Ethik für das Internet

Evangelische Kirche in Deutschland interpretiert die zehn Gebote für die digitale Welt
Titelblatt EKD-Denkschrift
Foto: EKD
Das Titelbild der aktuellen EKD-Denkschrift

Wie sehr die digitale Welt uns mittlerweile bestimmt, zeigt nicht zuletzt die Corona-Pandemie mit Zoom-Konferenzen im Home-Office, Corona-Apps und einer Flut von Statements zur Bewertung der Lage auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken. Brauchen wir ein ethisches Gerüst für unser Handeln in dieser Welt? Ja, meint die EKD, und hat nun eine Denkschrift zum Thema vorgelegt, die die zehn Gebote aus der Exodus-Geschichte überraschend modern aussehen lassen.

Die evangelische Kirche ist ohne Frage eine Institution, in der das Wort viel zählt, vor allem in schriftlicher Form. Ständig werden Thesen, Stellungnahmen, Orientierungen und Diskussionspapiere veröffentlicht. Den Überblick zu behalten und die Bedeutung jedes einzelnen Papieres einzuschätzen fällt nicht immer leicht. Manchmal hilft aber die Etikettierung. Wenn zum Beispiel „Denkschrift“ auf dem Cover steht, hat das Papier zumindest innerhalb der Publikationen auf EKD-Ebene einen besonderen Rang. Das gilt sicher auch für die aktuellste Denkschrift, zumal sie als einzige in der nun zu Ende gehenden Ratsperiode erschienen ist und sich gleichzeitig einer sehr bedeutende Form der schriftlichen Verkündigung bedient: den „Zehn Geboten“, die hier als Orientierung dienen sollen auch für unser Handeln in der digitalen Welt.

Ganz neu ist dieser Ansatz nicht. So beendete etwa Johanna Haberer, Professorin für christliche Publizistik in Erlangen, ihre bereits 2015 erschienene „Digitale Theologie“ mit „10 Geboten für die digitale Welt“. Dabei dekliniert sie die von Mose in Stein gehauenen Regeln für ein gelingendes Miteinander für die digitale Welt durch, fordert mit dem Feiertagsgebot „netzfreie Tage“, denkt mit dem Gebot gegen das falsch Zeugnis reden über digitalen Rufmord nach und mit dem Gebot zur Generationenfürsorge über Datentestamente und Jugendschutz. Auch Volker Jung, „Medienbischof“ genannter Kirchenpräsident von Hessen-Nassau, bezog sich in seinem 2018 erschienen Buch „Digital Mensch bleiben“ auf ein biblisches Gebot als ethischen Kompass, allerdings wählte er das von Jesus verkündete Doppelgebot, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Beide, sowohl Jung als auch Haberer, warnten vor den quasi-religiösen Heilsversprechen der neuen digitalen Welt, dem Transhumanismus, der Menschen ewiges Leben als Datensatz mit irgendeiner Form von Persönlichkeit in Aussicht stellt und der gottvergessenden Hybris, die in solchen Denkmustern stecken kann.

Beide Bücher stehen nicht in der Literaturliste der Denkschrift „Freiheit digital - Die Zehn Gebote in Zeiten des digitalen Wandels“, die in der Kammer für soziale Ordnung der EKD entstand und jetzt veröffentlicht wurde. Dennoch tauchen deren zentralen Gedanken auch in der Denkschrift auf. Der entscheidende methodische Unterschied allerdings ist, dass die digitale Welt konsequent mit Hilfe der zehn Gebote vermessen und so ein Koordinatensystem für die ethische Orientierung geschaffen wird. Zentral dabei ist, wie schon der Titel vermuten lässt, der Begriff „Freiheit“, den Traugott Jähnichen, Professor für Christliche Gesellschaftslehre in Bochum, als „Grundwort“ der Denkschrift bezeichnete. Es ginge darum, die Freiheitspotenziale der digitalen Welt zu stärken und ihre freiheitsgefährdenden Momente zu benennen. Die zehn Gebote sind für die Autor*innen der Denkschrift dafür das richtige Instrument, denn diese stünden als Teil der Exodusgeschichte in der Tradition der Befreiung und zielten darauf, Freiheit zu sichern. Für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm ist das von besonderer Bedeutung, denn in der digitalen Welt hätten sich die ethischen Normen nicht gleichschnell mit der Technologie fortentwickelt. Nun komme es darauf an, Freiheit und Verantwortung miteinander zu verbinden. Die Gesellschaft brauche eine ethische Orientierung wie diese „dringend“ und die Kirchen seien auf diesem Feld noch immer „erste Adresse“.

