Eine Frage des Stils

Der Zusammenhalt in der Gesellschaft bröckelt.

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Ampeleien

Rumms, da war es aus mit der Ampel. Dabei war sie doch die erste ihrer Art, aber sie hielt nur kurze Zeit. Sie explodierte einfach, denn die 1868 auf dem Parliament Square in London aufgestellte Ampel wurde noch mit Gaslicht betrieben. So gesehen ist es nur folgerichtig, dass sich die nach langen Jahren der großen Koalition hoffentlich kommende „Ampel“ in Berlin auch sehr intensiv mit dem Ende der fossilen Energienutzung auseinandersetzt. Ein Thema voller Sprengkraft, der Big Bang am Big Ben sollte als Warnschuss dienen.

Apropos Urknall – tatsächlich war die Geschichte der Ampel mit der Explosion ja nicht zu Ende. Im Gegenteil, sie setzte elektrifiziert zum Siegeszug rund um die Welt an: Cleveland (1914), Detroit, New York (beide 1920), Paris (1922) und  dann auch in Deutschland, am Potsdamer Platz in Berlin, wo man heute noch einen Nachbau des Verkehrsturms aus dem Jahr 1924 sehen kann. Das wilde Treiben im Babylon an der Spree konnte sie zum Glück nicht wirklich regulieren.

Übrigens – hätte es damals schon eine „Ampelkoalition“ gegeben, wären die Liberalen außen vor geblieben. Es gab nur  zwei Farben, rot und grün. Wobei es die Grünen ja noch nicht gab, dafür aber die „Heuer-Ampel“, erfunden von Josef Heuer. Die würfelförmigen Gebilde, die mit Drahtseilen über einer Kreuzung hingen und in denen Zeiger auf einer  Scheibe mit roten und grünen Farbflächen rotierten, waren von den 1930er- bis in die 1960er-Jahre in den Niederlanden, Österreich und Deutschland in Betrieb. Einen historischen Nachbau dieser Ampel kann man übrigens in der Bochumer Innenstadt bewundern. Muss man aber vielleicht auch nicht.

In einigen Regionen Chinas gibt es heute noch Ampeln, die auf „Gelb“ verzichten – sehr passend für ein Land, für dessen Regierung liberales Denken und Handeln eine Bedrohung ist.

Apropos – in der katholischen Kirche gibt es ja schon lange Ampeln, und zwar mit noch geringerem Farbenspiel. Denn eigentlich bezeichnet der Begriff „ampulla“ laut Wikipedia ein „kleines Gefäß für Öl oder andere Flüssigkeiten“, meist zu geweihtem Gebrauch bestimmt. Im Mittelalter war das dann vor allem das Ewige Licht in der Kirche. So viel also zur Frage, wie politisch Kirche sein sollte. Schließlich gilt es ja, hier auf einen ordentlichen Umgang mit dem etymologischen Erbe zu achten – und vielleicht auch auf etwas mehr Besinnung und Konzentration auf das Wesentliche.

Dazu könnte eine Ampel in Mumbai hilfreich sein. Dort testet die Polizei eine Ampelanlage, welche die Lärmbelästigung durch hupende Verkehrsteilnehmer reduzieren soll. Wenn es an der Kreuzung lauter wird als 85 Dezibel, bleibt einfach alles auf Rot. Freie Fahrt für leise Bürger. Wäre das nicht eine Idee für die neue Verkehrsministerin? 

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Weitere Beiträge zu "Politik"

Ursprünge des Lebens

Mutter Erde und Gott Vater im Himmel: Das Nährende, Bergende überhaupt wird traditionell mit der Mutterrolle verbunden, die entsprechende Funktion im Geistigen oft mit dem

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Spuren

Spuren

Eine deutsch-jüdische Familie

Im Jahre 1812 ließ sich Scholem, Sohn des Elias, in der preußischen Verwaltung von Glogau eintragen. Als er nach dem Nachnamen gefragt wurde, verstand er es nicht und wiederholte seinen Vornamen. Der Beamte trug als seinen vollständigen Namen „Scholem Scholem“ ein. So erzählte man es in der Familie, der Nachname war der erste Schritt zur Emanzipation. Das Edikt König Friedrich Wilhelm III. machte sie möglich, am 11. März 1812 hatte es der Monarch erlassen. Man kann die deutsch-jüdische Epoche auch 1743 beginnen lassen mit der Ankunft von Moses Mendelssohn in Berlin. Wann sie endet? Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus im Januar 1933 oder Januar 1939, als nach Saul Friedländer kein jüdisches Leben in Deutschland mehr möglich war?

