Neue Sehnsucht nach Nähe

Über Spiritualität in Pandemiezeiten – Erfahrungen beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt am Main
Podium zum Thema Spiritualität beim OEKT 2021
Foto: Kathrin Jütte
Eines der wenigen Live-Podien beim Ökumenischen Kirchentag in der Frankfurter Messe: Experten diskutieren über die Corona-Pandemie als spirituelle Herausforderung.

Ein Kirchentag mitten in der Pandemie: Da stellt sich auch die Frage nach der eigenen Spiritualität, was sie trägt und wie sie sich verändert, wenn alles ins Wanken gerät. Findet Spiritualität bei vielen Menschen nicht mehr statt? Oder lehrt Not beten, wie man früher sagte? Auch darüber diskutierten Experten und Expertinnen beim Ökumenische Kirchentag 2021.

In Krisenzeiten gerät vieles ins Wanken. Auch die eigene Spiritualität. Unsicherheit und Ungewissheit lassen die einen in ihrem gläubigen Umgang mit der Wirklichkeit wachsen, andere Menschen zweifeln, wenden sich ab. Spiritualität, also nach Sinn suchen, in Kontakt mit sich, mit anderen, mit der Welt, mit Heiligen Schriften und mit Gott - all das steht gerade jetzt, wo der Kontakt begrenzt ist, auf dem Prüfstand. Was bedeutet das für den Einzelnen? Aber auch für die Kirchen? Und für die Gesellschaft?

Ein Beispiel für gelebte Spiritualität ist das Pilgern. Es lebt vom Wagnis des Unterwegsseins und der Begegnung mit anderen. Doch was passiert, wenn Europa geschlossen wird, wenn eine Pandemie wie im vergangenen Jahr das ganze Land lahmlegt?  „Wir erleben eine große Wartezeit, die Füße brennen“, berichtet Bernd Lohse, evangelischer Pilgerpastor im Norden, beim Podium „Glaube und Spiritualität“, eine der wenigen live Veranstaltungen in der Frankfurter Messe. Schließlich war die Fremde im vergangenen Jahr unerreichbar, man konnte keine Menschen mehr treffen. Aber ist es nicht das, was das Pilgern gerade ausmacht? Der Pilger lebe davon, sich auf den Weg zu machen, in die Fremde zu gehen, an einen Ort, den er oder sie noch nicht kennt. „Gerade wenn das ganze Leben aus Alltag und Zuhausesein besteht, lockt das Fremde umso mehr“, ergänzt der Hamburger evangelische Theologe. Kurz: Er rechnet nach der Pandemie mit einer großen Pilgerbewegung.

Drei Typen

Als Unterbrechung der Spiritualität und Erschütterung des alltäglichen Lebens wertet Frank Hofmann, Chefredakteurs des Vereins „Andere Zeiten“, die Pandemie. Deshalb reagierte der evangelische Theologe überrascht auf die zunehmenden Nachfragen nach seinen Vereinsprodukten wie dem Kalender „Der Andere Advent“ oder der Fastenaktion. Für ihn zeigt sich: Das Bedürfnis nach Orientierung ist in diesen Zeiten besonders groß. Und so wagt er in der Frankfurt Messe eine Typologie von neuen Formen der Spiritualität, die diese Pandemie ausgelöst hat: Da ist zum einen eine „Trotzdem-Spiritualität“, von den eher geübten Gläubigen, die sich durch den Wegfall der meisten Angebote ihr religiöses Leben nicht ruinieren lassen. Sie gehen auf die Suche nach anderen kreativen Formen. Die zweite nennt er eine „Experimentierspiritualität“, die von Menschen geformt wird, die nicht in traditionellen religiösen Formen verankert sind. Und die mit einem Mehr an Zeit während der Pandemie etwas ausprobieren. „Hiobsspiritualität“ folgt als dritte neue Form. Sie betrifft Menschen, deren Weltbild durch die Pandemie ins Wanken geraten ist, und die sich auf neue Art und Weise mit ihrem Glauben und mit Gott auseinandersetzen.  Und vielleicht kommen sie wie Hiob zu einer neuen Gotteserfahrung.

Welche Rolle spielt die Bibel bei der Suche nach Spiritualität in der Pandemie?  Katrin Brockmöller, Direktorin des Katholischen Bibelwerks in Stuttgart spricht in Frankfurt am Main von einer neuen Bewegung der gemeinsamen Bibellektüre: intensiv und digital. Sie selbst ist seit Beginn der Pandemie in einem Bibelkreis, online, international, alle zwei Wochen. Sie bedient sich dabei der Methode des Bibellogs, aber auch die der Lectio divina, zu der neben dem Lesen auch Meditation und Gebet gehören. Wie kommt es, dass die Menschen durch die Pandemie wieder näher an den biblischen Text rückten? Bestimmt auch, weil die Bibel eine einzige Krisenliteratur ist. Sie spricht von Not, von Leid und von Ungerechtigkeit. „Dabei ist sie ein unglaublicher Hoffnungstext“, erklärt die katholische Theologin. Und weiter: „Eben diese Verbundenheit, die uns Menschen in Coronazeiten so fehlt, spüren wir in der Bibellektüre aus der Zeit unserer Ahnen auch für zukünftige Generationen.“ So entstehe ein Resonanzraum, den wir neu entdecken, weil wir mit der Pandemieerfahrung näher am Text sind.

Gegenseitig den Himmel öffnen

Was haben wir durch die Pandemie gelernt? Wie geht es weiter? Einig sind sich alle, dass es ein Zurück zur alten Normalität nicht geben kann. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, Menschen zu befähigen, im Spirituellen zuhause zu sein und neue Formen zu finden, wie man die Fülle leben kann, auch unter schwierigen Bedingungen. „Unser Bild vom Priestertum aller Getauften zeigt, dass wir alle in der Lage sind, uns gegenseitig den Himmel zu öffnen.“ So das Fazit des Hamburger Pilgerpastors Bernd Lohse. Anders ausgedrückt: Wir vermissen, was uns fehlt und werden aufmerksam, auf das, was doch möglich ist. Schaut hin.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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