Bewegung

Neue Prosatexte

Theologie redet über Gott, und Theologinnen und Theologen hoffen, dass Gott dabei selbst zur Sprache kommt. Christian Lehnert hält sich mit seinem neuen Buch, in dem diesmal keine Gedichte, sondern kurze Prosatexte versammelt sind, nicht bei hermeneutischen Erörterungen über Gott als Sprachereignis auf und bewegt sich doch mit seiner lyrischen Prosa ständig darin. Die gelegentlichen Anspielungen auf Ludwig Wittgenstein wie auf Martin Heidegger wirken dabei nicht wie ein theoretischer Eintrag, sondern plausibel.

Mit deutlichem Abstand zur verfassten Religion und Kirche sucht der Dichter die Zwischenräume auf, in denen sich der Mensch aus den „Gehegen“ der religiösen und kulturellen Überlieferung in neue Räume bewegt, die noch nicht von bestimmten Erwartungen und vorschnellen Hoffnungen so geprägt sind, dass sich der Verdacht religiöser Kompensation prekärer Verhältnisse stets aufdrängt.

Als Wegweiser für diese Bewegung ins Offene dienen seit alters her die Engel, deren momentane kultische Hochkonjunktur sich der schon länger anbahnenden Krise in den monotheistischen Religionen verdankt. Engel sind „Sehhilfen“ und „Bewegungsformen“, als solche aber auch „Verunreinigungen“ des „einzigen Gottes“.

Ohne mit einer bemühten Definition dessen, was Engel sein können, den poetischen Charakter seiner Texte aufs Spiel zu setzen, folgt Christian Lehnert den Gesten, mit denen die transzendenten Wesen in das Offene weisen. Wie schon in seinen vorausgegangenen Büchern bezieht er sich auch hier immer wieder auf den Mystiker Jakob Böhme.

Das Offene als Ziel des Aufbruchs ist, wie es der Buchtitel Ins Innere hinaus schon angibt, das Innere. Das aber meint keinen planerisch bereits erschlossenen psychischen Bereich, der nunmehr auch eingenommen werden müsste. Vielmehr ist dieses Innere vor Fremdbestimmungen zu schützen und auch von der Selbstreflexion nicht einzuholen. Es setzt der Subjektivität des Menschen eine Grenze.

Bei solcher Betonung des Inneren liegt der Gedanke an die Esoterik nahe, mit der Lehnert ein entspanntes Verhältnis pflegen kann, solange auch sie sich ihrer Vorläufigkeit bewusst bleibt.

Doch hält sich der ehemalige Bausoldat in der DDR und spätere Pfarrer Christian Lehnert bei seinem Schreiben auch kein vorrationales trügerisches Menschenbild zugute, sondern bezieht sich als gewissenhafter Theologe auf Martin Luther, der in seiner Genesisvorlesung 1536 vom Menschen als einem vernünftigen und dichterischen Wesen spricht. Er sieht in Luther den noch spätmittelalterlichen Menschen, dessen Wahrnehmen und Denken, ja dessen Sprechen und Handeln sich nicht in der Trennschärfe bewegt, in der kein Übergang vom Diesseits zum Jenseits mehr möglich scheint. So weicht Lehnert von der Linie ab, mit der sich unter dem Stichwort „Entzauberung“ die neuzeitliche Wissenschaft vom Mittelalter trennen möchte.

Seine Texte beschreiben das Abheben des Menschen vom dem, der er wirklich ist, auf den hin, der er sein könnte. Der Mensch existiert in der Transzendenz und kann als überschreitendes Wesen auch in der Weggenossenschaft mit Engeln leben. Sie sind „fingierte Verkörperungen, Hypostasen seiner Freiheit“. So existieren in der Relation Gott-Mensch der Schöpfer und die schöpferische Kreatur zusammen. „Jeder Glaubende dichtet und bildet sich seinen Gott, seine Gottesvorstellung.“ Zum Glauben gehört die Poesie. Lehnerts Miniaturen sind teilweise gebunden durch Erzählzusammenhänge, grundsätzlich aber verbunden durch eine verstörende literarische Gestaltung. Sämtliche Texte wirken auf die Leserschaft so, als lägen ihnen Anfang und Ende schon voraus. Sie sind ein rhapsodisches Einschwingen in den „Gesang der Engel“, passagere Verbindungen der himmlischen mit der irdischen Welt. Ist solches Einstimmen denn noch in der Kirche, dieser so obsolet wirkenden Lebensform möglich?

Bei aller Distanz hält Christian Lehnert ihr doch die Treue, wenn er schreibt: „Die größte Gabe der Kirche ist, dass man in ihr gemeinsam schweigen kann. In der Stille wird das Wort beglaubigt.“

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