Lebenszuversicht

Lebenszuversicht

Religiöse Rede in der Pandemie

Immer wieder ist in den vergangenen zwei Jahren beklagt worden, dass in dieser Pandemie die Kirchen sich zu defensiv verhalten hätten und von Seiten der Theologie kaum etwas zu hören sei. Hier ist nun jedoch ein in essayistischer Form gehaltener Text anzuzeigen, mit dem eine Bibelwissenschaftlerin (Dorothea Erbele-Küster), ein Interkultureller (Volker Küster) und ein Systematischer Theologe (Michael Roth), alle drei zur Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gehörig, auf die gegenwärtige pandemische Situation reagieren. Sie tun dies, indem sie zugleich ein anderes Verständnis von Theologie in Vorschlag bringen.

Sie wollen nicht im Ausgang von exegetischen Befunden und dogmatischen Positionen zur Pandemie und der durch sie ausgelösten globalen Krise Stellung nehmen. Sie beanspruchen nicht, der Epidemiologie ihre Deutungskompetenz und der Politik ihre dem Lebensschutz verpflichtete Handlungskompetenz streitig zu machen. Sie stellen sich vielmehr selbst mitten hinein in die pandemische Situation und lassen sich vom Virus und seinen global sich verbreitenden Mutationen infizieren.

Die Theologie, die sich von der Pandemie infizieren, einfärben, beschmutzen (entsprechend der Wortbedeutung von lateinisch infecere) lässt, entsteht aus Leidensgeschichten der Betroffenen. Es ist eine in Erfahrungen situierte, kontextgebundene Theologie. Eine Theologie leibgebundener Menschen, die mit ihrem Körper der Natur nicht souverän gegenüberstehen, sondern wissen, dass sie zu ihr gehören, von ihr abhängig sind, in der kreativen Lebensbewegung ebenso wie jetzt in dieser durch das Virus ausgelösten Gefährdung.

Hier kommt der interkulturelle Theologe ins Spiel, indem er die soziale Situiertheit und Kontextbezogenheit des doing theology herausarbeitet. Theologie zu treiben heißt für ihn, in einen permanenten hermeneutischen Prozess einzutreten, der sich im Spannungsfeld zwischen Text und Kontext bewegt.

Dabei kann es nach der südkoreanischen Theologin Chung Hyun-Kyung sein, dass wir der Text sind und die Bibel mit der Tradition und der christlichen Kirche zum Kontext wird. Die Menschen, die ihr Handeln, Erleben und Erleiden mit Gott in Verbindung bringen, sind das Subjekt dieser kontextuellen Theologie. Sobald sie anfangen, Theologie zu treiben, sind sie der Krise nicht mehr nur ausgesetzt. Sie sind nicht nur die vom Virus Infizierten, sondern entwickeln Immunreaktionen, mit denen ihnen die Kraft zum Widerstand und zur Befreiung aus der Krise zuwächst.

Die Bibelwissenschaftlerin zeigt unter Bezugnahme auf viele Texte vor allem der hebräischen Bibel, dass auch diese Texte nur in ihrem Kontext zu verstehen sind. Dann tritt hervor, wie auch sie auf elementare Krisenerfahrungen reagieren. Ebenso, dass sie Menschen in den schwierigen Geschichten ihres Lebens dazu verholfen haben, ihrer Verzweiflung in der Klage Ausdruck zu geben. Diese Texte bringen Menschen zu ihrer Situation auf Distanz, befähigen zu deren Deutung, verhelfen so zu gesteigerter Resilienz.

Auf die große Nähe, in der dieses kontextuelle und situative Theologieverständnis zu Martin Luthers Auffassung vom christlichen Glauben steht, weist schließlich der Systematische Theologe hin. Luther folgend bindet die Rede von Gott sich an den Lebensvollzug des Glaubens, der ein Akt des Vertrauens ist. Indem die Theologie die Subjektivität der Glaubenden stark macht, kann sie in Krisenerfahrungen eine Hilfe sein. Nicht indem sie behauptet, den Willen Gottes zu kennen, sondern indem sie dunkler Erfahrung zum Trotz zu einer vom Vertrauen auf Gott getragenen Lebenszuversicht ermutigt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: Humboldt-Universität zu Berlin

Wilhelm Gräb

Wilhelm Gräb ist Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.


Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Fast Heldinnen

Fast Heldinnen

Ein Poesiealbum und seine Folgen

Die Idee ist wirklich gut: Die deutsch-französische Journalistin und Schriftstellerin Pascale Hugues, geboren 1959 in Straßburg, hat ihr altes Poesiealbum hervorgekramt. Diese Alben, so lernen wir, sind in Frankreich eher eine deutsche, eben elsässische Tradition. Darin findet die Autorin neben aufgeklebten Bildchen und Glitzersternchen scheinbar bleibende Sinnsprüche fürs ganze Leben wie diese: „Sei wie das Veilchen im Moose, / sittsam, bescheiden und rein / und nicht wie die stolze Rose, / die immer bewundert will sein.“(Siehe Interview Seite 36.)

