Darauf habe ich lange gewartet

Warum ich als Pfarrer bei Extinction Rebellion mitmache
Foto: Garnet Köning
Foto: Garnet Köning

Wir sind gefangen in verschwenderischen Konsumroutinen. Ein Klimanotstand muss ausgerufen werden. Warum ich bei Extinction Rebellion mitmache.

Ich heiße Thomas Zeitler. Ich bin 47 Jahre, Pfarrer der bayerischen Landeskirche. Und ich bin engagiert bei Extinction Rebellion. Dieser neuen Klimabewegung, von der Jutta Ditfurth meint, sie sei eine apokalyptische Endzeitsekte. Ich saß am vergangenen Montag früh um vier Uhr mit hunderten anderen Aktivist_innen auf der Straße des 17. Juni in Berlin, um den Hauptstadtverkehr zu blockieren. Damit ermöglichten wir, dass an der Siegessäule eine Arche errichtet werden konnte. Keine Arche Noah, sondern eine ‚Arche Rebella‘, von der aus gefordert wurde, sich endlich die Wahrheit über die Klimakrise einzugestehen. „Tell the Truth!“ Das ist zugleich die erste der drei Forderungen von Extinction Rebellion.

Ich wurde auf Extinction Rebellion schon im November 2018 aufmerksam, als britische Freunde in London an der ersten großen Brückenbesetzung beteiligt waren. Ich sah die Videos im Netz, erspürte etwas von dem ‚Spirit‘ dieser Bewegung, informierte mich über die Ziele und die Strategie und wusste: Das ist es. Darauf habe ich lange gewartet. Als sich in Nürnberg eine Ortsgruppe gründete, war ich mit von der Partie.

Nicht, dass ich eine klimapolitische Erweckung nötig gehabt hätte. Spätestens seit 2015, dem Jahr des UN-Klimagipfels von Paris, auf dem das 1,5 Grad-Ziel ausgerufen wurde, waren wir hier vor Ort kirchlich aktiv. Organisierten Klimapilgerwege, boten Nachhaltigkeitsexerzitien an, hielten Schöpfungsgebete ab, eröffneten Depots der Solidarischen Landwirtschaft in kirchlichen Räumen.

„Act now!“, jetzt handeln, dieses zweite Ziel von Extinction Rebellion haben wir ernst genommen. Für unseren Einflussbereich. Und gleichzeitig wuchs das Bewusstsein, dass das nicht genügt. Dass die Umsteuerung ganz andere Dimensionen haben muss. Und dass wir Verdrängungskünstler sind seit vielen, vielen Jahren. Gefangen in verschwenderischen Konsumroutinen. Verstrickt in eine zerstörerische und ausbeuterische Produktionsweise unter irrationalem Wachstumszwang. Gelähmt durch politische Feigheit, die die nächste Wahl mehr fürchtet als die tödliche Bedrohung am Horizont.

Extinction Rebellion treibt für mich diese Widersprüche auf eine sehr klare und präzise Weise ins öffentliche Bewusstsein. Die Ziele von XR sind keine ideologischen, sondern strategische: Die Forderung nach Ausrufung eines Klimanotstands bedeutet, dass wir einen öffentlichen Konsens über den Ernst der Lage brauchen. Gegen die Verdrängung.

Wissenschaftlich sind wir voll im Bilde, dass wir nur ein kleines Zeitfenster haben zum Umsteuern, wenn wir die Kipppunkte im Klimasystem vermeiden wollen. Die Forderung nach CO2-Neutralität bis 2025 bedeutet, wir müssen unseren Lebensstil und unsere Wirtschaft radikaler umbauen, als es das angeblich ‚politisch Machbare‘ hergibt. Und die Forderung nach Bürgerversammlungen legt den Finger in die Wunde, dass wir demokratische Lösungswege finden müssen, die nicht von Lobbyismus und Wiederwahl-Logiken ausgebremst werden.

