Schönen Dank auch

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Eine Anklage: Hassverbrechen

Zu Beginn des Prozesses gegen den Doppelmörder von Halle war das Bild von der zerschossenen Holztür wieder überall zu sehen, die vereitelte, dass ihm im Oktober 2019 der geplante Massenmord in der Synagoge gelang. Was aber kein Agenturbericht erwähnte: Nur dank einer Spende konnte sich die Gemeinde die kurz zuvor eingebaute Tür leisten. Und da denkt man immer, das zahlt der Staat. Von wegen. Ronen Steinke, Journalist der Süddeutschen Zeitung und Biograf von Auschwitz-Ankläger Fritz Bauer, summiert knapp: „Schönen Dank auch.“ Der Anschlag war für ihn Anlass zu seiner von Wut geprägten Anklageschrift Terror gegen Juden, in der er fordert: Hassverbrechen schärfer zu bestrafen; Antisemitismus klar zu benennen statt, wie das etwa Wuppertaler Richter taten, Brandflaschen auf eine Synagoge unter Israelkritik zu fassen; Rechtsextreme aus der Polizei zu entfernen, damit Opfer wieder Vertrauen gewinnen und Nazis sich nicht ermutigt fühlen; jüdische Einrichtungen zu schützen. Was so einfach scheint, seit Gründung der Republik aber fehlt.

Dass der Staat seine Bürger nicht schützt, ist ein Sicherheits-, vor allem aber ein Gerechtigkeitsproblem, findet der promovierte Jurist, das auch dessen Fundament in Frage stelle. Doch ihm geht es zuvörderst um die rund 200 000 (bis 1990 waren es stets kaum 30 000) Juden im Land, die, sofern als solche erkennbar, fürchten müssen, beleidigt und bespuckt, geschlagen, verletzt, ermordet zu werden. Untermauert mit etlichen der bis heute nicht abreißenden An- und Übergriffe bricht er dieses Versagen zunächst auf die Behörden (Polizei, Strafverfolgung, Gerichte) herunter – vom Abwiegeln („Sie wollen das wirklich anzeigen? Bringt nur Scherereien.“) bis zum Nichtverfolgen wie bei dem in der breiten Öffentlichkeit bis heute kaum bekannten Doppelmord 1980 in Erlangen: Ein Nazi der Wehrsportgruppe Hoffmann erschießt in deren Haus den Ex-Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde und seine Lebensgefährtin. Trotz vorheriger Drohungen und weiterer an andere danach ermittelt die Polizei erst nur in deren Umfeld (Konflikte unter Juden).

Als sie viel später auch nach rechts schaut, ist der Täter über alle Berge. Steinke erinnert das an den Umgang mit Angehörigen von Opfern des NSU. Und es erklärt, weshalb die allermeisten antisemitischen Straftaten heute erst gar nicht angezeigt werden – „so gering ist das Vertrauen in Polizei und Justiz“ und das Dunkelfeld riesig. Ein Unding, von dem die meisten nichts wissen. Auch deshalb ist das Buch wichtig. Der zweite, trotz solcher Lücken erschütternd lange Teil ist eine „Chronik antisemitischer Straftaten in Deutschland seit 1945“, bis Januar 2020.

Und fortgeschrieben wird in der Realität täglich. Eine chronique scandaleuse, die sich an jene wendet, die als Menschen empfinden und erreichbar sind. Denn die haben dies offenbar zu wenig vor Augen, oder wie ist sonst zu erklären, dass nicht mehr Zivilcourage und Auftrieb auf den Straßen zu erleben sind? Natürlich hofft Steinke, Druck auf die Politik aufzubauen, damit sich etwas ändert und sich nicht nur immer die Phrasen wiederholen. Wie angemessen „Terror“ im Titel ist, zeigen die vielen Grab- und Friedhofsschändungen besonders krass, die zwar als ärgerlich und unappetitlich, aber von manchen unausgesprochen als harmlos angesehen werden. Nein, sind sie eben nicht. Sie dienen als Ersatzhandlung, wo gerade kein Jude greifbar war, haben hierzulande eine elendig lange Tradition, treffen mit der Grabruhe zudem religiös immens Intimes, doch vor allem sig­nalisieren sie den Lebenden: Nicht mal im Tod seid ihr sicher. Sinistres Drohen, das permanent trifft und zermürbt. Steinkes fundierte Anklage ist angebracht und ähnlich nötig wie Krav Maga, das Selbstverteidigungstraining junger Juden. Die Aussicht auf Veränderung ist nämlich mehr als fraglich.