Jay Howard Geller greift in seinem Buch das Jahr 1938 heraus, als Gershom Scholem, der berühmte jüdische Gelehrte aus Jerusalem, in New York das Schiff verlässt, um Vorträge über die Kabbala und den Chassidismus zu halten, als seine Brüder Reinhold und Erich, die in Berlin die väterliche Druckerei weitergeführt hatten, in den Hafen von Sydney einfahren, um ein neues Leben zu beginnen, und als der vierte im Bunde, Werner, im Konzentrationslager Buchenwald eintrifft, einer der bekanntesten Kommunisten des Reiches, ehemaliger Reichstagsabgeordneter und Journalist.

An diesen vier Brüdern ließen sich die verschiedenen Entwicklungen zeigen, „die für die Welt des jüdischen Bürgertums typisch waren“. So schrieb es der jüngste der vier Brüder, Gershom Scholem, in seinen Erinnerungen „Von Berlin nach Jerusalem“. Er hatte inzwischen seinen Vornamen von Gerhard in Gershom geändert. Der amerikanische Historiker Geller nimmt diesen Faden auf und es entsteht ein dichtes Geflecht von Lebensschicksalen, in deren Mittelpunkt das Ehepaar Arthur und Betty Scholem stehen sowie ihre vier Söhne. Die Familie, deren Vorfahren aus Schlesien in das aufsteigende Berlin kamen, wird durch die wirtschaftlichen und politischen Umbrüche geprägt und zugleich bestimmen sie diese auch mit. Sie erfahren Anerkennung und bekommen ebenso den immer stärker werdenden Antisemitismus zu spüren. Die jüdische Bevölkerung ist nicht nur Garant des Bildungsbürgertums, was selbst der zum Antisemitismus neigende Schriftsteller Theodor Fontane einräumen muss, sondern sie versucht auch die Demokratie im Reich zu stützen.

Es ist die tiefe Tragik, dass durch die Aufstellung von Ernst Thälmann Hindenburg Reichspräsident werden konnte. Bitter bemerkte Betty Scholem: „Die Kommunisten mit ihrem eigenen Kandidaten haben das angerichtet, ihre zwei Millionen hätten Marx durchgebracht.“ Und sie wusste dabei nur zu genau, dass es ihr Sohn Werner war, der Ernst Thälmann gegen starke Widerstände in der eigenen kommunistischen Partei durchgesetzt hatte.

Gellers Familiensaga ist ein geistreicher Reiseleiter durch die Zeit mit ihren unterschiedlichen jüdischen Strömungen und Verästelungen. Auch wenn jedes Detail akribisch belegt ist – immerhin enthält das 463 Seiten starke Werk rund 127 Seiten mit Anmerkungen, dazu ein umfangreiches Literaturverzeichnis –, wirkt das Buch wie von allem wissenschaftlichen Ballast befreit, bisweilen erscheint es geradezu unterhaltsam, stellenweise auch durchaus humorvoll erzählt, wenn zum Beispiel der junge Gerhard Scholem ausgerechnet unterm Weihnachtsbaum ein Porträt von Theodor Herzl findet.

Jahre später wird man sich wundern, dass unter dem Kidduschbecher die Aufschrift „Weihnachten 1921“ eingraviert steht. Die Zeiten hatten sich geändert. Betty Scholem, die den Zionisten einst trotzig ihr Deutschtum entgegenhielt, musste bitter feststellen, dass ihr nun mitgeteilt wurde, dass sie keine Deutsche sei. Und wenn sie dann sagt: „Ich begreife nicht, daß sich nicht 10 000 oder nur 1 000 anständige Christen finden, die das nicht mitmachen u. laut protestieren“, dann hallt das bis in unsere Zeit hinein.

Es geht um die Spuren dieser langen deutsch-jüdischen Geschichte, die Geller in den Lebenswegen der vier Brüder folgt, in denen sich jeweils eine der Möglichkeiten spiegelt, die sich den deutschen Juden nach dem Ersten Weltkrieg bot. Am Ende muss er feststellen, dass „die alte, spezifisch deutsch-jüdische Kultur … nahezu verschwunden“ ist. Dass sie aber die Geschichte unseres Landes wesentlich geprägt hat, macht Gellers Darstellung nur allzu deutlich. Sich dessen bewusst zu bleiben, ist das Verdienst dieses Buches. Dass es im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag erscheint, ist naheliegend. Gershom Scholem war – verständlicherweise – sehr wählerisch, wem er seine Werke in deutscher Sprache anvertrauen sollte, er wandte sich an Siegfried Unseld, den Verleger des Suhrkamp Verlages. Dort ist auch Gellers Buch in guten Händen.

