zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Leitschnur statt Leitkultur

Für eine Wertedebatte als Mittel gegen die Sündenbockreflexe

Olaf Zimmermann

Die sogenannte Flüchtlingskrise sei nicht der Grund für die gesellschaftlichen Verwerfungen in Deutschland, meint Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Vielmehr stelle die Zweite Moderne permanent althergebrachte Werte infrage. Deshalb könne auch eine Leitkultur das Problem nicht lösen.

Der Einzug der Moderne sorgt für Unsicherheit: Szene aus „Anatevka“ an der Komischen Oper in Berlin.  Foto: dpa/ Eventpress Hoensch
Der Einzug der Moderne sorgt für Unsicherheit: Szene aus „Anatevka“ an der Komischen Oper in Berlin. Foto: dpa/ Eventpress Hoensch

Und er soll von der Gemeinde der Israeliten zwei Ziegenböcke entgegennehmen zum Sündopfer und einen Widder zum Brandopfer. Und Aaron soll einen jungen Stier, sein Sündopfer, darbringen, dass er für sich und sein Haus Sühne schaffe, und danach zwei Böcke nehmen und vor den Herrn stellen an den Eingang der Stiftshütte und soll das Los werfen über die zwei Böcke: ein Los dem Herrn und das andere dem Asasel, und soll den Bock, auf welchen das Los für den Herrn fällt, opfern zum Sündopfer. Aber der Bock, auf welchen das Los für Asasel fällt, soll lebendig vor den Herrn gestellt werden, auf dass über ihm Sühne vollzogen und er zu Asasel in die Wüste geschickt werde.“ (Lev, 16,5-10)

Die biblische Geschichte vom Sündenbock und vor allem die Aufnahme und Rezeption in der christlichen Tradition bekommt angesichts aktueller Debatten und Diskussionen eine neue Aktualität. Der Sündenbock ist Schuld. Der Sündenbock hat es verbockt. Der Sündenbock kriegt alles - die Wut, den Zorn - ab.

Wenn man die aktuellen Diskussionen in diesen Wochen verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, dass der Sündenbock Konjunktur hat und zwar in zweierlei Hinsicht. Für einige sind Flüchtlinge der Sündenbock. Sie machen die Straßen unsicher. Sie sind Schuld, dass die Schulen überfüllt sind. Sie tragen dazu bei, dass Wohnraum knapp ist. Sie wissen eben nicht, wie es bei uns läuft, gäbe es eine Leitkultur, wie sie sich der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière vorstellt, die klar machen würde „Wir sind nicht Burka“, liefe es besser. Und wie immer bei einem Sündenbock ist auch ein Körnchen Wahrheit in der Übertragung auf den Sündenbock, doch so einfach ist es eben doch nicht.

Der zweite Sündenbock sind aktuell „die“ Ostdeutschen. Sie haben einfach die Demokratie nicht verstanden. Sie sind verführbar von Rechten. Sie haben kein richtiges Wertefundament. Wie schön wäre es, wenn es eine Leitkultur gäbe, die ihnen zeigen würde, wie Demokratie geht. Und auch bei diesem Sündenbock kann das Körnchen Wahrheit nicht geleugnet werden.

Im Musical „Anatevka“, im Jahr 1964 am Broadway uraufgeführt und im Jahr 1905 in Weißrussland spielend, beschwört die Hauptfigur, der Milchmann Tevje, in ihrem ersten Auftritt die „Tradition“, die das jüdische Leben in Anatevka bestimmt. Tevje selbst erlebt im Stück, wie die Moderne Einzug hält. Drei seiner Töchter lassen sich nicht auf vermittelte Ehen ein, sondern wählen selbst ihre Männer aus. Eine der Töchter heiratet sogar einen Christen und wird infolgedessen von ihrem Vater verstoßen. Am Schluss des Stückes werden die jüdischen Bewohner Anatevkas vertrieben und verlieren ihre Heimat, die Gemeinschaft bricht auseinander.

Das Stück, das derzeit in einer erstklassischen Inszenierung von Barrie Kosky in der Komischen Oper in Berlin aufgeführt wird, hat eine hohe Aktualität und veranschaulicht, wie der Bruch mit der Tradition einerseits mehr individuelle Freiheit und andererseits Verlust von Überlieferungen, Bräuchen und letztlich Identität bedeutet. Die Moderne, die einen Zugewinn an persönlicher Freiheit bereithält, erschüttert die Tradition nachhaltig. Die Moderne ist der natürliche Feind von tradierten Werten. Die Zunahme von individueller Freiheit und Entfaltung verlangt eine ständige Anpassung unserer Werte an die gesellschaftlichen Realitäten. Und wie der Milchmann Tevje wünschen sich viele instinktiv, dass die gesellschaftlichen Veränderungen langsamer und ohne Werteänderungen vor sich gehen sollten. Andere machen schnell Sündenböcke aus, die Schuld an Veränderungen haben, die zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen.

