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Warum sich die Theologie in gesellschaftliche Debatten selbstbewusst einmischen sollte

Vor kurzem saß ich in einer Runde mit Menschen aus der Politik und der Wirtschaft, die zwar alle neugierig auf Wissenschaft sind, aber keine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (mehr). Und eine Frau aus dieser Runde (Ministerin eines süddeutschen Landes) sagte, dass sie in den vergangenen Monaten der Pandemie die Stimme der Geistes- und Sozialwissenschaften schmerzlich vermisst habe. Kaum dass sie geendet hatte, stimmten ihr andere in der Runde explizit zu, schon vorher begleiteten zustimmende Gesten das Votum.

Immer wenn ich in den vergangenen Monaten solche Sätze gehört habe, setzte quasi reflexartig der Widerspruch ein. „Stimmt doch gar nicht, es gab doch diesen Artikel und jenes Video …“, so beginne ich dann auch selbst reflexartig, sei es, in dem ich laut los rede oder still vor mich hin denke. Und ich beobachte mich selbst, wie ich Kopf zusammensuche, was alles zu hören war von Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern. Kommt Einiges zusammen. Aber es gibt auch die genau gegenteilige Reaktion bei mir. Den Modus der Klage und Selbstanklage. Wo waren diese Wissenschaften denn, als im April 2020 nur virologische und epidemiologische Rationalitäten die Debatte bestimmten, Familien mit schulpflichtigen Kindern nur als Ansteckungsproblem im öffentlichen Raum thematisiert wurden, viele Schulen hilflos mit digitalen Angeboten experimentierten und alle Kindergärten erst einmal dicht gemacht wurden? Wenn ich ganz ehrlich bin, hängt es auch ein Stück von meiner Stimmung ab, ob ich mich trotzig verteidige oder etwas bekümmert selbst anklage, nicht früher und nicht lauter auf die Bedeutung meiner eigenen Disziplin hingewiesen zu haben. Denn was im Allgemeinen für die Geistes- und Sozialwissenschaften gilt, trifft natürlich auch auf die Theologie zu. Darüber ist oft geschrieben und gesprochen werden, es reicht also der verkürzte Hinweis auf die Debatten zum angeblichen oder realen Schweigen von Theologie und Kirche.

Ethische Kompetenz gefragt

Geht es aber wirklich nur um die Monate der Pandemie? Reden wir über Beobachtungen, die nur auf die Zeit seit März 2020 zutreffen? Ich glaube nicht, dass es sich nur um ein Problem des vergangenen Jahres handelt und die verständliche Konzentration auf den medizinischen Umgang mit einer Seuche, die die gesamte Weltbevölkerung bedroht. Ein einziges Beispiel anstelle von vielen: An diesem Freitagmorgen veröffentlichten vierundzwanzig Organisationen aus Wissenschaft und Wirtschaft einen Apell „Wissenschafts- und Innovationssystem: die nächste Ausbaustufe zünden“ (20211014_positionspapier_legislaturperiode.pdf (dfg.de)). In dem Papier, das ausgehend von der Erfolgsgeschichte der Entwicklung des BioNTech-Impfstoffs gegen SARS-CoV 2 für die neue Legislaturperiode raketenartige Beschleunigung der Innovationsfähigkeit im Wissenschaftssystem fordert, werden an einer einzigen Stelle und das auch eher indirekt Geistes- und Sozialwissenschaften erwähnt: „Bei all dem gilt: Wissenschaft ist nicht denkbar ohne ethische Leitprinzipien und ohne Freiheit. Wissenschaftsfreiheit ist ein nicht verhandelbarer Grundwert Europas“. Während aber alle anderen Forderungen im Papier mit konkreten Maßnahmen hinterlegt sind (es wird – sinnvollerweise – beispielsweise ein im Kanzleramt angesiedeltes „Innovationskabinett“ gefordert), wird an keiner Stelle gesagt, wie man von den ethischen Leitprinzipien zu konkreten Einzelentscheidungen kommt. Es wird auch nirgendwo diskutiert, ob Wissenschaftsfreiheit auch hierzulande bedroht ist und wie man sie dann am besten verteidigt. Vor allem aber wird nicht gesagt, ob man vielleicht doch mehr ethische Kompetenz in der Gesellschaft braucht, mehr Konsens über ethische Leitprinzipien oder hier kein raketenartiger Aufbruch notwendig wird, weil alles schon Spitze ist.

Mir jedenfalls scheint, dass wir vielleicht keinen raketenartigen Aufbruch, aber doch mehr ethische Kompetenz und deren Vermittlung wie Kommunikation in die breite Öffentlichkeit brauchen. Wie man aber im vergangenen Jahr am Problem des assistierten Suizids oder der Frage, wer warum ein Beatmungsgerät bekommt, wenn nicht genug für alle da sind, sehen konnte – es ist nicht ganz einfach, bei sehr komplexen Fragen von Leitprinzipien zu einer konkreten Entscheidung auf der Intensivstation des Klinikums in Jüterbog zu kommen. Und an dieser Stelle reicht leider auch der hervorragend arbeitende Deutsche Ethikrat nicht aus, der in der letzten Zeit manche seiner Debatten und Hearings gestreamt hat und dadurch allgemein zugänglich machte. Es braucht mehr Menschen mit ethischer Kompetenz vor Ort – also konkret: im eben erwähnten Klinikum in Jüterbog – und Vermittlung an die Menschen, die entscheiden müssen, ob ihre Oma in diesem Klinikum weiterhin an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden soll oder ob es Zeit ist, sie abzuschalten.