Hugues regen diese Verse an und auf. Sie macht sich auf die Suche nach ihren Klassenkameradinnen (Jungs gab es erst in weiterführenden Schulen) ihrer Grundschule in Straßburg: Was ist aus diesen einst so braven Mädchen geworden? Sind sie wirklich „sittsam, bescheiden und rein“ geblieben, wie die Poesiealben es fast ausnahmslos forderten? Wie haben diese Frauen ihr Leben gemeistert: zu jung, um die Umstürze der 68er-Revolution aktiv mitzumachen, geprägt in einer Zeit, in der die sexuelle und die digitale Revolution noch weit weg, in der die großen gesellschaftlichen Umbrüche in Sachen Emanzipation, Genderdiskussion und Globalisierung kaum vorstellbar waren?

Was in der deutschen Publizistik, gelegentlich in der Belletristik, ja selbst in Film und Fernsehen immer wieder einmal durch Beschreibungen von Jahrgangstreffen oder Abi-Jubiläumsfeiern ergründet wird, gleicht in Frankreich eher einer black box. Denn die deutsche Tradition solcher Begegnungen von alten Schulfreunden („meine Frau, mein Haus, mein Auto“) gibt es in Frankreich nicht oder nur sehr selten. So kommt es, dass Hugues tatsächlich die Mehrzahl ihrer damaligen Klassenkameradinnen nach Jahrzehnten das erste Mal sieht und manche natürlich überhaupt nicht wiedererkennt. Umso größer die Überraschungen: Was, das ist aus der geworden?!

Und es gibt Enttäuschungen. Hugues kommt in ihrem Buch schon auf Seite 23 zu einem ziemlich ernüchternden Fazit: „Es gibt nichts Spektakuläres an diesen Berichten … Geburt in sehr bescheidenem Milieu, Schule, Frühkommunion und Erstkommunion, kurze Ausbildung, in seltenen Fällen das Abitur, der erste Job oft für immer, Hochzeit in Weiß, auch für immer, erstes Kind, zweites Kind, manchmal ein drittes, auf jeden Fall weniger als die Mutter, Beförderung bei der Arbeit, bei der sie es weiter bringen als ihre Eltern, Hausbau auf Kredit, Ehekrise, sich zusammenraufen, Hüftoperation, Stimmungstief, neuer Chef schwierig, überschüssige Pfunde … Ärger mit dem Sohn, der in der Schule nichts tut, Diplom der Tochter … die Enkelkinder kommen, während die Rollen sich vertauschen und nun sie es sind, die ihre Eltern mit dem Löffel füttern. All diese kleinen Ereignisse, die das Leben einer Frau ausmachen, zum Teil auch meines.“

Doch es macht die Stärke dieses Buches aus, dass es bei diesem vorläufigen Fazit nicht bleibt, weil Hugues genauer hinschaut: Sie erkennt den Mut und die Aufbrüche ihrer Klassenkameradinnen, die es in der Regel schwerer hatten als sie selbst, weil die Mehrzahl von ihnen meist aus einfacheren, bildungsferneren Schichten kam, nämlich aus dem Arbeiter-, Handwerker- oder Migrantenmilieu. Da war ein Aufstieg vor allem durch Bildung, manchmal zugleich ein notwendiger Bruch mit katholisch-engen Traditionen, schwerer. Auch der Radius des Lebens war oft enger: Viele Klassenkameradinnen blieben in Straßburg und Umgebung. Ein akademisch-kosmopolitisches Leben, das Hugues führen konnte, blieb den meisten ihrer Schulfreundinnen verschlossen.

Dennoch ist daraus kein melancholisches Buch geworden, sondern eines, das die Würde und den Stolz eines jeden Lebens dieser Frauengeneration entdeckt. Am Ende sind es fast durchweg Heldinnengeschichten der leisen Art. Schön, dass Hugues sie gefunden und so fein aufgeschrieben hat.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Echte Größe

Echte Größe

Herzwärmend: The Jazz Butcher

Ob jetzt The Jazz Butcher, The JB Conspiracy, The JB And His Sikkorskis from Hell oder The JB Quartet: Der Chef-Metzger war stets Pat Fish, bürgerlich 1957 als Patrick Huntrods geboren und im Oktober 2021 mit 63 Jahren verstorben. Er hat uns viel gegeben, hinterlassen ebenfalls, posthum nun das herzerwärmende Album The Highest In The Land mit acht Songs und einem Instrumental. 1982 gründete er die Band mit dem Gitarristen Max Eider in Oxford, der auch jetzt wieder dabei ist. Postpunk und Wave regierten, Rave stand an. Und Fish war das Uni-Gehabe zuwider, er entschied sich für die Musik, abseits vom Angesagten. So waren und blieben alle Jazz Butcher-Inkarnationen stets in dem Diesseits von Eden: Griffiger Indie-Folk-Pop fürs Wohlgefühl, Jazz-inspirierter Prä-Post-Punk mit Rückgriff auf Melodik der 1960er und songlyrisches Vehikel, um eigenwillig zu bleiben oder exzentrisch, wie das im guten Sinne auf der Insel heißt, indes höflich: Don’t give a damn – was wollt denn ihr?

