Es ist genug für alle da

Ein Plädoyer für mehr Reichtum und Vielfalt in der Theologie
Gay Pride Parade – Amsterdam, 2018.
Foto: akg images
Gay Pride Parade – Amsterdam, 2018.

In Theologie und Kirche gibt es von vielem zu wenig: zu wenig Geld, zu wenig Studierende, zu wenig  Kirchenmitglieder. An einem mangelt es jedoch nicht: an theologischen Entwürfen aus aller Welt und  innovativen, an ihre Zeit gewandten Ideen – die aber wiederum bisher noch viel zu wenig rezipiert werden. Vier Leipziger Theologiestudentinnen fordern deshalb vehement mehr Vielfalt und Diversität.

Vor etwa einem Jahr waren wir, Studentinnen der Evangelischen Theologie und Autorinnen dieses Artikels, an der Gründung einer Initiative beteiligt, die die Vielfalt der Lehre an unserer theologischen Fakultät in Leipzig fördern möchte. Sie heißt „Theoversity“: ein Wortspiel aus theology, university und diversity.

Unsere Motivation ist, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass auf vielen unserer Literaturlisten nur männliche, weiße Wissenschaftler zu finden sind. Dass in Leipzig nur eine von zwölf Professuren mit einer Frau besetzt ist. Dass es hier immer wieder Stimmen in bestimmten Studierendenkreisen gibt, die die Frauenordination in Frage stellen, und dass sich Kommiliton:innen, die homosexuell oder queer sind, zwei Mal überlegen, ob sie an unserer Fakultät studieren wollen.

Unsere Initiative trägt „diversity“ im Namen – aber inzwischen sind wir sehr vorsichtig, wo und wie wir das Wort in unserer Arbeit verwenden. Denn es löst schneller Kontroversen aus, als es angemessen ins Deutsche übersetzbar ist, und konnotiert bei vielen Menschen verbohrte Ideolog:innen, einseitige politische Einstellungen und eine gewisse Weltfremdheit. Auch in zeitzeichen hat sich in den vergangenen Monaten eine Debatte um „diversity“ und Identitätspolitik entsponnen, in der wir diese Konnotationen wiedergefunden haben.

Die Autor:innen dieser Beiträge fahren teilweise harte Geschütze auf und warnen, dass die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit auf dem Spiel stünde. Diese Gefahr wird von Beobachtungen aus den USA hergeleitet, in denen die Forderung nach mehr „diversity“ zur Umstrukturierung ganzer Universitäten geführt habe und nun drohe, ins Gegenteil zu kippen, indem sie zum Teil zuvor Privilegierte selbst diskriminiere. Wer unsere Initiative anschaut, könnte sich denken: Diese Studierenden arbeiten darauf hin, dass auch in Deutschland solche Verhältnisse Einzug halten. Aber spätestens beim zweiten Blick wird hoffentlich klar, dass wir einen anderen Weg zu gehen versuchen.

Würde eine Meinungsdiktatur entstehen, wenn wir an Einfluss gewinnen? Bestimmt nicht, denn dafür nehmen wir den Begriff „diversity“ zu ernst. Würden unqualifizierte Frauen und Schwarze Menschen Lehrstühle bekommen, die ein weißer Wissenschaftler verdient hätte? So muss es nicht ausgehen, wenn wir die USA als Beispiel dafür vor Augen behalten, dass man leicht über das Ziel hinausschießen kann. „Diversity“ ist weder Kampf noch Idylle: Sie ist gesellschaftliche Realität, mit der sich auch die deutsche Theologie auseinandersetzen muss.