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Spannend

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Das Kochbuch der Großmutter

Ihre Familienbiografie, in deren Mittelpunkt das Kochbuch ihrer Großmutter steht, beginnt Karina Urbach mit einem überraschenden Bekenntnis: „Ich kann nicht kochen.“ Diese Unzulänglichkeit erklärt, warum die Historikerin sich für Omas Bestseller „So kocht man in Wien!“ nicht interessierte. Erst als ihre Cousine ihr eine Kiste mit alten Briefen und Tonbandkassetten von Alice Urbach vorlegte und sie zum Schreiben ermunterte, fiel Karina Urbach auf, dass sie zu Hause das besagte Kochbuch gleich zweimal hat: Das Original aus dem Jahr 1935 und ein fast identisches, das 1938 im gleichen Verlag erschien – von einem gewissen Rudolf Rösch. Wer war er? Hat er überhaupt existiert? Karina Urbach schrieb daraufhin einen Krimi.

Im Mittelpunkt dieses gut recherchierten und auch sehr lesbaren Buches steht die Wiener Überlebenskünstlerin Alice. Nach dem frühen Tod ihres Mannes musste sie ihre beiden kleinen Kinder ernähren. Studiert hatte sie nicht, aber kochen konnte sie immer. Also gründete sie 1920 eine Kochschule, hielt Vorträge und fasste ihre Rezepte und Erfahrungen auf 500 Seiten zusammen. Auf ihr Autorenfoto verzichtete der Münchner Verlag, wohl weil sie zu jüdisch aussah. Es wurde ein Bestseller und zugleich ihre Rettung. Mit dem Verzicht auf ihre Urheberrechte konnte sie die Flucht nach England finanzieren. Dort leitete sie ein Heim für jüdische Flüchtlingskinder aus Nazi-Deutschland. 1941 gelang ihr die Weiterreise zu ihrem ältesten Sohn Otto nach New York. Doch die Sehnsucht nach Wien blieb auch dort bestehen, wie Karina Urbach aus einem Gedicht erfuhr, das Alices Bruder ihr 1942 schickte: „Es gibt kein Land, wo nie die Sonne schien.Doch keines kann die Heimat mir ersetzen. Denn leben, atmen kann ich nur in Wien!“

Karina Urbach verflicht gekonnt und spannend die Geschichte ihrer Großmutter mit der ihres Vaters Otto, der nach Kriegsende im besetzten Deutschland für den amerikanischen Geheimdienst flüchtige Nazis jagte. Die Geschichte der beiden kreuzte sich 1949 in Wien, wo Otto im Kalten Krieg tätig war. 1949 besuchte ihn Alice dort. Bei einem Spaziergang entdeckte sie im Schaufenster einer Buchhandlung das Buch „So kocht man in Wien!“ Als Autor ihres Buches stand jedoch ein gewisser Rudolf Rösch.

Alice Urbach hatte drei Schwestern in der Shoah verloren. Sie beschloss dennoch, um die Rückgabe ihres gestohlenen Kochbuches zu kämpfen, aber ohne Erfolg. Und das, obwohl der Ernst Reinhardt Verlag in der Neuauflage 1938 rund zwei Drittel ihres Textes und sogar die Fotos ihrer Hände übernahm. Streichen ließ er Rezepte wie das „Omelette Rothschild“ oder die „Jaffa-Torte“.

Es ist möglich, dass Alice von einer neuen Karriere in Wien träumte. Daher erschien sie 1948 sogar persönlich im Verlag, wurde aber mit falschen Behauptungen abgewiesen. Noch im hohen Alter bemühte sie sich darum, dass ihr Buch wieder unter ihrem Namen erscheint. Sie verstarb in den USA mit 97 Jahren, ohne ihr Ziel zu erreichen. Der Münchner Verlag vertrieb das arisierte Buch bis 1966.

Als Karina Urbach beim Münchner Verlag nachfragte, erhielt sie die Antwort, man habe kein Archiv mehr über Alice Urbach. Die Historikerin fand jedoch heraus, dass der Verleger in einer Festschrift 1974 Bezug auf Alices Besuch in seinem Büro genommen hatte. Dafür, dass er ihre Rezepte unter anderem Namen verwendete, wollte er sie keinesfalls entschädigen. Erst nach einem Interview im SPIEGEL 2020 gab der Reinhardt Verlag Alices Autorenrechte an ihre Erben zurück und druckte in einer limitierten und nicht verkäuflichen Auflage nach. Karina Urbach verspricht, bald einen Kochkurs zu besuchen.

