Hase mit Stacheldraht

Die Pandemie und der unsichtbare Knast
Foto: Christian Lademann

Schon vor Corona fristeten die Gefängnisse ein Dasein im Halbschatten gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Die Pandemie hat das nicht geändert. Und in den Knästen geht es nun noch mehr um Sicherheit und Ordnung statt um Resozialisierung. Doch was hat der Holzhase auf der Fensterbank damit zu tun?

Ein neues Häschen aus Holz ziert meine Fensterbank. Eigentlich ist mir Holzhäschen-Deko-Ästhetik so fremd wie gehäkelte Tischläufer, aber dieses Exemplar darf bleiben. Um den Hals trägt es eine schmucke weiße Schleife mit aufgedrucktem Natodraht. Um genau zu sein, handelt es sich um ein Knast-Häschen. Ein inhaftierter Mann in der JVA Meppen hat es in der Holzwerkstatt gestaltet. Ich bekam es vor einigen Tagen bei einer Tagung mit katholischen Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorgern geschenkt.

Das Narrativ der vergessenen gesellschaftlichen Gruppen in der Pandemie wird nicht selten bemüht. Im Hinblick auf den Strafvollzug trifft dieses Vergessen eine Institution, die daran gewöhnt ist.  Schon vor Corona fristeten die Gefängnisse ein Dasein im Halbschatten gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Es sind exkludierte Orte, meistens weit außerhalb in der Peripherie. Mediale Aufmerksamkeit erfahren sie meist dann, wenn etwa ein Schwimmbecken in der Anstalt gebaut werden soll und entrüstete Stimmen von Wellness-Vollzug reden oder, wenn politische Akteure ein Gefängnis als öffentliche Inszenierung von Sicherheit und Ordnung wie eine Cocktailkirsche auf dem Wahlkampfsahnehäubchen platzieren. Mit der Frage, ob eigentlich in unseren Gefängnissen das gesetzlich festgeschriebene Vollzugsziel Resozialisierung ebenso eingelöst wird wie das Vollzugsziel Sicherheit und Ordnung, lässt sich hingegen in der öffentlichen Aufmerksamkeitsökonomie kein Blumentopf gewinnen.

Kein Wunder, dass sich diese Unsichtbarkeit des Strafvollzugs in der Pandemie fortschreibt. Zu Beginn gab es einige Meldungen über Haftunterbrechungen oder -aufschub, um in den Anstalten Quarantänemöglichkeiten zu schaffen und das Ansteckungsrisiko zu minimieren. In einer Gesellschaft, die sich für ihre Gefangenen interessiert, würden solche Nachrichten eine Debatte darüber evozieren, wieso diese Menschen mit geringen Strafen überhaupt inhaftiert werden, wenn es unter den Bedingungen der Pandemie offenbar problemlos möglich ist, sie temporär zu entlassen.

Verstummte Gefangenenchöre

Die Pandemie hat in den Justizvollzugsanstalten den Akzent auf Sicherheit und Ordnung statt auf modernen Resozialisierungsvollzug noch verschärft. Die Sorge, dass sich das Virus in den Anstalten wie ein Lauffeuer verbreitet, führte vor allem zu Beginn  der Pandemie dazu, dass die sowieso schon begrenzten Freizeitmöglichkeiten von Gefangenen weiter verringert wurden. Kontakte zwischen Hafthäusern wurden vermieden, in einigen Anstalten wurden Aufschlusszeiten begrenzt. Für eine Reihe von Gefangenen war die tägliche Arbeit nicht mehr möglich. Die Gruppenangebote der Gefängnisseelsorge wurden stark eingeschränkt und Gefangenenchöre verstummten. All dies geschah und geschieht an einem Ort, an dem diese Dinge nicht bloß in den Bereich der alltäglichen Annehmlichkeiten gehören, sondern wesentliche Elemente resozialisierender Strafpraxis darstellen.

Bald wuchs das Bewusstsein, dass vor allem die Verbindungen nach außen die neuralgischen Punkte sind. Neuzugänge werden zunächst in Quarantäne untergebracht. Wir reden hier von anderen Quarantäneerfahrungen als in der eigenen Wohnung zwischen Netflix, einem guten Roman und dem Verfeinern der eigenen Brotbackkünste.

Besonders sensibel betroffen sind die Inhaftierten durch die massiven Einschränkungen bei den Besuchsmöglichkeiten. Kinder werden immer mit bestraft, wenn Väter oder Mütter inhaftiert werden. Um wie viel mehr gilt das, wenn die Tochter den Vater plötzlich nur noch durch eine Trennscheibe sehen kann, statt ihn in den Arm zu nehmen? Nicht wenige Gefangene lehnen Besuch unter diesen Bedingungen ab, weil die Distanz einfach zu schmerzhaft ist.  Auch hier fehlt ein wesentlicher Faktor, der Resozialisierung ermöglichen kann. Einige Anstalten haben recht schnell reagiert, indem sie zumindest Skype-Kontakte ermöglicht haben. Gott sei Dank.

Teil der Gesellschaft

Bei einem meiner Besuche in der JVA-Preungesheim vor der Pandemie, sah ich einen inhaftierten Mann, der im Anschluss an den Gottesdienst noch im Andachtsraum blieb und betete. Seine Entlassung stand kurz bevor. Mir wurde bewusst, wie groß die Ängste offenbar sein können, in der Welt draußen nicht (mehr) bestehen zu können. Wie sehr müssen sich solche Ängste intensiviert haben, wenn die Welt „draußen“ sich derart verändert wie gegenwärtig?

Es wird kein Automatismus sein, dass die Beschränkungen in den Gefängnissen sukzessive zurückgenommen werden. Wie jede Institution neigt auch der Strafvollzug dazu Dinge, die sich eine Zeit lang etabliert haben, nicht mehr so schnell wieder aufzugeben. Die Gefängnisse brauchen deshalb aktuell mehr denn je unsere kollektive Wachsamkeit. Der norwegische Kriminologe Nils Christie wirbt in seinem Buch Wie viel Kriminalität braucht die Gesellschaft für eine Haltung, die Kriminalität nicht als ausgeschlossenes Anderes der Gesellschaft, sondern als wesentlichen Teil derselben begreift, der immer auch durch gesellschaftliche Prozesse erzeugt wird. Folgt man dieser These, dann heißt es: Hinschauen! Mich mahnt zu diesem Hinschauen in diesen Tagen das Knast-Häschen auf meiner Fensterbank mit seiner schmucken Natodrahtschleife.

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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