Keine Show mehr

Wie die Bundeswehr in Litauen die Verteidigung des NATO-Gebiets übt
Panzer
Foto: Christian Spicker

Es gibt Krieg in Europa. Die NATO ist in Alarmbereitschaft. Die verstärkte „Vornepräsenz“, wie es im Armeeslang heißt, soll vor allem den mittelosteuropäischen Staaten Litauen, Estland, Lettland und Polen Sicherheit an der Ostflanke des westlichen Verteidigungsbündnisses bieten gegen den nun eindeutigen Feind Russland. Aber funktioniert das? Roger Töpelmann hat eine NATO-Kampftruppe in Litauen besucht.

Zwei Soldaten hat es beim Angriff erwischt. Ihre Verletzungen sind ernst: abgesprengter Daumen, Platzwunden am Kopf und eine offene Fraktur. Immer wieder will einer der Verwundeten zurück zum gepanzerten Fahrzeug: „Ich muss meine Waffe holen!“, ruft er. Die Kameraden und eine Kameradin suchen den Mann unter Schock zu beruhigen.

Es ist nur Theaterblut. Aber die Verletzungen der Soldaten wirken echt.
Foto: Christian Spicker
 

Das blutige Szenario in einem Tannenmischwald im Baltikum ist nicht echt, das Blut nur Theaterblut. Wir beobachten eine Übung der NATO-Mission „Enhanced Forward Presence“ (EFP) nahe des litauischen Städtchens Pabrade. Es ist ein Übungsmanöver der Bundeswehr. Der „verwundete“ Soldat, der unbedingt weiterkämpfen will, spielt das gut. Er ist ein „SidaF – Soldat in darstellerischer Funktion“, wie es im Armeedeutsch heißt. Doch was in Friedenszeiten nur eine ganz gute Militärshow wäre, wird in Zeiten des Krieges in Europa zu bitterem Ernst. Bald könnte hier echtes Blut fließen.

Theaterblut
Foto: Christian Spicker
 

Im Militär-Sprech heißt das Geschehen: Niederkämpfen des Feindes. Ein gepanzertes Transportkraftfahrzeug (GTK) Boxer ist unter Beschuss geraten und direkt am Waldrand liegen geblieben. Die Besatzung springt aus dem Fahrzeug, zwei Mann sichern das Gelände gegen weitere Angriffe mit dem Sturmgewehr ab. Auf dem Gefechtsfeld muss sich die Besatzung zunächst selbst helfen, bis die „Verwundeten“ in die ärztliche „Versorgungsebene 1“ transportiert werden können. Mehrere Soldaten springen aus dem Fahrzeug, um es nach Minen abzusuchen.

Alles dokumentiert

Das Geschehen steht unter fachlicher Überwachung: Eine Soldatin des Psychologischen Dienstes ist dabei, und weitere Soldaten dokumentieren alles mit einer Drohne, die über den Köpfen der Soldatinnen und Soldaten schwebt. Endlich prescht das gepanzerte Sanitätsfahrzeug „Fuchs“ mit einem Arzt heran: Die Klappe für den Verwundetentransport öffnet sich. Ein Arzt kümmert sich um die beiden Verletzten. Die Luken des „Fuchs“ schließen sich: Abtransport. Auch ein Bergekran brummt heran. Er soll den gepanzerten Koloss abschleppen. Das ist harte Arbeit. Die Abschleppstange ist so schwer, dass sie ein Soldat allein nicht heben kann. 36 Tonnen Gewicht des Boxers wollen eben bewegt werden.

Szenen eines Manövers von NATOSoldaten auf einem Truppenübungsplatz nahe des litauischen Städtchens Pabrade.
Foto: Christian Spicker
 

Seit dem 24. Februar hat sich Europa gewandelt. Ist mit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine die Friedensarmee Bundeswehr nur noch einen Schritt davon entfernt, eine deutsche Armee im Krieg zu werden? Die Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel war bei ihrem ersten öffentlichen Gespräch nach ihrer Kanzlerschaft im Interview mit Spiegel-Redakteur Alexander Osang vor wenigen Wochen in Berlin glasklar: Sie plädierte für eine Verstärkung der militärischen Abschreckung gegenüber Russland. „Das ist die einzige Sprache, die Putin versteht“, sagte sie. Und diese Antwort muss im Kriegsfall das westliche Verteidigungsbündnis NATO und die Bundeswehr geben. Ist sie dazu bereit?

