Ganz anderer Ton

Die neue Ratsvorsitzende und die Öffentlichkeit
Foto: Rolf Zöllner

„Wir haben einen Ton einzutragen, den sonst niemand einträgt, und diesen Ton, den dürfen und den werden wir der Welt nicht schuldig bleiben.“ In großer Ruhe formulierte Annette Kurschus, die neu ge­wählte Vorsitzende des Rates der EKD, in ihrem ersten öffentlichen Statement diesen Satz – wenige Minuten  nachdem sie am 10. November mit großer Mehrheit von Synode und Kirchen­konferenz zur neuen Ratsvorsitzenden gewählt worden war. Zuvor hatte sie gesagt, dass die Erwartungen an Kirche „immer noch und immer neu groß“ und „mit Recht“ groß seien, denn die Kirche halte mit „der Botschaft, von der wir leben, die  Hoffnung wach“. Und „Hoffnung sei „ein rares Gut geworden in einer Welt, die aus so vielen Wunden blutet und deren Verletzlichkeit ihr selbst gerade in so nie geahnter Weise bewusst wird“. Die Kirche habe also einen „großen und kostbaren Auftrag in der Welt“, den sonst „so niemand hat“.

Das klang anders. Ganz anders als in der Vergangenheit zuweilen ihr Vorgänger, der bayerische Landes­bischof Heinrich Bedford-Strohm. Kein Staccato nirgends,  sondern zuerst das Zentrum, das, wozu die Kirche da ist. Damit knüpfte Kurschus an das an, was in den ältesten protestantischen Bekenntnissen zentral ist. So  heißt es in der lutherischen Confessio Augustana im siebten Artikel „Von der Kirche“, sie sei die „Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente (…) gereicht werden“. Das genüge „zur wahren Einheit der christlichen Kirche“.

Und im Heidelberger Katechismus, dem zentralen reformierten Bekenntnis, heißt es gleich in der Antwort auf die erste Frage, was denn der „einzige Trost im  Leben und Sterben sei“, so: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mein eigen, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin (…).“

Annette Kurschus hat durch die ersten Äußerungen nach ihrer Wahl deutlich gemacht, dass ihr dieses geistliche Zentrum der Kirche und des Glaubens und die theologisch-geistliche Rede davon auch in der öffentlichen Kommunikation wichtig sind. Es ist also damit zu rechnen, dass sie stets um ein solches Profil bemüht sein wird und davon ausgehend dann zu politischen Themen Anstöße und Forderungen formuliert.

Dieser neue Stil könnte den Vorteil haben, dass die neue Ratsvorsitzende gegenüber konservativeren Kirchenmitgliedern und Bevölkerungs­schichten weniger polarisierend wirkt als ihr Vorgänger. Erste Äußerungen konservativerer Stimmen weisen darauf hin. Wobei Kurschus zum Beispiel in der Sozial- und  Migrationspolitik im Prinzip ganz ähnliche Positionen wie Bedford-Strohm vertritt und sich durchaus bereit zeigte, dass EKD-Rettungsschiff im Mittelmeer zu besuchen.

In einer Sache war die Neue jedoch ganz klar: Die Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt in den Landeskirchen der EKD soll „Chefinnen­sache“ sein. Und an raschen Fortschritten auf diesem schwierigen Feld wird eine kritische Öffentlichkeit, für die diese Aufarbeitung zurzeit die entscheidende Sache ist, mit der Kirche steht und fällt, die EKD und ihre neue Vorsitzende in erster Linie messen. 

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