Nüchtern

Turbulente Geschichte

Für die protestantischen Kirchen in Deutschland brach im November 1918 eine Welt zusammen. Noch am 27. Oktober hatte der Königliche Hof- und Domprediger Bruno Doehring in Berlin erklärt: „Das Königtum in Preußen ist uns Evangelischen tausendmal mehr als eine politische Frage, es ist uns Glaubensfrage.“ Zwei Wochen später hatte der Kaiser abgedankt und war ins Exil nach Holland gegangen; die Kirche stand unverhofft und ganz unvorbereitet ohne Kopf, ohne ihren Summus Episcopus da. Eine Jahrhunderte währende Symbiose von Thron und Altar war zu Ende.

In einer luziden rechtshistorischen Betrachtung hat der Würzburger Emeritus für Rechtsphilosophie und Staatsrecht Horst Dreier die damaligen Ereignisse in Erinnerung gerufen und am Beispiel Preußens und Württembergs gezeigt, wie dieses die Kirchen zutiefst verstörende Geschehen deren Haltung gegenüber dem neuen Staat, der Weimarer Republik, beeinflusst hat. In der Weimarer Verfassung vom 14. August 1919 hieß es in Artikel 137, Absatz 1 lapidar: „Es besteht keine Staatskirche“. Deutlicher konnte nicht ausgedrückt werden, dass das alte landesherrliche Kirchenregiment endgültig der Vergangenheit angehörte. Das Entsetzen war vor allem auf Seiten Preußens; hier war die enge Bindung zwischen Herrscher und Kirche am stärksten. Das war eigentlich seit der Reformation so, und sie überstand auch die zeitweiligen Differenzen zwischen Reformierten und Lutheranern. Besonders ausgeprägt war die uneingeschränkte Macht des Königs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dreier zeigt anschaulich, wie die Kirche langsam erst aus der unmittelbaren staatlichen Aufsicht herauskam, um dann, gipfelnd in der berühmten Generalsynode von 1876, eine größere Selbstverwaltung zu erreichen. Damit war ein „kirchlicher Konstitutionalismus“ erreicht, über den dann aber die Kirchen auch nicht mehr hinauswollten.

Trotz der schon düsteren Lage für das Reich im Oktober 1918 brach die Novemberrevolution für die meisten Menschen ganz unerwartet aus. Ausdrücke wie „Erdbeben“ oder „Zeitenwende“ kennzeichnen das Gefühl, dass etwas ganz Neues, bedrohlich Neues hereinbrechen werde. Die Kirchen sahen sich unverhofft allen staatlichen Schutzes beraubt. Umso mehr mussten sie sich bedroht fühlen, als mit SPD und USPD zwei dezidiert kirchenferne Parteien ans Ruder kamen. Als in der ersten republikanischen Regierung Preußens mit dem USPD-Politiker Adolph Hoffmann ein ausgesprochener Kirchengegner eintrat, der schon zum April 1919 alle staatlichen Zuwendungen an die Kirchen streichen wollte, machte sich Panik breit.

So weit kam es dann nicht; die Republik billigte den Kirchen weiterhin den Körperschaftsstatus zu, ebenfalls das Besteuerungsrecht, verpflichtete sich zum Religionsunterricht an den Schulen und trug die Besoldung der Pfarrerschaft. Gleichwohl blieb durch all die Jahre eine unüberbrückbare Distanz; die Sehnsucht nach der früheren Zeit, so sagt es Dreier, war in Kirchenkreisen Preußens fast übermächtig.

In Württemberg, so schreibt Dreier mit spürbarer Sympathie, „verlief doch alles ganz wohlgeordnet“. Als man im November das drohende Gewitter spürte, wurde in einer Blitzaktion zwischen Kirche und Krone ein Gesetz formuliert, das die Kirche auf eigene Beine stellte: „Lange Tradition, weitsichtige Vorsorge und geistesgegenwärtiges Handeln gingen eine glückliche Koinzidenz ein.“

Das schmale Buch fasst ein für die Kirchen fundamentales Ereignis in nüchterne juristische Diktion. Als Leser ertappt man sich bei dem Wunsch, der Autor hätte doch noch etwas mehr das dramatische Geschehen vom November 1918 und die tiefe Verstörung, ja die Angst und die Unsicherheit in den Kirchen deutlich gemacht. Denn das Trauma hielt all die Jahre der Weimarer Republik an und hatte die verhängnisvolle Folge, dass nicht nur in Preußen, dem größten Bundesland des Reiches, die Kirchen immer mehr nach rechts tendierten.

Dem Band ist ein umfangreicher Dokumentenanhang beigefügt, der das historische Geschehen noch einmal in nüchternem Verfassungsdeutsch zeigt.

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