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Eine Hospizleiterin über die Seele und das Sterben
Eine Hospizleiterin über die Seele und das Sterben
Foto: dpa

Der Tod eines Menschen ist häufig der Moment, in dem Angehörige und Begleitende Erfahrungen machen mit dem, was wir Seele nennen. Linda Bulthaup, Leiterin des Hospizes „Haus Zuversicht“ in Bethel, hat in den 15 Jahren, in denen sie im Hospiz arbeitet, immer wieder Situationen erlebt, die sich wissenschaftlich nicht erklären lassen. Sie stellen Fragen nach der Seele und dem, was nach dem Tod mit ihr geschieht.

Wenn ein Hospizgast in eines unserer Zimmer einzieht, bedeutet das auch immer, dass ein anderer Mensch zuvor dort verstorben ist. Er wurde durch eine Aussegnung verabschiedet und der Leichnam wurde durch den Bestatter überführt. Seine persönlichen Dinge wurden von den Angehörigen abgeholt, das Zimmer gereinigt, durchgelüftet und neu vorbereitet. Objektiv betrachtet ist das Zimmer frei und bereit für den nächsten Gast, für die nächste Lebensgeschichte.

Aber es gibt immer wieder Erfahrungen, die das rein Faktische in Frage stellen. Nicht selten berichten neu eingezogene Gäste von dem Gefühl, nicht allein zu sein oder möchten nicht in dem Zimmer bleiben, da es erfüllt sei von Toten oder Fremden. Eine Frau fragte mich wenige Stunden nach ihrem Einzug, was der ganze Quatsch solle. Die ganzen Toten an ihrem Bett, sie wolle nicht auf einem Friedhof wohnen. So weit sei sie noch nicht, und hier würde sie auf keinen Fall bleiben. Sie brachte ihren Ehemann und Sohn dazu, ihre Sachen zu packen und noch am selben Tag wieder auszuziehen. Tatsächlich waren in diesem Zimmer in den Wochen zuvor viele Menschen in sehr kurzer Zeit verstorben.

Ich bin christlich aufgewachsen, finde Sinn im Glauben und habe dadurch eine Vorstellung von dem, was nach dem Tod passieren könnte. Ich bin mir sicher, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir uns erklären können, aber ich halte mich auch gerne an Beweisbares oder zumindest Wahrscheinliches. Ich bin begrenzt spirituell, und ich benötige oftmals das valide und untermauerte Wissen, um zu verstehen oder um Halt für mich zu finden. Aber in Situationen wie der soeben geschilderten habe ich mich immer wieder auf naive Weise gefragt: Hatten die Seelen zu wenig Zeit für den Abschied, um in Ruhe ihren Weg, wohin auch immer, zu finden?

Eine solche Frage berührt auch unseren Arbeitsalltag. Als Einrichtungsleitung bin ich verantwortlich für die Belegungszahlen. Folge ich wirtschaftlichen Überlegungen, müssen die Plätze zeitnah wieder vergeben werden, der Bedarf ist sowieso immer gegeben. Die Mitarbeitenden in der Pflege und in der psychosozialen Begleitung wünschen sich hingegen häufig, die Räume länger leer stehen zu lassen, damit das Zimmer wirklich frei und die Seele sicher auf dem Weg ist. Aber wie lange brauchen die Seelen dafür, das Zimmer, das Haus und unsere Welt zu verlassen?

Derzeit gibt es bekanntermaßen keine validen Studienergebnisse, die solche Fragen beantworten. Gibt es ein Leben danach? Wo bleibt die Seele, also das, was den Menschen ausgemacht hat? Ist sie mit den Hinterbliebenen weiter in Verbindung und wenn ja, wie macht sie das? Dafür empirische Belege zu haben, wäre ein weltverändernder Durchbruch, nicht nur für die Arbeit mit Sterbenden und ihren Angehörigen. Doch es gibt solche Belege nicht. Aber es gibt zumindest Erfahrungen, die darauf hindeuten könnten, dass es irgendetwas „danach“ gibt und eine irgendwie geartete Verbindung bleibt.

C. G. Jung spricht von einer Welt, unus mundus, in der wir in der Tiefe miteinander verbunden sind, aus der alles kommt und in die alles zurückkehrt. Auch der Tod kann danach die innere Verbindung nicht aufheben. Ich bin keine Expertin für die Theorien des Schweizer Psychiaters, und was ich weiß, lässt mich vermuten, dass wir in großen Teilen nicht einer Meinung gewesen wären. Aber mit dem Gedanken der tiefen Verbundenheit der Menschen, die manchmal unerklärlich und unglaublich bleibt, kann ich etwas anfangen. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, dass hin und wieder Angehörige zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten bei uns anrufen und sagen, dass sie ein besonderes Gefühl oder einen besonderen Traum hatten und sich erkundigen wollen, ob alles in Ordnung sei. Und manchmal hatten wir gleichzeitig den Hörer in der Hand, mit der Absicht die Angehörigen anzurufen, um ihnen mitzuteilen, dass ihr Angehöriger verstorben sei oder sich auf den Weg mache. Zufall? Schon möglich, aber es muss dann sehr viele Zufälle geben.