Auf dieser Linie liegt auch The Highest In The Land. Stimme und Sound schmeicheln, die gewitzten Lyrics sind im Abgang teils sinister, sophisticated also: gefällig immer, harmlos nie. Songs mit Stil und zum Mitsingen, obwohl oft Schauder grundiert. Denn er war immer auch politisch, vom Beginn unter Thatcher bis zu Johnson zuletzt. Illusionslos unverzagt, blackly humorous. Das kann zu gedämpfter Trompete unterhaltsam sprudeln wie im Opener Melanie Hargreaves’ Father’s Jaguar, der an die Kinks erinnert und eine Luxuskarosse abfackelt, oder es kann wuchtig ergreifen und zu Tränen rühren wie im Anschluss Time: Die Drums ticken als Uhr, Reggae-Bass läuft rein, die Gitarre ist funky und springt ab in ein David-Gilmour-Solo, dazu talked Fish leicht angerauht „My hair’s all wrong. My time ain’t long/Fishy go to heaven, get along, get along.“

Von psychedelischer Hütte geht es von da zur kommunalen Kalkgrube: „I’ve got a one-way ticket to a pit of Council lime.“ Ein fröhliches Epitaph, das verwirrend schlüssig zur Kinderarbeit für Europas Akkus oder privatisierte Knäste schwenkt. Das nennen wir Größe. Produzent Lee Russell erzählt von der Arbeit am Album, dass Fishs nahes Ende die Zeit prägte. Er habe erfolgreich eine Krebstherapie hinter sich, doch die letzte Runde um den Block schon im Gefühl gehabt. Auch gemessen daran ist die Fröhlichkeit des Albums umwerfend und Einladung, altes Vinyl hervorzuholen oder inzwischen erhältliche JB-Boxen anzuschaffen. The Highest In The Land reicht aber vollauf, Dylan-Referenz in „Running On Fumes“ inklusive (er zitiert da „Lily, Rosemary and the Jack of Hearts“ von dessen „Blood on the Tracks“). Großes Kino und Kabinettstück in Sachen ars moriendi, der Kunst zu sterben. Warm, fröhlich. Der kickende, beschwingte Titelsong fasst das doppeldeutig bündig zusammen. RIP Jazz Butcher. Großes Dankeschön.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Im postlapsarischen Zustand

Im postlapsarischen Zustand

Ist „Bewahrung der Schöpfung“ ein theologisch tragfähiges Motto?
Foto: privat

"Bewahrung der Schöpfung“ ist das Motto schlechthin für kirchliches Engagement gegen Klima- und Umweltzerstörung. Daran ist zunächst einmal nichts verkehrt, denn natürlich ist das Engagement der Kirchen für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen auf der Welt und ihr Einsatz gegen den Klimawandel zu begrüßen. Auch die Kirchen dürfen sich dieser Menschheitsaufgabe nicht verschließen. Aber eine Frage bleibt dennoch bestehen: Ist dieses Motto theologisch tragfähig?

Die Formulierung des Mottos greift auf Genesis 2,15 zurück, wo Gott dem Menschen aufträgt, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren. Es ist der sogenannte Mandatarauftrag. Es stellt sich die Frage, warum das Motto nur das Bewahren aufnimmt, das Bebauen aber weglässt. Denn die Formel „Bebauen und Bewahren“ ist gerade deshalb eindrücklich, „weil sie Fortschritt und Erhaltung, progressio und conservatio, unmittelbar verbindet“, wie es der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber schon 1990 formuliert hat: „Bebauen, um das Anvertraute zu bewahren; Bewahren, um einen Ort des Bauens zu behalten.“ Das Motto „Bewahrung der Schöpfung“ deutet durch das Auslassen des „Bebauens“ die Schöpfungsgeschichte dahingehend, dass Gott die Welt bebaue und der Mensch sie bewahre.