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Vorahnung

Vorahnung

Theologie für die Diakonie

Was macht Diakonie heute noch dia­konisch? Dieses, insbesondere durch Ökonomisierung und Pluralisierung bedingte, hochbrisante Thema beschäftigt seit Jahren den diakoniewissenschaftlichen Diskurs. Meist geht es dabei um die Etablierung einer Unternehmenskultur als Summe der gelebten Werte und Haltungen einer Einrichtung („So machen wir das hier“), die es aktiv zu gestalten gilt.

Häufig wurde dabei die Trägerperspektive eingenommen und gefragt, was diakonische Einrichtungen tun können, um „diakonisch profiliert“ aufzutreten. Das Besondere an dem Buch „Merkmale diakonischer Unternehmenskulturen in einer pluralen Gesellschaft“, das als Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojektes (2015 – 2018) unter Leitung von Beate Hofmann am Institut für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement der diakonischen Hochschule Wuppertal durchgeführt wurde, ist die bewusste Einnahme der Mitarbeitenden- und Bewohnerperspektive zu diesem Thema. In 33 Einrichtungen der stationären Alten- und Eingliederungshilfe wurde durch Fragebögen und Interviews untersucht, wie insbesondere Mitarbeitende ohne kirchlichen Bezug Elemente diakonischer Kultur wahrnehmen und welche Relevanz sie diesen für die Einrichtung und sich selbst persönlich zurechnen. Quasi als „Bonus“ wurde dem Forschungsprojekt noch eine Komplementärstudie angehängt, bei der in einem eigenen Kapitel des Buches die Wahrnehmung und Bewertung diakonischer Elemente aus Sicht der BewohnerInnen der Einrichtungen untersucht wurde. Mitarbeitende und BewohnerInnen bewerten das diakonische Profil allgemein viel stärker anhand der verinnerlichten Haltungen und gelebten Beziehungen.

Sichtbare Elemente, Beziehungen zur örtlichen Kirchengemeinde oder Rituale kommen nur an zweiter Stelle vor und werden nur in Verbindung mit einer als diakonisch erfahrenen Haltung als authentisch und hilfreich wahrgenommen. Dabei wird durch eine wachsende Säkularisierung der Nutzer:innen diakonischer Angebote zunehmend die Relevanz religiöser Angebote und Rituale in Frage gestellt. Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist auch die Notwendigkeit von „Ankerpersonen“, die durch ihre gelebte Vorbildfunktion die Kultur mit Leben füllen. Generell zeigt sich durch die Studie ein gemischtes Bild:

Zum einen wird illustriert, dass auch in einer pluralen und zum Teil entkirchlichten Mitarbeiterschaft eine hohe Akzeptanz vorherrschen kann, sich mit diakonisch-christlichen Kulturmerkmalen und Praktiken auseinanderzusetzen und diesen für die Identität der Einrichtung und zum Teil auch persönlich eine hohe Bedeutung zuzuschreiben. Zum anderen muss es der Diakonie jedoch zukünftig viel mehr gelingen, die Relevanz dieser Praktiken zu kommunizieren und zu kultivieren, da diese immer weniger als gegeben vorausgesetzt werden kann. In den letzten beiden Kapiteln werden die Konsequenzen der Ergebnisse kurz erläutert sowie durch Beiträge externer Kommentatoren weiterführende Impulse gesetzt, wie dies gelingen kann und was noch zu tun wäre. Mit seinen zahlreichen Zitaten, in denen Mitarbeitende selbst zu Wort kommen, sowie Auswertungen und Zusammenfassungen gibt das Buch einen spannenden Einblick in die Denk- und Wahrnehmungswelt der wahren Kulturträger. Einige Ergebnisse decken sich mit den gefühlten Vorahnungen, andere überraschen und regen zum Weiterdenken an. Das Kernergebnis der Studie kommt letztendlich sehr deutlich rüber: Diakonische Identität ist auch mit einer pluralen Mitarbeiterschaft möglich, aber sie muss aktiv erarbeitet, reflektiert, kommuniziert und gelebt werden, wenn sie relevant bleiben will.

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Querschnittsaufgabe

Querschnittsaufgabe

Über sorgende Gemeinschaften

Durch die Corona-Krise tritt das Thema Gemeinschaft neu in den gesellschaftlichen Fokus, lautet die Gesellschaftsdiagnose von Cornelia Coenen-Marx. Auf 180 Seiten beschreibt sie die soziale Relevanz der Gemeinschaftsthematik und illustriert mit zahlreichen Good-Practice-Beispielen die Chancen, die sich dadurch für die Kirchen ergeben. Sie wirbt für eine Öffnung von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen in den Sozialraum. Eine Zentrierung der Arbeit auf Kirchenmitglieder habe keine Zukunft mehr.