Die gesellschaftlichen Umwälzungen in der Zeit zwischen der europäischen Aufklärung und dem Ersten Weltkrieg, der Moderne, gehen heute ungebremst weiter. Der Soziologe Ulrich Beck hat für die heutigen gesellschaftlichen Transformationen in der Globalisierung den Begriff der Zweiten Moderne geprägt, dem ich mich gern anschließe. Die Zweite Moderne erhöht den Druck auf unsere Traditionen und Werte noch einmal beträchtlich. Am besten wäre es doch, man könnte die Werte einfach festschreiben, sie zu für alle verbindlichen Vorgaben, zu einer Leitkultur, erklären. Sie immun gegen ungewollte Einflüsse von außen machen. Sollten wir nicht als Gesellschaft, das uns Bekannte, das uns Sicherheit Gebende, das uns vermeintlich Ausmachende festhalten und zum unwiderruflichen Gesetz des Zusammenlebens postulieren?

Das „christlich-jüdische Abendland“ ist eine solche Metapher, die insbesondere im Osten Deutschlands beschworen wird, obwohl gerade hier so gut wie kein jüdisches Leben und nur noch ein geringes christliches Leben anzutreffen ist. Im Osten Deutschlands hat die Zweite Moderne brutaler zugeschlagen als im Westen, nicht weil die Umwälzungen der Gesellschaft im Osten gegenüber dem Westen größer waren, wenn man das gesamte 20. Jahrhundert in den Blick nimmt, sondern weil sie im Osten in einer Eruption, dem Fall der Mauer, in sehr kurzer Zeit eingetreten sind. Deshalb marschiert im Osten Pegida gegen die „Islamisierung des Abendlandes“, deshalb ist der Osten Deutschlands die Hochburg der rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD), die eine „Deutsche Leitkultur statt Multikulturalismus“ fordert. Deshalb konnte ein Funke in Chemnitz die Situation zum Explodieren bringen.

Die Zweite Moderne lässt alte Gewissheiten von der Stabilität Deutschlands ins Wanken geraten. Sie geraten aus vielerlei Gründen ins Wanken. Stichworte hierfür sind die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in der Arbeitswelt und an der Familienarbeit, die die traditionelle Männerrolle, als Ernährer und Oberhaupt der Familie infrage stellt. Aber auch die sogenannte „Ehe für alle“, die Entgrenzung von Arbeit in Folge der Digitalisierung, die Globalisierung und anderes mehr sind Entwicklungen in einer modernen Gesellschaft, die von nicht wenigen als eine Zumutung empfunden werden, weil sie traditionelle Werte verletzen.

 

Kulturelle Leitplanken

Die Aufnahme von vielen Flüchtlingen im Jahr 2015 hat dann das Fass zum Überlaufen gebracht. Aber die sogenannte Flüchtlingskrise ist mitnichten der Grund für die gesellschaftlichen Verwerfungen in Deutschland. Der Grund ist, dass die Zweite Moderne permanent die althergebrachten Werte infrage stellt. Deshalb kann auch eine Leitkultur das Problem nicht lösen, weil Werte unter den Veränderungsdruck von außen nicht dauerhaft Bestand haben, sondern immer wieder neu in der Gesellschaft ausgehandelt werden müssen.

Und trotzdem muss gesehen werden, dass in der Gesellschaft eine kollektive Sehnsucht nach mehr Klarheit wächst, die sich in dem Wunsch äußert, kulturelle Leitplanken beim Zusammenleben einziehen zu können.

Der Gedanke von kulturellen Leitplanken war handlungsleitend, als im Dezember 2016 die Spitzen von 23 Verbänden und Organisationen, darunter auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Deutsche Bischofskonferenz, der Koordinationsrat der Muslime und der Zentralrat der Juden in Deutschland, vom damaligen Bundesminister des Innern, der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, der Integrationsbeauftragten, der Kulturstaatministerin und dem Deutschen Kulturrat in das Bundeskanzleramt eingeladen wurden, gemeinsam zu diskutieren, was unser Land zusammenhält. Entstanden war die Idee beim Flüchtlingsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Innenminister Thomas de Maizière und ich stritten zum wiederholten Male pro und contra Leitkultur. Um dieses unproduktive Ritual zu beenden, verabredeten wir, Thesen zu erarbeiten, in denen beschrieben wird, was unser Land, in all seiner Verschiedenheit, zusammenhält. Das war der Start der Initiative kulturelle Integration, die seither zusammenarbeitet.