So richtig dieser Gedanke ist – er ist biblisch nicht belegt. Außerdem ist fragwürdig, dass das Motto das „Bewahren“ in Bezug auf die ganze Schöpfung und nicht, wie biblisch, in Bezug auf den Garten Eden versteht. Diese Ungenauigkeit führt leicht zu der Fehlinterpretation, dass der Mensch durch sein Handeln den paradiesischen Urzustand erhalten könne, was aber aufgrund des Sündenfalls unmöglich ist, wie der evangelische Theologe Gerhard Liedke festgehalten hat. Zusätzlich ist von Bedeutung, dass die Aufforderung an den Menschen, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren, prälapsarisch ist, also in die (imaginierte) Zeit vor dem Sündenfall fällt (prae – vor; lapsus – Sündenfall). Aktuell befindet sich der Mensch aber aufgrund des Sündenfalls im postlapsarischen Zustand. Deswegen erscheint es sinnvoller, die postlapsarische Aufforderung zur Deutung des aktuellen menschlichen Handelns zu verwenden: So schickt Gott den Menschen nach dem Sündenfall aus dem Garten Eden weg und befiehlt ihm, den Erdboden zu „bebauen“ (Genesis 3,23). Das „Bewachen“/„Bewahren“ des Gartens Eden wird hingegen den Engeln aufgetragen (Genesis 3,24)!

Diese Neu-Interpretation von Gottes Auftrag an die Menschen als „Bewahrer der Schöpfung“ hat Folgen für ihr Tun und ihre Ethik. Kritiker wie Wolfgang Huber, Friedrich Wilhelm Graf und Trutz Rendtorff argumentieren, dass das Motto nicht ausreichend zwischen Schöpfer (Gott) und Geschöpf (Mensch) unterscheide. Da conservatio mundi in der klassischen Dogmatik allein und ausschließlich Handeln Gottes ist, wird der Mensch als „Bewahrer“ der Schöpfung an die Stelle Gottes gesetzt und tritt zusätzlich in „Konkurrenz zu Gott“.

Diese theologische Ungenauigkeit kann darauf zurückgeführt werden, dass das Motto nicht zwischen „Schöpfung“ und „Natur“ differenziert. „Natur“ bezeichnet nach Huber „die noch nicht erlöste Welt, die von Gott zur Erlösung bestimmt und bewahrt ist. Menschliches Handeln an der Natur ist damit als Mitwirkung an dieser Bestimmung und Bewahrung zu begreifen.“ Dementsprechend ist gerade die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf Voraussetzung für verantwortliches menschliches Handeln gegenüber der Natur. Denn erst wenn der Mensch seine eigene Begrenztheit im Gegenüber zu Gott wahrnimmt, kann er die Natur als Schöpfung wertschätzen und sein Verhalten dementsprechend ausrichten.

Genau an diesem Punkt wird, trotz der besten Absichten, die Absurdität des Mottos „Bewahrung der Schöpfung“ deutlich – ein Gedanke, den unter anderem Wolfgang Huber schon vor Jahren aufgegriffen hat: Das Motto „Bewahrung der Schöpfung“ spricht sich gegen die aus menschlicher Selbstüberheblichkeit entspringende Klima- und Umweltzerstörung aus, ist aber dabei aufgrund der Selbstbezeichnung des Menschen als Schöpfer durch eben diese menschliche Überheblichkeit geprägt. Deswegen kann nur die „Bewahrung der Natur“ Aufgabe des Menschen sein. Da Christen die Natur deshalb bewahren möchten, weil sie sie als Schöpfung verstehen, scheint die leider etwas umständlichere Formulierung „Bewahrung der Natur im Wissen um ihren Charakter als Schöpfung“ am geeignetsten, um das Bemühen der Kirche im Kampf gegen die Klimakatastrophe angemessen theologisch fundiert zu beschreiben. Denn erst wenn der Mensch die Natur als Geschenk Gottes wahrnimmt, kann er ebendiese als Schöpfung wertschätzen und sein Verhalten dementsprechend ausrichten. 


 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat

Dorothee Krimmer

Dorothee Krimmer studiert im siebten Semester Evangelische Theologie (Magister Theologiae) an der Georg-August-Universität Göttingen und ist  ehrenamtlich in der Klimabewegung aktiv.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Theologie"

Lecker hören

Lecker hören

Neues von Simon Höfele & Co

Was Till Brönner im Jazz erreicht hat, traut man dem über zwanzig Jahre jüngeren Trompeter Simon Höfele in der Klassik zu: eine steile Karriere, die bereits bravourös Fahrt aufgenommen hat. Dazu bringt er nicht nur hohe technische Kunstfertigkeit und einen exzellent variablen Ton, sondern eine äußerst reife musikalische Vorstellung mit, die sich eigenwillig und selbstbewusst zu positionieren weiß. Dass in dieser Vorstellung die Grenze zwischen Klassik und Jazz ein überkommenes Postulat ist, stellt er hier unter Beweis. Dazu hat er sich mit einem Bruder im Geiste verbunden: Frank Dupree, Pianist, Komponist und Kopf des nach ihm benannten Jazz-Trios mit Jakob Krupp (Bass) und Obi Jenne (Schlagwerk).