Drei Faktoren seien es, die gegenwärtige soziale Transformationsprozesse kennzeichnen: gesellschaftliche Brüche, wachsende Einsamkeit und eine starke Sehnsucht nach Gemeinschaft. Die Corona-Krise habe die Auswirkungen der Transformationsprozesse verstärkt. Coenen-Marx sieht eine Parallele zu den gesellschaftlichen Umbrüchen, die durch die Industrialisierung vor zweihundert Jahren ausgelöst wurden. Der Kerngedanke von Coenen-Marx’ Entwurf sind die Caring-Communitys, die sorgenden Gemeinschaften, die Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Coenen-Marx findet deren Prinzip in den von Wichern, Löhe und Fliedner im 19. Jahrhundert gegründeten Anstalten grundgelegt. Die christliche Urgemeinde in Jerusalem (Apostelgeschichte 2) interpretiert sie ebenfalls als Caring-Community. Beide, diakonische Aufbrüche des 19. Jahrhunderts und die Jerusalemer Urgemeinde, sind die theologischen Anker des Entwurfs.

Vertrauen in die Nachbarschaft kennzeichnet sorgende Gemeinschaften. Es entsteht durch gegenseitiges Unterstützen. Als Akteursgruppe einer lebendigen Nachbarschaft sieht Coenen-Marx die „jungen Alten“, denn Berufseinstieg, Karriere und Familiengründung laste auf den Jüngeren. Die Motivation der jungen Alten, sich zu engagieren, solle kein Altruismus sein, sondern der Nutzen, den die sozialen Kontakte und das Engagement bringen. Kirchengemeinden bekommen den Charakter von Strukturen, die zur Ermöglichung von sorgenden Gemeinschaften beitragen. Sie haben oft freie Räumlichkeiten, liegen relativ zentral im Quartier oder Dorf und haben spirituelle Ressourcen. Allerdings müsse die „Für-Kultur“ in Diakonie und Kirche durch eine „Mit-Kultur“ abgelöst werden. So könne ein „Wir der Freiheit“ entstehen. Dazu gehöre die interkulturelle Öffnung der Gemeinden und Einrichtungen. In Anlehnung an die paulinische Nivellierung sozialer Unterschiede in der christlichen Gemeinde sollen Herkunft, Geschlecht und andere soziale Kriterien keine Rolle für die gelebte Gemeinschaft spielen. Die Gemeinschaft solle in einem weiten Sinn inklusiv sein.

Der Aufbau von Gemeinschaft wird im Muster der Netzwerklogik gedacht. Gemeindehäuser werden dann zu „dritten Orten“, an denen sich die Netzwerke der sorgenden Gemeinschaften lokalisieren. Zu den spirituellen Ressourcen von Kirchengemeinden zählt Coenen-Marx die Fähigkeit, Rituale für Lebensübergänge zu gestalten und dem Erzählen individueller Lebens- und Erfahrungsgeschichten Raum zu geben.

Coenen-Marx hat ein anregendes Buch über Sozialraumorientierung für die Praxis von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen vorgelegt. Die zahlreichen Interviews mit Praktikerinnen und Praktikern veranschaulichen die Relevanz des Ansatzes. Doch angesichts der These, dass die Orientierung an der Kirchenmitgliedschaft aufzugeben sei, weil die Zukunft von Kirche und Diakonie in der Öffnung zum Dorf und zum Quartier liege, drängen sich eine grundsätzliche und eine pragmatische Frage auf: Wie lässt sich diese Neuausrichtung stringent aus dem Evangelium und den biblischen Texten begründen, der Kirche und Diakonie verpflichtet sind? Die bloße Interpretation der Jerusalemer Urgemeinde als Caring-Community ist zu dürftig. Dass Coenen-Marx hier mehr zu sagen wüsste, deutet sie mit dem Hinweis auf den Johannesprolog – „das Wort ward Fleisch“ – an. Und: Wie lässt sich die Sozialraumorientierung mit den klassischen Tätigkeitsfeldern kirchengemeindlicher Praxis verbinden? Zu viele Pastorinnen und Pastoren fürchten, dass ihnen bei zurückgehenden Ressourcen nur weitere Aufgaben gestellt werden. Eine Neuausrichtung kirchlicher und diakonischer Arbeit auf den Sozialraum gelingt nur, wenn diese als Querschnittsaufgabe innerhalb der bestehenden Tätigkeitsfelder begreifbar wird.