 

Wer auf diese Frage eine Antwort will, kann sie in diesem Mischwald in Litauen suchen. Die NATO-Mission „Enhanced Forward Presence“ (EFP) der westlichen Streitkräfte hat hier eine klare Ansage: Abschreckung von Bedrohungen des NATO-Bündnisterritoriums. Die verstärkte „Vornepräsenz“, wie es im Armeeslang heißt, soll vor allem den mittelosteuropäischen Staaten Litauen, Estland, Lettland und Polen Sicherheit an der Ostflanke der NATO bieten. Das Ganze ist schon jetzt fern der grauen Theorie: Diese Staaten sollen so vor unerwarteten russischen Annexionen wie der der Krim 2014 und vor der neuen Bedrohung durch Russland nach dem Vorbild des Angriffskriegs gegen die Ukraine geschützt werden.

Keine Konfrontation

Vier multinationale NATO-Battlegroups, also Kampfeinheiten, verstärken die Truppen der Gastländer. Derzeit führt die Bundeswehr die Battlegroup mit insgesamt 1 700 Soldatinnen und Soldaten aus sieben Nationen, davon sind nach Auskunft des Presseoffiziers 80 Frauen. Die Strategie lautet militärisch-knapp: Abschreckung – keine Konfrontation. Dabei darf man sich die Präsenz der Bundeswehr im Baltikum nicht zu defensiv vorstellen. Denn es handelt sich um Kampfverbände, die den „scharfen Schuss“ regelmäßig üben. Wie hier im litauischen Pabrade. Der 6 000-Seelen-Ort liegt dicht an der Grenze zu Belarus. Man könnte auch sagen: dicht an einer möglichen Front.

Trotzdem, wie ernst die Lage ist, wird zu Beginn des Besuchs bei der „EFP-Battlegroup Lithuania“ erst einmal nicht deutlich. Denn das Ganze fängt ziemlich zivil an, um neun Uhr am Supermarkt „Maxima“. Ein Fahrzeug der Bundeswehr nimmt unsere kleine Gruppe von drei Journalisten auf, um uns ans Tor des Truppenübungsplatzes zu bringen. Am Eingang steigen wir auf einen geländegängigen „Wolf“ um, der sich nun durch tiefen Sand wühlen muss. Hoch und runter wie auf der Berg- und Talbahn schüttelt das olivgrüne Fahrzeug die Gäste durch.Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Unterkunftscontainer der Bundeswehr. Davor Militärgerät, jetzt sieht es wirklich nach Krieg aus: Panzerhaubitzen sind zu sehen, „Marder“ und andere schwere Fahrzeuge. Über die Anzahl darf man als Journalist keine Auskunft geben. Die Bundeswehr gibt den meisten ihrer Fahrzeuge Tiernamen: Fuchs, Wiesel, Leopard, Puma oder Fennek. Alle Namen weisen auf Eigenschaften der Fahrzeuge hin.

Links eine Gedenkstätte des nahen Camps. Hier wird an Adrian Rohn gedacht. Der 34-jährige Oberstabsgefreite kam bei einem Manöverunfall 2018 ums Leben.
Foto: Christian Spicker

 

Dass Menschen schon bei Übungen sterben können, wird an der Gedenkstätte des Camps deutlich. Hier wird an Adrian Rohn gedacht. Der 34-jährige Oberstabsgefreite kam bei einem tragischen Manöverunfall 2018 ums Leben. Aus dem ihn erschlagenden Ast eines Baumes ist das Kreuz gemacht, das an den Bundeswehrsoldaten erinnert. Das Camp trägt seinen Namen.Doch solch besinnliche Gedanken sind an diesem Tag der Übung schwer zu halten, dafür passiert zu viel. Gezeigt werden soll die „readyness“ der Bundeswehr an der militärischen Nordostflanke der NATO. Auf dem Gelände am Tannenmischwald fahren im Minutentakt gepanzerte Fahrzeuge auf. Zwei „Marder“ bahnen sich einen Weg über die Ebene. Sandstaub zieht über das Übungsfeld.

