Eigene Mitte

Eigene Mitte

Welt im Stillstand

Was können wir tun, wenn wir gar nichts mehr tun können? Die Frage berührt Ur- und Existenzängste von Einzel- und Gemeinschaftswesen, die allesamt auf „Aktion“ fixiert und plötzlich deaktiviert sind. Literatur hat sich längst als ein Mittel bewährt, um das eigene Elend vorübergehend zu vergessen.

Sie lotet die Innenwelten aus. Diese Erkundung des Hintergründigen taucht alles Vordergründige, alles Äußerliche in ein neues Licht. Aber selbst wenn sie die Wirkungen einer Pandemie betrachtet, muss eine scharfe, klare Reflexion nicht in vergrübelten Depressionen enden, wie dieses Hörbuch, gelesen von Marit Beyer, beweist.

Dennoch bietet der Essay keinen „Zeitvertreib“ im herkömmlichen Sinne. Schon der Titel klingt eher nach einer Warnung. Pantherzeit nennt Marica Bodrožić die Monate im Jahr 2020, in denen ein Virus die Menschheit aus ihrer Welt aussperrte wie den Panther in Rilkes berühmten Gedicht. „Hinter tausend Stäben keine Welt!“

Stimmt das? Statt die Zeit kurzweilig verstreichen zu lassen, dringt der Text mal analytisch, mal erzählend zu ihrem Wesen durch: Es erweist sich als Spielraum des Unerwartbaren. Was weder planbar noch prognostizierbar war, ereignete sich während des Lockdowns 2020: Täglich folgten Menschen dem Aufruf der Autorin, auf ihren Balkonen Rilkes „Panther“ zu rezitieren, das „Gedicht der Stunde“. Damit forderte Marica Bodrožić Leserinnen und Hörer zum Tanz um die eigene Mitte auf; einem Befreiungsakt des Geistes, von dem ein eingekerkertes Tier nur träumen kann. Der starke Wille der Menschheit, in die Freiheit zurückzukehren, ist lediglich müde, lediglich betäubt, hat grundsätzlich aber nicht aufgehört, zu sein.

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Private Probleme

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Isolation Berlin: Geheimnis

"Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin“, donnert Tobias Bamborschke in „Der Bus der stillen Hoffnung“ beim Auftritt 2018 in Ho-Chi-Mhin-Stadt. Der Mitschnitt liegt der „Geheimnis“-Deluxe-Ausgabe bei und zeigt die Live-Rockwucht von Isolation Berlin – aber auch, dass er so herzerwärmend wie Rio Reiser nölen kann, etwa im orgeligen Opener „Alles grau“ („Ich hab endlich keine Hoffnung mehr“), ebenfalls vom Debüt Und aus den Wolken tropft die Zeit (2016). Nach arg beraunten EPs zuvor, die auf „Berliner Schule/Protopop“ parallel neu rauskamen, lief da der IB-Hype bereits. Aber Lieblingszitat bisher bleibt: „Wenn du mich suchst, du findest mich am Pfandflaschenautomat/Da hole ich mir zurück, was mir gehört“ (aus „Serotonin“ vom Zweitling Vergifte dich, 2018).

Geheimnis ist also ihr drittes Album, auf dem vieles anders ist, aber alles zum Glück noch ganz IB. Elf Songs, den Anfang macht das zärtliche Liebeslied „Am Ende zählst nur du“. Gänsehaut-Melancholie zur akustischen Gitarre und Streichern, die Gitarrist, Keyboarder und Arrangeur Max Bauer gut einsetzt. Aber bereits in „Enfant terrible“, das David Specht (Bass) und Simeon Cöster (Drums) mit Sinisterlauern unterlegen, mault Bamborschke mit „Kuh“ einer gekränkt Abgerauschten hinterher und lässt eine seiner vertrauten Figuren von der Kette: „Ich werd mich ändern, werd mich ändern irgendwann – wenn ich kann.“ Dann der Titelsong, inszeniert als Psycho-Ballade: „Mein größter Feind ist mein Gehirn – erzähl mir dein tiefstes Geheimnis“. Funkelnd folgt „(Ich will so sein wie) Nina Hagen“, funky wie frühe Sterne-Songs und manisch fröhlich wie deren legendärer „Universal Tellerwäscher“. Dröniger Rumpelbeat – Mähdrescher auf Pervitin? – treibt dann verlässlich durch „Private Probleme“. Welche sagt er nicht, nur, dass er nicht darüber reden will, sich dafür schämt und sonst bloß: „Lasst mich alle in Ruh!“ Der Chor singt gültig „Schallalallala“ dazu.