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Frank Martin Brunn

Frank Martin Brunn ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Arbeitsstelle Kirche und Gemeinwesen an der Universität Hamburg.


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Nie Wieder!

Nie Wieder!

Neue RU-Studie

Dass das Gedächtnis der Shoah und die Verpflichtung auf ein „Nie wieder!“ das Selbstverständnis der Nachfolgestaaten des „Dritten Reiches“ prägt, ist oft gesagt worden. Wie dieser Anspruch sich konkret umsetzt, erfordert jedoch Klärungsprozesse auf verschiedenen Ebenen – umso mehr, da sich die Generation der unmittelbaren Opfer, Täter und Zeugen des NS-Völkermordes altersbedingt verabschiedet und bereits die Kindergeneration der aktiven Lebensphase entwächst. Zudem fordern gesellschaftliche Pluralisierung und Migration ihren Tribut, einerseits, weil ein nennenswerter Teil der jungen Menschen von den in Europa begangenen Menschheitsverbrechen familiengeschichtlich unberührt ist, ebenso aber judenfeindlicher Einstellungen wegen, die nicht wenige Migranten aus ihren Herkunftskulturen mitbringen.

Eine empirische Studie zum Holocaust im Religionsunterricht deutschsprachiger Länder muss ihre Relevanz folglich nicht erst erweisen. Zeichnen die Kirchen inhaltlich für den RU verantwortlich, so stehen ihre Bekenntnisse zur bleibenden Erwählung des jüdischen Volkes hier auf dem Prüfstand. Probe aufs Exempel ist, ob primär das Judentum als Phänomen der Vergangenheit vermittelt und „Betroffenheit“ über geschehenes Unrecht habituell kultiviert oder aber eine zum Handeln bereite Solidarität mit den ersterwählten Gotteszeugen vorgelebt und herangebildet wird. Die interkonfessionelle Forschungsgruppe „Remember“ aus Angehörigen der Universitäten Tübingen, Mainz, Wien und Zürich sowie der Evangelischen Hochschule Freiburg hat empirisch gründlich gearbeitet, viele Daten zur didaktischen Praxis ausgewertet und ist doch hinsichtlich der Zukunftsaufgabe des Themas etwas zu kurz gesprungen.

Erfreulich ist das Resultat, dass Lehrkräfte das Anliegen des Erinnerns persönlich wichtig nehmen und sich über Lehrplanvorgaben hinaus zu eigen machen. Noch wichtiger nimmt sich die erhobene Resonanz in der Schülerschaft aus; die junge Generation verharrt keineswegs in Gänze „weit weg“ von der zivilisatorischen Herausforderung, die die Naziverbrechen markieren. Besorgnis erregt hingegen, wenn für viele Lehrkräfte die Behandlung der Shoah zu umfassenden Lehr- und Bildungsplänen nicht in Bezug steht, die Deutekraft der Holocaustpädagogik für gesellschaftliche Gestaltungsaufgaben perspektivisch also gering veranschlagt wird. Erodierende Geschichtskenntnisse verschärfen die Rahmenumstände.

Ein Defizit der Studie liegt darin, dass sie in Deutschland nur frühere Westländer betrachtet und die von der Weltanschauungspolitik der DDR gezeichneten Landesteile außen vor bleiben. Befohlener „Antifaschismus“ zum Schaden einer seriösen Aufarbeitung der Nazidiktatur, verbunden mit Drangsalierung jüdischer Gemeinden und systematischer Delegitimierung des jüdischen Staates im Nahen Osten, hat ein Erbe hinterlassen, das spezifische pädagogische Aufgaben stellt.

Diffus bleibt das ethische Ziel des Gedenkens. Soll Antisemitismus-Prävention dazu dienen, jüdisches Leben künftig vor Verfolgung zu bewahren, dann müsste die Aufgabe, nicht nur den Antisemitismus der Vergangenheit zu erinnern, sondern nachhaltig streitbares Engagement zu wecken, energischer herausgearbeitet werden, auch hinsichtlich der Schlagseiten und doppelter Standards in aktuellen politischen Debatten. Der Antizionismus, Teile der muslimischen Community mit Teilen der linken Bewegung – manche Akteure kirchlicher Friedensgruppen eingeschlossen – wie mit rechten Verschwörungstheoretikern vereinend, verlangt kritisches Interesse und die Courage, auch eigene Haltungen der Lehrkräfte zu problematisieren. Die Aporie einer überbehütenden Attitüde gegenüber migrantischen Jugendlichen verdeutlicht sich in dem Band selbst.

