Es gibt kein Zurück

Bundeswehr vor dem Abzug
Im Überflug Kabuls: Direkt an den Bergen des Hindukusch liegt die Hauptstadt Afghanistans.
Foto: Roger Töpelmann
Im Überflug Kabuls: Direkt an den Bergen des Hindukusch liegt die Hauptstadt Afghanistans.

Mit dem Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan endet nun der verlustreichste Einsatz ihrer Geschichte. 59 deutsche Soldaten ließen ihr Leben, 35 fielen in Gefechten oder bei Anschlägen. Aber ist das die ganze Geschichte? Roger Töpelmann, früher Sprecher des Evangelischen Militärbischofs, zieht eine Bilanz.

Der weiße Helikopter steht noch auf dem Flugfeld in Masar. Alles sieht ganz friedlich aus. Der Hubschrauber Mi 44 aus russischen Beständen soll die drei Gäste der Militärseelsorge von der nördlich im Land gelegenen Stadt ins südlich gelegene Kabul bringen. Für alle Fälle sind Schutzweste, Helm und Gehörschutz ausgegeben worden. Hauptmann Manfred B. und die Anderen des „Close Protection Team“ tragen Waffen.

Für einen Moment geht einem der Gedanke durch den Kopf, das könnte hier doch gefährlich sein. Aber schon rennen alle zum Drehflügler, hinein auf die einfachen Bänke für die Passagiere. Anschnallen und schon hebt das Fluggerät ab.

Es sind karge Gebirgszüge, auf die man hier zufliegt. Bis zu fünftausend Meter hoch. Da wird die Luft auch für die Passagiere dünn. Absolut zuverlässig seien die Maschinen, hat ein Soldat bei der Einweisung am Boden gesagt, und hier oben muss man sich beim fast dreistündigen Flug ganz auf eine solche Aussage verlassen. Die Gipfel sind mit Schnee bedeckt. Kabul liegt tief in einem Talkessel und soll geschätzte sechs Millionen Einwohner haben. Überall sind aus der Luft Neubauten zu sehen, Hochhäuser teils. Und dann setzt der Pilot zur Landung auf einem Flugfeld mitten in der Stadt an. Mauern ringsum. Das NATO-Hauptquartier Resolute Support.

Hier sind für den Militärbischof und seine Begleitung Gespräche angesetzt. Die deutschen Soldaten reden sehr offen über Probleme. Vor allem klappt es nicht immer gut, wenn Kameraden nach Hause fliegen wollen. Tagelanges Warten, verzögerte Heimkehr belasten die wartenden Familien. Von den Unzulänglichkeiten der Transporte hören auch die deutschen Militärgeistlichen immer wieder – momentan ist das in Kabul der evangelische Pfarrer Gunther Nagel. Seine Gottesdienste sind gut besucht, und die Soldaten schätzen ihn als unabhängigen Gesprächspartner. Niemand will die Geistlichen hier missen, und das gemeinsame Zeugnis der evangelischen und der katholischen Kirche funktioniert hier reibungslos.

Bleiben oder Gehen? Die Frage der vergangenen Jahre ist beantwortet: Gehen. Es scheint, als habe Margot Käßmann mit ihrer Predigt im Neujahrsgottesdienst 2010 in der Dresdner Frauenkirche Recht behalten, mit ihrem „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Doch ließe sich nicht auch so denken: Die Anwesenheit alliierter Truppen in Deutschland dauerte fast fünfzig Jahre lang. Was wäre aus Deutschland ohne militärische Präsenz geworden? Damals fürchteten Politiker, russische Truppen könnten bis an den Rhein gelangen. Am Brandenburger Tor waren sie ja schon. Ist das vergleichbar?

Ein deutscher Generalleutnant sagt den drei Besuchern in Kabul: „Es braucht viel Zeit, dieses Land und seine Kultur zu verstehen, doch wir wären schlecht beraten, wenn wir jetzt weggingen. Es geht darum, die Reformkräfte im Land zu stärken.“ Doch schon damals zeigt sich die Sicherheitslage eher labil: Die Bundeswehr bewegte sich im Großraum Kabul nur in stark geschützten Fahrzeugen. Deutsche Soldaten genössen zwar ein hohes Ansehen unter den Afghanen, dennoch seien sie vor Anschlägen nie ganz sicher, hörte man von den Soldatinnen und Soldaten.

