Und sie wird immer besser

Die aufregende Pfarrerserie „Dein Wille geschehe“
Foto: Rolf Zöllner

Man lernt sie schnell lieben, die Protagonisten der herausragenden französischen TV-Serie „Dein Wille geschehe“: Da ist Yann, ein bretonisches Landei, der als begeisterter Pfadfinder nach einer perfekten katholischen Sozialisation mit fliegenden Fahnen ins Priesterseminar schwebt, nachdem er seiner insgeheim geliebten Freundin von den scouts für Gott Adieu sagt. Wir lernen Raphael kennen, der aus einer reichen, so adligen wie zynischen Unternehmerfamilie kommt. Er will nicht in die kapitalistische Tretmühle und erst recht nicht seinem eiskalten Vater als Boss nachfolgen.

Vorgestellt wird der smarte Emmanuel. Er ist nach einer Depressionstherapie einigermaßen genesen und schlägt ein Promotionsangebot in Archäologie aus, weil er seine Berufung spürt, wie er dem verdutzten Arzt trocken erklärt. Guillaume ist schwul, hat Politikwissenschaften studiert, und dass er auch Priester werden will, versteht eigentlich niemand. Am schillerndsten aber ist wohl der latent aggressive, schweigsame und feurig glaubende José. Er hat in einem Streit einen russischen Drogendealer getötet und will nach abgesessener Gefängnisstrafe ebenfalls ins Seminar der Kapuziner in Paris – ein fiktiver Ort, aber einer, der fesselt.

Nach der grandiosen dänischen Pfarrerserie „Die Wege des Herrn“ ist in der arte-Mediathek noch bis Mitte Juni ein weiteres Serien-Juwel zu genießen … und was soll man in Corona-Zeiten sonst außer Lesen tun? Die Serie „Dein Wille geschehe“ steht seiner etwas jüngeren Schwester aus Kopenhagen in nichts nach: Das Drehbuch ist spannend, etwas realistischer und schlüssig. Die Schauspieler (fast nur Männer, das gibt das Milieu vor) sind hervorragend. Mühelos werden wichtige Themen der – hier katholischen – Kirche in der westlichen Welt wie Mitgliederschwund, Missbrauch, Zwangszölibat et cetera behandelt, ohne dass dies konstruiert wirkt.

Das Tolle an dieser Serie: Obwohl die Einschaltquoten nach einem furiosen und von der Kritik viel gelobten Start in Frankreich recht bald einbrachen, wird sie immer besser, was nur wenigen Serien gelingt. Gern sähe man auch die vierte, fünfte oder sechste Staffel, wozu aber den Produzenten der Mut fehlte. Während sich die erste Staffel vor allem um die Kabale (und Liebe!) im Priesterseminar dreht, öffnet sich mit der zweiten und dritten Staffel der Blick: Der Vatikan, französische Kirchenpolitik, vor allem aber der schwierige Alltag junger Pfarrer in einer säkularen Gesellschaft rücken in den Vordergrund. Vor allem Letzteres ist phasenweise schlicht brillant filmisch umgesetzt.

Niemand ist in dieser Serie nur gut oder nur böse, die Charaktere sind vielschichtig und wandeln sich auf nachvollziehbare Weise. Das gilt auch für die in der Hierarchie schon etablierten Geistlichen, etwa den Regens des Kapuzinerseminars Pater Fromenger, der anfangs einem kantigen Heiligen nahekommt – sowie für die zunächst farblosen Mitbrüder Pater Bosco und Erzbischof Poileaux, die die vielleicht erstaunlichsten Wandlungen vollziehen. Gerade letztere Personage changiert so gekonnt zwischen Tragik und Komik, dass man auch ihn am Ende nur noch lieben kann.

Die Serie vermag es formidabel, die Leidenschaft, das Sehnen, das Gelingen und das Scheitern ihrer Protagonisten voller Empathie zu schildern. Kirche und der Glauben erscheinen hier als etwas Aufregendes, gar bleibend Modernes. Man würde all diese auf ihre ganz eigene Art frommen Männer (und eine Nonne, so zerbrechlich wie schillernd gespielt von Céline Cuignet) so gern mal kennen lernen, so nahe kommen sie einem. Und dass man nebenher noch so viel lernt, ja als Baiser neben bester Unterhaltung noch den Hauch einer Vision für eine Kirche der Zukunft erhält … was wäre Besseres über eine Pfarrerserie zu sagen?

„Dein Wille geschehe“ – drei Staffeln in der arte Mediathek noch bis 14. Juni 2021 online abrufbar

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