Süß und salzig kommt die CD mit einer gelungenen Auswahl von Jazz-Standards und im Ursprung groß orchestrierter Highlights von George Gershwin und Leonard Bernstein daher. Eher salzig, körnig wirken dabei die letztgenannten, für Trompete, Klavier und das feinnervig agierende Goldmund Quartett arrangierten Werke und Daniel Schnyders virtuos anspruchsvolle Trumpet Sonata in ihrer kammermusikalischen Reduktion und intellektuell buchstabierten Raffinesse. Die hoch konzentrierte Präzision, mit der hier alle zu Werke gehen, jede Vortragsbezeichnung deutlich hörbar machen und sich damit unweigerlich im Konzertsaal verorten, lässt zunächst ganz die klassischen Musiker zum Vorschein kommen – die Meister der Umsetzung, der Interpretation.

Aber wie gelingt der Weg von dort in die Bar, zum cremigen Jazz-Caramel? Wie von der Akkuratesse zum freien Spiel, zur Lebendigkeit der Improvisation? Gilt im Frack die detailgenaue Umsetzung der Partitur als Maßstab aller Dinge, ist es im Smart Blazer ein Unding, eine Phrase an zwei Abenden gleich zu spielen oder die Hookline von Kolleg:innen zu übernehmen. Inspiration und Improvisation als wegweisende Irritation in ein freies musikalisches Verständnis machen hier die Meister. Simon Höfele und Frank Dupree gelingen Orts- und Kleiderwechsel gekonnt mit einem kleinen Kunstgriff: Sie folgen dem Pfad der Freiheit durch die Mitte mit einem überzeugenden Sowohl-als-auch. Auf den Wurzeln ihrer Tradition greifen sie zunächst sehr genau auf Chet Baker und Miles Davis zurück, aber ihre Interpretationen sind dann doch deutlich mehr als Kopien. Das liegt einerseits an Höfeles Trompete, die dem Jazz in seiner Melange aus Streitlust und Schmelz immer eine pointiert barocke Körperlichkeit mitgibt, andererseits an der wunderbaren Einbettung in das Dupree-Trio, in der Jakob Krupps lebendiger Bass wie der Spazierstock in den Händen Charlie Chaplins schwingt. Die Platte hat was. Und davon eine ganze Menge!

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Neue Welt

Neue Welt

Klartext
Foto: privat

Innerlich berührt

Karfreitag, 15. April

Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! (Lukas 23,47)

Die Bedeutung, die Jesus von Nazareth für mich hat, prägt ganz entscheidend mein Verständnis des Karfreitags. Dass die möglichen Interpretationen eine große Bandbreite abdecken, ist kein Beleg für eine sich beschleunigende Verfallsgeschichte des Christentums. So lässt die Rede vom guten Menschen Jesus diesen gerade nicht in einer Form eines oft gescholtenen „Gutmenschentums“ aufgehen. Dietrich Bonhoeffer zeigt das sehr schön in der Christologie-Vorlesung, die er 1933 hielt: „Was heißt es, wenn der Proletarier in seiner Welt des Misstrauens sagt: Jesus war ein guter Mensch? (…) Mit dem Wort von dem guten Menschen sagt er jedenfalls mehr, als wenn der Bürger sagt: Jesus ist Gott!“ Was heißt es also, wenn der römische Hauptmann unter dem Kreuz bekennt: „Dieser Mensch war ein Gerechter!“ Sagt er damit womöglich nicht viel mehr als der fromme Kirchgänger, der den am Karfreitag zu Tode Gebrachten als Gottes Sohn bekennt? Dem römischen Hauptmann kommt hier die Rolle dessen zu, der nicht zur Gemeinschaft der legitimierten Interpreten des Todes Jesu dazugehört. Er kann sich nicht einmal auf ein allgemeines Priestertum berufen. Denn er kennt weder die Sprachspiele der theologisch Gebildeten, noch beherrscht er die Regeln des angemessenen religiösen Verhaltens. Er betet nicht, fasst aber in Worte, was er wahrnimmt und was ihn im Innersten berührt. Gerade deshalb wird er zum Prototyp des religiösen Deuters des Karfreitags. Und gerade deshalb hält er auch für mich unter dem Kreuz einen Platz frei. Denn am Karfreitag ist weder meine religiöse Korrektheit gefragt noch die Bereitschaft, mich in den Chor derjenigen einzuordnen, die erklären können, warum dieser schreckliche Tod sein musste. Am Karfreitag gibt es weder etwas zu erklären noch zu verklären. An diesem Tag wird zuallererst offengelegt, wie es um mich und um die Welt steht. Und wenn ich in dem guten Gerechten am Kreuz den Ausweg aus der Todesspirale erkenne, wird dieser Tag zum Guten Freitag, Good Friday, wie der Karfreitag in England heißt.

