Zuhause auf Sendung

Punktum
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Mit dem aktuellen Virus verbreitet sich die Heimarbeit. Wer sich nicht draußen mit Handel und Handwerk beschäftigt, sieht sich daheim vor einen Laptop platziert. In den eigenen vier Wänden verhindert digitale Konferenztechnik – oder mit einem Wort „zoom“ – das Verkümmern. Vorausgesetzt natürlich, man hat Netz in Deutschland.

Nach dem Googeln kommt also das Zoomen, es wird einem ja kinderleicht gemacht. So ist die Versuchung groß, von der braven Konferenzteilnehmerin zu mutieren – zur mega-geklickten Influencerin. Dank technischer Fortschritte sind Filmequipments aus den Zeiten von Ben Hur passé. Hollywoods Kamera ist hinter einem millimetergroßen Löchlein des Laptops fortwährend auf mich gerichtet, Mikrofon und Beleuchtung inklusive. Die Einladung kommt via Mail,
ich muss mich nur noch einklicken.

Jetzt ist es mit Kontext und Content allein nicht mehr getan. Schließlich geht es um meine  Medienpräsenz. Noch die Pressebilder von übernächtigter Spitzenpolitik vor Augen, stehe vor dem Spiegel: Wie sehe ich denn aus in Großaufnahme? Mit gekonnter Garderobe und Maske ist es allein nicht getan. Oft liegt der Teufel im Detail. So achten Zoom-Starter viel zu wenig auf den idealen Neigungswinkel ihres Laptopbildschirms, in dem sich die Kamera versteckt. Das  Videoergebnis sind gesichtslose Stirnpartien der Konferenzteilnehmenden, im Fokus der Faltenwurf, ein Klassiker! Virale Begeisterungsstürme entfachte seinerzeit ein Universitärer,  dessen Zweit-Laptop versehentlich auf Sendung war. Zuhause hatte er sich seiner Schuhe  entledigt und während des Referates wippte ein großer Zeh durch das Loch im Socken den Takt.

Ausgestattet mit stabilem Netz, Video-Laptop und technischem Improvisationstalent, zähle ich in meinem Bekanntenkreis seniore Einsteiger zu meinen Auszubildenden. Mein Erfolgserlebnis hatte ich kürzlich mit einem befreundeten deutsch-schweizerischen Ehepaar, achtzig plus: stolz auf PC-Grundkenntnisse, ausgeprägtes Schwyzerdütsch, kein Englisch, Hard- und Software drei Generationen zurück. Nach tagelangen Telefonaten kam ihr Standbild in der vergangenen Woche mit Vollton in Bewegung.

Unbarmherzig gerichtet ist die Zoom-Kamera auch auf die Hintergründe. Nicht selten vermittelt die schreibende Zunft vor schiefen Billy-Regalen unter dunklen Mansardenschrägen das Bild von armen Poeten. Findige Software-Entwickler haben ihre Chance sofort erkannt. Die Zoomer können ihr passendes Ambiente beliebig programmieren. Die Wand aus Bücherrücken mit Goldschnitt führt die Beliebtheitsskala an, gefolgt von der Toskana. Ich dagegen habe mich für die gelebte Authentizität meines Homeoffice entschieden. Gottseidank ist die Front meiner 23 Jahre alten Einbauküche in einem gediegenen Grün gehalten. In Anbetracht der medialen Entwicklung eine vorausschauende Investition.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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