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Glauben, Zweifeln

Glauben, Zweifeln

Neun Stunden Dostojewski

Fast neun Stunden Dostojewski. Neun Hörspiele auf zehn CDs. Die zum 200. Geburtstag des bedeutenden russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski (siehe Seite 50) erschienene Jubiläumsedition hat es in sich. Zum einen, weil die Box Novellen und Romane aus Dostojewskis (1821 – 1881) reichem literarischen Schatz als Hörspiele präsentiert; darüber hinaus aber auch, sorgsam editiert, historische Produktionen aus fünf Jahrzehnten von verschiedenen Rundfunkanstalten. Da ist zum Beispiel die älteste Einspielung von 1957: die Novelle Die Weißen Nächte, erschienen 1848 – einer frühen Zeit des jungen Dostojewski, romantisch, zutiefst melancholisch. Ein kurzes, zurückhaltend minimalistisches Hörspiel, lebendig im Dialog der beiden Protagonisten, stimmungsvoll untermalt von Streichern. Es ist erschienen im selben Jahr wie die gleichnamige Luchino-Visconti-Verfilmung des Stoffes.

Aus dem Jahr 2004 und angekommen in der Gegenwart ist das vom Südwestrundfunk produzierte Hörspiel Der Spieler (1866), mit den Schauspielern Milan Peschel, Sophie von Kessel und Walter Renneisen. Permanent rollt die Roulettekugel durch die Szenen als Hinweis auf die unbezähmbare Sucht zum Spieltisch. Und auch der phantasievoll abgemischte Klangteppich führt ins Heute. Jede Generation erlebt ihre literarischen Texte und Hörspiele eben auf ihre Weise.

So bereitet die neue Jubiläumsbox ein doppeltes Hörerlebnis. Durch die gewaltigen Texte Dostojewskis, die auch nach zweihundert Jahren in unserer Gegenwart zeitlos erzählen: über Außenseiter und Eliten, über Glauben und Zweifeln, über die Freiheit des Einzelnen und über Macht. Und durch Hörspiele, die selbst Zeitzeugnisse sind.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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Sansibar-Leopard

Sansibar-Leopard

Howe Gelbs jüngster Streich

Dem Album Not On The Map können wir uns auf zweierlei Weise nähern: über die meist von Abschied und, wie im düs­teren Opener Counting On, von trügerischer Hoffnung geprägten Lyrics oder über das Klanggewand. Doch den Reiz macht aus, wie sie ineinandergreifen – außer beim groovigen Instrumental Tarantula, zu dem man unwillkürlich pfeift wie melancholisch schmachtet.

Aber der Reihe nach: Den jetzt 65-jährigen Howe Gelb kennen wir, seit er und seine Band Giant Sand aus Tucson/Arizona mit ihrem Desert Rock in den 1980ern den Indie-Zirkus betraten: Sie verbanden Americana-Begeisterung und -Können mit einer Art Beatnik-Familie, der ihre Musik­leidenschaft wichtiger war als Ruhm und Erfolg. Ein Kreis, zu dem auch die Calexico-Gründer und stets die mangelnde Scheu vor Versuchslabor und Lärm gehörten. Gelbs Diskographie hat mittlerweile über 50 Einträge, mit Band, solo und in Kollaboration. So tief wie auf Not On The Map haben wir ihn aber noch nie gehört – und meist nur knapp über dem Talking, was spontan an den späten Leonard Cohen oder Solomaterial von Ex-Walkabouts-Folkrocker Chris Eckman erinnert, der heute in Slowenien lebt.

