Ein unverzeihliches Vergehen

Kardinal Marx schließt Rücktritt nach Missbrauchsgutachen nicht aus, aber bleibt erst einmal Erzbischof von München.
Reinhard Marx im Sommer 2021
Foto: epd
Kardinal Reinhard Marx im Sommer 2021

Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx beurteilt sein Verhalten gegenüber den Opfern sexualisierter Gewalt nach dem neuen Missbrauchsgutachten in seinem Erzbistum als „unverzeihlich“. Einen Rücktritt schließt er nicht aus, will aber zunächst als „synodaler Bischof“ so lange im Amt bleiben, wie er für den Reformprozess in der katholischen Kirche hilfreich und kein Hindernis sei. Zum früheren Erzbischof von München und ehemaligen Papst Benedikt XVI. äußert sich Marx nur sehr vorsichtig.

Ein erneuter Rücktritt wäre möglich gewesen – aber noch geht Kardinal Reinhard Marx diesen Schritt nicht. Noch nicht. Der Erzbischof von München hat in einer mit Spannung erwarteten Pressekonferenz in der Katholischen Akademie von München am Donnerstagmittag eine erste Wertung des Missbrauchsgutachten in seinem Erzbistum für die vergangenen Jahrzehnte gegeben. Es war ein Gutachten, das Mitte vergangener Woche veröffentlicht worden war und dessen knapp 1.900 Seiten er nun gründlich gelesen und bewertet hat, wie der Oberhirte von der Isar betont. Das Hauptergebnis dieser Lektüre: Marx, der sich als „synodaler Bischof“ beschrieb, unterstrich, er „klebe nicht am Amt“, trete aber erst dann zurück, wenn dies von den Gremien und der Basis so gefordert werden sollte. „Ich bin bereit dazu“, sagte er, er hätte aber in der jetzigen Situation einen Rücktritt von seiner Seite aus „eher als ein Sich-aus-dem-Staub-Machen“ verstanden.

Am Donnerstag vergangener Woche hatte die Münchner Rechtsanwaltskanzlei „Westpfahl Spilker Wastl (WSW)“ ein unabhängiges Gutachten zur sexualisierten Gewalt im Erzbistum von 1945 bis 2019 vorgestellt. Dabei wurde festgestellt, es habe über Jahrzehnte eine „vollständige Nichtwahrnehmung der Opfer“ im Erzbistum gegeben. Im Erzbistum wurden für die untersuchten Jahrzehnten bei sehr schlechter Aktenlage knapp 500 Opfer ermittelt. Von den seit 1945 überführten pädokriminellen Priestern sind 40 weiter in der Seelsorge eingesetzt worden, 18 sogar noch, als es bereits eine staatliche Verurteilung gegeben hat.

Marx selbst wurden zwar nur zwei Fehlverhalten vorgeworfen. Im Gutachten aber wird mit klaren Worten kritisiert, er habe seine Aufgabe vor allem in der Verkündigung gesehen und die Opfer sexualisierter Gewalt nicht als „Chefsache“. Der Kardinal habe über viele Jahre wenig Interesse an dem Schicksal der Opfer gehabt und diese Fälle stets möglichst wegdelegiert. Die Anwaltskanzlei hatte in 42 Fällen ihre Unterlagen schon im Sommer vergangenen Jahres an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Es geht um Vorgänge, die noch lebende „Verantwortungsträger“ betreffen, wie die Anwälte erklärten. Im Raum stehen demnach in den 42 Fällen Delikte wie Beihilfe zum sexuellen Missbrauch oder Strafvereitelung.

Ein "Desaster"

Der Erzbischof sagte auf der Pressekonferenz: „Wir sehen ein Desaster.“ Er bezeichnete es zweimal als „unverzeihlich“, dass er sich nicht ausreichend um die Betroffenen sexualisierter Gewalt gekümmert habe. Er habe da Schuld auf sich geladen. Der Kardinal knüpfte sein Verbleiben im Amt an die Reform der katholischen Kirche in Deutschland. Es ist eine Erneuerung, die die Basis und die Hierarchie der Kirche im Gesprächsprozess „Synodaler Weg“ seit etwa zwei Jahren anpacken wollen – zumindest die Mehrheit will dies, wie in den vergangenen Treffen des „Synodalen Weges“ offenkundig wurde. Allerdings haben in ihm die katholischen Bischöfe de facto eine Sperrminorität von einem Drittel der Stimmen. Ob dies Reformen verhindert, wird man in den kommenden Monaten sehen.

