Und nun die Umsetzung!

Was wird aus den zwölf Leitsätzen der EKD?
Detailaufnahme EKD-Kirchenamt in Hannover
Foto:epd
Das Kirchenamt der EKD in Hannover.

Die "Elf Leitsätze" zur Zukunft der Kirche hat Gerhard Wegner als "Attacke auf die Ortsgemeinden"  heftig kritisiert. Die überarbeitete Version als "Zwölf Leitsätze" stößt bei dem früheren Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD auf deutlich positivere Resonanz. Dennoch bleiben Fragen offen, die auch die EKD-Synode diskutieren  sollte. 

Der Beschlussvorschlag ist kurz: Die Synode der EKD macht sich die zwölf Leitsätze zu eigen und „bittet die Landeskirchen, die Leitsätze als Impulse in ihren eigenen Veränderungsprozessen zu berücksichtigen.“ Nach den vielen öffentlichen Diskussionen ist man enttäuscht. Mehr nicht? Unverbindliche Impulse für die Landeskirchen? Natürlich kann die EKD den Landeskirchen nichts vorschreiben aber sie könnte sich zumindest selbst verpflichten, die Leitsätze in ihrem eigenen Bereich umzusetzen. Das wäre zwar von der Fläche her nicht viel aber angesichts der Bedeutung der EKD denn doch bemerkenswert. Mit den Leitsätzen verfügt die EKD über Zielsetzungen für eine langfristige strategische Planung, die sie nach eigenen Angaben zur Steuerung ihrer Finanzen und weit mehr noch ihrer Aufmerksamkeit (!!) verwenden will. Die Frage ist nun: wie soll dies im Einzelnen geschehen?  Das kann mit dem lakonischen Beschlussvorschlag allein ja noch nicht getan sein.

Ein Papier ohne Folgen?

Oder doch? Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der EKD und der Kirche, dass Texte nach langer Diskussion beschlossen werden, ohne damit das Ziel irgendeiner Anwendung überhaupt zu verfolgen. Der Sinn der Sache besteht in der Diskussion und der letztendlichen Beschlussfassung eines Textes als solchen (im Konsens, was auch hier betont wird). Festgestellt wird mit ihm weniger ein Handlungsbedarf als eine vorübergehende Fixierung der eigenen Identität: Seht her, so sind wir und das wollen wir! Darüber sind wir uns alle einig! Gut, dass wir alle zusammen darüber geredet haben, denn das hält uns nun wieder für einige Jahre zusammen. Viel konkreter darf es deswegen auch gar nicht werden, denn dann lässt sich kein breiter Konsens mehr stiften. Klar ist allen Beteiligten dann aber auch: Entscheidungen über das, was tatsächlich in der nächsten Zeit geschehen wird, können solch einen Text vielleicht zur Legitimation zitieren. Ursächlich für die Entscheidungen ist er jedoch nicht. In der Praxis regieren andere Interessen und Zwänge; sie taucht sozusagen unterhalb des Textes durch.

Einen Test darauf, wie das mit den zwölf Leitsätzen tatsächlich gemeint ist, wird man auf der EKD Synode selbst machen können. Denn es stehen auf ihr auch sehr konkrete Beschlüsse zu den Vorschlägen des Begleitenden Finanzausschusses der EKD für eine längerfristige Finanzstrategie und für eine Digitalisierungsstrategie an. Die EKD weist selbst darauf hin, dass man die Leitsätze mit diesen Vorschlägen „zusammen lesen“ soll. „Zusammen lesen“ kann man natürlich alles Mögliche. Aber die Frage ist: Gibt es aktuell und auf Zukunft hin einen verbindlichen Zusammenhang  zwischen diesen Zielen und jenen Finanzbeschlüssen? Erst wenn das zu erkennen ist, kann man die zwölf Leitsätze im Sinne einer verbindlichen Selbststeuerung der EKD verstehen. Dann würde deutlich, dass sich aktuelle und zukünftige Entscheidungen tatsächlich als langfristig geplant verstehen. Was man will, würde dann bestimmen was man tut und die EKD auf diese Weise proaktiv - und nicht nur reaktiv - in der Gesellschaft handeln. Sie würde von einer Getriebenen zu einer Akteurin. Will sie das?