Panzer
Foto: Christian Spicker

 

Der Kommandeur der 11. Rotation, Oberstleutnant Daniel Andrä, ist seit Februar im Dienst in Litauen. Er spricht von einer glaubwürdigen Abschreckung, welche die Truppe hier täglich durch Ausbildung und Übung garantiere. Mit ihr leiste die Bundeswehr einen Beitrag, das Baltikum und „jeden Zentimeter“ des NATO-Territoriums zu verteidigen. Die militärischen Fähigkeiten seien ständig verstärkt worden: bei Flugabwehr, Aufklärung, Logistik und Artillerie. Die Battlegroup absolviere noch ein mehrtägiges Gefechtsschießen, bevor die 12. Rotation einsetze. Dann übernehme das Panzerbataillon 203 und die Panzerbrigade 21. Auf die Frage, ob er aus professioneller Sicht irgendetwas vermisse, sagte Andrä: „Das Einzige was ich vermisse, sind bessere Funkgeräte. Ansonsten können wir sagen, dass wir alles haben für den Einsatz, sodass wir wirklich gut aufgestellt sind.“

Die militärisch-technische Situation für die Soldatinnen und Soldaten bei EFP hat sich in letzter Zeit deutlich verbessert. Noch im Februar hatte die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Eva Högl, Zweifel an der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr geäußert und gewarnt: „Die Kaltstartfähigkeit der Bundeswehr ist nicht so, wie sie sein müsste.“ Jetzt sagt sie auf Nachfrage: „Im Rahmen der NATO-Mission ‚Enhanced Forward Presence‘ leisten unsere Soldatinnen und Soldaten einen ganz wichtigen Beitrag für die Bündnis- und Landesverteidigung bei unseren litauischen Partnern. Ihr Auftrag stand anfangs nicht so im Fokus der Öffentlichkeit, nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine bekommt er nun endlich die Anerkennung und Wertschätzung, die angemessen ist. Deutschland stellt hier auch seine Führungsverantwortung unter Beweis. Wichtig ist, dass unsere Soldatinnen und Soldaten für ihren verantwortungsvollen Einsatz die besten Rahmenbedingungen vor Ort haben – von der persönlichen Ausstattung über das Großgerät bis hin zur Infrastruktur.“Bei den hohen fachlichen und körperlichen Anforderungen an die Soldatinnen und Soldaten kommt eine Atempause auf dem Truppenübungsplatz gerade recht. Hier rückt Militärpfarrerin Alexandra Dierks ins Blickfeld. Sie hütet im litauischen Rukla ihre „Schäfchen“. In Pabrade betreut die Protestantin, die normalerweise bei der Luftwaffe im niedersächsischen Wunstorf Dienst tut, einen wichtigen Außenposten. Ihre Arbeit wird geschätzt. An diesem Sonntagmittag müssen weitere Sitzbänke aufgeklappt werden, damit alle Soldaten überhaupt einen Platz in einem Gottesdienstraum finden.

Militärpfarrerin Alexandra Dierks (links), die normalerweise bei der Luftwaffe im niedersächsischen Wunstorf Dienst tut, betreut in Pabrade einen wichtigen Außenposten.
Foto: Christian Spicker

 

Zuvor gibt die promovierte Theologin im olivfarbenen Schutzanzug und blank geputzten schwarzen „Boots“ eine Einschätzung der mentalen Situation vor Ort: Sechs Monate im Einsatz sei eine lange Zeit für die Soldatinnen und Soldaten, sagt sie. Es würden Probleme an sie herangetragen, gerade weil sie nicht in der dienstlichen Hie­rarchie stehe und zur Verschwiegenheit verpflichtet sei: private Sorgen, Todesfälle, Beziehungskrisen. Ein Vorteil, den sie als Gesprächspartnerin habe, erklärt Dierks. Jeder und jede in der Truppe könne sicher sein: „Die erzählt nichts weiter.“ Auch bei Schwierigkeiten im Dienst oder gar Dienstvergehen sei sie immer mal wieder gefragt. „Einer meiner Jobs ist, mich präsent zu halten.“ Da begegne sie ganz unterschiedlichen Menschen, auch gläubigen: Einer habe ihr mal gesagt: „Ich bin ein sehr gläubiger Mensch – habe aber für Religion keine Zeit.“ Eine Hauptaufgabe der Seelsorge sieht die Pastorin darin, das Menschliche im Dienst einzufordern. Das sei aber auch das Ziel aller hier in der Battlegroup. „Das schlägt einem überall entgegen.“