Der Münchner Oberhirte unterstrich, sein Rücktrittsangebot vom Sommer vergangenen Jahres, das Papst Franziskus abgelehnt hatte, sei „sehr ernst gemeint“ gewesen. Erneut habe er dem Papst aber seinen Rücktritt nun nicht angeboten. Marx sagte, er selbst sei nun schon über Jahrzehnte „Teil des Systems“ Kirche gewesen, die an den Opfern sexualisierte Gewalt schuldig geworden sei. Er habe die innere Bereitschaft und Freiheit für einen Rücktritt, wenn das gefordert werde. Wenn er jedoch bei der Reform der Kirche „hilfreich“ und kein „Hindernis“ sein könne, wolle er weiter im Amt bleiben, um diese Veränderungen weiter voran treiben zu können. Er wolle eine neue Art finden, Bischof zu sein, eben ein „synodaler Bischof“.

Personelle Konsequenzen aus dem Gutachten hat bisher nur der Münchner Offizial Lorenz Wolf (66) gezogen. Er lässt alle seine Ämter und Aufgaben ruhen, wie am Donnerstag öffentlich wurde. Das habe er Marx mitgeteilt, wie dieser bei der Pressekonferenz erklärte. „Damit bin ich einverstanden. Er will zu gegebener Zeit Stellung nehmen.“ Im Gutachten der Kanzlei WSW heißt es über Wolf, sein Handeln in zwölf von 104 Fällen während seiner Amtszeit habe „Anlass zu Kritik“ gegeben. Der oberste Jurist des Erzbistums ist auch Leiter des Katholischen Büros in Bayern und sitzt seit 2014 dem Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks (BR) vor. Aus diesem Gremium waren in den vergangenen Tagen Rücktrittsforderungen laut geworden.

Zurückhaltung beim Thema Ratzinger

Welche Konsequenzen die WSW-Studie für den emeritierten Papst Benedikt XVI. hat, dazu äußerte sich Marx nur sehr vorsichtig. Der 94-jährige Kardinal Joseph Ratzinger in Rom war durch das Gutachten stark angegriffen und einer glatten Lüge überführt worden. Dies war Teil einer schriftlichen Aussage in einer über 80-seitigen Stellungnahme an die Kanzlei, die Ratzinger jedoch in den vergangenen Tagen korrigierte. Auch nach mehreren Nachfragen durch die anwesenden und per Zoom zugeschalteten Journalist*innen hielt sich Marx mit Urteilen über Ratzinger zurück, etwa ob der Papst im Ruhestand den Titel „papa emeritus“, den er sich selbst gegeben hat, nun ablegen sollte.

Marx sagte, er könne noch nicht beurteilen, wie die Aussagen der Kanzlei und die Stellungnahme Ratzingers im Vergleich zu bewerten seien. Aber: „Wir kommen der Wahrheit näher.“ Wie einer der Münchner Anwälte es in der vergangenen Woche gesagt habe, sei die Studie „kein Urteil über das ganze Lebenswerk eines Menschen“. Er habe jedoch keine Information darüber, dass der frühere Papst, der von 1977 bis 1982 Erzbischof von München war, in dieser Funktion bei Fällen sexualisierter Gewalt in seinem Erzbistum etwas vertuscht habe.

In einer ersten Reaktion erklärte die innerkirchliche Reformbewegung Wir sind Kirche, Marx werde daran zu messen sein, wie schnell die im WSW-Gutachten genannten notwendigen Maßnahmen und die heute in München angekündigten Reformvorschläge umgesetzt würden. „Aber viele, zu viele Menschen, werden nicht die Geduld haben, darauf zu warten. Kardinal Marx wird sich bald auch noch seiner zurückliegenden Verantwortung als Bischof von Trier stellen müssen.“  Von Kardinal Reinhard Marx erwartet Wir sind Kirche, dass er sich nach der Ablehnung seines Rücktrittsgesuchs durch Papst Franziskus „jetzt viel entschiedener für Reformen beim Synodalen Weg einsetzt, seinen Worten Taten folgen lässt und im Münchner Erzbistum all das unverzüglich umsetzt, was kirchenrechtlich jetzt schon möglich ist“ So sollten zum Beispiel pastorale Mitarbeitende die dauerhafte Erlaubnis zum Predigen, zum Taufen sowie zur Assistenz bei Eheschließungen und für Begräbnisfeiern erhalten.

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