Bamborschkes Lyrics wahren Understatement, während die Maskerade ihm früher, auch in Interviews, häufig verrutschte. Die Songs profitieren, bieten den Hörern noch mehr Platz. Persona und Songstory-Personen bleiben getrennt, weniger Seelen- und Alltagskarneval ist darum jetzt jedoch nicht, im Gegenteil. „Ich zieh mich zurück“ („Stück für Stück, in mein Schneckenhaus“) nimmt mit Max Raabe-Intonation und Kirmesorgel diesen Faden augenzwinkernd auf. Und „Stimme Kopf“ ist IB-Funk pur – Rede, Gegenrede, schreiender Rockdrall am Abgrund. Darauf folgen drei bedächtige Stücke. „Enfant perdu“ zum Schluss, wieder mit Kirmesorgel, irisierenden Streichern, verlorenem Pfeifen ist schon pures Chanson. Bamborschke mag Ingrid Caven und hat mit „Schmetterling im Winter“ (KiWi) außerdem den zweiten Lyrik-Band veröffentlicht. Goldkanten-Alarm demnach: Vergesst Selbstoptimierung, kauft „Geheimnis“. Somnambul, hellwach, intim und wahr. Es lohnt sich.


 

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Bach fürs Leben

Bach fürs Leben

Daniil Trifonovs Familienalbum

Wenn einer der aktuell weltbesten Pianisten ein Doppelalbum mit Musik von Bach herausbringt, möchte man gerne glauben, dass der Albumtitel Bach: The Art of Life (Die Kunst des Lebens) nicht nur ein Marketing-Gag des Labels ist, sondern dass es Daniil Trifonov wirklich darum zu tun ist. Interessant ist das Konzept auf jeden Fall, denn der 1991 geborene russischstämmige Pianist wählt den Anmarsch in der ersten CD zum Gipfel Johann Sebastian über die Familie Bach – nicht die Vorfahren, von denen es keine nennenswerte Klavierliteratur gibt, sondern die Nachfahren in Gestalt seiner vier komponierenden Söhne.

So lernen wir zunächst viel wenig Bekanntes kennen und lieben. Denn wer ist schon mit der Polonaise No. 8 in e-Moll von Bachs Ältesten Friedemann vertraut, eine elegisch-klare, feinsinnige Klage, an die sich das pfiffig-virtuose und variantenreiche Rondo c-Moll des Zweitältesten Carl Philipp Emanuel, dem „Hamburger Bach“, anschließt? Beides so delikat, feinsinnig und virtuos-perlend von Trifonov gespielt, dass man zu ahnen beginnt, warum Bach-Vater bereits in seinen letzten Lebensjahrzehnten etwas aus der Mode geraten schien. Und dann … ist das etwa Mozart? Nein, auch der dritte komponierende Bachsohn Johann Christoph Friedrich, der „Bückeburger Bach“, hat Variationen über das im 18. Jahrhundert beliebte Lied „Ah! vous dirai-je, Maman“ geschrieben. Die Melodie ist in Deutschland als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ bekannt und natürlich Mozarts zwölf Variationen in C-Dur darüber. Johann Christoph Friedrich hat gar 18 hinreißende Miniaturen geschrieben, und Trifonov spielt sie uns alle. Klasse!

Dann aber kommt Er, „der“ Bach, dann kommt Johann Sebastian. Erst auf leisen Sohlen mit Klavierstücken aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, der Übergang vom Stil der Söhne geschieht fast unmerklich und mündet dann in der Übertragung der d-Moll-Partita von Johannes Brahms – ein Hammer und ein Höhepunkt, bevor es dann mit langen Ausschnitten aus der Kunst der Fuge (BWV 1080) ans Eingemachte geht. Ganz am Schluss dann wie ein erlöstes Dankgebet ein Evergreen: „Jesus bleibet meine Freude“ in der berühmten Transkription von Myra Hess (1890 – 1965). Herrlich!

