Alles auf den Tisch

Über Identitätspolitik oder wie man tote Katzen verschwinden lässt
Foto: privat

Kürzlich hat sich die TV-Moderatorin Michelle Hunziker in ihrer Sendung im italienischen Fernsehen mit Grimassen und L- statt R-Lauten über chinesische Menschen lustig gemacht. Nach massiver Kritik entschuldigte sie sich mit den Worten: „Mir ist klargeworden, dass wir in Zeiten leben, in denen Menschen empfindlich in Bezug auf ihre Rechte reagieren, und ich war so naiv, das nicht bedacht zu haben.“ Das ist interessant, da sie sich nicht für ihr Verhalten entschuldigte, sondern dafür, dass sie bestimmte Empfindlichkeiten naiverweise nicht bedacht hat. Das ist genauso, als wenn einer, der eine Katze totgefahren hat, sich nicht für die Tat entschuldigt, sondern dafür, nicht bedacht zu haben, dass wir in einer Zeit leben, in der viele Menschen tierlieb sind und der Katzenhalter nun sehr traurig sein könnte. Oder anders herum: Zu anderen Zeiten, als Katzen kaum mehr galten als Ratten, hätte kein Hahn nach einer überfahrenen Katze gekräht.

„Genau!“,  sekundieren mediale Öffentlichkeiten und betonen, Tierliebe sei ja respektabel, man könne es aber auch übertreiben, diese Überempfindlichkeit der Katzenhalter*innen sei unerträglich, man dürfe ja schon nicht mehr öffentlich konstatieren, dass eine Katze eben kein Mensch sei. Dann gibt es TV-Debatten über moralinsaure Tierfreund*innen, die nicht mehr sachlich argumentieren, sondern immer nur beleidigt sind, und auf diese Weise verschwindet still und leise die tote Katze aus dem Bild.   

Was in diesem Fantasie-Szenario Tierfreund*innen passiert, geschieht im wahren Leben Menschen, die aufgrund einer kollektiven Zuschreibung Diskriminierung erfahren und sich mit anderen zusammentun, denen es genauso ergeht, um sich als Gruppe gegen diese Benachteiligungen zu wehren. Identitätspolitik nennt man das. Frauen fordern gleiche Bezahlung, Schwarze fordern Antidiskriminierungsgesetzte, Lesben fordern Gleichberechtigung im Adoptionsrecht usw. usw. Dagegen bildet sich ein Diskurs der Mehrheitsgesellschaft heraus, der die Legitimität solcher Forderungen zwar nicht grundsätzlich in Frage stellt, aber die Gruppen selbst in Verruf bringt, indem er ihnen zweierlei unterstellt: Demokratiezerstörung und emotionale Gewalt.

Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan beispielsweise spricht vom „Gift kollektiver Identität“ und der Gefahr, dass die Gesellschaft in ‚Communitys‘ zerfällt, die sich gegenseitig ausschließen. Der Journalist Imre Grimm befürchtet, dass diese Gruppen mit ihren verschiedenen Forderungen nicht nur ein gesellschaftliches Wir-Gefühl unterminieren, sondern auch mögliche Allianzen zwischen unterschiedlichen progressiven Kräften. Besorgte Blicke richten sich auf die USA, dort bezeichnet der Politikwissenschaftler Mark Lilla Identitätspolitik als „katastrophal schlechte Basis für demokratische Politik“.

Konkrete Beispiele fehlen

Katastrophisch ist Identitätspolitik vermeintlich auch deswegen, weil sie gewalttätig vorgeht. DIE ZEIT zitiert einen US-amerikanischen Professor, dieser berichtet von „identitätspolitischen Truppen, die mit dem rhetorischen Baseballschläger durch das Internet ziehen und jeden als Rassisten niederknüppeln, der ihnen widerspricht“. In der HAZ ist die Rede von moralischem Absolutismus und der „kalten Unbarmherzigkeit, mit der alte Sünden oder marginale moralische Verfehlungen inzwischen genügen, um von digitalen Raumbataillonen verfolgt und bestraft zu werden.“ Der Journalist Harald Martenstein kritisiert, verletzte Gefühle seien eine Art Wunderwaffe gegen Äußerungen geworden, die jemandem nicht passen.

Wir sind also im Krieg. Aber wer ist der Feind? Welche identitätspolitischen Gruppen sind es denn, die verfolgen und bestrafen? Wer benutzt verletzte Gefühle als Wunderwaffe? An keiner Stelle benennen die genannten Kritiker*innen konkrete Personen oder Gruppen. Während ich noch recherchiere und grübele, wer wohl gemeint sein könnte, ist geschehen, was geschehen soll: Die tote Katze ist weg.

Die Opfer müssen auf den Tisch. Die Diskriminierungen müssen auf den Tisch. Wir brauchen große Tische. Und Raum für Klage. Und wenn wir denn eine Waffe bräuchten, dann die, welche die Schwarze Schriftstellerin Alice Walker die „Machete der Freiheit“ nennt: talk, endless talk.

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