Howe Gelbs Europa-Homebase war lange Dänemark, doch nun taucht er mit den Belgiern von The Colorist Orchestra (TCO) auf, einem achtköpfigen „Avant-Klassik“-Ensemble, dessen Spezialität frappantes Neu-Einkleiden von geschätztem Songmaterial ist. Nicht remixen, sondern „umgekehrtes Karaoke“ nennen sie das. Sie präparieren dazu Instrumente, setzen Essstäbchen statt Bogen oder auch mal Kaffeemühlen ein. Markenzeichen sind das perkussive Bett (die TCO-Gründer sind Schlagzeuger) und penibler Ton- beziehungsweise Soundsatz. Für Desert-Rocker Gelb mit anarchischen Impulsen trotz aller Harmonium-Experimente seither ein Graus, zumal ohne Gitarren, aber er konnte sich mehr als darauf einlassen: Sie schrieben die Musik zusammen, was auch die TCOler frappierte, und haben auf Gelbs Drängen die wunderbare Nachwuchs-Folkerin Pieta Brown mit an Bord. Zwei Songs schrieb sie, gesungen im Duett mit Gelb, auf drei weiteren ist sie im Chor zu hören.

Eine Freundin findet das Album nachdenklich, wir jedoch sagen: geballte November-Experience. Vergeblich- und Vergänglichkeit wird nicht nur nicht aus dem Weg gegangen, es steuert frontal darauf zu. Und das Erstaunliche ist, dass Not On The Map nicht runterzieht. Es hat vielmehr Witz, etwa im an die Anthropologin Helle V. Goldman gerichteten Dr Goldman. Darin geht es um den als ausgestorben geltenden Sansibar-Leoparden, der jüngst auf Kameras gesichtet wurde. Gelb teilt das in sanftem Croonen mit, referiert ihre Thesen über dessen Verfolgung als Hexen-Assistent und schwelgt ansonsten in Rätseln. Wie wir. Man staunt, liest nach und versackt im reizvollen Soundbett. Allerschönste November-Träume.

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Exquisites Können

Exquisites Können

Goldklänge des Frühbarock

Einmal mehr schlägt eine große Stunde, wenn man die aktuelle CD des belgisch-europäischen Ensembles Vox luminis hört, denn einmal mehr ist der Name Programm. Was einem hier an klanglicher Einheit, transparenter Klangkunst und virtuosem Können widerfährt, das sich mit großer Innerlichkeit und allzeit präsenter Texterfassung paart, bildet kongenial den Ensemblenamen ab: Stimme(n) des Lichts. Dafür tun die Freiburger Barockconsorten als ebenbürtige instrumentale Gefährten ihr Übriges. Von exquisitem Können getragen und von großer, strahlender Schönheit und Staunen abringender Erhabenheit sind darum auch deren instrumentale Einschübe: die Sonaten von Johann Michael Nicolai (1629 – 1685) und Johann Joseph Fux (1660 – 1741). Sie rühren nicht nur durch die noch im streichelndsten Strich klaren Geigen, sondern auch durch die berückenden Bläser (Posaunen, Zinken und Dulzian) – intonatorisch in der Regel sonst immer auf schmalem Grat –, die hier mit souveräner Selbstverständlichkeit daherkommen.

Damit kommen wir zu einem wesentlichen Erfolgsrezept von Vox luminis: die Repertoireauswahl und Dramaturgie, die weniger dem einzelnen Komponisten oder einer griffigen Thematik mit schlagwortgetreuem Repertoire folgen, sondern auf einer großen Repertoirekenntnis und Entdeckerfreude beruhen, die sich mit Wesentlichem verbindet: wirklicher Textbeschäftigung und tiefer Textkenntnis samt ihrer theologisch-philosophischen Anknüpfungspunkte. Hier offenbaren Spiritus Rector Lionel Meunier und der kreative Mannschaftsrat des Ensembles ein aus großem Wissen und geronnener Erfahrung genährtes Gespür und eine daraus erwachsene dramaturgische Fähigkeit, die sie besonders macht. Die Dramaturgie dieser CD, die zeitlich zwischen Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach führt, basiert auf der einen Seite auf dem ökumenischen Gedanken, weniger der Musik und ihren Ausführenden als ihren Auftraggebern während dieser Zeit fremd, auf der anderen Seite in dem Feingefühl für Besonderheiten, die ihre Umgebung brauchen, um sich entfalten zu können. Die klingende Ökumene gestaltet Vox luminis hier mit den beiden protestantischen Komponisten Christoph Bernhard (1628 – 1692) und Johann Michael Nicolai sowie den beiden bedeutenden katholischen Kollegen Heinrich Biber (1644 – 1704) und Johann Joseph Fux. Neben dem titelgebenden, ungemein wirkmächtigen und virtuos noch der Polyphonie der Renaissance verpflichteten fünftstimmigen Requiem f-moll mit leuchtender erster Violine besticht hier als Besonderheit vor allem Schützens Meisterschüler Christoph Bernhard mit der ergreifenden, konzertant angelegten Motette Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren. Nur ein Klagelaut: Warum ist in der leeren Bookletspalte neben der französischen und englischen keine deutsche Übersetzung? Sonst gilt: (Dies) Hören ist alles. Es beseelt!