Die Kritiker_innen von XR beklagen, dass da inhaltlich nicht mehr kommt. Aber genau das ist die Stärke von Extinction Rebellion. Nicht einzelne konkrete Maßnahmen durchsetzen zu wollen, sondern die Geschäftsgrundlagen der Situation anzupassen. Und dabei so viele wie möglich ins Boot zu holen und zu beteiligen.

Andere stoßen sich an der düsteren, auf Tod und Untergang fokussierten Bildsprache von XR mit den Die-Ins und Trauermärschen und Knochentieren und Kunstblut-Ausgießungen. Nein, es ist kein sich Berauschen an Untergangsphantasien, wie es apokalyptische Sekten vielleicht praktizieren. Es ist das Übersetzen von den realistischen Entwicklungsprognosen in Bilder, die verstören sollen. Die Propheten haben nichts anderes getan. Unterbrochen, provoziert, Unbewusstes ausgesprochen. Wir wollen nicht künstlich und manipulierend Angst machen, sondern die Bedrohungslage aus dem Kopfwissen herausholen und spürbar machen.

Eine Politik der Zukunft wird ohne Einbeziehung von Emotionen nicht möglich sein. Wer davor Angst hat, mag das als ‚esoterisch‘ beschreien. Für mich ist das der größte Fortschritt von XR in der Geschichte der Sozialen Bewegungen, dass man sich hier um eine politische Kultur bemüht, die tiefer geht als Parteiprogramme. Und dabei eine Graswurzelbewegung bleibt. Keine Angst vor Roger Hallam, bitte. Und keine Überbewertung. Ziviler Ungehorsam und die Bereitschaft, sich verhaften zu lassen, ist kein religiöses Opferritual. Sondern ein kalkuliertes Mittel, politischen Druck aufzubauen. Wir zeigen unsere Bereitschaft, uns aus unserer Komfortzone herauszubewegen. Weil sich etwas ändern muss. Schnell.

Dass ich als Pfarrer bei Extinction Rebellion gelandet bin, und nicht nur als Bürger, mag damit zusammenhängen, dass es tatsächlich eine religiöse Dimension gibt bei XR, die fasziniert. Hier finden Menschen zusammen, die der drohende Klimakollaps ‚unmittelbar angeht‘. Das war Paul Tillichs Definition von Religion. Man könnte vieles, was bei XR entsteht, mit religiösen Vokabeln umspielen. Dass es da um sündiges Fehlverhalten und Umkehr geht. Um Angst und Erlösung. Dass da Gemeinden entstehen und Märtyrer. Aber das trifft nicht den Punkt.

Diese Bewegung ist noch viel mehr eine Herausforderung an unsere Theologie, der wir uns stellen müssen. Hope dies – action begins! So lautet einer der beliebten Slogans bei XR. Was bedeutet das für unser christliches Reden von Hoffnung? Gilt der Noah-Bund noch, dass die Erde nicht mehr in einer Sintflut versinken soll, wenn die Meere steigen und täglich 200 Arten unwiederbringlich aussterben? Können wir auf eine Weise von der Auferstehung erzählen, die nicht als vertröstende Ideologie (miss-)verstanden werden muss?

In Großbritannien hat sich mit der „Christian Climate Action“ eine explizit christliche Gruppe den Protesten und Aktionen von XR angeschlossen. Letzte Woche haben sie zusammen mit anderen religiösen Gruppen die Lambeth Bridge zu einer ‚Faith Bridge‘ verwandelt. Gelebte, interreligiöse Ökumene im Aktivismus. So eine Perspektive lockt heraus aus den kirchlichen Routinen, fordert heraus. In einem halben Jahr werden auch bei uns die nächsten großen Protestaktionen zu erwarten sein. Wieder rund um den Ostertermin. Vielleicht gelingt es uns ja, bis dahin eine klarere eigene Stimme gefunden zu haben. An der Seite derer, die jetzt schon das Richtige tun: dem Rad in die Speichen zu fallen.

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Thomas Zeitler

Thomas Zeitler arbeitet in Nürnberg in der Basisgemeinde Lorenzer Laden, der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) und an der Kulturkirche St. Egidien.


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