Heimkehr rückwärts

Andreas Hillger: Ortolan

Nach seinem grandiosen Erstling, dem Bauhaus-Roman Gläserne Zeit, der bereits 2013 erschien und im Bauhaus-Jahr 2019 endlich den verdienten Erfolg hatte, was vor allem Andreas Hillgers implizit geschultem Vermögen, pointiert lebendige, dichte und spannungsreiche Dialoge zu schreiben und seiner profunden Orts- und Geschichtskenntnis zu verdanken ist, hat es gedauert, ehe der vielseitig aktive Autor mit einem neuen Roman aufwartet. Die Spannung war groß, ob der gläsernen eine Fortsetzung in dunkler Zeit oder gar im Hier und Jetzt folgen würde. Aber nein – Hillger bleibt seiner Vorliebe für historische Stoffe treu, und es treibt ihn noch viel weiter zurück – in die Zeit des Barocks, bis nach Italien und ins London des Jahres 1770.

Aber dieser Ritt quer durch Europa hat seinen Ausgangspunkt schlussendlich doch wieder in Hillgers Heimat, in Anhalt, in Köthen und in Leipzig. Hier spielt sich eine für den ganzen neuen Roman entscheidende Szene ab. Hier sucht Johann Sebastian Bach die Linderung seines Augenleidens durch den in ganz Europa bekannten Messias des Augenlichts, den selbsternannten Chevalier John Taylor – ein englischer Augenarzt, dessen Reisekutsche zu Lebzeiten der Sinnspruch schmückte: „Qui dat videre, dat vivere“ – Wer das Sehen schenkt, schenkt das Leben. Bach hoffte, aber er hoffte vergebens.

Zwanzig Jahre nach dessen Tod rüstet sich der inzwischen zurückgezogen lebende John Taylor für den seinen. An seiner Seite steht nur noch ein Sekretär, ein junger Italiener, der wie der Chevalier ein dunkles Geheimnis hütet. Ihm diktiert der Augenarzt seine Lebensbeichte – die Geschichte jenes Blendwerks, das den Starstecher über Marktplätze in Königsschlösser führte, weil er die Entscheidung über Licht oder Finsternis in seine Hände nahm. Am Ende dieses Weges ist der Mann selbst blind. Was ihm im Dunkeln bleibt, ist die Erinnerung an Reisen und Begegnungen, die er in einer Mischung aus Reue und Trotz überliefert. Eine Erinnerung, die seinen Sekretär, Rächer und Stecher ganz anderer Façon, gezielt in seine Nähe und schließlich in seinen Bann zieht. Beider Leben ist eng mit dem Messer verbunden, beide tragen das Lob Evviva il coltellino  - es lebe das Messerchen - in wesentlichen Momenten ihres Lebens auf den Lippen.

Der Roman erzählt vom Wagen und Scheitern eines legendä­ren Arztes, der als Quacksalber wie ein heutiger Popstar lebte und mit seinen schrecklichen Methoden aus Versehen auch Musikgeschichte schrieb. Zugleich schärft diese Hommage an das Sehen auch den Blick für Blindheit, die im „Age of Enlightenment“ philosophisch verstanden und medizinisch behandelt werden wollte. Andreas Hillger erweist sich mit Ortolan durch seine labende Sprachvielfalt, die subtil gewebten dramaturgischen Bögen und die immense historische Personalstaffage, die er kenntnisreich einfließen und damit das Europa der Zeit lebendig aufleuchten lässt, einmal mehr als Meister des historischen Romans mit stupenden Gegenwartsbezügen.

Das schon in der Gläsernen Zeit bewährte stilistische Hilfsmittel, mit Hilfe von Piktogrammen an den Kapitelanfängen die jeweiligen Protagonisten anzuzeigen, schafft auch zu mitternächtlicher Lesestunde wohltuende Klarheit. Das 36-seitige Panoptikum leistet kurzweilige Bildungs- und Erinnerungsbeihilfe, um nicht grübelnd über beiläufig vorbei schlendernde Themen und Personen der Zeit zu stolpern. In allem zeigt sich Andreas Hillgers Freude an der vielfältig mit den großen Plätzen der Welt versponnenen Lebendigkeit der Provinz und seine hingebungsvolle Neugier gegenüber den unter der Oberfläche des Spektakulären schimmernden Geschichten. Kurzweilig und mit großer, Verve und Achtsamkeit verflechtender Kraft zeigt sich ein Autor, der vor allem eins ist: ein virtuoser Erzähler. Dass der Osburg Verlag 2020 Preisträger des Deutschen Verlagspreises war, hat auch mit diesem Autor zu tun. Herzlichen Glückwunsch.

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