Die Studie ist nützlich und gut zu lesen. Ehrlicher Weise verspricht sie nicht mehr als Einblicke und Impulse, die sie sehr wohl auch liefert. Was pädagogisch-konzeptionell gefordert bleibt – das „Nie wieder!“ soll mehr als Lippenbekenntnis sein –, steht hingegen noch ganz in den Anfängen.

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Denkanstöße

Denkanstöße

Ganztodtheologie

Die Covid-19-Pandemie erinnert täglich an unsere gern tabuisierte Sterblichkeit. Und der trotz seines Ruhestandes literarisch ungemein produktive Systematische Theologe Werner Thiede erinnert die evangelische Kirche in seinem neuesten Buch an ihre Verantwortung, Zeugnis von ihrer Hoffnung angesichts des Todes abzulegen. Diese Hoffnung sei insbesondere seit der Verbreitung der Ganztod-Theologie kraftlos geworden. Im Unterschied zu dieser Theologie, nach der der Mensch als leib-seelische Ganzheit vollständig stirbt, bevor er später auferweckt wird, plädiert Thiede für die Annahme einer unsterblichen Seele.

Im ersten Teil des Buches wird konstatiert, dass die Todestabuisierung der Gesellschaft auch angesichts von Phänomenen wie der Hospizbewegung oder der Körperwelten-Ausstellung überwiegend fortbestehe. Diese Todestabuisierung sei im 19. Jahrhundert entstanden und habe mit dem Verlust des Glaubens an Gott sowie der christlichen Hoffnung über den Tod hinaus zu tun. Anschließend fragt der Autor, ob die pseudoreligiösen Heilshoffnungen, die manche mit der gegenwärtigen Digitalisierung verbinden, im Sinne einer Suche nach einer Ersatzlösung für christliche Unsterblichkeitsverheißungen gedeutet werden könnten. Einerseits führt dieser Exkurs zu den Gefahren der Digitalisierung, einem Lieblingsthema Thiedes, punktuell etwas weit vom Thema weg. Andererseits ist es zu begrüßen, dass damit ein Gegenstand ideologiekritisch beleuchtet wird, der in der theologischen Ethik regelmäßig unterschätzt wird.

Im zweiten Teil werden die Versuche der Parapsychologie dargestellt, spirituelle Phänomene wissenschaftlich zu untersuchen. Während sich Theologen an dieses Thema normalerweise nicht herangetrauen, zeigt Thiede, wie eine differenzierte und seriöse theologische Auseinandersetzung aussehen kann. Es folgt ein detaillierter und interessanter Überblick zur Nahtodforschung seit der thanatologischen Welle der 1970er-Jahre. Der Autor stellt dar, dass das Thema von esoterischen Strömungen vereinnahmt worden sei, weil die Theologie das wachsende Interesse für Jenseitsfragen nicht bedient habe.

Im dritten Teil beschäftigt sich Thiede mit eben diesen esoterischen Strömungen. Dabei kann er auf die Expertise zurückgreifen, die er in seiner langjährigen Tätigkeit in der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen gewinnen konnte. Alles andere als unkritisch werden unterschiedliche esoterische Vorstellungen als Ausdruck von „Protest gegen die aufgeklärte Einebnung aller Unsterblichkeitshoffnungen“ dargestellt und theologisch eingeordnet. Dass in Deutschland mittlerweile mehr Menschen an Seelenwanderung und Reinkarnation glauben als an die christliche Erlösungslehre, ist nach Thiede nicht zuletzt Ausdruck eines theologischen Versagens der Kirche.

Im vierten Teil werden Denkanstöße zur Überwindung der diagnostizierten theologischen Krise gegeben. So müsse Luthers Vorstellung vom Seelenschlaf nach dem Tod entgegen einer unterstellten lutherischen Ganztod-Theologie wiederentdeckt werden. Der Ganztod als das seit dem 20. Jahrhundert in der evangelischen Theologie vorherrschende Paradigma bleibe hinter der biblischen Verheißung zurück, vernachlässige die Bedeutung der Substanz und könne dem Menschen keine Hoffnung geben. Das Buch endet sympathisch mit einem persönlichen religiösen Gedicht.

