Im Dreierpack

Von Gott aus denken

Güterbahnhof, vegane Häppchen und Eisenbahntoiletten. Kann mit solchen Begriffen die Koordinaten der Theologie neu bestimmt werden? Bestens. Der Bochumer Systematiker Günter Thomas korrigiert in einem „langen Essay“ theologische Weichenstellungen vor allem der vergangenen Jahrzehnte. Waren sie zu ihrer Zeit plausibel, so zeigen heute Ansätze von Schleiermacher, Barth, Bonhoeffer, Sölle, Moltmann und Welker „Fehloptimierungen“ und „problemschaffende Lösungen“ mit fatalen Wirkungen für die Kirche.

Die durch Corona zugespitzten kirchlichen Krisen wie Organisation, Mitglieder, Finanzen sieht Thomas im Kern als theologisch-geistliche Krise. Das Wesentliche des christlichen Glaubens ist aus dem Blick geraten und geht im „Kampf der Welterzählungen“ unter. Daher erliegen Christen und Kirche in ihren Entscheidungen der eigenen Stärke (Vitalismus), dem Bedürfnis nach Ruhe (Neostoizismus) oder sie radikalisieren sich als verzweifelte Hoffnung.

Thomas entwirft eine Theologie der Lebendigkeit Gottes. Gott verwickelt sich und die Welt in sein „Weltabenteuer“. Im „Weltabenteuer“ hat Gott keinen festen Heilsplan, aber heilvolle „Aspirationen“ (Absichten/Ziele). Dennoch bleibt es auch für ihn riskant. Gott reagiert auf Menschen, lässt sich bewegen. Gott lernt dazu. Ja, Gott riskiert sich selbst (Inkarnation und Kreuz), versöhnt die Welt mit sich (Kreuz und Auferstehung). Er stellt die versöhnte Welt in den Horizont der ausstehenden Erlösung. Spannend, wie Inkarnation, leeres Grab und die Leiblichkeit der Auferstehung Jesu neu leuchten und theologisch fruchtbar gemacht werden.

„Das vom Geist Gottes getragene und getriebene Leben … lässt sich als die dynamische Einheit aus Glaube, Liebe und Hoffnung verstehen.“ Thomas denkt konsequent von Gott aus. Glaube, Liebe und Hoffnung sind keine dem Menschen eigene Tugenden. Es sind Gottes „Aspirationen“ für seine Welt. Kirche, im Raum zwischen Versöhnung und Erlösung unterwegs, soll tunlichst lassen, durch ihr Handeln die Erlösung herbeiführen zu wollen. Stattdessen hat sie schlicht, aufeinander bezogen, Glaube, Liebe und Hoffnung zu kommunizieren.

Diese Kommunikation wird in drei die Theologie neu orientierenden Abschnitten entfaltet: „Glaube ist die Entdeckung, in Gottes Weltabenteuer vorzukommen.“ Kirche ist mit Gott im Gespräch. Das und nichts anderes unterscheidet sie von anderen Welterzählungen. Das muss gesagt und gelebt werden. Gott wartet auf unsere Antwort, „Mission“ ist darum neu zu bestimmen, Mission als Konversion darf der Kirche nicht peinlich sein.

„Christliche Liebe ist eine späte Antwort auf Gottes radikale Feindesliebe.“ Gott liebt radikal, ohne seine Feinde zu vernichten. Menschliche Liebe kann und darf nicht radikal sein, sonst endet sie im Empörungsgestus oder in sich radikalisierender Gewalt. Diakonische Unternehmen können jesuanische Liebe nicht als Leitbild vor sich hertragen. Von Radikalität befreite christliche Liebe hingegen lässt das Licht der Erlösung im Zwischenraum aufblitzen.

„Gott hofft.“ Christliche Hoffnung antwortet darauf im Dreierpack: Christen hoffen menschlich-endlich auf Glück und Erfüllung. Hoffen radikal auf die Erlösung durch Gott, an der sie in keiner Weise mitwirken. Von radikaler Hoffnung inspiriert, stellen sich Christen dann aber getragen von verwandelter Hoffnung den Herausforderungen des Lebens. Wird Hoffnung so präzisiert, ist für Thomas eine theologische Aufarbeitung des Scheiterns von Sozialismus und Kommunismus überfällig.

Was das für das Leben im Weltabenteuer Gottes bedeutet, skizziert Günter Thomas abschließend in inspirierenden Skizzen. Er provoziert gezielt und kann gelegentlich Zorn kaum verbergen. Viele, die heute Verantwortung in der Kirche tragen, werden sich mit der eigenen Biografie wiederfinden. Eine äußerst lohnende Irritation – und Ermutigung, dürfen wir doch „Bastler“ bleiben.

Dass der Autor auf Anmerkungen verzichtet, erleichtert das Lesen für alle, die im Pfarramt wenig Zeit haben oder sich als Laien in kirchlichen Gremien orientieren wollen. Wer wissenschaftlich detaillierter einsteigen will, greife zu seinem Band Gottes Lebendigkeit, der das aktuelle Buch vorbereitet hat.

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