zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

"Manchmal werde ich erhört"

Interview: Philipp Gessler

Heiko Herrlich, Trainer des Bundesligavereins Bayer 04 Leverkusen, über den Glauben im knallharten Profifußball – und Fußball als Religionsersatz.

Foto: firo Sportphoto
Foto: firo Sportphoto

zeitzeichen: Herr Herrlich, beten Sie täglich?

 

HEIKO HERRLICH: Ja, das tue ich.

 

Auch vor jedem Spiel?

 

Auch vor jedem Spiel.

 

Was beten Sie da? Um den Sieg?

 

Letztlich kommt es doch so, wie es der liebe Gott vorhat. Ich bete eher dafür, dass alle gesund bleiben. Ich bete auch für den Gegner und für die Kraft, in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben. Dafür, dass ich meine Arbeit gut mache. Manchmal werde ich erhört, manchmal mache ich Fehler.

 

Erleben Sie Anfeindungen, wenn Sie sich als Christ „outen“?

 

Das kommt schon mal vor. Manch einer kann damit vielleicht nicht allzu viel anfangen. Meistens macht es mir nichts aus, aber gelegentlich trifft mich das dann auch.

 

Es scheint, relativ viele Fußballprofis sind christlich geprägt - denkt man an Bekreuzigungen vor Spielbeginn. Stimmt das?

 

Es ist richtig, auch wir in Leverkusen haben einige Spieler, die sich zu ihrem Glauben bekennen. Gerade in dieser ausgeprägten Leistungsgesellschaft kann dir der Glaube helfen. Er gibt dir Kraft, er gibt dir Halt und lässt dich verschiedene Ereignisse besser einordnen. Wenn ein Spieler diesen Impuls in sich trägt, dann bestärke ich ihn gern darin.

 

Warum sind relativ viele Fußballprofis offenbar Christen - weil der Druck so stark ist und man sich Entlastung von oben erhofft?

 

Ich denke, das hat nichts mit dem Status als Fußballprofi zu tun. Der Mensch entscheidet das für sich, nicht der Fußballer, der Arzt, der Elektriker oder der LKW-Fahrer.

 

Hilft Ihnen der Glaube, mit dem immensen Druck im Trainer-Geschäft fertig zu werden, weil man schon nach ein paar verlorenen Spielen den Job verlieren kann?

 

Der Glaube hilft mir im täglichen Leben. Natürlich auch im beruflichen Alltag, aber der Job ist letztlich nur ein Teil meines Daseins.

 

Hilft der Glaube auch, nicht größenwahnsinnig zu werden, wenn man Erfolg hat und die Fans einen in den Himmel loben?

 

Bei mir ist es so, dass ich auch durch meinen Glauben meine Lebenssituation realistisch einschätzen kann. Ich bin schon sehr lange in diesem Geschäft, wurde als 17-Jähriger Fußballprofi. Ich habe viele Situationen erlebt, im Positiven wie im Negativen, durch die ich nur zu gut weiß, wie schnell Erfolgsmomente auch wieder vorbei sein können. Diese Erfahrung hilft mir sehr. Dadurch, vor allem aber durch meinen christlichen Glauben, ist der Wert Demut für mich von besonderer Bedeutung.

 

Gibt es Nächstenliebe im harten Bundesliga-Geschäft?

 

Sie sagen es - es ist ein Geschäft. Der sportliche Erfolg steht im Vordergrund, das muss man wissen, wenn man sich dem aussetzt. Der Leistungsgedanke ist prägend, aber das schließt aus meiner Sicht Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe nicht aus. Ich versuche, das zu leben, betrachte es als meinen christlichen Auftrag.

 

Denken Sie manchmal: Jetzt habe ich gesündigt, etwa: gelogen - aber für den Verein musste es sein?

 

Ganz egal, worum es geht, jeder kommt im Leben auch einmal in Grenzbereiche. Ich versuche immer, mich nach meinen christlichen Werten zu verhalten. Doch niemand ist ohne Fehler, weder ich noch meine Spieler. Als Trainer habe ich in Konfliktsituationen schon vor meiner Mannschaft gestanden und den Spielern gesagt: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…“

 

Der eigene Verein oder Fußball im Allgemeinen scheint für viele Menschen oftmals eine Art Religionsersatz zu sein. Stimmt das?

 

Ist das zu hoch gegriffen? Bei manchen Menschen vielleicht nicht. Sie finden Erfüllung in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, haben gemeinschaftliche Erlebnisse, auch der Fußball führt Menschen zusammen. So betrachtet kann er durchaus ein Ersatz der Religion sein. Für mich war er das nie.

 

Woran liegt das - an der Schwäche der Kirchen?

 

Menschen sind auf der Suche nach Erfüllung. Nicht jeder findet dabei Gott, nicht jeder ist empfänglich für sein Wort. Das würde ich nicht als institutionelle Schwäche der Kirchen auslegen.

 

Ist Fußball-Vergöttlichung eine Art Umweg für die Sehnsucht nach Spiritualität in einer zunehmend säkularen Gesellschaft?

 

Wissen Sie, der Fußball diskutiert derzeit selbst über eine mögliche Entfremdung von den Fans, über ein Abdriften in eine Parallelwelt. Es gibt inzwischen auch eine sehr kritische Betrachtungsweise des Profifußballs, mit der wir alle uns auseinandersetzen müssen. Genau wie die Kirchen ist nämlich auch der Fußball ein relevanter Teil unserer Gesellschaft, der Millionen von Menschen, weltweit Milliarden beschäftigt und bewegt. Für viele mag der Fußball die Sehnsucht nach Spiritualität erfüllen. Aber es gibt auch viele, die die Dinge ganz anders sehen.

 

Was gibt einem der Verein, was offenbar der Glaube nicht gibt?

 

Es kann eine Aufgabe sein. Sich zu engagieren für „seinen Verein“, darin kann man Erfüllung finden. Man ist nicht allein dabei, man ist „vereint“, im wahrsten Sinne des Wortes, mit anderen Menschen.

 

Die Fan- oder Ultra-Szene spielt oft mit quasi-religiösen Zeichen (wie riesiges Jesus-Plakat auf Dresden-Fan-Tribüne, Gesänge wie „You`ll never walk alone“ ). Warum ist das so?

 

Man versammelt sich als Gemeinschaft unter bestimmten Symbolen, man identifiziert sich als Gruppe mit dem Verein und praktiziert dabei bestimmte Rituale. Ich denke, es geht dabei schlicht um ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

 

Finden Sie es bedenklich, wenn der Verein zum Religionsersatz wird?

 

Ich finde es grundsätzlich nicht schlimm, wenn sich Menschen für etwas begeistern, wenn Menschen unter einem bestimmten Motto zusammenkommen. Dieses Motto kann auch ein Verein ausgeben, wir bei Bayer 04 Leverkusen sehen uns zum Beispiel als „Die andere Familie“. Solange es demokratisch zugeht, gewaltfrei, werteorientiert, solange ist dies vollkommen in Ordnung.

 

Und wer wird Fußball-Weltmeister in diesem Sommer?

 

Die deutsche Mannschaft gehört zu den Favoriten. Sie kann es schaffen - genau wie Frankreich, Spanien oder Brasilien.

 

 

Die Fragen stellte Philipp Gessler.

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