Einfach taufen

Ohne Voranmeldung, ohne Unterricht - in Hanau ist das möglich
Foto: Christian Lademann

„Jeder Moment ist der richtige, um dich taufen zu lassen.“ Für einige Menschen könnte dieser „richtige“ Moment am 17. September zwischen 16 und 20 Uhr in der Hanauer Neuen Johanneskirche sein. An diesem Tag haben Menschen die Möglichkeit einfach ohne vorherige Anmeldung in die Kirche zu kommen und dort ihre Taufe zu erleben.

Es wird eine Band vor Ort sein und die Musik spielen, welche die Täuflinge für ihren ganz persönlichen Moment auswählen. Ehrenamtliche werden dort sein und draußen am Pool mit einem Getränk begrüßen oder eine individuelle Taufkerze gestalten, die an diesen besonderen Tag erinnert und vier Pfarrerinnen und Pfarrer werden vor Ort sein, die gespannt sind, wen sie an diesem Tag kennenlernen werden. Am Ende darf natürlich ein  Eis oder eine gemeinsames Glas Sekt nicht fehlen, um diesen Anlass gebührend zu feiern.

Schon seit einiger Zeit gibt es im Kirchenkreis Hanau eine Projektstelle „Leben.feiern“. Im Rahmen dieser Tätigkeit ermöglicht Pfarrerin Margit Zahn in vielfältiger Weise Kontaktflächen zu kirchlicher Kasualpraxis. Im Kontext dieser Initiativen ist jetzt auch das Projekt „Für dich. Segen spüren. Taufe erleben“ entstanden, welches sich an dem Vorbild der dänischen „Drop-In-Taufen“ orientiert. Das Angebot richtet sich vorrangig an Erwachsene und Jugendliche, die vielleicht schon länger darüber nachdenken, sich taufen zu lassen und für die diese besondere Einladung nun der Anlass ist, diesen Schritt zu tun.

Nähe und Distanz

Wie bei so ziemlich allem, was man in der Kirche tut oder lässt, sind die Reaktionen  aus den eigenen Reihen auf unser Vorhaben vielgestaltig. Von jubelndem Beifall bis hin zu Ablehnung in massiver Rhetorik ist eigentlich alles dabei.  Bei den Skeptikern steht nicht selten im Hintergrund der Vorwurf, hier werde zugunsten des reinen Events leichtfertig mit der Taufhandlung umgegangen. Fragen danach, wie Taufe ohne Taufkatechumenat denkbar sei tauchen auf oder die Skepsis, was eine Taufhandlung, die nicht im gemeindlichen Kontext geschieht, für die Kirchenbindung der Getauften bedeutet.

Für mich steht im Hintergrund einer Reihe dieser Reaktionen eine sehr grundlegende kirchentheoretische Frage, die mich schon seit längerer Zeit umtreibt: Welche unterschiedlichen Modi von Nähe und Distanz sind wir eigentlich bereit im Hinblick auf die Kirchenbindung von Menschen zuzulassen. Es gibt dieses unausgesprochene Mantra in der Kirche, dass Kontakt notwendig zur Maximierung von Bindung führen muss. Mich irritiert das. Ist es nicht auch vorstellbar, dass ein Mensch zunächst mal schlicht den Moment seiner Taufe erleben will und das darin spürbar werdende Ja Gottes zu seinem Leben, ohne dann regelmäßig in seiner Ortsgemeinde zu erscheinen?

Niederschwellig ist unser Angebot sicher nicht, denn es ist an die formelle Kirchenmitgliedschaft gekoppelt. Wer an diesem Tag in die Kirche kommt, um sich taufen zu lassen, ist sich darüber im Klaren.

Kontaktflächen ermöglichen

Auch die Anfragen hinsichtlich des Taufkatechumenats lassen mich eher irritiert zurück, denn Sie scheinen meiner Wahrnehmung nach mit einem Bild von Kirche zu operieren, die schon längst nicht mehr gegeben ist. Eine volkskirchliche Wirklichkeit,  innerhalb derer durch die Taufe ein gesellschaftlich kollektiv geteilter Bestand an religiöser Bildung  gesichert würde, ist doch schon längst passé.

Vielleicht ist die Frage viel weniger, was Menschen mitbringen müssen, um getauft werden zu könne, sondern wie wir als Kirche auf Menschen zugehen können, um ihnen Kontaktflächen zu eröffnen.

Ein Teil der massiven Rhetorik, die solche und andere Initiativen hervorrufen, scheinen mir eine Reaktion auf die Schrumpfungsprozesse der Institution zu sein.  Es sind Angstreflexe auf all die beginnenden Umbildungsprozesse. Das Kleinerwerden unserer Kirche schärft das Mantra nach Bindungsmaximierung und die Orientierung an Ordnungen.

Räume öffnen

Dabei scheint es mir eher der experimentelle Weg ins Offene zu sein, der es ermöglicht, dass wir uns als Kirche in einer Weise umbilden, die uns weiterhin wahrnehmbar sein lässt und uns in neue gesellschaftliche Resonanzverhältnisse führt.

Eine letzte, ganz banale wie  grundlegende Überzeugung lässt mich gern mittaufen bei diesem Experiment: Wer sind wir eigentlich, dass wir den Segen Gottes rationieren und zuteilen können? Das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe als kirchlich Aktive ist es, diesem Segen Räume zu öffnen, wo er von Menschen begehrt wird.

Ich bin gespannt, wer an diesem Tag in die Neue Johanneskirche in Hanau kommt, um seinen persönlichen Segen zu spüren. Falls Sie am 17. September in der Nähe sind, kommen Sie gern vorbei, auch wenn Sie schon getauft sind. Wir bieten zwar keine Wiedertaufen an, aber wir erinnern uns gern mit Ihnen am Taufstein an ihre Taufe, dieses Ja Gottes zu Ihnen, das ein ganzes Leben lang gilt und darüber hinaus.

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