Meisterwerk

Über den Heiligen Geist

Die literarische Gattung der Biografie erfreut sich allgemein großer Beliebtheit. Bringen diese den Leserinnen und Lesern doch die Vitae von Persönlichkeiten näher, die von persönlichem oder allgemeinem Interesse sind – allerdings zumeist angesichts ihres Lebensendes oder nach ihrem Ableben. Es mutet deshalb auf den ersten Blick verstörend an, eine Biografie über den Heiligen Geist in den Händen zu halten – jenes Gegenübers der religiösen Verehrung, das in christlicher Tradition als eine Person des dreieinigen Gottes gedeutet wird. Neigt sich das Leben dieses Geistes Gottes – so möchte man fragen – seinem Ende entgegen?

Ein Blick in diese Biografie des Münchener Theologieprofessors Jörg Lauster zeigt: mitnichten. Bereits 2014 hat der Theologe mit seiner Kulturgeschichte des Christentums einen vielbeachteten Bestseller vorgelegt. Nun präsentiert er erneut ein kurzweilig zu lesendes Meisterwerk. Er taucht ein in eine spannende Geisteswelt und nimmt die Leserschaft mit auf eine 364-seitige Erkundungsreise: von den mythischen Ursprüngen des göttlichen Geistes in der Bibel zu seiner dogmatischen Lehrgestalt im Christentum, von den vielfältigen menschlichen Erfahrungen mit dem Geist zu seinen mannigfaltigen Manifestationen in der Geschichte. Und schließlich seinem spannungsvollen Verhältnis zu Natur(wissenschaft) und Welt.

Der Autor konzipiert dieses Buch nicht als theologische Abhandlung dogmatischer Pneumatologie. Er versteht es vielmehr als „historische Kulturpneumatologie“. Dieser Zugriff „versucht aus der Vielfalt der vorkommenden Erscheinungsformen des göttlichen Geistes in der Welt ihre Bedeutung für unsere Gegenwart heute zu erschließen, um so dem Geheimnis näher auf die Spur zu kommen, was es mit dem Rauschen der Welt auf sich haben könnte“.

Für Lauster wohnt der Welt folglich ein unsichtbares „Rauschen“ inne. Dieses ist im menschlichen Welterleben religiös zugänglich. Insbesondere in der christlichen Religions- und Kulturgeschichte ist es immer wieder als Präsenz des Geistes Gottes zur sichtbaren Darstellung gekommen. Aus diesem Grund widmet der Autor sein Augenmerk unter anderem auf jene Kulturerscheinungen, die einen besonderen Geistessensus entwickelt haben: die mittelalterliche Mystik, die Renaissance sowie Idealismus und Romantik. Die Reformation findet in diesem Buch selbstverständlich auch Erwähnung, hat aber keine Zentralstellung.

Aus konfessionskundlicher Perspektive wird dem Pfingstchristentum zurecht ein eigenes Kapitel gewidmet, an deren Ende Lauster interessante Ausführungen zu drei aus seiner Sicht alternativen Erscheinungsformen des gegenwärtigen Christentums (charismatisch-pfingstlerisch, traditional und liberal) und zur Ökumene macht.

Lauster präsentiert sich in diesem Werk nicht nur als brillanter Erzähler und theologischer Geschichts- und Gegenwartsdeuter. Er gibt sich bisweilen auch selbst als religiöses Subjekt zu erkennen – als jemand, der selbst vom „Rauschen der Welt“ fasziniert ist. Dieses Buch ist folglich nicht nur der Ertrag wissenschaftlicher Reflexion, sondern zugleich das Produkt einer individuellen religiösen Suchbewegung. Es ist von der Überzeugung geleitet, dass „mit dieser Welt etwas gewollt und gemeint ist – und damit auch mit uns selbst“. Nicht nur gestern und heute, sondern bis zum Ende unserer Wirklichkeit. Das Leben des Heiligen Geistes geht weiter. Diese Biografie ist deshalb nicht zum Ende seines Lebens geschrieben, sondern fungiert mehr als vergewissernde und zukunftsoffene Zwischenbetrachtung. Es ist sicher nicht unzutreffend, dieses mit Esprit geschriebene Werk als liberale Erbauungsliteratur einzuordnen.

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Foto: Mario Brink

Gregor Bloch

Gregor Bloch ist Pfarrer und theologischer Mitarbeiter des Evangelischen Bundes Westfalen und Lippe. Er wohnt in Detmold.


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