Gemeinsames Leben wagen

Die Täuferbewegung: Verantwortungsübernahme für das Wohl der ganzen Welt
Foto: privat

Die Täuferbewegung entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus einer starken Glaubenssehnsucht und als Suchbewegung mit einem starken Freiheitsbegehren. Sie war Teil der reformatorischen Umbrüche dieser Epoche.

Den eigenen Glauben wahrzunehmen, nach dem Vorbild Jesu von Liebe erfüllt und gewaltfrei zu leben, und ähnlich der jungen Christenheit geistliche Gemeinschaft zu suchen, sich an der Bibel zu orientieren, eine eigene, unverwechselbare Identität auch religiös ausbilden zu dürfen, das war von Beginn an ein wesentliches Motiv derer, die sich für diese Bewegung freiwillig entschieden. Zum Teil zahlten sie dafür einen hohen persönlichen Preis, manche mit ihrem Leben. Der den Freiheitsgedanken pervertierende, mörderische Irrweg des „Täuferreichs von Münster“ war dabei die frühe und ist eine bleibende Warnung zum Thema Gewalt. Denn das Streiten für die Freiheit des Glaubens kann nur gewaltfrei sein.

Unser gegenwärtiges Gesellschaftsmodell nimmt solch elementaren Freiheitswillen und auch die Sehnsucht nach religiöser Freiheit und Individualität ernst. Die Idee, dass Staat und Religion voneinander zu trennen sind, hat sich in Deutschland politisch erst mit der Weimarer Reichsverfassung konkretisiert.

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland ist heute so verfasst, die Religionsfreiheit und die Freiheit der Weltanschauungen zu garantieren. Man darf behaupten, dass diese und die individuelle Gewissens- und Glaubensfreiheit das Rückgrat unserer lebendigen Demokratie und eine wesentliche Voraussetzung des friedlichen Zusammenlebens sind.

Von Beginn an hat die Täuferbewegung ihren Freiheitsbegriff in Beziehung gesetzt zu einer   Verantwortungsübernahme, die sich als Teil einer größeren Gemeinschaft versteht. Für das Miteinander geradezustehen, sich verbindlich in eine Gemeinschaft hineinzubegeben, um in ihr verantwortlich für das Wohl aller zu sorgen, ist täuferisches Allgemeingut. Im Kleinen wird so geübt, was im Großen, also politisch wirkungsvoll, weitergegeben werden kann: die freiwillige, entschiedene Verantwortungsübernahme für das Globalwohl. Freiwilligkeit ermöglicht Hingabe, aus ihr erwächst die Verpflichtung für das Soziale.

Das Leben als Gemeinschaft, orientiert am Modell der christlichen Gemeinde der ersten Generation, war und ist ein Gegenmodell zu jeder Erzählung vom Recht des Stärkeren. Die Täuferbewegung will sich daran messen und muss sich darum immer wieder fragen lassen, wie ernst sie es mit ihrem Freiheitsimpuls meint und ob sie sowohl die religionsfreiheitliche als auch die soziale Frage als globales Thema realisiert. Die Dinge, die wir haben, gemeinsam haben – welch ein politischer Impuls der urchristlichen Gemeinde!

Die Täufergemeinden und -kirchen waren und sind bis heute nirgendwo die Mehrheit in einer Gesellschaft. Diese Erfahrung, klein zu sein, fördert die Sensibilität für die Wahrnehmung und Wertschätzung von Minderheiten. Das macht sie zu wichtigen Bündnispartnerinnen im Engagement für die Rechte solcher Gruppen. Weil sie gesellschaftliche Ausgrenzungserfahrungen aus eigenem Erleben kennen, können sie sich für die bessere Beachtung und Wertschätzung anderer mit ähnlichen Erfahrungen einsetzen. Da, wo das Modell einer offenen Gesellschaft in Frage gestellt wird, sind sie wichtige Anwälte des Gedankens von der Freiheit und Gleichheit jedes Individuums. Ihre historische, aber auch ihre gegenwärtige Befindlichkeit helfen dem Gemeinwesen, seine Herausforderungen in den Blick zu nehmen und seine Qualität, gerade als Schutzraum von Minderheiten, als Zielperspektive nicht aus dem Blick zu verlieren.

Ein Ideal der Täufergemeinden und -kirchen: eine Gemeinschaft von Gleichen zu sein. Dieses Modell von christlicher Kirche wendet sich nicht nur gegen die in vielen Kirchen lebenden Hie-rarchien und den zum Teil lebenszerstörenden Missbrauch von Macht. Es etabliert und festigt auch jenen demokratischen Grundsatz, der die auf Zeit verliehene Macht der Gemeinschaft ein- und unterordnet. Wer hier üben kann, wie es ist, seinen Begabungen entsprechend für das Wohl der Gemeinschaft mitzuwirken, hat es leicht, diesen Grundgedanken auf die Mitwirkung am Gemeinwohl einer Stadt, eines Landkreises, eines Landes oder darüber hinaus zu übertragen. Kirchen können Trainingszentren sein, in denen eingeübt wird, den Versuchungen der Macht nicht zu erliegen, mit ihr verantwortungsvoll, gewaltfrei und auf Zeit umzugehen. Macht verpflichtet, so wie auch der Besitz an Gütern, sie für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Sie beizeiten loszulassen, ist eine Kunst. 

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Peter Jörgensen

Peter Jörgensen ist Pastor und Beauftragter am Sitz der Bundesregierung für die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF). Er lebt in Berlin.


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