Erwartungsmanagement gefragt

Wenn man sich diesen großen Bedarf an Orientierung durch Geistes- und Sozialwissenschaften am Beispiel der Ethik klarmacht, dann hört sich plötzlich auch ganz anders an, was nicht nur süddeutsche Ministerinnen sagen. Alle die, die sagen, dass sie in den vergangenen Monaten der Pandemie die Stimme der Geistes- und Sozialwissenschaften schmerzlich vermisst haben, drücken damit zunächst einmal nur aus, dass sie von den Geistes- und Sozialwissenschaften noch etwas erwarten. Alle die, die beklagen, dass Theologie und Kirche nicht zu hören waren in der Pandemie, signalisieren, dass sie gern etwas hören würden von Theologie und Kirche zu einer solchen globalen Krise. Über Erwartungen sollten wir uns aber freuen und nicht reflexartig in Verteidigungsstellung gehen oder umgekehrt im Büßergewand herumlaufen. Ich weiß natürlich, dass das leichter geschrieben ist als es sich im Alltag umsetzen lässt. In einer Kritik auch die Erwartungen mit zu hören, die ja eine Form der Anerkennung sind, verlangt Gelassenheit und aufmerksames Zuhören.

Wenn also noch etwas erwartet wird, ist Erwartungsmanagement gefragt (wie man heute gern sagt). Man muss überlegen, welche Erwartungen man wie erfüllen kann und welche Erwartungen sich nicht erfüllen lassen. Vor allem Letzteres muss man ehrlich kommunizieren, damit es keine Enttäuschung gibt. Wollte die Theologie beispielsweise die Erwartung bedienen, in einer Pandemie Sinn zu entdecken, wäre sie schnell auf einem sehr gefährlichen Weg und würde enttäuschen. Pandemie als Erziehungsweise eines strafenden Gottes – diese traditionsreiche These über eine Seuche ist beispielsweise keine gelungene Sinndeutung, sondern Unsinn. Manchmal ist die Funktion einer Geisteswissenschaft wie der Theologie auch zu erklären, wofür sie nicht zuständig ist. Wenn man weiß, wofür man nicht zuständig ist, weiß man zugleich auch besser, wofür man zuständig ist. Theologie ist beispielsweise dafür zuständig, eine Antwort auf die Frage zu geben, wo eigentlich Gott in dieser Pandemie zu finden ist. Da hilft der derzeit beliebte Hinweis darauf, dass wir Gott angeblich nur als Ursache bestimmter Gefühle, Erkenntnisse und Glaubenshaltungen des Menschen thematisieren können, herzlich wenig. Denn in einer Pandemie wird nach dem Anderen meiner selbst und weniger nach mir selbst gefragt.

Besser kommunizieren

Ich möchte in Zukunft die Frage nach dem Schweigen der Geistes- und Sozialwissenschaften, nach dem Schweigen in Theologie und Kirche nicht mehr reflexhaft mit Verteidigung oder mit Selbstanklage beantworten. Ich möchte vielmehr die darin ausgedrückte Erwartung auf die Stimme dieser Wissenschaften und gesellschaftlichen Felder hören und überlegen, wie ich berechtigte Erwartungen besser erfüllen kann. Dazu muss ich überlegen, ob ich durch meine Forschung schon genügend Antworten auf Fragen der Gesellschaft produziere oder vielleicht da und dort nachjustieren muss. Vielleicht fehlt aber auch ein Stück Grundlagenreflexion. Schließlich ist der BioNTech-Impfstoffs gegen SARS-CoV 2 letztlich Ergebnis von Grundlagenforschung und nicht zuerst einer gerade virulenten Frage. Und ich muss überlegen, wie ich das, was ich geforscht habe, besser kommuniziere. So, wie jemand in der eingangs erwähnten Runde sagte, dass es auch die hören und verstehen können, die kein Abonnement der Wochenzeitung „Die Zeit“(oder von „Zeitzeichen“) haben. Mir scheint, dass wir auf diese Weise auch in Zukunft besser sicherstellen könnten, dass in Krisen wie einer Pandemie die Ethik und andere Disziplinen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht etwas hinterherlaufen, etwas weniger beachtet und alimentiert werden und erst nachträglich Gehör finden.

Man könnte aber auch viel schlichter sagen: Nicht auf alle Kritik immer so selbstbezogen reagieren, die Dinge in größere Zusammenhänge stellen und dann ebenso fröhlich wie selbstbewusst agieren.

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