„Im Schatten Kölns“

Bischof Bätzing während der Abschluss-Pressekonferenz
Foto: Sascha Steinbach/epa pool
Der Vorsitzender der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, während der abschließenden Pressekonferenz.

Die römisch-katholischen Bischöfe der Bundesrepublik trafen sich Corona-bedingt nur online zu ihrer regelmäßigen Frühjahrshauptversammlung. Eine fast historische Entscheidung: Erstmals wird eine Frau als Generalsekretärin die Verwaltung der Deutschen Bischofskonferenz führen. Aber diese gute Nachricht verpuffte schnell. Denn alles ging unter in der nicht enden wollenden Affäre um den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki.

Ja, das hat es einmal gegeben: Vor knapp drei Jahren, im Mai 2018, haben die katholischen Bischöfe Chiles für den Missbrauchsskandal in ihrer südamerikanischen Kirche um Verzeihung gebeten und geschlossen dem Papst ihren Rücktritt angeboten. Bei einer seriösen Umfrage hat sich am Montag eine klare Mehrheit der Polen für den Rücktritt aller Bischöfe ihres Landes ausgesprochen. Die Frage „Soll die ganze Bischofskonferenz angesichts der Enthüllung weiterer Pädophilie-Skandale in der polnischen Kirche zurücktreten?" bejahten nach Angaben des Magazins "Wprost" 58,7 Prozent der Befragten. Gerade mal ein Drittel antwortete mit „Nein“ – und das im urkatholischen Polen!

Insofern war sie nur konsequent, die schriftlich eingereichte Frage an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Limburger Bischof Georg Bätzing, bei der Abschluss-Pressekonferenz der Online-Frühjahrsversammlung der katholischen Oberhirten: Habe man als Bischofskollektiv vielleicht in den vergangenen zweieinhalb Tagen darüber gesprochen, dem Papst ebenso geschlossen den Rücktritt anzubieten? Die knappe Antwort des sonst öfter ausführlich antwortenden Bätzing: Nein, darüber habe man nicht gesprochen. Frage beantwortet.

Frage beantwortet? Irgendwie schon – aber vielleicht hätten die deutschen katholischen Oberhirten tatsächlich einmal darüber reden können. Denn zumindest ein möglicher Rücktritt hing wie eine drohende Wolke über dem mit Spannung erwarteten und medial aufgeheizten Bischofstreffen: der des Kölner Erzbischofs und Kardinals Rainer Maria Woelki. Die Rücktrittsaufforderungen an ihn innerhalb und außerhalb seiner Diözese dürften mittlerweile einen ordentlichen Aktenordner im bischöflichen Ordinariat füllen. Und selbst sein Limburger Amtsbruder Bätzing deutete an, dass sein Rat an den Kölner Kardinal bei zwei vertraulichen Gesprächen in die gleiche Richtung ging: Woelki habe sich entschlossen, erst eine Reaktion auf die Rücktrittsforderungen zu zeigen, wenn am 18. März ein lange unter Verschluss gehaltenes Gutachten sowie eine zweite Studie zur sexualisierten Gewalt in seinem Bistum öffentlich gemacht werde. Bätzing sagte auf der Pressekonferenz, er hätte „eine Alternative für gut befunden“. Das kann als Rat an Woelki gelesen werden: Mach doch dem Elend ein Ende, du schadest uns allen, tritt zurück!

Ein "Desaster"

Dass es dazu kommt, ist nicht sehr wahrscheinlich – aber es war Bätzing auch nach dem Abschluss der Bischofsversammlung deutlich der Frust über die Woelki-Affäre anzumerken, die die ganze katholische Kirche der Bundesrepublik auf eine vielleicht noch nie gekannte Weise belastet, ja insgesamt diskreditiert. Der „Schatten von Köln“, wie Bätzing es nannte. Immer wieder hakten die online verbundenen Journalistinnen und Journalisten nach: Hat Woelki Druck bekommen von seinen Mitbrüdern? Welche Wirkung hat der Skandal auf die Kirchenaustrittszahlen bundesweit, denn das Problem Kirchenaustritte war ja ein offizielles Hauptthema bei der Online-Bischofsversammlung? Wie war die Stimmung bei diesem Meeting angesichts dieser ungeklärten Affäre, die mindestens im Erzbistum Köln zu einem massiven Anstieg der Austritte geführt hat?

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz rang sichtlich darum, zumindest öffentlich und qua Amt als oberster Moderator der Bischofsrunde Woelki noch einen Hauch an Loyalität zuzusichern – auch wenn Bätzing noch einmal sagte, was er zum Fall des Kölner Amtsbruders schon einmal gesagt hat: Es sei ein „Desaster“ – und er habe Woelki eine „ganz andere Empfehlung“ gegeben. Aber solche Ratschläge scheinen beim Kölner Metropoliten, der kirchenrechtlich so etwas wie der Vorgesetzte Bätzings ist, ins eine Ohr hinein und aus dem anderen wieder heraus zu gehen. Alle, die ihn einmal erlebt haben, wissen, dass Kardinal Woelki ein sturer Bock ist – oder sagen wir höflicher: sein kann. Vor dem 18. März ist nichts Wesentliches mehr von ihm zu erwarten … und danach wahrscheinlich auch nicht.

Angesichts der Woelki-Affäre trat auf der Bischofsversammlung alles andere in den Hintergrund. Manchmal hörten sich die anderen Themen fast nach Beschäftigungstherapie an. Ja, man hat sich auch im elften Jahr wieder mit der Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt im Raum der katholischen Kirche beschäftigt, und es gibt institutionell ein paar Fortschritte in diesem Mega-Skandal. Die Bischöfe haben über den innerkirchlichen Reformprozess „Synodaler Weg“, den sie zusammen mit den so genannten Laien unternehmen, gesprochen und über die dort behandelten Themen wie Frauenordination, Partnerschaft und Sexualität sowie Homosexualität.

Frau an der Verwaltungsspitze

Bei der Frage des assistierten Suizids, aufgebracht durch ein Bundesverfassungsgerichts-Urteil im vergangenen Jahr, bleiben die katholischen Bischöfe bei ihrem strikten Nein, anders als Teile der EKD. Und dass man den im Elend lebenden Flüchtlingen auf dem Balkan und den griechischen Inseln helfen müsse, betonte Bätzing ebenfalls, wieder einmal. Erstmals wurde auch eine Frau an die Verwaltungsspitze der Bischofskonferenz gewählt: die Limburger Theologin und bisherige Bistums-Abteilungsleiterin Beate Gilles. Eine fast historische Entscheidung. Aber ehrlich: Wenn die katholische Kirche in Deutschland durch den Missbrauchsskandal so viel an Vertrauen und moralische Autorität verloren hat – wer hört dann auf das, was sie vielleicht an Gutem noch zu sagen hat?

Immerhin gab es angesichts des nahenden, aber nun vor allem online stattfindenden Ökumenischen Kirchentages noch eine schöne Aussage Bätzings: Der Limburger Bischof unterstrich, dass er jedem evangelischen Christen, der die katholische Eucharistie erbitte, sie ihm auch austeilen werde – so, wie es in vielen katholischen Gemeinden schon länger Praxis sei. Eine ausdrückliche Einladung an alle Christinnen und Christen der Kirchen der Reformation aber sei dies nicht. Das setze nämlich nach dem katholischen Verständnis eine Kirchengemeinschaft voraus. Die Frage ist nur: Ob eine solche sehr viele protestantische Schwestern und Brüder gerade wirklich wollen?

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