Wird das der Hit unterm Weihnachtsbaum werden? Ganz gewiss, denn Trifonov zieht alle Register, und es sind Register, die nicht oberflächlich glänzen, sondern – ja, es klingt kitschig – von innen leuchten. Wie schrieb bereits 2014 der bekannte britische Musikjournalist Norman Lebrecht über den jungen und schon damals großen Klavierkünstler Daniil Trifonov? Er sei „ein Pianist für den Rest unseres Lebens“. Nach diesem Hörerlebnis können wir nur sagen: So soll es sein.

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Stille und Dynamik

Stille und Dynamik

Sonntagspredigt
Foto: Mario Brink

Die Gedanken zur Sonntagspredigt kommen dieses Mal von Gregor Bloch. Er  ist Pfarrer in Horn-Bad Meinberg.

Heiliger Moment

3. Advent, 12. Dezember

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haus­halter über Gottes Geheimnisse.
(1 Korinther 4,1)

Der Advent hat etwas Geheimnisvolles. Inmitten einer Jahreszeit, in der Dunkelheit und Licht ein faszinierendes Wechselspiel aufführen, erwarten wir Gott in unserer Welt. Natürlich nicht, weil er zuvor abwesend gewesen wäre und nun wiederkommen müsste. Denn Gott ist schon vorher da. Aber doch herrscht in dieser Phase des Jahres eine innere Anspannung und Vorfreude auf das, was voraus liegt: ein erhoffter heiliger Moment der Freude, des Friedens und der Erfüllung.

Dieser heilige Moment ist das Geheimnis der Advents- und Weihnachtszeit. Wir können ihn nicht produzieren. Er ist vielmehr unverfügbar. Ob er sich aber wirklich einstellt, wissen wir nicht. Und doch gestalten wir diese Zeit des Kirchenjahres ganz bewusst. Wir planen Veranstaltungen, Begegnungen, Gottesdienste und andere Formate – sowohl privat als auch kirchlich. So versuchen wir, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der erwartete heilige Moment Wirklichkeit wird. Der Zusammenhang aus Unverfügbarkeit und Vorbereitung klingt paradox. Und doch ist dies wohl die einzige Möglichkeit, „Haushalter über Gottes Geheimnisse“ zu sein: sich selbst und in Gemeinschaft darauf vorzubereiten, dass Gott uns einen heiligen Moment schenken möge.

Nachdem die Corona-Pandemie die letztjährige Advents- und Weihnachtszeit maßgeblich beeinträchtigte, ist die Sehnsucht nach diesem Moment in diesem Jahr wohlmöglich größer als zuvor. Geben wir also unser Bestes als Haushalter Gottes und Diener Christi, und lassen wir uns zugleich von Gottes Schwung überraschen!

 

 

Aufmerksamer Blick

4. Advent, 19. Dezember

Und der Engel kam zu ihr (Maria) hinein und sprach: Sei gegrüßt du Begnadete! Der Herr ist mit Dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? (Lukas 1,28–29)

Es gibt wohl keine Zeit im Jahr, die so sehr davon geprägt ist, an andere zu denken, wie Advent und Weihnachten. Sicherlich gibt es im gesamten Jahr Anlässe, die zum Denken an andere einladen. Aber in der Advents- und Weihnachtszeit erfolgt dies in verdichteter Weise, nicht zuletzt durch Geschenke und Grußkarten.

Diejenigen, die so bedacht werden, stehen in der Regel fest. Und doch wird es von Jahr zu Jahr vermutlich auch Menschen geben, die anlässlich der Festtage erstmals oder auf neue Weise Aufmerksamkeit bekommen. Und dies kann für sie so überraschend sein wie die Grußworte des Engels Gabriel für Maria.

Vor 55 Jahren, 1966, wurde ein Song veröffentlicht, der bis heute beliebt ist: „Eleanor Rigby“ von den Beatles. Die Musik der Beatles dürfte nicht jeder und jedem zusagen. Aber das Lied „Eleanor Rigby“ zieht viele in den Bann – musikalisch und inhaltlich. Der Song, der größtenteils aus der Feder von Paul McCartney stammt, erzählt vom Schicksal einsamer Menschen wie Eleanor Rigby. Sie sammelt – erzählt der Liedtext – den Reis vom Boden einer verlassenen Kirche, in der zuvor eine Hochzeit stattfand, und stirbt später allein in dem Gebäude. Und die Rede ist auch von einem Pfarrer McKenzie, der in einsamer Nacht seine Socken stopft. Beide Personen stehen in diesem Lied für „all the lonely people“, die unter uns leben und deren Herkunft und Zugehörigkeit kaum jemand kennt. McCartneys „Eleanor Rigby“ gibt Vereinsamten eine Stimme.