Ein hoher Anspruch also, der mit den 248 Seiten der Denkschrift verbunden ist. Werden Sie ihm gerecht? Der Eindruck nach einer ersten Lektüre ist: Ja, zumindest für den, der die zehn Gebote als Bewertungsraster akzeptiert, was bei der immer kleiner werdenden Zahl von Christen und Christinne in diesem Land ja nicht selbstverständlich ist. Aber es ist sicher richtig, mit dem Schatz zu wuchern, den man hat und die Modernität der Gebote an der digitalen Welt zu überprüfen. Sie halten dieser Prüfung weitestgehend stand. Das Feiertagsgebot kann Freizeit auch im gerade so weitverbreiteten Homeoffice schützen, wer nicht falsch Zeugnis redet will nicht mit Fake-News sein Geld verdienen und wer das Bilderverbot in Bezug auf Gott ernst nimmt, weiß auch um Macht und Begrenztheit der Selbst- und Fremdbilder, die im Netz erzeugt werden. Was hier aufgrund des Zwangs zur Verdichtung etwas überinterpretiert erscheinen mag, wird zumindest in der Langfassung des Originaltextes in der Regel auch für theologische Laien mit viel Tiefenschärfe hergeleitet. Ausnahmen bestätigen die Regel, etwa beim Gebot zur Generationengerechtigkeit, wo der Bogen über Pflegeroboter bis zum Klimawandel gezogen und ein wenig überspannt wird.

Neben der Langfassung als Print-Produkt gibt es auch, wie könnte es bei dem Thema anders sein, eine entsprechende Website, auf der die Gebote und ihre Anwendung auf die digitale Welt in Kurzform nachzulesen. Das Angebot wird aber in naher Zukunft ergänzt durch Videogespräche zu den einzelnen Geboten, das erste findet bereits am 12.Mai statt. Denn es ist ja klar, dass in einem so dynamischen Feld nie alles gesagt ist und jede Reflexion immer wieder neu reflektiert werden muss.

Was zum Beispiel (noch) fehlt ist eine sehr grundsätzliche Überlegung dazu, was es bedeutet, wenn eines Tages die Künstliche Intelligenz (KI) tatsächlich so etwas wie ein Bewusstsein ausbildet und wir von den Geschöpfen zu Schöpfern werden. Welche Verantwortung haben wir dann diesen Wesen gegenüber? In der Pressekonferenz zur Vorstellung der Denkschrift verwies Heinrich Bedford-Strohm auf die Debatte zum Klonen und die schon damals diskutierte „Unverfügbarkeit des Lebens“. Der Mensch sollte Grenzen nicht überschreiten. Ob Roboter irgendwann ein Bewusstsein haben werden, sei noch offen. „Ich hoffe, dass der Mensch Mensch bleibt und die KI KI. Denn Gott ist der Schöpfer des Menschen.“ Traugott Jähnichen verwies drauf, dass die Denkschrift auch versuche, die KI zu entmythologisieren und zum Beispiel nicht den Begriff „Autonomie“ mit Blick auf digitale Systeme zu verwenden, sondern „autoregulativ“. Zudem „handelten“ Roboter nicht, sondern „wirken in Ihrer Umgebung“.

Wer solche Pflöcke einrammt, sorgt für Klarheit und diese Festlegungen mögen stimmen für die Gegenwart. Ob aber diese sprachlichen und ethischen Brandmauern angesichts der rasanten technischen Entwicklung tatsächlich auch die kommenden Jahrzehnte überstehen, bleibt abzuwarten.

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