 

Große Überraschung

Ostersonntag, 17. April

Und sie (die drei Frauen) kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. (Markus 16,2)

Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Dies ist einer der Sätze, die ich in der religiösen Welt meiner Kindheit mitbekommen habe und nie mehr loswerde. Also: Herzlichen Glückwunsch, lieber Sonntag! Denn an Ostern feiern wir deinen Geburtstag. Dabei ist das Sonntagsprogramm des Ostermorgens durchaus anspruchsvoll. Gleich vier Punkte fallen ins Auge. Erstens: Früh machen sich die drei Frauen auf den Weg. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen. Daher gibt es bei uns so früh einen Gottesdienst. Sonst lockt eher der um 11 Uhr die Menschen in die Kirche. Zweitens: Was die Frauen vorhaben, braucht einen Vorlauf: Gut riechende Öle müssen gekauft werden. So lassen sich die Frauen ihren Gang zum Grab etwas kosten – was die Uhrzeit und den Preis angeht. Die Sonntagskleidung früherer Generationen reflektierte das noch. Drittens: Auch logistisch haben sie mit Hindernissen zu rechnen. Denn der schwere Stein muss noch vom Grab weggerollt werden. Also gerade kein niederschwelliges Angebot, im Gegenteil. Und viertens, das Wichtigste: Die drei Frauen müssen mit einer faustdicken Überraschung fertig, werden. Denn es kommt alles ganz anders als gedacht: Der Stein ist weg. Und der, den sie suchen, auch. Das wäre doch das klassische Ziel jedes Sonntagsgottesdienstes – damit zu rechnen, dass alles anders kommt. Wider alle Erwartung und wider allen Kleinglauben. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Am Ende siegt vielmehr das Leben. Jeden Sonntag – und auch unter der Woche – ist das ein Grund zum Feiern. Das Schweigen und Entsetzen der drei Frauen dauerte nicht ewig. Sonst hätten wir von den Ereignissen am Ostermorgen nichts mitbekommen. Jede Woche freue ich mich neu auf den Sonntag. Und darum feiere ich auch gerne seinen Geburtstag.

 

Starker Neuanfang

Quasimodogeniti, 24. April

Er (Christus) hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war. (Kolosser 2,14)

Quasimodogeniti, auf Deutsch: wie die neugeborenen Kinder! Das ist für mich der schönste Name für einen Sonntag im Kirchenjahr. Das Bild eines in die Welt geworfenen Bündels prallen Lebens, mal juchzend, mal zappelnd, ohne Argwohn, voller Lebenslust, egal ob sich diese in protestierendem Weinen oder lächelndem Glucksen ausdrückt. So ganz anders, so glücklich könnten wir leben, wenn uns aufginge, dass das, was uns am Leben hindert, eigentlich nicht mehr zählt. Das Bild vom getilgten Schuldbrief ist aktuell in einer Welt, in der Menschen auf Pump leben – im wörtlichen und im bildhaften Sinn. Wie befreiend habe ich es erlebt, als ein aufgenommener Kredit abbezahlt war und die Bank mich darüber informierte. So kann ich dem Bild des Kolosserbriefs einen geistlichen Nährwert abgewinnen. Diese Befreiungserfahrung bringt der Verfasser mit der Taufe in Verbindung. Und er ist kaum zu stoppen in der Wahl der Bilder des Neuanfangs, den die Taufe ermöglicht: begraben und auferweckt. Tot und lebendig. Das Böse entmachtet. Die Zukunft im Triumph. Und eben: die Schulden abgelöst. Vorzeitig. Ohne Bedingungen. Seit den Anfängen der Kirche wird am Sonntag nach Ostern dieser radikale Neuanfang gefeiert. Noch einmal tragen diejenigen, die in der Osternacht getauft wurden, ihr weißes Taufkleid. Der „Weiße Sonntag“ unserer katholischen Schwesterkirche erinnert daran, wenn die Acht- oder Neunjährigen zum ersten Mal die Kommunion empfangen. Etwas von dieser Festtagshaltung möchte ich mir für jeden Sonntag bewahren. Und den Namen dieses Sonntags zum Motto meiner christlichen Existenz machen.