Auch wenn das Lied schon älter ist, hat es an Relevanz nicht verloren. Einsamkeit ist auch gegenwärtig eine Facette unserer Gesellschaft. Und zu Weihnachten wirkt sie häufig noch schlimmer als sonst. Die Vorbereitungen auf das Fest können deshalb ein Impuls sein, auch an diejenigen zu denken, die allein und einsam sind. Sicher ist es nicht ganz einfach, herauszufinden, auf wen das zutrifft. Doch vielleicht kennt man solche Menschen. Und wenn nicht, kann uns schon ein aufmerksamer Blick auf Menschen, die uns begegnen, Hinweise geben.Es wäre doch schön, ihnen zum Weihnachtsfest Aufmerksamkeit zu schenken. Das Schöne daran ist, dass sich so ein Potenzial eröffnet, nicht nur anderen Menschen etwas Gutes zu tun, sondern auch sich selbst. Denn vielleicht eröffnet die Begegnung mit diesen Mitmenschen neue Perspektiven für das eigene Leben.

Ziel und Anfang

1. Weihnachtstag, 25. Dezember

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! (1. Johannes 3,1)

Der gestrige Heilige Abend ist mit aller Hektik vorüber. Jetzt ist wirklich Weihnachten. Da mag zwar der eine oder andere Besuch noch anstehen. Aber wir sind in den Festtagen angekommen.

Auch Jesus ist angekommen, Gott in unserer Welt. Doch mehr noch: Er wird Teil unseres Lebens – zumindest, wenn wir an ihn glauben. Wir werden hineingenommen in Jesu Beziehung zu Gott. Durch ihn, den Sohn Gottes, werden auch wir zu Gottes Kindern. Von dieser Überzeugung sind die Worte des Ersten Johannesbriefs geleitet: Wir sind geliebte Kinder Gottes. Mit Jesu Ankommen sind auch wir angekommen.

Weihnachten ist eine Unterbrechung unseres vom Alltag geprägten Jahreskreislaufs. Ein Moment, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Doch das ist nur die eine Seite. Weihnachten ist nicht nur Stille und Unterbrechung, es bedeutet auch Dynamik. Denn die Perspektive, dass wir geliebte Kinder Gottes sind, bietet Ressourcen und Potenziale, das Leben auf dieser Welt zu gestalten. Weihnachten ist deshalb beides: Ziel und (Neu-)Anfang zugleich. In dieser zweiten Dimension wird Jesu Ankunft zum Motor für das eigene Leben, der das ganze Jahr in Bewegung setzt, uns auch an anderen (Zwischen-)Zielen ankommen lässt.

 

Spontane Idee

Silvester, 31. Dezember

Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune. (Matthäus 13,30)

Der Jahreswechsel bildet eine Zäsur. Natürlich hört mit Silvester nicht alles auf, was im ausgehenden Jahr begonnen oder weitergeführt wurde. Doch es beginnt etwas Neues. Ein neues Jahr, mit dem viele Menschen nicht selten bestimmte Vorstellungen, Wünsche und Vorsätze verbinden. Wie sehr sich in einem neuen Jahr auch Unvorhergesehenes, ja Unvorstellbares, ereignen kann, haben die vergangenen beiden Jahre gezeigt. Wer hätte zu Beginn des Jahres 2020 gedacht, dass wenige Wochen später eine Pandemie das Leben von Einzelnen und Völkern auf der ganzen Welt auf den Kopf stellen würde?

So ist deutlich geworden: Die Vorstellungen und Wünsche, die wir mit einem neuen Jahr verbinden, sind nicht allein von unserem Willen und Verhalten abhängig, sondern immer auch von Entwicklungen in unserem Umfeld, die wir nicht beeinflussen können.

Das Gleichnis „Vom Unkraut unter dem Weizen“ spricht eine ähnliche Erfahrung an: Der Mensch, der guten Samen auf seinen Acker sät, wird eines Nachts von seinem Feind heimgesucht. Er sät Unkraut auf das Feld und verunreinigt so die Ernte. Und das hat der säende Mensch nicht vorhersehen können. Der Ertrag, den er sich von seiner Arbeit erhofft, liegt nicht allein in seinen Händen, sondern ist abhängig von externen Verhaltensweisen und Entwicklungen. Und just in dem Moment, wo ihm dies klar wird, kommt ihm eine Idee, das Problem zu lösen und den Ertrag zu retten.