Die wenigsten Menschen nähren ihre Glaubenshaltungen nur aus dem Hoffen, es braucht Fakten, zumindest weiche, die die Überzeugung oder die Vorstellung bekräftigen und daher wahr oder wenigstens etwas wahrer machen. Und es braucht Anker, aus eigenen Erfahrungen, aber auch denen anderer glauben zu dürfen und Halt zu finden.

Eine Studie aus der Physik hat mir dabei geholfen, meiner Vorstellung, und meinem Wunsch, von bleibender Verbundenheit etwas Fundament zu geben. Die Studie beschäftigt sich mit den sogenannten verschränkten Teilchen oder der Quantenverschränkung. Dabei wurde gezeigt, dass Teilchen, die auf eine besondere Weise miteinander verbunden und verschränkt sind, auch dann noch ohne Zeitverzögerung Informationen austauschen, wenn sie räumlich weit voneinander getrennt sind. Das widerspricht eigentlich allen Gesetzen der klassischen Physik, funktioniert aber trotzdem. Dieses Phänomen der Quantenverschränkung hilft mir zu glauben, dass es eine besondere Verbundenheit oder Verschränkung zwischen Menschen geben kann und diese auch über große Entfernungen oder den Tod hinaus bestehen bleiben können. Wie gesagt, wissenschaftlich ist meine Idee davon sicher unhaltbar naiv. Das erlaube ich mir aber.

Die Vorstellungen vom Danach sind sowieso so vielfältig, wie es Menschen gibt, die sich darüber Gedanken gemacht haben. Es reicht von der davonfliegenden Seele, die das Zimmer verlässt, sobald man das Fenster im Zimmer eines Verstorbenen öffnet, über komplexe Vorstellungen der Reinkarnation bis hin zu ständiger Anwesenheit des Verstorbenen in einer unspezifischen Form des spirituellen Daseins; das Wiedererkennen des Verstorbenen in anderen Menschen, Dingen oder Tieren, innere Dialoge oder vereinbarte Zeichen wie Sternschnuppen, Schmetterlinge oder ein Regenbogen. Das alles können Anker sein, die es den Hinterbliebenen ermöglichen, den Verlust zu verkraften und die innere Gewissheit zu entwickeln, dass etwas bleibt, das hält und verbindet.

Band der Liebe

Ich möchte dazu von einem Gast erzählen, der in seinem Leben viel Verlust erlitten hat. Beruflich wie auch privat, auch wenn er von Freunden und Familie auf besondere Weise geschätzt und geliebt wurde. Im Verlauf des Hospizaufenthaltes hat er sich mehr und mehr öffnen können, fand wieder Zugang zu einigen Menschen. Verletzungen und Enttäuschungen innerhalb seiner Familie konnten heilen. Er hat in seinen letzten Wochen besondere Liebe geschenkt und empfangen und ein festes Band zu einer Handvoll Menschen knüpfen können, das ihn liebevoll gehalten hat. In jeder Hinsicht. Er hat genossen, diese Bedeutung und Liebe der Angehörigen und Freunde zu spüren, sodass er sich mehr und mehr gewünscht hat, weiterleben zu dürfen, um das, was er über Jahre vermisst hat, noch lange genießen zu können.

Dieses Band war es möglicherweise aber auch, was ihn in seinen letzten Tagen nicht hat sterben lassen. Der Mann war durch seine fortgeschrittene Erkrankung schon sehr schwach und gezeichnet und war tagelang im Finalstadium, ohne Nahrung, Flüssigkeit oder die Möglichkeit, sich mitteilen zu können. Seine Familie war die ganze Zeit bei ihm, hat ihm aber auch die Möglichkeit gelassen, allein gehen zu können. Nichts half und die Ideen und Versuche, was ihm helfen könnte zu sterben, gingen nach und nach ohne Veränderung der Situation aus. Nach vielen Tagen der Begleitung saß ich mit seiner großen Liebe und einer seiner engsten Familienangehörigen an seinem Bett. Seine große Liebe sprach zu ihm und sagte ihm dann: „Weißt Du noch, unser festes Band, was schon so lange zwischen uns geknüpft ist? Du hast mir vor einigen Tagen gesagt, das Band sei zu fest, Du kämst nicht auf die andere Seite. Schätzelein, Du hast Recht, das Band zwischen uns ist sehr fest und es bleibt. Aber es ist lang genug, um von hier bis zur anderen Seite zu reichen.“

