zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Starke Aufwertung des Einzelnen

Gespräch mit dem Münchner Theologieprofessor Jörg Lauster über die Auswirkung der Reformation auf das Christentum und die Kunst

Jörg Lauster
Foto: privat
Foto: privat

zeitzeichen: Herr Professor Lauster, was ist die stärkste Auswirkung der Reformation?

 

Jörg Lauster: Ich glaube, dass die stärkste Wirkung der Reformation eine religiöse ist. Sie hat Menschen das Bewusstsein vermittelt, dass der Einzelne ein unmittelbares Verhältnis zu Gott haben kann und die Kirche nur ein Instrument dafür ist, dass dieses Gottesverhältnis gelebt werden kann. So hat die Reformation eine religiöse Revolution in der Christentumsgeschichte ausgelöst.

 

Wenn der Einzelne unmittelbar zu Gott und die Kirche nicht so wichtig ist, wirkt sich das ja auch auf die Gesellschaft aus, oder?

 

Jörg Lauster: Zunächst eine kleine Anmerkung: Dass die Kirche nicht so wichtig ist, stimmt zumindest für Martin Luther nicht. Für ihn hat die Kirche eine große Bedeutung gehabt. Nur hat er das unmittelbare Gottesverhältnis der kirchlichen Vermittlung des Glaubens vorgeordnet. Natürlich hat sich die von der Reformation bewirkte religiöse Revolution langfristig auch auf die Gesellschaft ausgewirkt. Denn Luthers Sicht bedeutet eine unglaubliche Aufwertung des Individuums. Der Einzelne ist sozusagen der Ort, an dem sich die göttliche Gegenwart zeigt. Und das bedeutet, modern gesprochen, dass das Individuum Rechte und Pflichten hat, auch eine Verantwortung für die Gestaltung des Lebens.

 

Inwiefern hat das die Gesellschaft in Deutschland geprägt? Man denkt da an Tugenden wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Genauigkeit und Unbestechlichkeit.

 

Jörg Lauster: Das ist eine schwere Frage. Diese sogenannten deutschen Sekundärtugenden sind sicher nicht unmittelbar auf die Reformation zurückzuführen. Da gibt es ja noch eine Reihe weiterer Entwicklungen, die dazugekommen sind. Aber generell gilt: Die Reformation ist eine Initialzündung. Mit ihr setzt ein Prozess ein, dessen eigentliche Vollendung in Deutschland die Aufklärung ist. In ihr wird auf dem Feld der Religion vieles umgesetzt und zur Gestalt gebracht, was mit Luther in die Welt gekommen ist.

 

Aber die Aufklärung ist über Luther hinausgegangen.

 

Jörg Lauster: Ja, wenn man den Einzelnen stark macht, muss man auch seine Vernunft stark machen. Da ist die Aufklärung weit über Luther hinausgegangen. Und das gilt auch für das Gebot religiöser Toleranz.

 

Bei den erwähnten Sekundärtugenden fällt doch ein Unterschied zwischen der Mentalität protestantisch und katholisch geprägter Länder auf.

 

Jörg Lauster: Der klassischen These Max Webers, wonach die Entstehung des Kapitalismus mit bestimmten Lehren des Protestantismus und einer entsprechenden Lebenspraxis zusammenhängt, kann ich immer weniger zustimmen. Das Bankwesen ist jedenfalls im Italien des 15. Jahrhunderts entstanden, also in einem katholisch geprägten Landstrich. Dann finden sich im katholischen Antwerpen des 15. und 16. Jahrhunderts sehr fleißige Niederländer. Ich halte die Behauptung für problematisch, der Protestantismus habe beim Arbeiten und Wirtschaften den Fleiß in den Vordergrund gestellt. Meines Erachtens spielt bei den unterschiedlichen Mentalitäten in Europa eher der Gegensatz zwischen Nord und Süd eine Rolle, als der zwischen evangelisch und katholisch.

 

Die unterschiedlichen Mentalitäten zwischen Nord- und Südeuropäern sind in der Eurokrise wieder sichtbar geworden. Inwiefern spielen da auch konfessionelle Prägungen eine Rolle?

 

Jörg Lauster: Ich kann doch schon in der eigenen Biographie nur unglaublich schwer bestimmen, welche Einflüsse mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin. Umso schwerer ist auszumachen, welche Einflüsse bestimmte Mentalitäten von Völkern hervorgerufen und geprägt haben. Sicher hat die Reformation daran einen Anteil, aber nicht nur sie.

