Alsterspaziergang

Über Kunst im öffentlichen Raum in Corona-Zeiten
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

In diesen Zeiten des Corona-Lockdowns sind die Museen geschlossen. Was kann man tun, um in dieser bilderlosen Zeit nicht ganz ohne die Begegnung mit großen Werken der Kunst zu sein, nicht ohne ihren Trost und nicht ohne die Herausforderung, die von ihnen ausgeht? Hier ein Vorschlag: Kunst im öffentlichen Raum. Der aufmerksame Flaneur kann in seiner Stadt Spaziergänge unternehmen zu den im Freien aufgestellten Skulpturen, zu Kunstwerken, die zu Fuß erreichbar sind.

Am besten sind da die Münsteraner dran, die seit 1977 alle zehn Jahre, parallel zu jeder zweiten Documenta, die internationale Ausstellung „Skulptur Projekte“ in ihrer Stadt veranstalten. Von diesen inzwischen fünf Ausstellungen sind etliche große Kunstwerke ständig in der Stadt geblieben. Aber auch in Hamburg gibt es sehenswerte Kunst im öffentlichen Raum. Wenn man am Harvestehuder Ufer der Alster Richtung Krugkoppelbrücke geht, begegnet man an der Alten Rabenstraße der Knieenden von Gustav Seitz. Das Knien der in Überlebensgröße dargestellten Frau ist aber keine Demutsgeste, sondern wirkt sehr aufrecht, selbstbewusst. Seitz war zu seiner Zeit ein bekannter Künstler und Kunstprofessor, der auf der Documenta und der Biennale in Venedig ausstellte. Die Knieende schuf er 1963 ursprünglich für die Hamburger Gartenbauausstellung. Sie ist mit einer steinernen Rundbank versehen, auf der man sich niederlassen und mit der Figur ins Gespräch kommen kann.

Vierhundert Meter weiter erwartet uns die Skulptur Orpheus und Eurydike von Ursula Querner. Der Mythos ist bekannt – Orpheus begibt sich in die Unterwelt, um seine durch einen Schlangenbiss getötete Frau zurückzuholen. Sein Gesang bezwingt die Furien, er bekommt Eurydike zurück, darf sich aber nicht nach ihr umdrehen, was er dann doch tut. In der figürlichen Darstellung von Ursula Querner, die die Figuren rau modelliert, aber geht Eurydike vor Orpheus mit der Leier. Was will die Künstlerin damit sagen? Häufiger habe ich auf meinen Alsterspaziergängen bemerkt, dass Passanten Eurydike mit einer Blume geschmückt haben.

In die Brückenmauern der Krugkoppelbrücke sind zwei halbrunde Reliefs eingelassen: Das eine zeigt einen Alsterfischer, der mit aller Kraft sein Netz einzieht. Das auf der andern Seite ein Liebespaar, entspannt aneinander gelehnt in einem mit vollem Segel fahrenden Boot. Arbeit und Liebe also, die nach Sigmund Freud beiden Tätigkeiten des erwachsenen Menschen. Die Reliefs erinnern in ihrer künstlerischen Gestaltung ein wenig an Ernst Barlach (1870 – 1938).

An der Sechslingspforte braust der Verkehr. Unbeeindruckt davon die Drei Männer im Boot. Die von Edwin Scharff gestaltete Skulptur am Hohenfelder Ufer ist ein Blickfang, weil sie auf einer fünf Meter hohen Stele angebracht ist. Sie zeigt drei Männer in einem Kahn, die diesen in schöner, harmonischer Bewegung mit langen Stocherstangen voranbringen. Stocherkähne gibt es zwar auf der Alster nicht, dafür sehr viele Ruderboote und Kanus. Das „Luft-Schifflein“ von Scharff wirkt aber fast wie eine Vorausahnung der Stand-Up-Paddler, die seit einigen Jahren aufrecht stehend das Alsternass befahren.

Zum Schluss am Alten Wall zwischen Bucerius-Kunstforum und Börse trifft der Spazierende auf zwei mit braunschwarz patiniertem Messing ummantelte Skulpturen des isländischen Künstlers Olafur Eliasson. Es sind Kaleidoskope auf Metallstelzen. Wer sich unter sie stellt, hat einen überraschenden Blick in ein Stück Hamburger Himmel und die umliegenden Gebäude. Wie bei einem Diamanten entstehen tausend Spiegelungen. Gesellschaftsspiegel nannte Olafur Eliasson sein Werk.

Kunst verfremdet den Blick auf den Himmel und auf die herrliche Hansestadt und lässt den Lockdown für einen Moment vergessen. 

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Foto: privat

Hans-Jürgen Benedict

Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich  der Literaturtheologie.


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