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Der tragische Samariter

Nur wenige Kilometer südlich des Gardasees öffnet sich die Lugana, eine liebliche Landschaft aus Wiesen und Feldern, durchzogen von kleinen Flüssen.

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Was Augenhöhe bedeuten kann

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Allzu leicht werden Zuhörerinnen und Zuhörer eines Gottesdienstes unterschätzt
Foto: privat

Die junge Pastorin hält einen Gottesdienst in einer großen Domkirche. Das zahlreiche Publikum sitzt coronabedingt weit auseinander. Bevor sie mit ihrer Predigt anfängt, sagt sie: Sie wolle nicht auf die Kanzel steigen, sondern auf den Altarstufen bleiben, „weil ich zu Ihnen auf Augenhöhe sprechen will“.

Ich stutze, das Wort „Augenhöhe“ beginnt in meinem Kopf zu arbeiten, zuerst aus ganz praktischen Gründen. Warum geht sie nicht auf die Kanzel, sie wäre doch von da weitaus besser zu sehen und zu hören?

Mir fällt das Buch Phrase unser von Jan Feddersen und Philipp Gessler ein, das ich kurz zuvor gelesen hatte, eine kritische Auseinandersetzung mit der „blutleeren Sprache der Kirche“, so der Untertitel des Buches. In ihm wird der moderne Kirchenjargon auseinandergenommen, und ich musste bei der Lektüre häufig an ein Wort von Walter Benjamin denken. „Echte Polemik,“ sagt Benjamin, „nimmt ein Buch sich so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.“ ähnliches machen die Autoren mit der modernen Kirchensprache, wobei sie Worte wie „Abholen“, „Achtsamkeit“, „Anliegen“, „menschenfreundlich“, „sich schämen“, „wertschätzen“ genussvoll, und manchmal etwas übersteuert, tranchieren. Gewiss kein Buch für die „Kuschelkirche“, und in ihm eben kommt auch das Wort „Augenhöhe“ vor.

„Augenhöhe“ wird hier als verlogen und falsch abgekanzelt. Ein Gemeindeglied darf erwarten, dass sein Pastor oder seine Pastorin mit diesem nicht auf Augenhöhe ist, sonst wären ja gleich alle Pastoren. „Augenhöhe“ klänge nach Verkaufsmesse und Propagandistenprosa, ein Wort, das Hierarchien bloß vernebelt, in Wirklichkeit aber Gehorsamstugend nach oben meine.

Starker Tobak für die doch eher harmlose Ankündigung der Pastorin! Und nachdem die Predigt vorbei ist, konstatiere ich: Sie war keineswegs auf „Augenhöhe“, sie war anspruchs- und gehaltvoll. „Augenhöhe“ im Sinne eines Gleichstands von Botschaft und Wahrnehmung musste sich der Zuhörer erst nachdenkend erarbeiten.

Auf dem Weg nach Hause ließ mich die „Augenhöhe“ nicht los, und überraschend, wie das bei Assoziationen ja häufig ist, kam mir das Lied Tut mir auf die schöne Pforte von Benjamin Schmolck aus dem Jahr 1734 in den Sinn, besonders die Zeile „Rede, Herr, so will ich hören“ blieb stecken, und diese Aufforderung schien mir jahrhunderteweit von einer Welt entfernt, in der man „auf Augenhöhe“ kommunizieren möchte.

