Kundig

Religiöser Nationalismus

Der Präsident ein notorischer Lügner, der seine Frau betrügt, rassistisch gegen Migranten hetzt, den Schulterschluss mit Rechtsextremisten sucht und gleichzeitig die Unterstützung eines beträchtlichen Anteils der christlichen (weißen) Wähler erfährt. Schwer verständlich und nicht nachvollziehbar?

Ganz im Gegenteil, wie Annika Brockschmidt, Historikerin und Journalistin, in ihrem lesenswerten Buch auf etwa 400 Seiten deutlich macht. Sie zeichnet nach, dass schon seit mehreren Jahrzehnten die Entstehung eines christlichen Nationalismus in den USA erkennbar ist, der erst in jüngerer Vergangenheit in der Unterstützung Trumps und dem Glauben an gestohlene Wahlen in aller Deutlichkeit in die Öffentlichkeit trat. Die Religiöse Rechte ist für Brockschmidt kein Randphänomen des weißen Evangelikalismus. Diese Entwicklung der (lange verdeckten) Politisierung wird bis heute gerne monokausal auf die Gegnerschaft gegen ein liberales Abtreibungsrecht zurückgeführt. Doch es ist komplizierter: Brockschmidt arbeitet in ihrer historisch informierten und kundigen Analyse des weißen Evangelikalismus heraus, wie stark beispielsweise das Ende der Segregation in den USA zur christlichen Konnotation von white supremacy führte. Dabei zeichnet sie ein differenziertes Bild von der religiösen Lage in den USA: Ohne simplifizierend von „den Evangelikalen“ zu reden, beschreibt sie eine Unzahl an Organisationen und Medienimperien, die in den vergangenen Jahrzehnten zu der Herausbildung eines rechten Christentums in der Breite des weißen Evangelikalismus in den USA beigetragen haben. Der Modus der vorherrschenden religiösen Kriegsführung einer „disziplinierten Armee“ religiöser Rechter tritt mit diesen Einblicken offen zu Tage.

Brockschmidt macht auch den Brückenschlag in die Sphäre der politischen Macht: Vor allem die Regentschaften der Präsidenten Reagan und Trump seien durch die Unterstützung des christlichen Nationalismus geprägt gewesen. Nicht zuletzt diese Unterstützung, beispielsweise durch die Besetzung von entscheidenden Richterposten, verwandelte Trump zur messianischen Figur: Trump sei wie König David, der sich ebenfalls nicht ganz integer verhalten habe, aber eben ein Instrument Gottes gewesen sei. Mit dem Personenkult korrespondiert der Glaube an Fake News und Verschwörungserzählungen. Auch analysiert Brockschmidt die gesellschaftspolitischen Dimensionen des rechten Christentums: Neoliberaler Kapitalismus ohne Rücksicht auf soziale Verwerfungen erfahre eine religiöse Legitimation, wenn ökonomischer Reichtum als Ausdruck des segenreichen Handelns Gottes am Menschen interpretiert werde (Wohlstandsevangelium). Problematisierend geht Brockschmidt auf Geschlechterstereotype von starken männlichen Eroberern und hübschen, willenlosen Frauen ein: Jesus werde zum kraftstrotzenden Vorbild für das männliche Dominanzgebaren. Die Identität des christlichen Nationalismus entstehe dabei in Abgrenzung zu vermeintlich dämonischen Sphären der modernen und pluralen Gesellschaft: Nach 9/11 seien dies Muslime gewesen, die rassistische Ausgrenzung erfahren hätten. Heute sei in besonderer Weise die sichtbare sexuelle Vielfalt die Angriffsfläche rechter Evangelikaler.

Die Stärke des Buches liegt unzweifelhaft in der kleinteiligen Entschlüsselung zahlreicher Akteure des christlichen Nationalismus in den USA. Dieser Einblick lässt pessimistisch auf die demokratische Zukunft der USA blicken. Der theologische Tiefgang fehlt dagegen bei der Auseinandersetzung um wortfundamentalistische Auslegungen des biblischen Textes. Auch auf die Rolle von Dietrich Bonhoeffer für religiöse Rechte wartet man vergeblich. Doch wer die politische Agenda des christlichen Nationalismus und die gesellschaftliche Entzweiung in den USA verstehen will, dem sei Annika Brockschmidts Buch empfohlen.

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Foto: Privat

Hans-Ulrich Probst

Hans-Ulrich Probst ist Referent für die Themen Populismus und Extremismus Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelische Landeskirche in Württemberg. 2008 und 2009 arbeitete er für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Minsk.


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