„Gott thront auf den Lobgesängen“

„Hans-Jürgen, hast du dich auch bei Tante Tutti bedankt?!“ Ich bekam etwas geschenkt, war noch mit dem Auspacken oder dem ersten Spiel mit dem Geschenk beschäftigt, wurde aber sofort von den Eltern mit leich

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Fortschritt durch Lernen

Fortschritt durch Lernen

Es gibt gute Informationsquellen. Wir müssen sie nur nutzen.
Foto: privat

Ich bin neidisch. Ich hätte auch gerne mal so etwas Gediegenes zu erzählen wie Klaas Huizing in seiner z(w)eitzeichen-Kolumne von Anfang des Monats. Er spaziert da an alabasterfarbenen Klippen in der Normandie entlang. Sehr lesenswert, sehr schön, auch tiefgründig.

Wer nichts zu erzählen hat, der könnte ja was fordern, oder? So macht man das ja in Kolumnen nicht selten. Allerdings, auch das weiß man, verbraucht sich das zügig. Außerdem erhält man dann Post. Von denen, die sich zu Unrecht bekrittelt fühlen. Von jenen, die die verhandelte Sache ganz anders sehen. Und wenn ich ehrlich bin, kenne ich mich so richtig auch nur mit zwei bis drei Themen aus. Verbleibe ich bei ihnen, wird’s schnell redundant. Dann bliebe mir nur das Ausgreifen auf andere – Obacht! – Topoi. Aber wer will schon wie Welzer und Precht enden?

Schließlich könnte man das Genre und sich selbst ironisieren. Ich hoffe sehr, dass das der Perfomance von Branchengrößen wie Harald Martenstein zugrunde liegt. Auch wenn ich mal gelernt habe, dass zu einem Witz auch ein Lacher gehört und man sich nicht auf Kosten Schwächerer amüsieren soll. Und bin ich dafür nicht auch noch zu jung?

Nein, ich will stattdessen etwas lernen. Ein Buch lesen, zum Beispiel. Leider fehlen mir dazu, ähnlich wie für die Strandspaziergänge in der Normandie, die Ressourcen. Die sind nämlich, wie ich finde, sehr ungerecht verteilt. Zeit, Kraft, Geld und Muße – das gibt es alles nicht im Übermaß. Ich sagte ja schon: Ich bin neidisch. Aber: Kommt Zeit, kommt Rat. Ich hab‘ ja noch ein paar Jahre.

Für Geschichte begeistert

So lange begnüge ich mich mit abendlichen Spaziergängen um den Wohnort. Das geht auch schnell, in einer Stunde bin ich drumherum gelaufen. Und währenddessen höre ich einen Podcast. „Eine Stunde History“ von Deutschlandfunk Nova derzeit besonders gern. Ich habe vernommen, dass vieles in unserer Welt nur aus seiner Geschichte heraus zu verstehen ist. Früher habe ich mich einmal sehr für Geschichte begeistert. Es war mein Lieblingsfach in der Schule.

In der letzten Folge von „Eine Stunde History“ geht es um den Stein von Rosette. Einen Stein, in den in Hieroglyphen, auf Demotisch und Altgriechisch ein altägyptisches Priesterdekret eingemeißelt ist. Mit Hilfe des dreisprachigen Steins gelang es Jean-François Champollion vor genau 200 Jahren, die demotische Schrift und schließlich die Hieroglyphen-Schrift zu entschlüsseln. Fortschritt durch Lernen.

Die Macher:innen des „Eine Stunde History“-Podcasts machen aus dieser an und für sich schon erstaunlichen und wunderbaren Geschichte eine Sendung, die auch über die Machtverhältnisse im alten Ägypten und unsere gegenwärtigen Kommunikationsgewohnheiten aufklärt. Und so läuft das eigentlich immer: Historisches Geschehen erklären, aktuelle Bezüge herstellen, Hintergründe verstehen.

Schlaues in den Kopf lassen

Ich den vergangenen Monaten durfte ich ganz häufig lesen und hören, dass „wir“ – man fragt sich, wer das eigentlich ist? – so viel nicht verstanden hätten oder eben nicht gelernt. Zum Beispiel über Osteuropa, die ehemalige Sowjetunion, Krieg und Militär, Abschreckung und internationale Beziehungen. Da ist sicher etwas dran.

