Für die Herrlichkeit bestimmt

Nach zweihundert Jahren rücksichtslosen Fortschritts in der Industriegeschichte der Menschheit stehen wir vor einer Katastrophe: Die Luftverschmutzung mit CO2-Gas nimmt immer weiter zu, die Ozeane sind voller Plastikmül

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Trost und Mut

Wer das Unbehagen verspürt, im falschen Film zu sein, bringt Erwartungen mit, was er eigentlich hätte sehen wollen.

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Friederike Erichsen-Wendt

Dr. Friederike Erichsen-Wendt, Pfarrerin, ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Sie ist Coach, Gottesdienstberaterin, Predigtcoach sowie Trainerin für Liturgische Präsenz und für Design Thinking. Darüber hinaus ist sie als Dozentin im Atelier Sprache e.V. tätig und im Vorstand der Internationalen Konferenz für die Ausbildungsinstitute zum Pfarrberuf.

Am Ende das Chaos

Am Ende das Chaos

Der geordnete Rückzug ist keine leichte Übung

Vergangenen Samstag besuchte ich eine Ordination verschiedener evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer zum geistlichen Amt. Ein Bischof und eine Generalsuperintendentin ordinierten, der Präses einer Landessynode assistierte, dazu Ausbildungspfarrerinnen und Pfarrer – und, wie es sich gehört, zog die ganze Gruppe samt einem Ortspfarrer in die Kirche ein, von hinten nach vor in den Chorraum, wohl geordnet, der Bischof als letzter hinten. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass einige in dieser Prozession weiße Albe mit Stola tragen und andere den schwarzen Talar mit und ohne Stola, seit neuestem laufen bei Ordinationen gelegentlich auch Assistenten voraus, die ein großes Prozessionskreuz tragen, weil man es in einer bestimmten Kirche halt so zu tun pflegt: Man kennt diese etwas halbherzigen Versuche, Details der katholischen Liturgie zu übernehmen, denn Kerzentragende fehlten natürlich in dieser Ordinationsprozession, die ich erlebt habe. Kerzenträger würden aber eigentlich dazugehören, wenn es schon ein Prozessionskreuz gibt. Immerhin hatten sich die zu Ordinierenden auf ein einheitliches Erscheinungsbild verständigt.

Wie auch immer. Man hatte sich offenkundig zuvor auch über den feierlichen Einzug verabredet, vielleicht auch geprobt, jedenfalls lief alles wohlgeordnet in den Chorraum der gotischen Kirche. Deutlich chaotischer wurde es allerdings nach dem Ende des Gottesdienstes, denn da war nicht mehr so richtig klar, wo es eigentlich hingehen sollte, wer neben wem und hinter wer gehen sollte – jedenfalls fand sich irgendwann der Bischof mitten im Kirchenschiff und die frisch Ordinierten hinter ihm unter der Orgelempore am Eingang und der Kreuzträger schien irgendwie gänzlich verschwunden. Was macht man als Bischof in einer solchen Situation? Denen, die in den Bänken sitzen, ein schönes Wochenende wünschen?

Gestern besuchte ich die Jahresfeier der Wiener Akademie. Sie fand zum ersten Mal seit dem ersten Corona-Lockdown wieder in Präsenz im festlichen großen Saal des barocken Akademiegebäudes in der Nähe des Stephansdoms statt. Die Präsidentinnen und Präsidenten befreundeter Akademien, die – wie es Brauch ist – zum Festakt angereist waren, sammelten sich in einem Nebenraum des großen Festsaals und tranken zunächst alle noch ein Gläschen, je nach Temperament Wasser, Saft oder Sekt oder von allem etwas. Nach einer Weile erschien der österreichische Bundespräsident, begleitet vom für die Akademie zuständigen Minister und begrüßte alle Anwesenden mit ein paar freundlichen Worten. Dann brachte sich eine Mitarbeiterin der Wiener Akademie mit einer Papptafel in Position und ordnete die Anwesenden in Zweiergruppen hintereinander, gerade so, wie es auf der Papptafel notiert war. Wenn ich das Ordnungsprinzip recht verstanden habe, wurden ältere Menschen an die Spitze und jüngere jeweils hinter den nächstälteren aufgestellt. Die Anwesenden folgten relativ willig der Einweisung, den Abschluss der Prozession bildeten aber auch hier (unabhängig vom Alter) die hierarchisch ranghöchste Gruppe aus Bundespräsident und Wiener Akademiepräsident. Irgendwann dann klingelte jemand mit einer kleinen Glocke, der Zug setzte sich unter Fanfarenklängen in Bewegung und nahm (offenkundig hatte alles funktioniert) am Ende genau die mit Namen markierten Plätze in der ersten Reihe des Festsaales ein. Nur der Auszug war auch hier chaotisch. Was auch immer geschehen war, alles geriet außer Ordnung und Takt, mir fehlte mein Partner vom Einzug, viele stolperten solo aus dem Saal und es gab auch keinen Schlussakt im Vorraum, so wie es jedenfalls vor zwanzig Jahren in der Sakristei der Heidelberger Peterskirche, die als Universitätskirche genutzt wird, ein gemeinsames Gebet zum Schluss gab, damals jedenfalls noch keine Verabschiedung mit Handschlag vor der Kirchentür.