Zuhause lese ich mir dieses Lied noch einmal durch und erkenne in ihm ein ganz anderes Kommunikationsmodell für den Gottesdienst, als es das Wort „Augenhöhe“ annonciert. Wahrnehmen im Gottesdienst wird hier nicht als ein gleichberechtigter Prozess zwischen Sender und Empfänger dargestellt, nicht als eine Informationsübertragung, es ist ein Vorgang des Nehmens und Gebens: Ich bin, Herr, zu Dir gekommen, komme du nun auch zu mir. Der Gottesdienstbesucher bringt mit seiner Aufmerksamkeit ein Opfer, wird in der Hingabe zum Empfangenden. Das gesamte Lied spricht von solch annehmender Erwartung, von „Opfern“ und „Empfangen“:

Gib mir Licht in dem Verstande und, was mir wird vorgestellt, präge du im Herzen ein, laß es mir zur Frucht gedeih’n. Das Lied redet dabei keinem kultischen Brimborium das Wort. Es betrachtet den Gottesdienst als eine Andacht, erwartet vom Zuhörer aktive Mitarbeit, die aus Respekt vor dem Wort (halte mir Dein Wort stets für) entsteht. Reich ist es in den Wendungen, mit denen es die Singenden zur Verinnerlichung auffordert: Worte wie Reinigung, ins Herze nehmen, das Herz als Tempel durchziehen es wie ein Refrain.

Gegenüber dieser verinnerlichenden Aufmerksamkeit für das Wort erscheinen mir viele heutige protestantische Gottesdienste manchmal so, als sei der Gottesdienst eine von Liedern und liturgischen Restbeständen unterbrochene feierliche Informationsveranstaltung, durch die die Pastorin oder der Pastor wie ein Moderator führen.

Der jungen Pastorin war der Respekt vor den Zuhörenden ganz besonders wichtig. „Augenhöhe“ ist dann ein Signalwort für Präsenz des Publikums, sein „Dabeisein“, seine Ansprüche sollen weder unterschritten noch überboten werden. Tendenziell werden damit Zuhörerinnen und Zuhörer eines Gottesdienstes unterschätzt, hinter der vorgeblichen „Wertschätzung“ (dem Goldstandard der Generalkommunikation … und … Sound der Einverstandenheit mit allen, wie Gessler/Feddersen schreiben) verbirgt sich ein didaktisches Modell der Anpassung von „oben“ nach „unten“. Das ist beim alten Lied genau umgekehrt, hier geht die Bewegung von unten nach oben: „Heilige du Mund und Ohr, zieh’ das Herze ganz empor!“

„Rede Frau, so will ich hören“, hätte ich der Pastorin im Nachhinein am liebsten vor ihrer Predigt zugerufen. Von wo sie sie dann gehalten hätte, ob von der Kanzel oben oder auf den Altarstufen nur geringfügig erhöht, das wäre mir egal gewesen. 

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Weitere Beiträge zu "Kirche"

Glut unter der Asche

Es gibt sie, die lebensprägenden Lese­erfahrungen, aufstörend in der Wucht ihrer Wahrheit. Sie bleiben für immer, unauslöschbar, unüberspielbar.

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Nicht nur über die Mütter

Nicht nur über die Mütter

„Vaterjuden“ sollten als vollwertige Juden anerkannt werden
Foto: Rolf Zöllner

Zugegeben, gute Ratschläge von der Seitenlinie, in dem Fall von nicht-jüdischer Seite, sind immer etwas zweifelhaft. Denn, wie der Volksmund sagt: Ratschläge sind auch Schläge. Dennoch irritiert die Vehemenz der Diskussion, die in den  vergangenen Wochen zum Thema „Vaterjuden“ zuerst im deutschen Judentum, dann in der breiteren Öffentlichkeit zu beobachten war. Und sie weist auf ein Phänomen hin, das fast in der gesamten religiösen Welt zu beobachten ist.

„Vaterjuden“, also die Kinder von jüdischen Vätern, sind, streng nach den (halachischen) Religionsgesetzen des Judentums gesehen, gar keine Jüdinnen und Juden, da diesen Regeln zufolge nur jüdisch ist, wer eine jüdische Mutter hat. Das hatte in vormodernen Zeiten eine zwingende Logik, ist aber rein biologistisch und traditionell gedacht. Es widerspricht dem  heutigen Leben und einer kulturell-familiären Interpretation des Judentums, die in einer zunehmend säkularen jüdischen Gemeinschaft immer wichtiger wird. Das Problem ist, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland weiterhin der Ansicht der orthodoxen Rabbinerkonferenz folgt, wonach „Vaterjuden“ eben doch keine (richtigen) Juden seien. Das ist anders als zum Beispiel in den USA, wo zumindest das Reformjudentum seit Jahrzehnten Kinder jüdischer Väter als jüdisch anerkennt.