Sicher wird es dafür auch Gründe geben. Zeit, Kraft und Muße gibt’s halt nicht im Überfluss. Mit allzu viel negativen Dingen will man sich ja sowieso nicht belasten. Doch an der prinzipiellen Verfügbarkeit von hervorragend aufbereiteten und erzählten Informationen liegt es sicher nicht. Allein die ARD-Audiothek, die ich auf meinem Smartphone mit mir herumtrage, würde zureichen, mehrere Lebensspannen mit Zuhören zu verbringen. Gerade die Sendungen über gegenwärtige Konfliktregionen sind sehr hörenswert.

Ich stöpsele mir also die Knöpfe ins Ohr und ziehe noch eine Runde um den Ort. Wenn genug Schlaues in den Kopf reinfließt, kommt davon vielleicht auch wieder was raus. Übrigens kann man die Sendungen der ARD-Audiothek, für die wir alle ja schon bezahlt haben, auch offline hören. Falls in der thüringischen Provinz oder in der Normandie mal kein Netz ist.


„Eine Stunde History“ von Deutschlandfunk Nova in der ARD-Audiothek

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Wärme schaffen im Winter

Der Kälte in der Gesellschaft wollen sie mit Menschlichkeit, Herzenswärme und handfesten Taten entgegenstehen.

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Von Gott reden in der Klimakrise

Der Bochumer Systematiker Günter Thomas hat sich erneut kritisch zu der seiner Meinung nach vorherrschenden Schöpfungstheologie und dem Umgang mit dem Thema Klimaschutz in der evangelischen Kirche geäu

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Als etwas zerbrach

Als etwas zerbrach

Foto: Rolf Zöllner

Was macht eigentlich Zaid? Die Frage ist berechtigt, denn ich habe Sie, liebe Leserin, lieber Leser, das letzte Mal vor einem Jahr über sein Schicksal informiert, er war Ihnen sicherlich ans Herz gewachsen – ich entschuldige mich dafür, dass Sie so lange auf Neuigkeiten über ihn warten mussten, obwohl es welche gab.

Zaid, also unser orangener Wels, hatte das als nahöstliches Friedens­experiment konzipierte Zusammentreffen mit seinem schwarzen Mit-Wels Schlomo im Aquarium als einziger überlebt – ein schlechtes Omen für Israel, dachten wir. Aber Zaid liebten wir noch immer. Allein, wie er sich mit seinem Mund die Scheibe heraufsaugt, seinen immer länger werdenden Schwanz hinterher wedelnd: allerliebst! In unserer Wohnküche können wir Zaid jeden Tag bewundern, sogar, wenn wir essen.

Doch jetzt ist etwas zerbrochen in uns, nämlich unsere Liebe zu unserem letzten Wels-Überlebenden im Aquarium, zum putzigen Zaid: Eine Freundin besuchte uns, eine Fisch-Expertin schon seit langem. Sie erklärte trocken: Welse darf man nie zusammen in ein  Aquarium stecken (übrigens ein Rat, den wir vom Verkäufer der Fische nicht gehört hatten). Denn Welse bekämpften einander, schlimmer noch: Der Stärkere würde den Schwächeren  fressen!

Wir wissen nicht, ob das tatsächlich so war. Aber das rasche und spurlose Verschwinden von Schlomo wäre so erklärbar. Ebenso das recht schnelle Wachstum von Zaid. Die Freude an Zaid ist nun sehr getrübt, auch wenn er weiter so süß mit dem Schwanz wedelt und die Scheibe abnuggelt. Wer erfreut sich schon an einem Mörder?

Ich habe nun angefangen, dem irre schnell wachsenden, uns täglich erfreuenden Olivenbaum auf unserem Balkon einen Namen zu geben: Nike. Und die immer prächtigere Palme daneben heißt jetzt Layla. Gottseidank können die sich nicht gegenseitig aufessen. 

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Im Grünen Winkel

"Uns geht es gut, um nicht zu sagen, noch besser.

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Analytisch

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Wissenschaft und Religion

Der Untertitel der kompakten Studie des Philosophen Rainer Enskat über das Verhältnis von Aufklärung, Wissenschaft und Religion ist fast so prägnant wie der Buchtitel selbst, der die drei Begriffe schlicht aufzählt. Er lautet: „Zur Genese und Struktur unseres neuzeitlichen Spannungsfeldes“. Der analytische Blick des emeritierten Philosophen, der lange in Halle lehrte, richtet sich auf die Geistesgeschichte; er fragt, wie etwas wurde, was es heute ist. Und dieses Etwas ist nicht irgendein „Spannungsfeld“, sondern markiert einen die Neuzeit bis zur Gegenwart prägenden Grundkonflikt. Das bestätigen schon naheliegende Assoziationen: Wissenschaftsskepsis wird in der Corona-Pandemie gerade zu einem Zeitpunkt massiv artikuliert, da strenge Wissenschaft umso wichtiger ist; „Aufklärung“ steht infrage, als angebliche Alternativen treten naturmedizinische Gläubigkeit oder Aberglaube auf.