Expertinnen und Experten

Nicht, dass ich missverstanden werde: Der Wert eines Gottesdienstes hängt natürlich überhaupt nicht dran, dass alle korrekt ein- oder ausziehen. Manche Menschen haben Spaß daran, Papptafeln mit Ordnungen zu entwerfen, andern lächeln mindestens insgeheim darüber. Wieder andere sind so verpeilt, dass sie immer falsch laufen und neben den falschen. Und Gleiches gilt natürlich für den Festtag der Wiener Akademie: Der verstolperte Auszug nahm ihm nichts von seiner inhaltlichen wie ästhetischen Qualität oder jedenfalls nur sehr wenig.  Und außerdem mag es gute Gründe dafür geben, dass zu Ordinierende wie alle anderen dabei mitwirkenden Menschen ganz ohne Prozession zu Anfang einfach in der Gemeinde sitzen, weil das deutlicher macht, dass das geistliche Amt nicht der Gemeinde gegenübersteht, sondern sich aus ihr ableitet. Auch eine Akademie braucht eigentlich keine feierlichen Einzüge, in Wien und München hält man das so und zieht feierlich ein, in Berlin und Göttingen nicht. Und für beide Haltungen gibt es gute Gründe. Das Wiener Modell wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt, damals sahen viele gute Gründe, in der Gesellschaft für starke Ordnungsstrukturen zu werben und ihre zeichenhafte Umsetzung einzuklagen.

Wer aber schon einmal bei einer geistlichen oder weltlichen Prozession mitgelaufen ist oder gar eine solche Prozession organisiert hat, sollte natürlich allzu vollmundige Hinweise, wie man es macht, vermeiden. Wir alle haben schon einmal erlebt, dass wir falsch gingen, an eine falsche Stelle treten und uns die eigentlich vorgesehene Begleitung abhandengekommen ist. Ich beispielsweise habe mir bei der Vorbereitung meiner Konfirmation nicht richtig gemerkt, neben welchen beiden Mitkonfirmanden ich zu knien hatte, um Bibelspruch und Segen zu empfangen. Also zwang ich mit panischen Worten („Ihr seid falsch“) meine Nachbarn, die sich nicht anders als durch Nachgeben zu helfen wussten, zu einem Ortswechsel auf die Kniebank und die räumten tatsächlich um des lieben Friedens willens ihre frisch eingenommenen und vollkommen korrekten Positionen. Um die Sache kurz zu machen: Um ein Haar wäre ich auf den Namen eines Freundes, der neben mir kniete, konfirmiert werden. Der Pfarrer sah rechtzeitig aus dem Hefter nach unten und unterbrach die vorgesehene Reihenfolge.

An solche Menschen, die bei Prozessionen Ratschläge riskieren, obwohl sie doch angesichts misslungener Auftritte bei Prozessionen lieber den Mund halten sollten und alles ohnehin nur noch chaotischer machen mit ihren wohlfeilen Ratschlägen, erinnern mich gegenwärtig die, die der Ukraine um des lieben Friedens willen einen geordneten Rückzug empfehlen. Inzwischen hat man nicht nur wie bei großen Fußballereignissen den Eindruck, dass unser Land aus vielen Tausenden Fußballexpertinnen und -experten besteht, sondern auch aus Abertausenden Virologinnen und Virologen und nun seit Ende Februar diesen Jahren auch noch aus Menschen, die sich bestens mit Osteuropa, der russischen Seele (oder jedenfalls einer) und eben Putin auskennen, besser als alle Fachleute. Anstatt dem ukrainischen Volk den geordneten Rückzug zu empfehlen, sollten wir lieber vor der eigenen Haustür kehren und sehen, dass wir erst einmal unsere kleinen geordneten Rückzüge hinbekommen, bevor wir anderen in schwierigsten Situationen wohlfeile Ratschläge geben. Natürlich sind Prozessionen und Auszüge und Kirchen nur Metaphern, aber sie haben den Vorteil, dass wir alle aus eigener Erfahrung sofort wissen, was mit ihnen eigentlich gemeint ist.