Der Zentralrat wäre gut beraten (sorry – siehe „Rat-Schläge“ oben), seine „Vaterjuden“-Politik zu ändern. Denn es geht hier um eine am Ende existenzielle Frage für das deutsche Judentum, immerhin ist seriösen Schätzungen nach etwa ein Drittel der hiesigen Juden „Vaterjuden“.

Das Prinzip „Vaterjuden“ schließt diese große Gruppe, wohl mehrere zehn­tausend Menschen, de jure aus den jüdischen Gemeinden aus, die insgesamt nur etwas mehr als 100 000 Mitglieder haben. Die veraltete Regel „nur Vaterjuden“  schwächt die sowieso nicht besonders große jüdische Gemeinschaft in Deutschland noch mehr.

Zur Erinnerung: Das damals langsam sterbende Judentum im wiedervereinigten Deutschland ist vor etwa dreißig Jahren wieder zu neuem Leben erwacht durch den Zuzug jüdischer „Kontingentflüchtlinge“ aus den Ländern der untergehenden UdSSR. Dort aber galten rechtlich die Menschen als Juden, die einen jüdischen Vater hatten. Insofern haben die  „Vaterjuden“ mindestens einen großen Anteil an dem Wiederaufblühen des Judentums hierzulande. Ihnen weiterhin den Zugang zu den Gemeinden zu versperren, es sei denn, sie „konvertierten“ (erneut) zum Judentum, ist absurd. Auch nach dem Holocaust fragte niemand in den jüdischen Gemeinden der Bundes-republik so genau nach, ob nun jemand eine  jüdische Mutter oder „nur“ einen jüdischen Vater habe – die glücklich überlebte Verfolgung durch die Nazis war Ausweis des Judentums genug, und das völlig zurecht.

Der Zentralrat und die Gemeinden sollten sich auf diese gute Tradition berufen und sich ganz offiziell für „Vaterjuden“  öffnen, anstatt ängstlich auf orthodoxe Gruppen in Deutschland oder Israel zu schielen. Eine zu enge Auslegung religiöser Gesetze, die derzeit in allen Religionen weltweit eine Gefahr darstellt, sollte nicht die Richtschnur in einer auch religiös immer bunteren Gesellschaft sein. 

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Weitere Beiträge zu "Religion"

Hilfe beim Mord

Am 27. Mai 2021 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung zur Errichtung des House of One an der Gertraudenstraße in Berlin-Mitte.

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Geborgen im Gericht

Geborgen im Gericht

Klartext
Foto: privat

Mitten im Leben

Volkstrauertag, 14. November

Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse. (2. Korinther 5,10)

Das Thema „Gericht“ belegt keinen der vorderen Plätze im Ranking der Texte, die in den Gottesdiensten der evangelischen Landeskirchen eine Rolle spielen. Denn da könnte es eher ungemütlich werden, mag da als Sorge mitschwingen. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis klingt es zwar oft wie eine Selbstverständlichkeit, wenn wir sagen, dass wir „an Jesus Christus“ glauben, der zur Rechten „Gottes des allmächtigen Vaters“ sitzt, „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“. Doch spätes­tens dann wäre es aus mit dem, was wir im Leben vor den anderen haben erfolgreich verbergen können. Vielmehr stünden wir dann vor Gott ziemlich nackt da.

Vermutlich sind es die Assoziationen, die das Stichwort „Gericht“ bei uns auslöst, dass dieses Thema so oft ausgeblendet wird. Denn wir verbinden mit ihm einen Rückblick auf das eigene Leben in Form einer himmlischen Strafakte. Das Handeln Gottes scheint einer vernichtenden Urteilsverkündung zu entsprechen. So ist es schon verständlich, wenn wir da zusammenzucken.