Anerkannte Begleiterin

Angesichts des russischen Krieges gegen die Ukraine ist der kirchliche Streit um die Positionen zur Friedensethik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) neu entflammt. In ihrer Friedensdenkschrift von 2007 habe die Kirche Politiker wie Putin jedoch nicht im Blick gehabt, erklärt Dierks. Dass jemand Krieg einfach will, das sei völlig aus dem kirchlichen Blick geraten. Von der weitgehend pazifistischen Ethik der EKD habe sie selbst nie viel gehalten. Richtig aber sei: „Wir segnen keine Waffen!“ Denn Waffen töten Menschen. Eine wichtige geistliche Aufgabe sei es für sie, Menschen beizustehen, die in extreme Situationen kommen.

Dann beginnt der Gottesdienst. In ihrer Ansprache vor den Kameradinnen und Kameraden zeigt die Pfarrerin mit silbernem Kreuz und weißer Stola, mit welch’ geistlicher Tiefe sie reden kann: Sie nennt die Liebe zwischen zwei Menschen ein Mysterium, das jeder kenne. Glücklichsein und Liebe könne aber niemand festhalten, sie seien Geschenke. Das sei mit Gott ähnlich: „Er ist das größte Mysterium, extrem unsichtbar und nicht nachzuweisen.“Gott, sagt Dierks in ihrer Predigt, sei die Macht, die alles Dasein ins Leben gerufen habe, der Urheber aller Liebe in unserem Leben. „Einer meiner Jobs ist es, andere auf diesem Weg zu begleiten und Ihnen zu helfen, tiefer in dieses Mysterium hineinzukommen. Das mache ich auch gern.“ Nach etwa 30 Minuten schließt sie ihre Ansprache ab, hebt die Arme und teilt den Segen aus. Dann erklingt ein Lied: „Herr, wir bitten, komm und segne uns.“

Der Gottesdienst im NATO-Lager ist gut besucht.
Foto: Christian Spicker

 

Dass die Seelsorgerin bei den Heeressoldaten ankommt, legen die vielen Gespräche nahe, die sie beim Kaffeeausschank führt. Dierks ist hier eine anerkannte Begleiterin im militärischen Alltag des herausfordernden Lagerlebens. Sie drängt niemandem ihren Glauben auf. Sie fragt immer zuerst: „Kaffee oder Tee?“

„Für uns ist die permanente Verfügbarkeit von Militärseelsorgern eine durchaus wichtige Bereicherung, weil die Kolleginnen und Kollegen außerhalb der hierarchischen militärischen Strukturen das Gespräch mit den Soldatinnen und Soldaten suchen und auch Sensoren sind, die zum einen ein Stimmungsbild aufgreifen, aber auch, dass Soldaten sich gegenüber ihnen manchmal eher öffnen als gegenüber Vorgesetzten“, sagt Kommandeur Andrä. „Im Blick auf das ‚Seelenheil‘ sind die Militärseelsorger ein wichtiger Bestandteil der Battlegroup und des Psychosozialen Netzwerks.“

Und der christliche Pazifismus? „Ohne Abschreckung haben wir keine Chance, hier muss man Präsenz zeigen“, beurteilt die Militärpfarrerin Dierks die Lage an der NATO-Ostflanke, ganz im Sinne der Bundeskanzlerin a. D. Wenn diese Abschreckung Wirkung zeigen sollte, liegt es auch an den Soldatinnen und Soldaten, die in Pabrade und in der Kaserne in Rukla ihren Dienst versehen. So drängt sich am Ende hier der Eindruck auf: Es sind in diesem europäischen Konflikt „die Mühen der Ebene“, die zur eigentlichen Bewährungsprobe der Bundeswehr werden können. So nahe an der Front.

 

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Roger Töpelmann

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer i.R. Er war bis 2020 u.a. Pressesprecher des Evangelischen Militärbischofs in Berlin.


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