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Sigrid Rettenbacher

Dr. Sigrid Rettenbacher ist Assistenzprofessorin am Institut für Moraltheologie an der Katholischen Privat-Universität Linz.

Mühlsteine um den Hals

Mühlsteine um dem Hals

Warum wir beim Streit um Krieg und Frieden verbal abrüsten sollten
Foto: UK

Mehr und mehr macht sich ein krawalliger Ton in der öffentlichen Diskussion breit. Der ist gut, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber schlecht, um einer Gesellschaft als Vorbild zu dienen, wie sie sinnvoll mit Problemen umgeht. In Politik und Talkshows ist das aufeinander Einhauen schon lange zu beklagen. Nun aber zeigt sich die Verrohung des Umgangstons auch in gehobenen Leitmedien und intellektuellen Zirkeln – auch im kirchlichen Umfeld.

Das ist schon putzig; gerade hier hatte man sich ja regelmäßig darüber mokiert, wie unterirdisch die Diskussions-Manieren zum Beispiel in den sozialen Medien à la Facebook und Co. seien. Dort gehören verbale Ausfälle und Attacken gegen die Person schon lange zur Tagesordnung. Aber diese Unsitte scheint ansteckend zu sein. In Leitartikeln und Leserbriefen, Ortbestimmungen und Online-Diskussionen auch der anspruchsvolleren Zeitungen und Magazine – nochmals betont: auch in kirchlichen Kreisen – finden sich immer mehr Zügellosigkeiten. Von „Spacken“ ist die Rede. Der christliche Glaube wird einander abgesprochen. Ein Professor bescheinigt dem anderen, dass der sowieso keine Ahnung habe. Und wer sich zurzeit noch immer gegen Waffenlieferungen und Aufrüstung ausspreche, der habe den Schuss (!) doch nicht gehört.

Vielleicht kann man die Krawalligkeit sogar nachvollziehen. Zweieinhalb Jahre Covid-Ausnahmezustand haben ihre Spuren hinterlassen. Die Reaktionen auf die Pandemie haben eine Unversöhnlichkeit entstehen lassen, an der Freundschaften und Familien zerbrachen. Dazu stürzt Putins Überfall auf die Ukraine die Menschen auch hierzulande in Gewissensnot und Angst. Und immer geht bei diesen Auseinandersetzungen letztlich um Tod und Leben. Das kann an den Nerven zerren. Doch es hilft nichts. Wer herumpoltert, mag Druck ablassen. Er oder sie mag das Mütchen kühlen. Aber: Am Ende erreicht man genau das Gegenteil von dem, was notwendig wäre.

Um Auseinandersetzungen mit Mitmenschen zu lösen, wäre es sinnvoll, Türen zu öffnen oder offen zu halten; wenigstens einen winzigen Spalt. Stattdessen laufen Randalierende Gefahr, auch die letzte Tür zuzuschlagen. Man kann das mit dem Kabarett-Effekt vergleichen: Es ist befreiend, wenn losgelöst von üblichen Verhaltensregeln alles durch den Kakao gezogen werden darf: Politik und Alltag, Promis und Nachbarn, Glaube und Leben, Krieg und Frieden. Herrlich! Wenn man denn von vorn herein auf der Seite des Vortragenden steht. Alle anderen aber erreicht der süffisante Ton nicht. Im Gegenteil; er wird als weitere Provokation wahrgenommen. Und die Gräben vertiefen. Gerade in kirchlichen Diskussionen ist so ein Verhalten absurd. Man diskutiert über Krieg und Frieden, will herausfinden, wie man sein Christsein in Krisen angemessen leben kann – und haut aufeinander ein, als wolle man das biblische Bild erfüllen, dass man falsche Verführer mit einem Mühlstein um den Hals versenken solle. Wollen wir dafür ein Vorbild sein? Es müsste, bei aller Nervenanspannung, doch darum gehen, Brücken zu bauen, statt sie abzureißen.

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