Aber schauen wir genauer in die Leitsätze hinein. Der erste Eindruck: Vieles, was hier gesagt wird lässt sich – wie man es aus ähnlichen Papieren kennt - nicht in erreichbare Ziele umsetzen. Leider ist das auch bei zentralen Leitsätzen, wie dem über Mission der Fall. Der leuchtende 1. Abschnitt über die Teilhabe an Gottes Handeln wird in der Konkretion in zivilgesellschaftliche Kooperationen aufgelöst.  Soll es das gewesen sein? Tatsächlich ist das Verhältnis von Mission und Kooperation im Sozialraum ein drängendes Problem. Und wie steht es mit Mission und Weitergabe des Glaubens? Spätestens so etwas wie eine „missionarische Kindergartenarbeit“ scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Vielleicht ja sogar zu Recht. Aber welche Bedeutung hat dann Mission, wenn sie in diesem zentralen Bereich nicht greifen kann? Muss man es dann gar bei „Religionssensibilität“ belassen? Ähnlich ist es auch im Fall der Aussagen über Leitung in der Kirche. Sie soll darauf ausgerichtet sein, auf allen Ebenen „gelingende Gemeinschaft in der Pluralität zu eröffnen.“ Und darin soll sie den „Maßstäben christlicher Gemeinschaftsbildung“  nicht widersprechen. Das klingt denn doch alles nach einem zuckrigen Überguss über möglicherweise harte Verteilungskämpfe in der Zukunft – aber nun wirklich nicht nach praktikabler Handlungsorientierung.      

Ein Umbau der „Anstalt“

Aber ein zentraler Vorschlag fällt in seiner Konkretion denn doch auf: es sollen etwa zehn Prozent der kirchlichen Haushalte als „geistliches Risikokapital“ für befristete Projekte, Erprobungsräume und kreative Experimente zur Verfügung gestellt werden: „Diese Mittel sollen zunächst nicht strukturbildend, sondern gezielt für aufgaben – und personenorientiert Projekte eingesetzt werden. Die Erfahrungen aus den Modellvorhaben (einschließlich neue Finanzierungsmöglichkeiten) werden gezielt bei der Verstetigung erfolgreicher Initiativen berücksichtigt und fließen in einen nachhaltigen Strukturwandel ein.“ Es geht also um eine offensive Vergabe von kirchlichen Start - Up Mitteln in Projekte, die evaluiert werden sollen. Dabei staunt man über die Angaben des Umfangs von zehn Prozent der kirchlichen Haushalte. Denn das wären ja, berücksichtigt man alleine die Kirchensteuereinnahmen der evangelischen Kirche in 2019, knapp 600 Millionen Euro - das Gesamtvolumen der Haushalte dürfte mindestens doppelt so hoch sein. Hat man sich wirklich gut überlegt, was das bedeuten würde? Oder ist das nur so mal da hin geschrieben worden?  Das wäre in der Tat eine Strukturrevolution. Tatsächlich würde es bedeuten, dass zu den ohnehin absehbaren Kürzungen von Ausgaben und Aktivitäten in den nächsten Jahren noch beträchtliche weitere Abschläge hinzu kämen. Man könnte dann leicht auf ein Reduktionsvolumen von sicherlich zwanzig bis dreißig Prozent aller bisherigen Aktivitäten kommen. Da bleibt dann kein Stein auf dem anderen. Große Teile der Kirche würden in eine Projektstruktur überführt werden mit den entsprechenden Folgen für die Anstellungsverhältnisse und Mentalitäten.  Wenn das wirklich als Umbau der alten Anstalt in eine kreative Organisation gemeint ist, wäre das großartig. Oder wirkt das faktisch nur als eine Vernebelung des zu erwartenden Arbeitsplatzabbaus?    