Aber je länger ich mich theologisch mit dem Thema „Gericht“ befasse, desto mehr erschließt sich mir, dass sich damit das glatte Gegenteil zu landläufigen Vorstellungen verbindet, nämlich Entängstigung statt drohender Bloßstellung. Denn Gottes Richten ist kein Vernichten, sondern ein Zurechtbringen. Ich habe Zukunft, weil Gott sich meiner Vergangenheit annimmt. Und in meinem eigenen Leben ist das so: Die Aussicht, dass ich am Ende nicht meinen Mitmenschen in die Hände falle, sondern Gott, entlastet mich ungemein.

Auch der Volkstrauertag ist, ins Gesellschaftliche gewendet, eine Weise, diese Einsicht zu bekräftigen. Das öffentlich begangene Eingestehen der Unfähigkeit von Menschen, Kriege zu vermeiden, verwandelt sich in eine Kriegsverhinderungstrauer.

„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ Diese Einsicht, die drei Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs bei der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Amsterdam formuliert wurde, zeigt, was Gottes Richten im besten Fall bewirken könnte – nicht erst irgendwann in ferner Zukunft, sondern mitten in unserem Leben. Viel zu gefährlich wäre es, wenn wirs selber richten wollten. In Gottes Richten fühle ich mich da deutlich besser aufgehoben.

 

Lob des Loslassens

Totensonntag, 21. November

Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho … Und der Herr sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. So starb Mose, der Knecht des Herrn daselbst im Lande Moab nach dem Wort des Herrn ... Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag. (5. Mose 34,1+4–7)

Der ganz große Erfolg, das Betreten des Gelobten Landes, bleibt Mose am Ende verwehrt. Obwohl sein ganzes Leben im Einsatz für andere bestanden hatte. Immer wieder gerät er im Auftrag Gottes auf Konfrontationskurs mit seinem Volk, das er doch in die neue Freiheit führen soll. Denn statt sich von der Aussicht aufs Gelobte Land beflügeln zu lassen, träumen die Israeliten lieber von den Fleischtöpfen Ägyptens, die sie hinter sich gelassen haben.

„Er hat sich aufgeopfert“ steht manchmal als Summe eines Lebens über einer Traueranzeige. Und das trifft für Mose ohne Zweifel zu. Aber er erntet nicht einmal bei Gott Dank. Zwar wird Mose der Blick in das Gelobte Land gewährt, das am Ende des Weges steht, den die Israeliten geführt werden. Aber den Schritt über die Grenze enthält Gott Mose vor. Weil auch sein Vertrauen nicht immer unerschütterlich war.

Zynisch und kleinlich könnte wirken, wie Gott hier mit Mose umgeht. Und ertragen kann ich es nur, weil es Gott ist, der hier handelt. Weil er die Kommunikation mit Mose nicht abbricht, sondern sie auf eine neue Grundlage stellt. Nicht das Gelobte Land steht am Ende des Weges, den Mose mit Gott geht, sondern die unüberbietbare Gottesnähe. Mose fällt zurück in die Hände, aus denen er sich einst auf den Weg in die Welt gemacht hat. Und so kann er sich beruhigt fallen lassen. Denn diejenigen, denen er so lange den Weg gezeigt und die Richtung gewiesen hatte, würde Gott auch ohne ihn ans Ziel führen. Und die Verantwortung in andere Hände legen. Nein, das Leben des Mose bleibt nicht unvollendet. Und auch mein Leben erreicht seine Fülle nicht darin, dass ich alle Ziele erreiche. Es genügt vielmehr, wenn ich das vollende, was mir möglich war. Und kein Leben geht ohne die Verheißung zu Ende, dass auch diejenigen, die nach mir kommen, fähig sind, Verantwortung zu übernehmen.

Ja, manchmal kann es sogar entlastend sein, wenn ich mit dem Blick ins Gelobte Land davonkomme und andere dann das zu Ende bringen, was bei mir offengeblieben ist.

 

Glied einer Kette

1. Advent, 28. November

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird … Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit“. (Jeremia 23,5–6)

Im Advent haben wir endlich einmal das Recht, unsere Vorstellungen von einer besseren Zukunft öffentlich zu machen. Ohne als Träumer abgetan zu werden. Ohne im Verdacht zu stehen, die Realitäten der Gegenwart nicht ernst zu nehmen. Einmal im Jahr brauche ich eine Zeit, und sie tut mir gut, in der meine Hoffnungen die Bedenken und Befürchtungen aushebeln, die sonst vorherrschen. Wenn ich mir dann Gedanken mache, woran sich diese kleine Spanne adventlicher Beflügelung bei mir festmacht, dann ist es nicht ein Nachkomme früherer Herrschergeschlechter wie die Hohenzollern oder die Wittelsbacher, sondern der Spross eines anderen Geschlechts.