Der Vorwurf, es handele sich bei der Entwicklung der Ganztod-Theologie um eine Anpassung an den säkularen Zeitgeist, wird dem theologischen Anspruch dieses Ansatzes nicht ausreichend gerecht. Dass diese Theologie sogar für einen Teil des Rückgangs der Kirchenmitgliedschaft verantwortlich gemacht wird, hält der Rezensent für nicht überzeugend, da er regelmäßig die Erfahrung macht, dass seine Studierenden in der Dogmatik-Lehrveranstaltung zum ersten Mal überhaupt vom Ganztod-Gedanken hören. Diese kritische Anmerkung ändert jedoch nichts am positiven Gesamteindruck des gut lesbaren und außerordentlich anregenden Buches.

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Lehrreich

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Theologie und Naturwissenschaft

Galileo Galilei, Charles Darwin – es sind Namen wie diese, die daran erinnern, dass sich die Theologie historisch allzu oft die Finger verbrannt hat, wenn sie sich in die Sache der Naturwissenschaft eingemischt hat. Dass die beiden Seiten fortan nicht auf Dialog aus waren, sondern sich in ihre jeweiligen Studierstuben zurückzogen, verwundert nicht – mit weitreichenden Folgen bis heute: Noch immer hält sich die Auffassung, theologische Weltdeutung und naturwissenschaftliche Theoriebildung sollten getrennte Wege gehen.

Die Politik der Nichteinmischung mag dazu beigetragen haben, alte Konflikte zu befrieden und notwendige Grenzziehungen denkerisch zu konsolidieren, doch lässt sich auch das zentrale Defizit nicht übersehen, das auf ihr Konto geht: die Irrelevanz der Theologie für das Verständnis der Welt, in der wir leben.

Mit seiner als Lehrbuch konzipierten Neuerscheinung Theologie und Naturwissenschaft formuliert Matthias Haudel, Professor für Systematische Theologie an der Universität Münster, seinen Widerspruch gegen diese Selbstisolation der Theologie: Die konstitutive Aufteilung unseres Weltzugangs in eine als „Faktenwissenschaft“ auftretende Naturwissenschaft und eine als „spekulative Wissenschaft“ herabgewürdigte Theologie werde beiden nicht gerecht, so Haudels Prämisse. Beiden müsse es ja letztlich um die eine Wirklichkeit gehen, wenn auch eben unter verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen Horizonten.

Der Autor strebt eine differenzierte Zusammenschau an, aus der beide Seiten ihren Nutzen ziehen. Naheliegend ist das zuerst für die Theologie: Wenn Gott als „die Alles bestimmende Wirklichkeit“ (Rudolf Bultmann) gedacht wird und das christliche Bekenntnis sein heilsgeschichtliches Wirken in Schöpfung, Erlösung und Vollendung von Welt und Kosmos tief in der Erfahrungswirklichkeit verankert, ist der Theologie die Suche nach Kompatibilitäten, Konvergenzen und Konsonanzen von Glaubens- und Wirklichkeitserfahrung ihrem Wesen nach aufgegeben. Dass es umgekehrt auch in der Natur der Naturwissenschaften liege, sich mit der Gottesfrage auseinanderzusetzen, wird man dagegen nicht behaupten können.

Auch für Matthias Haudel ist der Beitrag der Theologie für die Naturwissenschaften zunächst ein kritischer: die vernünftige Bescheidung naturwissenschaftlicher Erkenntnisansprüche, wobei der Theologieprofessor die Grenzlinie zwischen einem legitimen methodischen Atheismus und dessen weltanschaulicher Verabsolutierung zieht. Letztlich steckt freilich beiden, Naturwissenschaften und Theologie, die Wahrheitsfrage in den Genen. Es geht also ums „Ganze“. Gerade das ist aber nur im Dialog zu thematisieren, einem Dialog, dem es folglich darum zu tun ist, die wissenschaftlichen Einzelerkenntnisse ins Verhältnis zu den existenziellen Lebensfragen der Menschen zu setzen.

Der Systematische Theologe Matthias Haudel gibt einen Überblick über alle Bereiche, die für diesen Dialog relevant sind. Er durchstreift seine historischen Stationen, stellt Denker und Denkmodelle vor und führt in naturwissenschaftliche Theorien ein: Relativitätstheorie, Quantenphysik, Kosmologie, Thermodynamik und Mathematik – seit Galileo Galilei und Charles Darwin hat sich das wissenschaftliche Bild der Welt in all diesen Bereichen so grundlegend verändert, dass dies eine neue Offenheit der Naturwissenschaft für die transzendente Dimension möglich macht. Es liegt im Wesen eines Überblickswerks, dass der Autor nicht alle Fragen beantworten kann, die er aufwirft – aber er ist nah dran: So enzyklopädisch wie hier ist das Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaft im deutschen Sprachraum bisher nicht dargestellt worden.

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