Die internationalen Anstrengungen zur Befriedung des Landes, das keine Meeresküste hat, waren enorm: Fast zwanzig Jahre lang – seit Ende 2001 – versuchten fremde Truppen, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Eine Reaktion auf den 11. September 2001. Bis 2014 mit dem ISAF-Einsatz (International Security
Assistance Force)
, dann mit der Mission Resolute Support. Hunderttausend Zivilisten wurden seitdem getötet. Unter den NATO-Truppen mit zehntausend Soldaten stellt die Bundeswehr bis zu 1 300.

Mit dem Abzug der Bundeswehr steht nun der verlustreichste Einsatz ihrer Geschichte vor dem Ende. 59 deutsche Soldaten ließen in Afghanistan ihr Leben, 35 fielen in Gefechten oder wurden bei Anschlägen getötet. Das Wort „Gefallene“ wagten deutsche Politiker zuerst gar nicht auszusprechen. Von den 180 000 Bundeswehrsoldaten wurden über die Jahre hunderttausend in den Afghanistan-Einsatz geschickt. Die Militärseelsorge beider Kirchen, gibt Militärdekan Bodo Winkler im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr an, begleitete die Soldatinnen und Soldaten mit insgesamt 150 Militärgeistlichen. Eine Anstrengung, die niemand in Frage stellt.

Der vormalige evangelische Militärbischof Sigurd Rink zeigte beim Besuch der deutschen Soldaten und Soldatinnen 2018 in Masar-e Sharif und Kabul noch volle Zuversicht. In einer Predigt vor Soldaten im Camp Hamid Karzai International Airport (HKIA) sprach er damals vom Geist der Aussöhnung mitten in den Dornen dieses Landes. „Unser Beitrag kann nur begrenzt sein, den Weg der Aussöhnung können wir den Menschen in diesem Land nicht abnehmen, sie müssen ihn selber gehen.“

Der Vertreter des Generalkonsuls in Masar-e Sharif, Johannes Rumpff (Deputy Consul General) schätzte die Chancen Afghanistans ebenso optimistisch ein: Vieles sei noch nicht im eigentlichen Sinne „gut“, aber es sei eben doch deutlich besser als vor 15 Jahren. Es sei zwar so, dass etwa nur ein Drittel der Mädchen eine Schule besuchen würde, aber Anfang des Jahrtausends seien es null Prozent gewesen. Es gebe Dorfälteste, die auch in von Taliban beherrschten Regionen sagten: „Schickt Eure Mädchen in die Schule.“ Fortschritte gebe es überall im Land, wenn auch auf niedrigem Niveau. Bei einem Treffen hätten ihm junge Afghanen versichert: „Wir haben die Hoffnung noch nicht verloren“, schilderte Rumpff seinen Gästen im Camp Marmal (TAA Command North).

Und die Militärseelsorge, die nun auch zu Ende geht? Ein Mann der ersten Stunde ist Monsignore Joachim Simon. Schon Anfang 2002 flog er mit der Niederländischen Luftwaffe als erster katholischer Militärgeistlicher nach Bagram, dann Transport nach Kabul. Hier sei er mit dem evangelischen Militärpfarrer Jürgen Walter und drei Soldaten im Stabsgebäude erst einmal provisorisch untergebracht worden. Doch feierte er schon tags darauf einen ersten katholischen Wortgottesdienst mit anschließendem evangelischen Abendmahl, wie es in seinem Einsatzbericht Nr. 1 heißt: Zum freudigen Anlass des ersten deutschen Feldgottesdienstes im ISAF-Einsatz habe ein Brigadegeneral das strikte Alkoholverbot aufgehoben und den Pfarrern gestattet, zu einem „Beer-call“ einzuladen.