In dem Moment – und ich meine in dem Moment – änderte sich seine Atmung. Er öffnete noch einmal seine Augen und verstarb, alles innerhalb dieser einen Minute. Klingt ausgedacht, ist es aber nicht. Ich bin unheimlich dankbar, diesen Augenblick miterlebt zu haben und zu sehen, wie schwer es sein muss, sein Leben und damit sein Selbst aufzugeben und die Verbindungen zu lösen. Und wie hilfreich es sein kann zu wissen, dass etwas Untrennbares zurückzubleiben scheint.

Zu sterben ist eine große Aufgabe, die vor allem etwas mit Aufgeben zu tun hat. Und schon in der Begleitung der Sterbenden in der terminalen Phase zeigt sich, dass einige Menschen es schwerer zu haben scheinen „auf“zugeben. Haben manche Seelen es vielleicht auch nach dem Tod schwerer, sich zu verabschieden? Vielleicht ist auch das einfach eine individuelle Beobachtung und simple Deutung. Aber wenn ein Mensch verstirbt, bleibt er noch eine Zeit dieser Mensch, mit all dem, was ihn ausgemacht hat. Es scheint, als sei er der Gleiche, nur verstorben. Wenn ich von einiger Zeit spreche, dann meine ich damit Stunden, vielleicht ein oder zwei Tage. Aber irgendwann tritt eine Veränderung ein, er scheint irgendwie weiter weg, weniger „noch da“ zu sein. Er scheint weniger beseelt zu sein und wird dann vom Menschen, vom Verstorbenen, zum Leichnam. Es ist das, was uns Angehörige immer wieder zurückmelden und was ich selbst im Beruf, aber auch beim Verlust eigener Angehöriger als Kind und Erwachsene erlebt habe. Aber was hat sich verändert? Ist es tatsächlich die Seele des Menschen, die den Körper verlassen hat?

Diese Frage ist nicht objektiv beantwortbar, Frage und Ahnungen der Antwort sind Teil des subjektiven Erlebens, aber möglicherweise eines kollektiven Subjektiverlebens, von dem immer wieder Menschen berichten. So wie diese: Ich habe schon häufig erlebt, dass neue Gäste auf einmal Gewohnheiten von zuvor in dem Zimmer verstorbenen Gästen übernehmen. Sie bestellen plötzlich das gleiche Essen, die gleichen Getränke, obwohl sie sie zuvor nicht mochten. Ähnliche Gewohnheiten werden offensichtlich oder die gleichen Probleme im Verlauf der Begleitungen stellen sich immer wieder im selben Zimmer dar. Die Menschen nutzen gleiche seltene Redewendungen, leiden unter den gleichen Symptomen, trotz ganz unterschiedlicher Grunderkrankungen, zeigen Gewohnheiten oder die gleichen Schwierigkeiten der Ablösung oder Loslösung. Und die Gäste fragen sich teilweise selbst, warum sie sich oder ihre Prioritäten, Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen so verändert haben.

Trotz des Wunsches nach erklärbaren Ereignissen und Prozessen, habe ich diese Erfahrungen schon so oft gemacht, dass ich es mir mit Zufällen, Medikamentennebenwirkungen, Sauerstoffmangel, Kreislaufveränderungen oder Begleiterscheinungen der verschiedenen Erkrankungen unserer Gäste nicht erklären kann. Das gilt auch für die erleichternde Erfahrung, dass Menschen im Sterbeprozess häufig von verstorbenen Familienmitgliedern berichten, die zu ihnen sprechen, ihnen Zeichen geben oder den Weg zeigen. Viele spüren die Anwesenheit der Eltern oder Großeltern oder rufen nach der Mutter. Die Menschen berichten davon mitunter so realistisch, dass mir manchmal etwas mulmig wird und ich mich frage, ob nicht vielleicht wirklich jemand mit uns im Raum ist, der mich sieht, aber nicht umgekehrt.

Wir meinen dann vielleicht, die Wahrheit und Realität für uns beanspruchen zu können und bemühen die Psychologie als Erklärungsmuster. Alles alte Bilder aus dem Leben des Menschen, die nun hochkommen, keine Realität. Aber wissen wir es? Einfach mal zuzugeben, dass es mehr gibt, als wir uns erklären und was wir beweisen können, würde es vielleicht manchmal einfacher machen. Auch wenn ich bislang niemanden gesehen habe, ist für mich der Gedanke tröstlich, erwartet zu werden, wenn es Zeit wird zu sterben und mir die Hand gereicht wird von denen, die schon vorausgegangen sind. 

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