Welche Probleme auf uns im anstehenden Jahr zukommen werden, wissen wir nicht. Doch das Gleichnis macht Mut, dass Lösungen für aufkommende Probleme gefunden werden können. Natürlich wird das nicht überall reibungslos verlaufen. Möglicherweise ist dazu wie im Gleichnis ein zusätzlicher Aufwand notwendig. Aber es kann gelingen.

 

Mündige Christen

1. Sonntag nach Epiphanias, 9. Januar

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. (Jesaja 42,1)

In der Bibel gibt es viele Erzählungen über Berufungen oder Beauftragungen durch Gott. Und nicht selten sind damit Zeitenwenden verbunden. Die Berufung des Knechts, von dem der obige Vers handelt, steht im Kontext der großen Wende innerhalb des Jesajabuchs: Das unheilvolle Schicksal des Volkes Israel in der babylonischen Gefangenschaft wendet sich zugunsten einer Perspektive des Heils, das nicht nur Israel, sondern der ganzen Welt zugutekommen soll.

So sonderbar die biblischen Erzählungen die göttliche Berufung einzelner Menschen auch schildern, es stellt sich ihnen die Frage, ob Gottes Berufungen nur besonderen Menschen gelten. Wenn das Merkmal der Berufung darin besteht, dass die berufene Person mit Gottes Geist begabt ist, dann wird man diese Frage verneinen müssen: Denn weil wir als Christenmenschen alle mit Gottes Geist begabt sind, ist auch jede und jeder von uns berufen, in dieser Welt einen Auftrag zu erfüllen.

Welcher Auftrag dies ist, ist für jede/n Getaufte/n unterschiedlich. Der Impuls, sich für ein besonderes Anliegen zu engagieren, kann dem ebenso gerecht werden wie die Erfüllung der alltäglichen Angelegenheiten. Letztlich geht es darum, in dieser von Gott geschaffenen Welt Verantwortung zu übernehmen. Wie dies konkret erfolgt, ist individuell unterschiedlich und in die persönliche Gottesbeziehung eingebettet.

In den letzten Jahren ist vermehrt der Eindruck entstanden, die Verantwortlichen in der evangelischen Kirche wüssten genau, welche konkreten Handlungsoptionen evangelische Christinnen und Christen in unserer Zeit wählen müssen. Dass dabei genuin politische Optionen zur kirchlichen Lehrmeinung erhoben wurden, hat den Diskurs unglücklicherweise vernebelt. Auf diese Weise förderte die evangelische Kirche nicht selten Polarisierungen innerhalb der Gesellschaft, statt Foren für den gemeinsamen Diskurs über gesellschaftliche Probleme bereitzustellen.

Es bleibt deshalb zu hoffen, dass die evangelische Kirche in politischen Fragen wieder bescheidener auftritt. Zugleich ist zu wünschen, dass sie wieder ernst nimmt, dass die Kirchenmitglieder mündig und selber in der Lage sind, der von Gott berufenen Verantwortung in dieser Welt gerecht zu werden: Denn durch seinen Geist können wir das. 

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Gregor Bloch

Gregor Bloch ist Pfarrer und theologischer Mitarbeiter des Evangelischen Bundes Westfalen und Lippe. Er wohnt in Detmold.


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Lego für Afrika

Auch wenn sie nun schon seit über drei Jahren in ihrem neuen Zuhause wohnt, kann Nadia Philipps ihr Glück immer noch kaum fassen.

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Neigung zum Dramatisieren

Im Studium konnte ich mich nie so recht zwischen Theologie und Geschichtswissenschaft entscheiden.

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Für Soziales (um)genutzt

Seit 2008 beherbergt die Kirche als sogenannte Tafelkirche die Oberhausener Tafel, die hier Lebensmittel an bedürftige Menschen verteilt.