Nötig wäre so etwas! Die Kirche wäre dann in der Tat keine staatsanaloge Behörde mehr, wie es gefordert wird, sondern würde sich auf ein innovationsorientiertes Unternehmen oder eine handlungsfähige NGO zu bewegen. Es braucht Mitarbeitende, die nicht nur Spielräume haben, um flexibel zu reagieren, sondern die diese Spielräume auch nutzen. Die Vision klingt überzeugend: „Kleine, dezentral vernetzte Gruppen werden mit ihren Aktivitäten herkömmliche Strukturen und Begrenzungen aller Art infrage stellen.“ So soll es sein. Aber der Indikativ irritiert. Denn ob das so sein wird hängt an dem, wie die Kirche in diesem Feld operiert und ob sie offen und ermutigend aufkeimende Ansätze fördert – ja ob sie Anreize bereit stellt, sich auf solche Abenteuer einzulassen. Bisher ist  auch nicht im Ansatz zu erkennen, warum jemand zum Beispiel eine neue Gemeinde gründen und sie dann in die Verwaltungsklauen einer Landeskirche überführen soll. Aber die Probleme gibt es auch schon in der bestehenden Struktur mancher Landeskirche: Warum soll sich jemand für die eigene Gemeinde einsetzen, wenn sie jederzeit von oben fusioniert oder gar aufgelöst werden kann?  

Wenn „Gemeinde“ der Fokus auch der Zukunft sein soll – und das wird ja mehrfach sehr deutlich gesagt – dann braucht es Anreize, Gemeinden zu gründen bzw. produktiv zu entwickeln. Es müsste dann ein Ende damit haben, Gemeinden nur zu verwalten. Die Landeskirchenämter würden zu „Agenturen für Gemeindeentwicklung“ mutieren. Die Kirche würde sich neu „von unten“ wieder aufbauen. Es würde sich dann strukturell auswirken, wo wirklich „die Kraft“ zu finden ist und wo nicht – oder wie es der Text sagt: wo Resonanzräume existieren und wo nicht. Voraussetzung dafür ist, und so steht es im Papier, „dass Verantwortlichkeiten und Kompetenzen auf der Ebene der jeweils Handelnden angesiedelt sind.“ Damit das funktionieren kann braucht es mehr individuelle Entscheidungsfreiräume, wofür „die Zahl der Verwaltungsvorgänge und Genehmigungsvorbehalte reduziert werden muss.“ Vollmacht also für diejenigen, die etwas tun wollen. Die herkömmlichen Strukturen, gerade die parochialen, dienten dann als Infrastruktur, stellten Ressourcen bereit für blühende Projektlandschaften. Einiges davon würde sich über die Zeit dann auch finanziell selbst tragen. Ob so etwas funktioniert hängt daran, ob sich die Schleier der Indifferenz der Menschen noch lüften lassen und sich irgendwo noch Sehnsucht nach Gott und Glauben wecken lässt.  

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen

Durchmustert man die Leitsätze auf diese Weise, so bleibt ein ambivalentes Bild zurück. Auf der einen Seite gibt es klare, zumindest prinzipiell umsetzungsfähige Ziele und Vorschläge im Bereich der Strukturen bzw. der Verwaltung. Sie laufen auf eine Kirche hinaus, die flexibler und innovationsfreudiger, näher bei den Menschen sein könnte und aus den Begegnungen auch wirklich lernt. Kleinere Gruppen bzw. Gemeinden könnten dann die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen. Das ist in der Tat das, was man überhaupt tun kann, um möglicherweise den weiteren Niedergang zu bremsen. Dem entsprechen auch eine Reihe von leuchtenden theologischen Formeln, die zu einem solchen Umbau motivieren können. Auf der anderen Seite bleiben eine ganze Reihe wichtiger Ziele im Blick auf ihre Umsetzung diffus und werden deswegen an den Wolken des Diskurshimmels kleben bleiben. Entscheidend ist, dass beim Runtergefahren gewendet wird. Dafür muss man das Steuer herumreissen.

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