Immerhin scheint die Mehrheit noch im guten Sinne aufgeklärt zu sein. Der Krieg in der Ukraine macht den aufgeklärten Westen dagegen zu einem Gutteil ratlos. Die zum Einsatz kommende Waffentechnik bestätigt, dass Wissenschaft und ihre Anwendung nicht nur dem allgemeinen Wohlbefinden dienen. Eine ähnliche Diagnose legt der Klimawandel nahe, was ebenfalls an die sprichwörtliche Empfehlung denken lässt, wonach man hier nur noch beten könne. Dass Aufklärung, Wissenschaft und Religion sich einander ergänzen, ist möglich und wünschenswert. Diese Grundüberzeugung trägt Enskats Analysen. Dass sie miteinander in Konflikt geraten, bleibt freilich eher die Regel. Die Aufklärung wird stets von einer negativen Schattenseite begleitet, die nicht erst Horkheimer und Adorno in den Blick nahmen. Enskats Gewährsdenker lebten im 17. und 18. Jahrhundert. Dass ungezügelter Wissenschaftsglaube – wobei sich der Begriff „Wissenschaft“ bei Enskat durchweg auf die sogenannte exakte (Natur-)Wissenschaft bezieht – ins Verderben führen kann, formulierten schon Francis Bacon und Montesquieu. Und ein Vordenker der Aufklärung und des Parlamentarismus, John Locke, trug mit seinem strikten Empirismus dazu bei, dass metaphysische Dimensionen mehr und mehr aus dem Blickfeld der Allgemeinheit gerieten.

Diderot setzt Aufklärung gleich mit strenger Wissenschaftsorientierung – und ignoriert dabei, dass die Aufklärung auch eine weitere praktische Dimension umfasst, für welche die gesamte philosophische Tradition seit der Antike steht. Zum Feld des zu erstrebenden Wissens zählt auch das Gute, zählen die Wege, die zum allgemeinen Wohlbefinden (und nicht nur zu Wohlstand) beitragen. Und davon ausgehend eröffnet sich wieder ein Raum für die Religion. Das ergibt sich aus Überlegungen schon von Rousseau und Kant, die für Enskat in seiner vornehmlich in Form von historischen Schlaglichtern voranschreitenden Abhandlung die Referenzdenker sind. Die Konfliktfelder sind seit Jahrhunderten bestechend analysiert, ein Grund zu ungeteilter Freude ist das aber leider nicht, weil sie ja weiterhin nicht oder nur teil- und zeitweise zu einem wirklichen Ausgleich zu bringen sind. Gelingen kann das durch wohlverstandene Aufklärung, durch Vernunftorientierung und besondere Rücksicht auf das Wohl von Mensch und Welt, die eben auch eine aufgeklärte Religion bedingen. Enskat appelliert dafür nur implizit. Argumente sind seine Sache eher. Damit könnte er wohl jeden und jede überzeugen. Ob diese aber auch ihr Handeln konsequent daran ausrichten, hängt davon ab, ob sie guten Willens sind.

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Inneres Leben

Inneres Leben

Ein moderner Zeit-Roman

Die englische Zeitung The Guardian ist aus vielen Gründen zu empfehlen. Ein Beitrag über „Bücher von Frauen, die jeder Mann lesen sollte“ fügte jüngst noch einen hinzu. Auf der Basis von Umfragen, wonach Frauen je zur Hälfte Bücher von Männern wie Frauen lesen, Männer hingegen zu achtzig Prozent bei dem eignen Geschlecht bleiben, fragte er nach Ursachen sowie bekannte Autoren nach deren Lieblingsbüchern von Frauen.