 

Martin Luther hat den weltlichen Beruf dem geistlichen gleichgestellt. Er hat auch die Arbeit der Laien als Berufung gesehen und dadurch immens aufgewertet. Dieser revolutionäre Gedanke hat sich doch auch im Alltag ausgewirkt und Gesellschaften geprägt.

 

Jörg Lauster: Ja, das ist ein revolutionärer Gedanke. Das lutherische Berufsethos besteht darin, dass die religiöse Kategorie der Berufung nicht mehr allein auf ein geistliches Amt bezogen wird, sondern auf die Stellung, die der Mensch in der Welt innehat hat. Dort, wo er hingestellt ist, in seinem Stand, seinem Beruf, soll er seine Verantwortung vor Gott wahrnehmen. Und das ist in der Tat eine der großen Errungenschaften der Reformation. Man müsste dann aber – in der folgerichtigen Anwendung dieser These – zeigen, dass es katholischerseits nichts Analoges gibt. Und das ist schwierig. Jedenfalls dürfte es katholische Laien geben, die ihre Arbeit ebenfalls als Beruf ansehen und ihre Arbeit in der Verantwortung vor Gott tun.

 

Wie hat die Reformation und in deren Folge der Protestantismus denn die Gefühle von Menschen geprägt?

 

Jörg Lauster: Die Reformation hat durch die Aufwertung des Individuums einer größeren Beobachtung des Selbst den Weg bereitet. Das hat dann zum Beispiel im Pietismus zu einer Verinnerlichung geführt, zu einer Religiosität, die sich auf das innere Erleben zurückzieht. Die Reformation hat meines Erachtens keine eigenen, besonderen religiösen Gefühle freigesetzt, aber sie hat dem Blick auf das innere Erleben einen viel größeren Stellenwert eingeräumt. Und das ist das Entscheidende.

 

Das schlägt sich auch in der Literatur nieder und hat zum Beispiel die Gattung der Biographie befördert.

 

Jörg Lauster: So ist es. Die Selbstbeobachtung, die erhöhte Achtsamkeit auf das Innere, hat tatsächlich große Auswirkungen auf die Literatur gehabt. Aber auch an dieser Stelle muss man sich vor Schwarz-Weiß-Malerei hüten. Die Reformation hat etwas ausgelöst, aber der Katholizismus hat darauf reagiert. So haben im 16. Jahrhundert die Jesuiten die Bedeutung der Gefühle erkannt und mit der Barockkultur eine sehr sinnliche, sehr gefühlsintensive religiöse Kultur intellektuell vorbereitet, gewissermaßen als Abwehrmaßnahme gegen den Protestantismus.

 

Sicher sollte man bei der Analyse und Beschreibung der Wirklichkeit eine Schwarz-Weiß-Malerei vermeiden, und natürlich ist die Identität von Christen, von Einzelnen und Völkern, nicht allein durch die Konfession geprägt worden. Trotzdem: Gibt es bei der Art und Weise, wie Gefühle geprägt worden sind, Unterschiede zwischen Reformation und Gegenreformation, Protestantismus und Katholizismus?

 

Jörg Lauster: Man hat den Katholizismus eine Kultur des Auges genannt und den Protestantismus eine Kultur des Ohres. Ein Maler wie Peter Paul Rubens ist natürlich bis in die letzte Faser katholisch. Im Katholizismus stellt die bildende Kunst die göttliche Realität in der Welt sinnenfroh dar, während im Protestantismus die etwas stärkere Betonung des Subjekts, das innere Erleben, zum Beispiel durch die Musik, einen viel größeren Stellenwert hat.

 

Neben dem Hören spielt im Protestantismus auch das Lesen eine wichtige Rolle. In protestantischen Ländern sind unheimlich viele Buchverlage entstanden. Und dort erscheinen bis heute viele Zeitungen. Man vergleiche nur ein kleines Land wie die Niederlande mit dem viel größeren Italien.

 

Jörg Lauster: Was Sie sagen, kann ich als Hinweis auf bestimmte Phänomene akzeptieren, aber nicht als absolutes Urteil. So hat einen der bedeutendsten Romane des Barock, Don Quichotte, ein katholischer Spanier geschrieben, Miguel de Cervantes. In der Anglistik gibt es die etwas skurril wirkende Debatte darüber, ob William Shakespeare Katholik war. Als ob seine Konfession so wichtig wäre. Einfache Schablonen helfen hier einfach nicht weiter. Aber natürlich kann man schon sagen, dass die Kirchenmusik, von Heinrich Schütz bis zu Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, protestantische Territorien geprägt hat.

