Auf der Suche nach Perspektiven

Anne Wehrmann-Kutsche untersucht die Evangelische Frauenarbeit in Norddeutschland
Anne Wehrmann-Kutsche
Foto: zeitzeichen

Früher hat sich die Arbeit von Frauen in der Kirche auf den sozialen Dienst konzentriert. Im Laufe des 20. Jahrhunderts konnte sich die Evangelische Frauenarbeit als eigenständiger Bereich etablieren. Anne Wehrmann-Kutsche (Jahrgang 1984) untersucht in ihrer Promotion das Frauenwerk der Nordkirche.

Es war ein Praktikum in der geschlossenen Psychiatrie der Charité. Dort habe ich erlebt, was eine geistliche Präsenz auszulösen vermag, was mit Patienten und Patientinnen passiert, wenn der Seelsorger auf die Station kommt. Ursprünglich ge-plant war ein Medizinstudium, eine Idee, die ich dann an den Nagel gehängt habe, um in Münster Evangelische Theologie zu studieren. Später auch in Bochum, in Bangalore/Indien und in Hamburg. Das Vikariat absolvierte ich an der Vicelinkirche in Neumünster (Nordkirche) und bin für meine erste Pfarrstelle nach Lübeck gegangen. Im Übrigen schon bewusst mit halbem Stellenumfang, da ich meine Promotion parallel zum Pfarramt schreiben wollte.

Geweckt wurde mein Interesse an den Genderwissenschaften im Fachbereich der Praktischen Theologie in Bochum am Lehrstuhl von Isolde Karle. Es war eine Kombination aus dem deutschen Wissenschaftskontext und der globalen Perspektive, auf die ich in Indien gestoßen war. Nach meiner Rückkehr stellte ich mir die Frage, warum die Frauenwerksarbeit so sehr polarisiert, auch innerhalb der Kirche? Wie kommt es dazu, dass diese Arbeit häufig so stereotyp bewertet wird? Aus diesem eher soziologischen Interesse ergaben sich weitere Fragen: Was will die Frauenarbeit? Brauchen wir heute noch genderseparate Räume? Oder sind wir – kirchlich und gesellschaftlich – so gleichgestellt, dass diese Arbeit nicht mehr zeitgemäß ist?

Die Evangelische Frauenarbeit ist kein vom Schreibtisch aus zu steuerndes Unternehmen. Sie wird von unterschiedlichen Frauen gestaltet, deren jeweilige Interpretation eigener Lebenswirklichkeiten Impulse für Formen und Inhalte der Arbeit gibt. Deshalb entschied ich mich für Expertinneninterviews mit einem qualitativen Forschungsschwerpunkt und begann 2015 mit Leitfaden gestützten, teilstrukturierten Interviews, einer Methode aus der Sozialforschung. Die Fragen im Rahmen der 14 Interviews konzentrierten sich primär auf die Ziele und Herausforderungen, aber auch auf die persönlichen Konzeptionen weiblicher Identität und auf mögliche Perspektiven für das Arbeitsfeld.

Nach der vergleichenden Interviewanalyse wurden die Ergebnisse gebündelt und praktisch-theologisch eingeordnet. Bei der Untersuchung der Ziele hat mich vor allem der Aspekt der sich reproduzierenden Stereotype als eine große Stärke des Arbeitsfeldes überrascht. Frauen, die ähnliche Konzeptionen weiblicher Identität teilen, fühlen sich gerade durch diese Reproduktion gestärkt statt limitiert.

Was mich noch überrascht hat, ist die Wichtigkeit des seelsorgerlichen Moments, den viele Frauen als essenziell in der Frauenarbeit erfahren. Das heißt, sich in der Frauengruppe im eigenen weiblichen Lebensentwurf als gerechtfertigt zu erfahren und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Das Frauenwerk dient der Mehrheit der Expertinnen als alternative kirchliche Heimat. Viele von ihnen betonen, dass sie sowohl sprachlich als auch inhaltlich in der  herkömmlichen Ortsgemeinde wenig vorkommen.

Interessant waren die Herausforderungen, die sich extrahieren ließen: Das Frauenwerk steht unter einem extrem hohen Rechtfertigungsdruck. Dieser Druck führt zu einer permanent-kritischen Selbstthematisierung. Die Frauen selbst haben das Gefühl, dass sie immer um dieselben Fragen und Themen kreisen. Das zieht Energie, die Motivation lässt nach, und führt zu der Frage, ob diese Arbeit noch gebraucht wird. Aus dieser Dynamik ergibt sich ein Teufelskreis, der von den Frauen stark reflektiert wird. Auch die Generationenfrage spielt eine große Rolle. Als Vorwurf wird latent kommuniziert, dass junge Frauen vom Angebot des Frauenwerks nicht angesprochen werden. Und die Ost-West-Unterschiede schwingen immer mit. Zwar wollen sich die Frauen gemeinschaftlich aufstellen und nach außen Strahlkraft zeigen, doch gleichzeitig gibt es große Differenzen in den Haltungen zu Feminismus und Gender.

Aus praktisch-theologischer Sicht macht das Frauenwerk der Nordkirche sehr viel richtig in seinem Bemühen, binnendifferenziert auf die verschiedenen Lebensumstände der Frauen einzugehen. Es ist eine schwierige Ausgangssituation und die Gemengelage ist komplex. Sich das bewusst zu machen und zu vertreten, ist der erste Schritt, um zukünftige Konzeptionen anfertigen zu können.

Wenn es das Ziel der Frauenarbeit ist, auf eine geschlechtergerechte Kirche hinzuarbeiten, dann liegt es auf der Hand, dass die Arbeit auch wissenschaftlich anschlussfähig an die Genderforschung bleiben muss, weil es den Zielen entspricht, Stereotype aufzudecken und Konstruktionen zu benennen. Die Interviews haben hingegen auch deutlich gezeigt, dass sich geschlechterseparate Räume nicht überholt haben. Wie so oft gilt darum auch hier konzeptionell sowohl als auch, deshalb heißt meine Arbeit auch Vergewisserung und Irritation. Die Genderwissenschaft hat wichtige Erkenntnisse vorgebracht. Und gleichzeitig stellt sich immer wieder die Frage, wie anschlussfähig diese an unsere Alltags- und Lebenswelten sind. Indem es weiter geschlechtergetrennte Räume gibt, verstärkt man die Binarität. Diese Paradoxie lässt sich nicht auflösen. Darum sollten für künftige Konzeptionen die Ausgangslage und der Kontext der Arbeit besonnen und mit einer gewissen Nüchternheit analysiert werden. Die Frage, welche Frauen das Frauenwerk brauchen und was sie brauchen, wird in Güstrow ganz anders beantwortet werden als in Hamburg-Eimsbüttel. Wichtig ist, die Binnendifferenzierung des Arbeitsfeldes mutig voranzutreiben und die Perspektive der Intersektionalität miteinzubeziehen.

Eine große Aufgabe, vor der das Frauenwerk steht, ist, die Emotionalität aus der Debatte zu nehmen, sich ihr vielmehr sachlich zu widmen. Meine Dissertation soll für kommende Prozesse als Diskussions- und Argumentationsgrundlage dienen. 

Aufgezeichnet von Kathrin Jütte

Literatur

Anne Wehrmann-Kutsche: Vergewisserung und Irritation. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2020, 276 Seiten, Euro 68,–.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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