Relative Sicherheit

Zur Stimmungslage der Bundeswehr in Afghanistan merkte der heute Leitende Militärdekan an: „Die erheblichen Belas­tungen gehen an den meisten Soldaten nicht spurlos vorbei: Körperpflege findet sehr improvisiert im Freien bei Minusgraden statt … es existiert fast kein Mobiliar. Jeder Stuhl ist eine Rarität … Trotzdem kann man bei vielen Soldaten auch einen gewissen Stolz spüren, dass sie bei diesem Eliteeinsatz beteiligt sind.“ Heute urteilt er: „Die Taliban waren damals gestürzt. Wir sollten die Regierungssitze schützen.“

Aber dennoch meint der Militärdekan, es sei viel erreicht worden: eine relative Sicherheit, die Möglichkeit für junge Menschen, Schulen zu besuchen und zu studieren. „Das hat dem Land gutgetan.“ Mittlerweile hätten sich die Machtverhältnisse verschoben. Fünfzig, möglicherweise achtzig Prozent des Landes befänden sich unter dem Einfluss der Taliban. Der Einsatz sei nun obsolet und müsse beendet werden. „Dieser Krieg ist nicht mehr zu gewinnen“, zeigt er sich sicher. Einen Bedarf an Seelsorge habe es über alle Jahre gegeben, teils seien an einem Einsatzort mehrere Seelsorger tätig gewesen. Auch während des aktuellen Abzuges der Truppe gelte: „Wir bleiben, solange die Soldaten da sind.“

Nach Überzeugung des jetzigen evangelischen Militärbischofs Bernhard Felmberg trägt die internationale Gemeinschaft auch nach der Entscheidung für den Truppenabzug aus Afghanistan Verantwortung für das Land. Zudem, es dürften auch diejenigen nicht aus den Augen verloren werden, die bis heute durch ihren Einsatz an Leib und Seele verletzt seien. „Ihr Leid endet nicht mit dem Einsatz“, bekräftigte Felmberg. „Wir betreuen auch weiterhin die Hinterbliebenen von Gefallenen wie auch diejenigen, die an Leib und Seele im Einsatz verletzt wurden. Wir wissen, welche Last die Menschen zu tragen hatten und haben“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst.

„Eine höchst fragile Situation – eine militärische Lösung gab und gibt es nicht“, beurteilt der EKD-Friedensbeauftragte Renke Brahms die Lage heute. Der demnächst nach 13 Jahren aus dem Amt scheidende Experte plädiert für eine kritische und unabhängige Auswertung des gesamten Einsatzes, an der auch die Zivilgesellschaft und Afghaninnen und Afghanen beteiligt sind. Der Auftrag dazu sollte aus dem Parlament kommen, um durch die Politik weitere Aufbaumaßnahmen in die Wege zu leiten. Die Kernfrage bleibe, ob eine stabile Lage im Land durch die Afghanen selbst gewährleistet werden könne.

Hohes Tempo

So lässt sich eine positive Antwort auf den langen Afghanistan-Einsatz nicht leicht finden. Aber es liegt nicht fern, so zu denken: Der im April verstorbene katholische Theologe Hans Küng hat mit seinem Buch Weltethos schon vor dreißig Jahren für eine Ethik der Weltverantwortung geworben, die er schon beim Soziologen Max Weber angelegt sah. Die Weltgesellschaft regelt ihre Zukunft mit einem Dreischritt: der Verantwortung für Mitwelt, Umwelt und Nachwelt, so der Tübinger Gelehrte, dem der Vatikan 1979 die Lehrerlaubnis entzogen hatte. Für Afghanistan muss mit solcher Verantwortungsethik gelten: Die internationale Gemeinschaft überlässt das Land nicht sich selbst – und einem ungewissen Schicksal.

Auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer betonte jüngst: „Afghanistan braucht dringend Perspektiven und den gesellschaftlichen Ausgleich zwischen verfeindeten Gruppen. Unsere Soldatinnen und Soldaten können diese Prozesse nicht ersetzen. Die Männer und Frauen der Bundeswehr leisten aber gemeinsam mit Verbündeten insbesondere im Norden des Landes einen wichtigen Beitrag.“ Die Ministerin ergänzt: „Mit unserem militärischen Engagement in den zurückliegenden fast zwanzig Jahren haben wir wichtige Voraussetzungen geschaffen: Die Bildungsangebote sind, insbesondere für Mädchen und Frauen, deutlich gestiegen. Die Mehrheit der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Jugend nutzt die elektronische Vernetzung. Die Mehrheit der Afghaninnen und Afghanen wird diese Fortschritte nicht missen wollen.“

Und wie immer der Machtanteil der Taliban künftig aussieht – jetzt hat die Ministerin den Abzug bis zum 4. Juli mit hohem Tempo angestoßen. Ein Zurück gibt es nicht.

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Roger Töpelmann

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer i.R. Er war bis 2020 u.a. Pressesprecher des Evangelischen Militärbischofs in Berlin.


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