 

Der Barock wird ja oft, was die Architektur betrifft, dem Katholizismus zugeordnet. Nun gibt es aber auch protestantische Barockkirchen wie den Hamburger Michel und die Dresdner Frauenkirche. Haben die Protestanten da nur Katholisches nachgeäfft?

 

Jörg Lauster: Es ist eine der spannendsten Fragen der Kunst- und Kulturgeschichte, dass sich Epochen immer unter einem gewissen Stil versammeln. Stil meint hier eine Ausdrucksform des inneren Welterlebens, das dann bestimmte Formen ausprägt. Ich finde es interessant, dass Protestanten selbst im Zeitalter der Kontroverstheologie der barocke Kirchenbau nicht fremd gewesen ist. Sicher, der protestantische Barock ist schlichter, weniger verspielt. Das bemerkt man, wenn man die Dresdner Frauenkirche mit einer Barockkirche in Rom vergleicht. Da fallen schon deutliche Unterschiede ins Auge.

 

Woher rühren diese Unterschiede?

 

Jörg Lauster: Der römische Barock lebt von der Geschlossenheit einer Idee, der Idee, das Göttliche in irdische Formen zu gießen. Dem protestantischen Barock geht es dagegen eher um das Abbilden einer in der Welt vorfindlichen, von Gott eingerichteten Harmonie. Das führt zu etwas ruhigeren, bescheideneren Formen als im römischen Barock, der die göttliche Präsenz direkt abbilden will.

 

Sie haben die konfessionellen Unterschiede in der bildenden Kunst einmal am Beispiel zweier großer niederländischer Maler verdeutlicht, Rubens und Rembrandt.

 

Jörg Lauster: Meines Erachtens kann jeder halbwegs gebildete Schüler, den man vor ein Bild von Rubens und Rembrandt stellt, erkennen, wer von den beiden evangelisch oder katholisch ist. Rubens stellt die Dramatik des Göttlichen in der Welt dar. Dagegen orientiert sich Rembrandt, wenn es um Religiöses geht, ausschließlich an biblischen Motiven. Es handelt sich um eine sehr bibelbezogene Form der Kunst. Rembrandt versucht also, in sehr ruhigen Formen Themen der Bibel zu bearbeiten.

 

Anders als die reformierten Protestanten haben die Lutheraner Bilder in den Kirchen nicht grundsätzlich abgelehnt. Haben sie dadurch die bildende Kunst in einer besonderen Weise beeinflusst?

 

Jörg Lauster: Die entscheidenden Entwicklungen der bildenden Kunst, das muss man neidvoll oder besser neidlos anerkennen, haben sich in katholischen Ländern vollzogen. Das zeigt sich gerade in Italien, an den Übergängen von Michelangelo zum Barock. Dort sind die großen Innovationen passiert.

 

Aber ein romantischer Maler wie Caspar David Friedrich ist ein überzeugter Lutheraner gewesen.

 

Jörg Lauster: Caspar David Friedrich ist nicht ohne die Kultur der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts zu verstehen. Diese mag mit dem Einfluss des Pietismus zu tun haben, und der hat wiederum mit der Reformation zu tun. Aber es wäre unsinnig, wollte man behaupten, Caspar David Friedrich habe Luther und die Bibel gelesen und dann gemalt. Die Spätfolgen der Reformation sind eben – wie schon gesagt – sehr schwer zu bestimmen.

 

Sie betonen, dass die Innovation auf dem Gebiet der Bildenden Kunst vor allem in Italien geschehen ist, also in einem überwiegend katholischen Landstrich. Warum gerade dort?

 

Jörg Lauster: Vielleicht kann ein Reformationsjubiläum, das in ökumenischem Geist begangen wird, die Einsicht befördern, dass nicht alle Errungenschaften, die wir genießen und für die wir dankbar sind, auf die eine oder andere Konfession zurückzuführen sind. Italien ist im 15. Jahrhundert – zusammen mit Frankreich – die führende Nation Europas gewesen, technologisch und kulturell. So hat es dort große Ressourcen für die Kunst gegeben. Man kann natürlich fragen, was passiert wäre, wäre Italien evangelisch geworden. Ich bin überzeugt, dass das Land dann eine Blüte protestantischer bildender Kunst erlebt hätte. Dass es in Italien eine regelrechte Kunstindustrie gegeben hat, hat mit den großen handwerklichen Fähigkeiten zu tun, die dort entwickelt und gepflegt worden sind – und dem immensen Wettstreit zwischen Florenz und Rom. Schauen Sie nur einmal, welche Künstler dort zwischen 1450 und 1550 gelebt haben. Das hat nicht allein mit Religion zu tun, sondern mit den gewaltigen Zivilisationsfortschritten, die Italien in jener Zeit verzeichnet hat.