 

Glaube im Fluss

Miserikordias Domini, 1. Mai

Spricht er (Jesus) zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. (Johannes 21,17–18)

Irgendwann im Leben geht einem auf: Mein Glaube hat Geschichte. Er ändert sich. Bleibt im Fluss. Nicht deshalb, weil ich klüger geworden bin oder mehr vom Geheimnis des Glaubens verstanden habe. Geschichte hat mein Glaube vielmehr, weil mein Leben Geschichte ist: Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter. Die Antwort auf die Frage, wie viel Steuerung mir jeweils möglich ist, ist ein gutes Kriterium, um eine Geschichte meines Glaubens in einzelnen Abschnitten zu schreiben. Petrus hat Hoch-Zeiten seines Glaubens erlebt. Der Ruf in die Nachfolge. Die Zueignung des Namens Petrus, auf Deutsch: „Fels“. Der Einsatz seines Lebens für den, der ihm alles bedeutet. Der Mut, beim Prozess gegen Jesus in der ersten Reihe zu stehen – um den Preis des Nicht- Kennen-Wollens. Das leere Grab. Der Gang übers Wasser. Nicht als strahlender Held steht er am Ende da, sondern als einer, der gelernt hat, dass alles Gelingen Geschenk ist. Dass er nur dann nicht untergeht, wenn er die Hände ergreift, die sich ihm hilfreich entgegenstrecken. Nicht als Macher geht Petrus in die Geschichte des Glaubens ein. Vielmehr als einer, der zu dem gemacht worden ist, den wir in Erinnerung haben. Als einer, der sich den Wendungen seines Lebens stellen muss, die er wohl nicht gesucht hätte. Als der, der sich am Ende nicht wehrt, wenn ihm ein anderer die Richtung in seinem Leben vorgibt. Gerade so wird er für mich zu der Art von Fels, an den auch ich mich gerne klammere, wenn die Geschichte meines Lebens mich in stürmische See führt. Diese Art von Petrusdienst, der sich den Biegungen meiner Lebens- und Glaubensgeschichte anpasst, ist mir sympathisch. Und sie reicht mir völlig aus.

 

Mit den Menschen

Jubilate, 8. Mai

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. (1. Mose 1,31)

Ein Satz aus völlig anderen Zeiten. Womöglich beschreibt er von allem Anfang an nur einen Wunsch – dass vieles von dem gut sein möge, was die Menschen seit Jahrtausenden als belastend und niederträchtig, als un-gut empfinden. Die Geschichte der Erde ist ja nie einfach nur gut gewesen. Und Corona hat in Erinnerung gerufen, dass nicht einmal die Schöpfung an sich nur gut ist. Der biblische Schöpfungsbericht verlagert die guten Zeiten in den Anfang, als allein Gott in der Welt agierte. Alles Böse käme dann erst durch den Menschen in die Welt. Ich bezweifle schon ein wenig, dass die Geschichte Gottes mit den Menschen so einfach zu deuten ist. Ich tendiere eher zu der Sichtweise, dass die Vorstellung einer Welt, in der alles gut ist, nicht deren Anfang beschreibt, sondern eher eine Zielvorgabe. Gott will in dieser Welt nicht ohne uns Menschen sein. Daher ist es sinnlos, von einer guten Welt ohne Menschen zu träumen. Es ist vielmehr sinnvoll, sich die Welt als eine gute vorzustellen, mit der wir die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbinden. Auf diese Weise wird die Entstehung der Welt und Erschaffung des Menschen zu einem Hoffnungsprojekt. Die Erde gut – dafür setzen wir uns ein. Der Mensch als Gottes Ebenbild – das stellt vor Augen, wie Gott uns Menschen gemeint hat. Arbeit und Ruhe in einem heilsamen Rhythmus ist ein unveränderliches Kennzeichen der neuen Welt Gottes mitten in unserer alten. Viel zu oft spricht die Wirklichkeit diesem Hoffen noch Hohn. Ruinierte Lebenswelten, Kriege, die unerwartet über uns hereinbrechen, machen die Sehnsucht groß und halten die Hoffnung klein. Der Schöpfungsbericht lässt sich als Protest gegen die Wirklichkeit verstehen. Und als Aufforderung, Gott in unserem Hoffen und der Gestaltung unseres Lebens nicht außen vor zu lassen. Und Gottes gute Welt im Kleinen immer wieder zu erglauben.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Theologie"

Asyl für die „Höllenbrände“

Soeben ist die Weser in Hannoversch Münden aus dem Kuss von Werra und Fulda entstanden und schlängelt sich gemütlich durch den Reinhardswald nach Norden.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Alles auf Null gesetzt

Alles auf Null gesetzt

Von Männern, Kriegen und der ungerechten Wehrpflicht
Foto: privat

„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Ein Zettel mit diesem Satz hing jahrelang an einem Küchenschrank im Hause meiner Eltern. Meine Mutter war leidenschaftliche Friedensaktivistin und ging immer freitags zum Schweigekreis in die Fußgängerzone (später verlegte sie sich auf Hup-Demos für den Frieden vor Regierungsgebäuden). Als Kind hat mich dieser Satz fasziniert, weil es ein bisschen was von Schwänzen hatte: Die Pflicht ruft, und alle schwänzen – die Soldat*innen, die Mitarbeitenden in den Kasernen und im Verteidigungsministerium, die Arbeiter*innen in den Munitionsfabriken. Alle bleiben Zuhause, schmieren Brote für ihre Kinder und gießen die Blumen. Als Kind schien mir das eine ganz überzeugende Lösung zu sein: Für den Frieden muss man eigentlich gar nicht groß was machen, man bleibt einfach weg.