Den Menschen, an die sich die im Jeremiabuch gesammelten Ermutigungsworte richten, ging es deutlich schlechter als den meisten von uns. Trotzdem gilt auch bei uns: Je mehr mir der Boden unter den Füßen wegbricht, desto stärker müssen die Kräfte sein, die mich halten. So soll es der Nachkomme Davids richten, schreibt Jeremia. Die Erinnerung an David steht für den fulminanten Aufstieg eines behüteten Hirtenjungen zum König. Für erfolgreiches politisches Agieren, das den eigenen Herrschaftsbereich erweitert und die Macht in der neuen Metropole Jerusalem zelebriert.

Die Rückbindung der Hoffnung auf bessere Zeiten an den Nachkommen dieser legendären Gestalt aus grauer Vorzeit hat am Ende aber einen anderen Grund. David lebt im Gedächtnis als einer fort, dem Gott ein ums andere Mal Gelingen schenkt und neue Möglichkeiten eröffnet. Und an diese Segensspur soll der Nachkomme Davids die Menschen anknüpfen lassen. Kein Wunder, dass der ein Spross Davids sein muss, mit dem Christen die Gegenwart Gottes mitten unter den Menschen wie mit keinem anderen verknüpfen und an dessen Geburt wir uns am Ende der adventlichen Tage erinnern.

Hier geht es aber nicht um den ohnedies versiegten Zauber mythischer Vergangenheit. Im Advent feiere ich vielmehr die Gewissheit, dass ich Teil einer Kette der aussichtsreich Hoffenden bin, die von David über Maria (und Joseph, über ihn geht die Linie zu David) bis zu mir reicht – und noch weit über mich hinaus. Und so atme ich erst einmal adventlich durch.

 

Starker Kontrast

2. Advent, 5. Dezember

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Auch hat man es von altersher nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren. (Jesaja 63,19+64,1–3)

Dieser Verzweiflungsruf hat bei uns als gern gesungenes Adventslied Karriere gemacht: „O Heiland, reiß die Himmel auf!“ Beim Singen seiner Strophen faszinieren mich deren Bilder jedes Mal neu. Von dieser adventlich-feierlichen Gestimmtheit ist in der biblischen Vorlage aber nichts zu spüren. Dort wird eher ein Zustand der Ernüchterung nach einer anfänglichen Euphorie beschrieben. Die Israeliten, die aus der babylonischen Verschleppung zurückgekehrt sind, müssen sich der Einsicht stellen, dass die neuen Realitäten erstmal nicht viel besser sind als die alten. Sie stehen vor den Trümmern der einst so unerschütterlichen Gewissheiten ihrer Vorfahren. Vom Tempel ist nicht viel übrig geblieben. Häuser sind zerstört, und Felder liegen brach.

Der geographischen Umkehr müsste die innere Umkehr folgen. Mit Worten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen, wirft der uns unbekannte Mensch Gott seinen Frust vor die Füße: Da müsste doch endlich einmal jemand kommen und unsere Not zu seiner Sache machen. Ohne falsche Rücksichtnahme. Und mit der klaren Botschaft, dass es so jedenfalls nicht weitergehen kann.

Heutige Populisten, die beanspruchen, endlich die entscheidenden Themen auf den Tisch zu legen und einfache Lösungen gleich mitzuliefern, können damit aber nicht gemeint sein. Denn der verzweifelte Rufer kann sich nur Gott selber in der Rolle des den Himmel zerreißenden Heilsbringers vorstellen.

Ich verbinde meine Hoffnungen auf diesen „heruntergekommenen“ Gott mit dem Kind aus Bethlehem, Jesus, dessen Reich „kein Ende haben“ wird (Lukas 1,33). Darin unterscheide ich mich von den Menschen damals, die anders und in anderen Bildern gehofft haben. Aber ich fühle mich ihnen und dem Poeten, der Gottes Eingreifen fast herbeischreit, verbunden. 

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