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Flucht vor Gott oder Umkehr

Flucht vor Gott oder Umkehr

Warum es wieder lohnt, Klartext zu predigen
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Ist Umkehr (noch) möglich? Wieder einmal tagte eine Weltklimakonferenz, diesmal in Glasgow. Wieder einmal gab es nicht den großen Durchbruch im Kampf  gegen den Klimawandel. Wieder einmal gab es viele wichtige Voten und Ankündigungen freiwilliger Maßnahmen. Und wieder einmal bange Fragen: Wie weit trägt das Prinzip der Freiwilligkeit, das keinen Staat oder politisch Verantwortliche in eine Pflicht zur Umsetzung nimmt, vielmehr auf Verantwortungsübernahme aus  Überzeugung setzt?

Ist Umkehr (noch) möglich? Da wird berichtet, dass der Premier­minister des gastgebenden Landes nach seinem eindringlichen Appell, „den Klimawandel wirklich ernst zu nehmen“ („eine Minute vor Mitternacht“, so seine Zeitansage), den Weg von Glasgow nach London mit dem Flugzeug zurücklegte, um noch rechtzeitig an  einem abendlichen Dinner teilnehmen zu können. Und auch die Präsidentin der Europäischen Kommission nutzte in diesen Tagen den Flieger für die kurze Strecke  zwischen Wien und Budapest. Nun ist es billig, die beiden an den öffentlichen Pranger zu stellen – und geschieht doch. Denn es entlastet die anderen, die  „einfacheren“ Menschen davon, ihr eigenes Verhalten zu ändern, den eigenen CO2-Fuß­abdruck zu verringern. Doch wer wagt hier eine klare Botschaft? Wer wagt,  dies auszusprechen: „Es kommt auf jede und jeden an.“ Und: „Solche Änderungen bedeuten Einschränkungen in fast allen Bereichen des Lebens, wie Mobilität,  Wohnen, Essen, Kleidung …“

Da kommt mir Jona in den Sinn: Umkehr sollte er in Gottes Namen den Leuten in Ninive ob ihrer Bosheit predigen. Doch er flieht vor Gott, möglichst weit weg übers Meer. Doch Gott verfolgt ihn und stürzt das ganze Schiff in große Seenot. Jona übernimmt dafür die Verantwortung und bittet die Seeleute, dass sie ihn ins  Meer werfen. Zunächst weigern sie sich, sich so schwer zu versündigen. Aber alle eigene Kraftanstrengung beim Gegen-Rudern gegen den Sturm hilft nicht. Das  ganze Schiff droht unterzugehen. Da werfen sie schließlich Jona doch ins aufgewühlte Meer. Und das Meer wird still. Jona ist von der Bildfläche verschwunden. So  endet das erste Kapitel des Buches Jona. Es beginnt mit seiner Flucht vor Gott. Und es endet mit seinem Untergang im stürmischen Meer.

Jonas Geschichte bringt mich neu ins Nachdenken: Fehlt es heute vielleicht gerade daran, dass solch konkrete Umkehr zu wenig gepredigt wird? Dass die  Verkündiger:innen versuchen, die Menschen nicht zu verschrecken, gar so zu verärgern, dass sie sich abwenden, sei es von einer Partei, der Kirche, einer anderen  Gruppe; dass die Verkündiger:innen daran zweifeln, ob ihr konkreter Ruf zur Umkehr wirkt? In Ninive, so erzählt die Jona-Geschichte weiter, nahmen die  Menschen auf der Straße wie auch der König den Ruf des im Bauch des Fisches geretteten Jona ernst und kehrten um. Da kehrte auch Gott selbst um von seinem  Zorn und zeigte sich barmherzig.

Umkehr ist möglich, so erzählt die Geschichte von Jona. Und: Dazu braucht es Menschen, die Klartext reden und den Menschen zumuten und zutrauen, dass sie umkehren – und die vor diesem Auftrag nicht fliehen. 

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Ilse Junkermann

Ilse Junkermann ist Landesbischöfin a.D. und Leiterin der Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR. Kirche (sein) in Diktatur und Minderheit“ an der Universität Leipzig.


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Herdentier Mensch

Der Austritt ist eine kleine Massenbewegung, man kriegt es mit, schließt sich an, der Mensch ist ein Herdentier.“ So lautet die Schlussfolgerung eines Teilnehmers aus dem q

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Erben einer Staatskirche

Veränderung“ ist ein Stichwort, das bei der VELKD-Synode immer wieder auftaucht, bei der Vorstellung derer, die für die Kirchenleitung kandidieren (siehe S

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