Heute lese ich den Satz natürlich genauer durch die Genderbrille: Keiner geht hin, d.h. kein Mann geht hin. Somit ist der Satz auch eine Kritik an der Diskriminierung von Männern, die aufgrund ihres Geschlechts gezwungen werden, Waffen in die Hand zu nehmen und im Falle eines Falles auch anzuwenden. Bis 2011 galt in der BRD: Wer das nicht wollte, musste verweigern (und damit eine mühevolle Prozedur der Gewissensprüfung über sich ergehen lassen) oder (bis zum Fall der Mauer) nach Westberlin ziehen oder ein Theologiestudium beginnen. Heute ist die Wehrpflicht (gemeint ist „natürlich“ die Wehrpflicht für Männer) nicht abgeschafft, sondern nur ausgesetzt. Seltsam, wenn man bedenkt, dass die Gleichstellung der Geschlechter in den meisten gesellschaftlichen Bereichen zwar nicht umfänglich umgesetzt ist, aber doch angestrebt wird, und da, wo dies nicht geschieht, öffentliche Kritik erfolgt. Nicht so bei der Wehrpflicht: Ganz ohne Zweifel steht sie im Widerspruch zu der im Grundgesetz verankerten Gleichheit der Geschlechter. Das Bundesverfassungsgericht sieht es allerdings anders: 2002 beschied es, die Wehrpflicht für Männer sei mit dem Grundgesetz vereinbar und habe den gleichen Rang wie die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Wieso gab es in den zwanzig Jahren seit dieser Entscheidung keinen öffentlichen Protest gegen die vermeintliche Gleichrangigkeit von Geschlechtergerechtigkeit und offenkundiger Diskriminierung von Männern? Wo waren wir Feministinnen in all den Jahren?

Überkommene Rollenbilder

Vielleicht habe ich mich zu leicht der Illusion hingegeben, Krieg sei nur etwas für ferne Länder, dass in Deutschland so etwas nicht möglich sei und dass die Aussetzung der Wehrpflicht ihrer Abschaffung quasi gleichkäme, dass die Alarmstufe „Verteidigungsfall“, die der Bundestag beschließen müsste als Vorbedingung der Wiedereinsetzung der Wehrpflicht, ein rein theoretischer Zustand sei. Und mit all diesen Illusionen verband sich die stillschweigende Akzeptanz, dass der Krieg die scheinbar natürliche Grenze aller gleichstellungspolitischen Anstrengungen bildet. Der Krieg annulliert den Kampf gegen toxische Männlichkeiten und das Recht von Männern, gleichberechtigt Sorgearbeit für die Familie zu leisten. Der Krieg setzt alles auf Null und proklamiert: Männer zu den Waffen, Frauen zu den Kindern. Frauen fliehen und Männer bringen sich gegenseitig um.

Überkommene Rollenbilder feiern fröhliche Urständ und erfahren überdies Applaus in entsprechenden Szenen. Die rechtsgerichtete Organisation „Junge Alternative“ postete bei Facebook Anfang März: „Es ist interessant, wie empfänglich politmediale Eliten und Meinungsmacher der Bundesrepublik plötzlich für ausländischen Patriotismus, toxische Männlichkeit und Heroismus sind: Im Schützengraben gibt es keine 67 Geschlechter, keine Frauenquoten, keinen politisch-korrekten Wokism. Für all das wird dort nicht gekämpft.“ Genau, denn im Krieg geht es Größeres, um Nation und Vaterland und um Freiheit von allem Gender-Gaga.

Der Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit darf kein Handlungsfeld sein, das wir uns in Friedenszeiten leisten, um es im Krieg abzuschalten wie eine Kaffeemaschine. Eine feministische Friedenspolitik muss darauf dringen, dass das, was in der Innenpolitik gilt, auch in der Außenpolitik Gültigkeit hat. Für mich heißt das (unter anderem): Die Wehrpflicht für Männer ist abzuschaffen – wie auch für jedes weitere Geschlecht. Alles andere ist Gedöns.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Wie ein Zeuge vor Gericht

Das Grundstudium der Theologie verbrachte ich an der Berliner Humboldt­universität. Und schon früh war mein Thema die Sprache.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
abonnieren