Nach einem Spitzentreffen im Dezember 2016 fanden vier Arbeitstreffen statt, bei denen intensiv über die Frage debattiert wurde, was hält die Gesellschaft zusammen, was ist kulturelle Integration und wie kann sie gelingen. In diesem Zusammenhang tauchte auch der Begriff der Leitkultur immer mal wieder auf. Seine Tauglichkeit wurde eingehend debattiert. Und es wurde sich schließlich eindeutig gegen diesen Begriff ausgesprochen, da er ausschließend und abgrenzend ist. Auch wurde eingewandt, dass er sehr oft missbräuchlich verwandt wird. Teilweise avancierte schon die Mülltrennung zum Bestandteil deutscher Leitkultur. Wer sich allerdings intensiver mit dem Begriff befasst, dem ist klar, dass Kultur, im engeren Sinne der Künste, immer in Bewegung ist. Sprache, Musik, bildnerische und theatrale Ausdrucksformen ändern sich. Künstlerinnen und Künstler setzen sich immer wieder neu mit den ewigen Themen der Kunst auseinander. Und selbst ein Kanon an bedeutsamen kulturellen Werken stößt immer wieder an Grenzen. Selbst wenn Kultur im Sinne von Lebenskultur oder der Art, wie wir zusammenleben, verstanden wird, ist sie nicht statisch. Sitten und Gebräuche unterliegen einem steten Wandel.

Die 15 Thesen der Initiative kulturelle Integration sind überschrieben mit „Zusammenhalt in Vielfalt“. In der Präambel der 15 Thesen ist formuliert: „Wir, die Mitglieder der Initiative kulturelle Integration, wollen angesichts aktueller Debatten mit den nachfolgenden 15 Thesen einen Beitrag zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und zur kulturellen Integration leisten. Wir vertreten ein breites Spektrum an Institutionen und Organisationen, verschiedene politische Ebenen und Interessen. Das Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger in Vereinen, Initiativen, Verbänden, Kultur- und Bildungseinrichtungen, in Kirchen und Religionsgemeinschaften, bei den Sozialpartnern, in den Medien, in den Parteien, in den Städten, Landkreisen und Gemeinden sowie in der Nachbarschaft zeigt, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt gelebt wird und wie jede Einzelne und jeder Einzelne hierzu ihren und seinen Beitrag leisten kann. Die Mitglieder der Initiative kulturelle Integration stehen für die Breite dieses Engagements und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wir rufen weitere Akteure auf, sich diesen Thesen anzuschließen.“

 

Zusammenleben in Vielfalt

Diese ersten Sätze der Präambel unterstreichen, worum es der Initiative kulturelle Integration geht. Es geht um den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft. Es geht nicht darum, Flüchtlingen zu zeigen, wie Deutschland funktioniert, sie umstandslos in ein bestehendes festes System zu integrieren. Der Initiative kulturelle Integration ging und geht es vielmehr darum, den gesellschaftlichen Zusammenhalt als eine Aufgabe von allen in Deutschland lebenden Menschen zu begreifen. Eine lebendige Demokratie baut auf dem Engagement vieler Menschen auf. Dieses Engagement wurzelt im Engagement vor Ort. Demokratie lebt von einer lebendigen Streitkultur und der Suche nach dem Kompromiss. Das macht die Demokratie zu einer anstrengenden Form des Zusammenlebens und unterscheidet sie vom Populismus genauso wie von starren Regeln, wie manche eine Leitkultur verstanden wissen wollen.

Zusammenleben in Vielfalt bedeutet auch zuzuhören. Die Sehnsucht nach Gewissheit, nach Klarheit, letztlich nach Heimat ernstzunehmen und im Gespräch zu vermitteln, dass gerade im Zusammenleben neue Heimat entstehen kann. Fast dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer wird deutlich, dass dieses Gespräch dringend von Nöten ist, bei dem auch klare Grenzen gegenüber fremdenfeindlichen oder rechtsradikalen Tendenzen gezogen werden. Die Berliner Migrationsforscherin Naika Foroutan hat einmal sinngemäß gesagt, dass Migranten ihre Heimat räumlich verlassen haben und die Ostdeutschen zwar im selben Land geblieben sind, ihre Heimat aber auch verloren haben. Hierüber in das Gespräch zu kommen, wird eine der Zukunftsaufgaben der Initiative kulturelle Integration sein. Die 15 Thesen der Initiative kulturelle Integration sind dabei unsere Leitschnur, nicht unsere Leitkultur.

Wenn uns dies gelingt, müssten zur vermeintlichen Bewältigung von gesellschaftlichen Krisenerscheinungen seltener soziale, ethnische oder politische Minderheiten zum Sündenbock gemacht werden. Nicht der Sündenbock kittet innerlich zerrissene Gemeinschaften, sondern gemeinsame Werte. 

 

 

 

 

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Jürgen Meyer, 07.11.2018 09:48:
Wie wahr.Mein ehrenamtliches Engagement der Sprach-und Sprechvermittlung bleibt auch deshalb bestehen.In einer Bürgergesellschaft engagieren sich Bürger aus freien Stücken. Politiker wollen immer alle beglücken.Ich aber bin frei.
 

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