 

Lassen Sie uns vom Italien des 15./16.Jahrhunderts in das Deutschland des 21. Jahrhunderts zurückkehren, zum Reformationsjubiläum 2017. Wie müsste es angelegt sein, damit heutige Zeitgenossen verstehen, dass sie das etwas angeht, was vor 500 Jahren geschehen ist?

 

Jörg Lauster: Es ist sicher richtig, Luther als historische Persönlichkeit vorzustellen, ihn einfach bekannt zu machen. Aber es muss klar werden, dass der Reformator eine Gestalt des 16. Jahrhunderts ist und wir von ihm keine Antworten auf Fragen der Gegenwart bekommen. Es sollte deutlich werden, wie das, was mit Luther angefangen hat, weitergeführt werden kann und welche Aufgaben eine Kirche im 21. Jahrhundert hat. Es reicht dagegen nicht aus, sich nur auf eine Gestalt des 16. Jahrhunderts zu berufen.

 

Was für Aufgaben hat denn eine evangelische Kirche im 21. Jahrhundert?

 

Jörg Lauster: Zunächst einmal: Das Christentum ist als Ganzes immer eine denkende Religion gewesen. Und die Reformation hat den Aspekt der Intellektualität außerordentlich gefördert. Damit meine ich nicht Intellektualität als Elitenphänomen. Luther hat den Großen und den Kleinen Katechismus geschrieben. Denn es war ihm ein Anliegen, dass auch der gemeine Mann, die gemeine Frau sich mit religiösen Fragen beschäftigen darf – und kann.

Die religiösen Fragen sind ja die großen Fragen des Lebens: Woher komme ich, wohin gehe ich, was ist der Sinn meines Lebens? Und der Protestantismus muss es als eine Form von denkender Religion den Menschen ermöglichen, diese Fragen für sich zu beantworten. Er muss ihnen, zum Beispiel durch Gesprächsangebote, helfen, in einer modernen, hoch technologisierten Welt zu leben und zugleich von der Religion Antworten und Trost und Antwort erwarten zu können. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Der Protestantismus hat – wie oben erwähnt – immer das Individuum stark gemacht. Wir müssen dringend daran arbeiten, eine Form zu finden, die das Individuum aufwertet und zugleich eine Gemeinschaftsform wie die der Kirche möglich macht. Unser jetziges Kirchensystem ist ein altes Anstaltschristentum, das dem Individuum zu wenig Freiheitsspielräume gibt. Die evangelischen Landeskirchen Deutschlands haben rund 22 Millionen Mitglieder. Aber nur rund 900?000 besuchen im Schnitt den Sonntagsgottesdienst. Aber diejenigen, die das nicht oder nur selten tun, verstehen sich auch als Christen. Und daraus ergibt sich die Frage: Wie können diese Kirchenmitglieder, in ihrer Art, das Christsein zu leben, angesprochen werden? Davon zu träumen, dass sie zahlreich in den Sonntagsgottesdienst zurückkehren, trifft nicht ihre Art des Christseins. Wir brauchen da mehr Phantasie, wie religiöse Praxis aussehen kann.

 

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

 

Jörg Lauster: Ja ein bekanntes und zugleich recht erfolgreiches, die Amtshandlungen, Gottesdienste bei Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung. Sie stellen den Einzelnen in den Vordergrund und bringen ihn und die bei diesen Anlässen versammelte Gottesdienstgemeinde in Verbindung mit der Kirche und ihrer Botschaft. Und der Einzelne steht auch im Mittelpunkt, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer Kirchenmitglieder besuchen oder bei anderen Anlässen mit Menschen in Kontakt kommen.

Im Übrigen leben und praktizieren viele Menschen in ihrem Alltag öfter christliche Ideale, als wir glauben. Manchmal tun sie es nicht einmal unter Berufung auf das Christentum. Und da gilt dann der Satz aus dem Markusevangelium: Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.

 

Das Gespräch führten Reinhard Mawick und Jürgen Wandel am 22. Februar in München.

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*



*
 

Auch unterwegs

Zeitzeichen

für Smartphones

und Tablets

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen, oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeheft.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Exklusiv für unsere Abonnenten

10 % bei Einkäufen
im chrismonshop