kräften wie Börsenschwankungen und Computeralgorithmen, sind wir wie verhext von dem, was einzelne Menschen tun und lassen. Übermenschlich sind die Ansprüche und maßlos die Maßstäbe. Und wehe denen, die dahinter zurückbleiben.

Keine Frage: Es ist gut, wenn Verbrechen aufgedeckt werden. Und ich bin froh, in einem Land zu leben, wo auch und gerade Mächtige und Erfolgreiche öffentlich kritisiert werden dürfen. Aber mich erschreckt, wie schnell und wie vernichtend dies mitunter geschieht. Sportler und Politikerinnen können ein Lied davon singen. Und ganz „normale“ Menschen auch, wenn sie etwa durch die sozialen Netzwerke geschleift werden – mit einem Foto, das besser nie gemacht worden wäre, oder mit einem verunglückten O-Ton.

Obwohl wir angeblich doch „alle kleine Sünderlein“ sind, schwingen wir uns erstaunlich leicht zu unfehlbaren Richtern und Richterinnen über andere auf. Fast scheint es, als könnten wir vom Menschen nur noch in Helden- oder Versagerschablonen denken, ihn nur noch entweder als Halbgott oder als Monster wahrnehmen.

Dass der Mensch – wohlgemerkt jeder Mensch! – „etwas Vertracktes ist, dass er mit sich in Widerspruch geraten kann“ und in die eigenen Abgründe hineinblicken muss, darin sieht Jan Roß den heilsamen, weil zutiefst humanen und zivilisierenden Sinn der alten Rede von der Sünde. Und das, obwohl der Zeit-Journalist die kirchliche Tradition durchaus kritisch betrachtet.

Die Rede von der Sünde verharmlost nichts. Aber sie ist weise genug zu wissen, dass man – wie Roß schreibt – „nicht überall glatt mit reiner Seele durchkommt“. Sie schützt vor Selbstgerechtigkeit, und sie überlässt das letzte Urteil einer Instanz, die nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig ist. Darin klingt nicht zuletzt die Ahnung, dass ein Mensch nie in seinem Sündersein aufgeht. Davon wusste schon die schlesische Vorform des kölschen Klassikers zu singen. In aller Frechheit hat sie einen theologisch präzisen Reim auf das Sündersein: „Du, Gott, machst ja alles gleiche und führst uns in dein Himmelreiche, denn wir sind ja deine Kinderlein, ’s war immer so, ’s war immer so ...“.

Annette Kurschus

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