Salman Rushdie nannte Virginia Woolfs Roman Mrs. Dalloway: „Ich habe ihn erst dieses Jahr erneut gelesen, und er bleibt erstaunlich: Zuerst auf der Ebene des Satzes, ihre Sätze sind einfach schön. Und dann wegen ihrer Fähigkeit, tief ins innere Leben und die Gedanken der Figuren einzudringen. Warum also sollten Männer diesen Roman lesen? Weil sie auch ein inneres Leben haben!“ Erschienen ist der Artikel Ende Mai, im Vorgriff auf den Dalloway Day sozusagen, der stets am 15. Juni begangen wird. Schließlich erzählt Woolf (1882 – 1941) in ihrem vierten Roman von einem Tag Mitte Juni 1923 im Herzen Londons: „Mrs. Dalloway sagte, sie werde die Blumen selbst kaufen“, lautet der erste Satz. Lucy, eine ihrer Bediensteten, hat nämlich genug zu tun. Denn Clarissa, wie die 51-jährige Parlamentariergattin mit Vornamen heißt, gibt am Abend eine Gesellschaft, zugleich restviktorianische Kunst – wie vor allem ihre Form, das Leben zu spüren.

Und mit dem wohl absehbar nötigen aus den Angeln Heben der Türen im dritten Satz beginnt sogleich ein Strom von Erinnerungen und Gefühlen, die sie hier- und dorthin führen, abschweifen und fokussieren lassen, während der Erzählstab in Orts- und Stichwortanbindungen wieder und wieder lässig präzise an eine der vielen Nebenfiguren weitergegeben wird. Begegnungen und Berührungen, in denen der Leser so erregt wie gebannt mitschwimmt: In Zeitsprüngen, Introspektion, Geschichten sowie anschaulich imaginierten Orten rund um Westminster, die zugleich lebendige Vergangenheit und die ferne Kronkolonie Indien leichthändig mitenthalten. Bloß die andere Hauptfigur, den noch jungen, vom Weltkriegsschlachtfeld schwer traumatisierten „Kriegszitterer“ Septimus Warren Smith, der einem im Lauf des Romans um so näher rückt, trifft sie nie. Erst am Ende ihres vollen Tages, der wohlig zwischen Misslingensgezeter und Strahlen pendelt, begegnet sie ihm indirekt – und pikiert. Ein Nervenarzt, der sich an Fällen wie jenem zuvörderst selbst gesund stößt, zählt samt Gattin zu den Geladenen: „Was fiel den Bradshaws ein, auf ihrer Party vom Tod zu sprechen? Ein junger Mann hatte sich umgebracht. Und davon sprachen sie auf ihrer Party – die Bradshaws sprachen vom Tod. Er hatte sich umgebracht – aber wie? Es fuhr ihr immer zuerst durch ihren ganzen Körper, wenn sie unvermittelt von einem Unfall erfuhr; ihr Kleid entflammte, ihr Körper brannte.“ Dabei ist und bleibt im Stundenschlagen des nahen Big Ben der Tod gleich von Beginn an präsent: „Es dröhnte. Zuerst die Ankündigung, melodisch; dann die Uhrzeit, unwiderruflich. Die bleiernen Kreise lösten sich in Luft auf.“ Dem geschätzten Graham Greene ist also zu widersprechen, fand der tapfer sündigende Katholik und Erzähler des existenziell Inneren doch, in ihrem modernistischen Schreiben habe Woolf den religiösen Sinn verloren. Die Folge seien hohle, oberflächliche Pappfiguren in einer papierdünnen Welt. Doch gerade so trifft sie ihn, den religiösen Sinn in der modernen Welt, und dies erzählerisch unwiderstehlich elegant: im Fließen von indirekter Rede und innerem Monolog, Wahrnehmungen, Erinnern und Begegnungen, dem Wechseln von Stimmen und Orten.

Wie James Joyce’ Ulysses ist ihre Mrs. Dalloway ein Meilenstein des modernen Zeit-Romans. Zwar war es mit dem Guardian wohl kaum verabredet, passt aber gut dazu, dass nun eine Neuübersetzung von der vielfach prämierten Melanie Walz erschienen ist. Als Leser hängt man vielleicht an jener Version, die man als prägend erste las, ganz ähnlich wie bei der Luther-Bibel. Doch diese taschenfreundliche Neue aus der Manesse-Bibliothek punktet zudem mit sachte erläuternden Fußnoten und einem Nachwort, das den Roman wie auch Virginia Woolf legendenfern, konzis und gelungen vertiefend umkreist.

