Mehr Theologie wagen

Foto: privat

Fastenzeit in der Pandmie: Viele Videos und Audios werden bereitet, die sich in Form und Inhalt auf ein kirchennahes und liturgieerprobtes Publikum verlassen, gleichzeitig aber Gehalte aufbereiten, die diesem Publikum längst bekannt sein dürften. Zeit, das zu ändern.

Sei frei, verrückt und glücklich!“ und „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden“: Aufmunternde Botschaften geleiten mich in die Passions- und Fastenzeit. Weil ich sehr viele digitale Kanäle von Kirchen, Gemeinden und Christ:innen verfolge, steht mir die Fülle christlicher Sinnstiftungsangebote in diesen Tagen besonders drastisch vor Augen. Die Kirche hat Luft geholt und sendet wieder.

Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Anfang November sprach der Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, von der stabilisierenden Wirkung des Kirchenjahres. Ihm vor Augen: Der Advent als Zeit des Wartens und des Hoffens, der gerade in Pandemie-Zeiten Orientierung bieten kann. Seit den Weihnachtsfeiertagen wird immer deutlicher: Corona hin oder her, das Kirchenjahr bleibt bestehen. Das heißt auch, dass nach den Weihnachtsfeiertagen und vor der Passions- und Fastenzeit nur wenige Leute etwas von der Kirche wollen.

So konnten sich die Hauptamtlichen und auch viele Ehrenamtliche in den vergangenen Wochen als angenehm randständig empfinden. Manchenorts fanden kleine und wenig lustvolle Corona-Präsenz-Gottesdienste statt, anderswo fallen nicht nur die Gemeindekreise- und Gruppen und Winterferienfreizeiten, sondern auch analoge Gebetsstunden aus. Das ist die Corona-Normalität, wie wir sie über weite Teile des Jahres 2020 schon kannten. Allein, ohne den weihnachtlich-festlichen Furor scheint kaum jemand an der so unterschiedlichen regionalen und lokalen Praxis mehr Anstoß zu nehmen.

Es ist auch nicht so, dass bei Kirchens nicht gearbeitet würde, nur weil diese Arbeit im Verborgenen geschieht. Da gibt es in den Amtsstuben immer eine Menge aufzuräumen, nachzuarbeiten und vorzubereiten. Beerdigungen, auch von Corona-Toten, finden weiterhin statt und mit ihnen Trauergespräche, für die manchenorts mehr Zeit da ist, weil vom Sonntag her nicht die nächste Predigtvorbereitung droht. Und schließlich sind digitale Verkündigungsformate, sind digitaler Religions- und Konfirmandenunterricht nicht weniger aufwändig vorzubereiten als ihre analogen Geschwister. Von alldem kriegt man im Schaukasten oder Gemeindeblatt höchstens eine Ahnung.

Die Rast- und Ruhezeiten für haupt- und ehrenamtliche Kirchenmitarbeiter:innen laufen seit jeher antizyklisch zu den Erwartungen der Menschen, die am kirchlichen Leben nur ab und zu mal teilnehmen. Wir alle kennen die Konflikte, die sich zwischen den gestressten Mitarbeiter:innen und dem harmoniesuchenden Publikum zum Beispiel in der Adventszeit ergeben können. Solche Ruhezeiten braucht es jedenfalls. Auch für die Verkündigung. Eine ständig sendende Gemeinde, ein:e ständig verkündigende:r Pfarrer:in und permanent funkende Kirchen arbeiten sich in den Overdrive, in die Übersteuerung.

Nun ist sie aber da, die Passionszeit! Und mit ihr zahlreiche Aktionen, die von schlauen Menschen erdacht wurden und den Bedarf an kirchlicher Begleitung in der Fastenzeit decken sollen. Doch von welchem Bedarf ist eigentlich die Rede? Erstaunlich: Auch die digitalen Angebote der Kirchen und Gemeinden und der wohlmeinenden digitalen Einzelakteur:innen orientieren sich am Bild einer Kirche, die ihren Leuten die immer gleichen Dinge immer wieder neu erklären will.

Da werden Andachten zu Losungen en masse verteilt, wo man doch davon ausgehen könnte, dass regelmäßige Losungsleser:innen und Kirchgänger:innen eine solche geistige Überversorgung kaum benötigen. Nur selten durchbrechen diese Aktionen, wie die geschlechtergerechten Losungen der EKBO (zum Beispiel auf Facebook und Twitter), die immer gleichen Muster andächtiger Berieselung. Viele Videos und Audios werden bereitet, die sich in Form und Inhalt auf ein kirchennahes und liturgieerprobtes Publikum verlassen, gleichzeitig aber Gehalte aufbereiten, die diesem Publikum längst bekannt sein dürften. Wussten Sie, dass auch Jesus in der Wüste fastete? Kirchliche Fastenaktionen wollen Menschen gerne da abholen, wo sie sind, unterschätzen aber immer wieder die eigene religiöse Kompetenz der Zielgruppe.

 

Das ist, nur um es klarzustellen, kein digitales Problem. Vielmehr haben sich die digitalen Formate leider nur nicht ausreichend von dieser analogen Angewohnheit der Kirchen emanzipiert. Auch im präsentischen Sonntagsgottesdienst wird nach geltender Leseordnung aller lieben Jahre dem Ü60-Stammpublikum dasselbe erzählt – als ob eine Großmutter von einem Pfarrer noch etwas über Maria und Martha lernen könnte.

Aus dieser Sackgasse führen zwei Wege:

Nr. 1: Kirchliche Formate, digitale und analoge gleichermaßen, müssten sich konsequenter an eine neue Zielgruppe wenden. Das bedeutet dann aber auch den Abschied von bisher gewohnten Formen und den ernsthaften Versuch, den geltenden Ästhetiken – auch denen der Sozialen Netzwerke – etwas Widerständiges entgegenzusetzen.

Sich auf den Weg zu machen, bedeutet auch, einen Teil des Stammpublikums einmal nicht „mitzunehmen“. Die geschlechtergerechten Losungen der EKBO in den Sozialen Netzwerken verärgern offensichtlich vor allem ältere Männer. So be it. Vielleicht werden gerade aufgrund dieser Offenheit einmal andere Menschen, die bisher weniger im Fokus kirchlicher Aufmerksamkeit stehen, für die seltsamen alten Bibeltexte interessiert.

Nr. 2. Sendet man allerdings weiter auf erprobten Kanälen für das bekannte Publikum, dann sollte man das Reflexionsniveau drastisch erhöhen. Keine Heidschibumbeidschi-Andachten mehr und keine lebensberatenden „Anregungen“, keine Impulse und nix „Angedachtes“ mehr. Jedenfalls nicht nur. Sondern mehr Komplexität, hartes Schwarzbrot und intellektuelle Schärfe, also in Kürze, mehr Theologie wagen.

Es gibt sie doch, die Menschen die rhythmisch immer wieder zur Kirche kommen. Vielleicht nicht jeden Tag oder jede Woche, aber doch zu geistlichen Hochzeiten wie Advent und Weihnachten, Passionszeit und Ostern sowie zu den wirklich wichtigen Momenten im Lebenslauf. Dann sollte die Kirche mehr aus ihrem Gepäck herauszaubern als die immer gleichen Nettigkeiten. „Sei frei, verrückt und glücklich!“, ist dafür zu wenig. Der Andachts-Spruch steht übrigens auf einer „Aroma-Pflegedusche“, die „sonnigen Glücksduft“ verspricht.

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