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Zusammenspiel

Wie lassen sich Mensch, Natur und Kunst im Anthropozän, im „Zeitalter des Menschen“, und angesichts der drohenden ökologischen und sozialen Katastrophen neu denken? Wie können wir angesichts von Krieg, Klimawandel und Artensterben eine Zeitenwende verstehen, die sich mehr am Ziel der Verbundenheit als an einem neuen machtbasierten Antagonismus orientiert? Der Komponist und Musikphilosoph Wolfgang-Andreas Schultz regt dazu eine zweite Renaissance für Europa an.

Europas „erste Renaissance“ als Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit erhielt ihre Impulse aus den Schriften der Antike, die wieder neu gelesen wurden. Aber was ging dabei alles verloren, fragt Schultz. Trennungen waren ihr Ergebnis: die Trennung des Menschen von der Natur, die Trennung Gottes von Gottes Schöpfung und die Trennung des Ichs vom Anderen. Als Komponist sind Schultz dabei Konzerte vor Augen (und Ohren). Die Zusammenspiele von Komponierenden, Interpretinnen und Zuhörern zeigen, dass ein großes Werk erst im Zusammenspiel miteinander entsteht. Das Spiel, das wir in Europas geistesgeschichtlicher Entwicklung zuletzt immer wieder lernten, war weniger vom Teamgeist geprägt. Es ging um Individualität durch Reduktion und Abstraktion von sozialen Beziehungen, und es fußt gerade in der Wissenschaft meist immer noch allein auf Objektivierung und damit auf Abgrenzung und Distanz. In Europa und im Abendland sei meist versucht worden, Dinge isoliert wahrzunehmen und sie so in ihrer Essenz zu verstehen.

Das habe auch in der Kunst ihr Pendant, so der Autor. Ein augenscheinliches Beispiel ist für den Wissenschaftler die Isolation der Klänge in der Zwölf-Ton-Musik, der seriellen Musik des 20. Jahrhunderts oder auch der elektronischen Musik. So anregend aber auch seine beispielhaften Interpretationen sind, so sehr scheinen sie in ihrem Kontext doch auch ein musikphilosophischer Kurzgriff zu sein. So wird von Schultz der vielseitig besetzte Naturbegriff in unserer Kulturgeschichte nur unzureichend reflektiert, so dass künstlerische und ökologische Anliegen miteinander verschwimmen. Nicht wenige Werke elektro­akustischer und serieller Musik könnten auch als Beispiele gegen vorherrschende Doktrin und damit heute auch gegen einen zerstörerischen, ausbeuterischen Umgang mit unserer Umwelt oder Mitwelt interpretiert werden.

Auch bei seinen religionsgeschichtlichen Untersuchungen droht Schultz manchmal das Kind mit dem Bade auszuschütten. So richtig und wichtig die weitere Rehabilitierung ganzheitlicher Religion ist, die vor allem auch nicht von der Lebendigkeit des Körpers abstrahiert werden sollte, so ist doch die Annahme, dass sich solch ein Verständnis nur an den Rändern des Christentums oder gar als Häresie finden lasse, doch eine Engführung, die besser zu belegen wäre. So findet sich Verbundenheit in Gott von allem, was atmet, nicht nur bei Hildegard von Bingen, der Pneumatologie des katholischen Dogmatikers Karl Rahner oder in den Schriften des Reformators Martin Luther. Europas zweite Renaissance aber liest sich zwischenzeitlich wie die „Unparteyische Kirchen- und Ketzerhistorie“ des Pietisten Gottfried Arnolds, der den wahren Glauben nur abseits der etablierten Religion zu finden meint. Dabei wäre es gerade in unserem schnelllebigen Wissenschaftsbetrieb wünschenswert, wenn Werke und Quellen auch gegen die eigene Hypothese durchforscht würden.

Die Fragen aber, die Schultz aufwirft, weisen uns als Kirche in Richtung des reformatorischen Grundanliegens „Ecclesia semper reformanda“. Denn auch dort, wo etwas vielleicht nicht mehr richtig gelebt wird und so ein Wissen verschüttet wurde, muss es angesichts der großen ökologischen und sozialen Herausforderungen im An­thropozän wieder neu entdeckt werden. Dem haben sich Religion wie Kunst gleichermaßen zu stellen. Ein weiteres Mal könnten sie sich erneuern, eine zweite Renaissance wäre ihr Ergebnis.

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Foto: Asmus Henkel

Constantin Gröhn

Constantin Gröhn (geboren 1976) ist theologischer Referent für Diakonie und Bildung in Hamburg. Er versucht dem Motto Ludwig Feuerbachs „Du bist, was Du isst“, immer mal wieder auf die Spur zu kommen.


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