Unsere Utopie ist eine gerechtere, für alle freie Universität. Diversität gehört für uns unbedingt zu ihr, sowohl was die Inhalte der Lehre anbelangt als auch die Stimmen, die dort sprechen. In unseren Augen lässt sich das nur erreichen, indem wir uns den Defiziten und Strukturen stellen, die heute Diskriminierungen und Chancenungleichheit hervorbringen – und sie gemeinsam verändern. Wir sind überzeugt, dass nachhaltige Veränderung nur stattfinden kann, wenn sie ausgehandelt und im Dialog miteinander gestaltet wird. Daran orientieren wir unsere Arbeit in Leipzig: Gemeinsam mit Dozierenden suchen wir nach theologischen Perspektiven, die auf den Literaturlisten bislang fehlen, organisieren Vorträge zu Postkolonialer Theologie oder Rassismus in der Kirche und sammeln auf unserer Website Literaturlisten zu Themen, die im Lehrangebot bislang unterrepräsentiert sind, zum Beispiel queere Theologie oder theologische Perspektiven auf disability studies, das heißt, die Beschäftigung mit dem Differenzverhältnis von Behinderung/Nicht-Behinderung. Ein Lesekreis und Themenblöcke auf Instagram, zum Beispiel zur ghanaischen Theologin Mercy Amba Oduyoye, vervollständigen unser Angebot. Wir wollen nicht nur fordern, sondern auch mitwirken.

Die Inhalte, die Bedeutung von „diversity“, liegen uns am Herzen. Deshalb finden wir es bedenklich, dass die Debatte um die Initiativen, die sich ihr verschrieben haben, auf einer rein formalen Ebene geführt wird. Die Vehemenz und Tragik, mit der die Art und Weise des Ringens um Gleichstellung kritisiert wird, lässt – bewusst oder unbewusst – dem berechtigten Ruf nach mehr Vielfalt und Gleichberechtigung kaum Raum. Die Debatte hauptsächlich auf der Ebene der Protestformen zu führen, wiederholt, was diskriminierte und marginalisierte Personen anprangern: dass ihre Erfahrungen irrelevant sind und ihre Gleichstellung kein ernstzunehmendes Ziel ist.

Wir sind überzeugt, dass mehr Diversität ein konsensfähiges Ziel und ein Gewinn für alle ist, deren Gestaltung gemeinsam diskutiert werden kann. Deshalb möchten wir auf der inhaltlichen Ebene darstellen, warum uns mehr Diversität in der Lehre wichtig ist. Dabei sind uns besonders die folgende drei Gedanken wichtig:

Erstens: Heterogene, international und ökumenisch offene Lehrinhalte und Dozierende erweitern den Horizont aller Beteiligten. Sich mit fremden, herausfordernden Inhalten auseinanderzusetzen fördert Differenzierungskompetenz, kritische Urteilsfähigkeit und Selbstreflexionsvermögen – Fähigkeiten, die alle Absolvent:innen in ihrem späteren Berufs-alltag in einer pluralen Gesellschaft dringend benötigen. Entsprechend fallen die Rückmeldungen von Kommiliton:innen aus, die uns als Reaktion auf unsere Arbeit erreichen. Viele sind dankbar und erleichtert, dass sie endlich die Gelegenheit haben, sich mit internationaler oder queerer Theologie auseinanderzusetzen und ihre Fragen dazu loszuwerden.

Besonders Theologien aus dem globalen Süden wird jedoch immer wieder der Vorwurf gemacht, unwissenschaftlich zu sein. Ob das zutrifft, lässt sich nur im Einzelfall entscheiden. Wir empfinden die Einbeziehung und Prüfung unterschiedlichster Theologien als eine Pflicht, die auch aus unserer Auffassung von Wissenschaft als Disziplin erwächst, die sich immer weiterentwickelt. Denn einen festlegbaren Wissenschaftsbegriff gibt es nicht, wie Wilfried Härle in seiner Dogmatik ausführt – es muss immer neu um ihn gerungen werden.

Auch die deutsche Theologie ist eine kontextuelle Theologie. Indem mehrere dieser kontextuellen Perspektiven zusammenkommen, kann neues Wissen entstehen. Möglichst vielfältige Menschen an den Tisch des universitären Diskurses zu bringen, ist deshalb ein Ziel, das allen nützt und auch in die Gesellschaft hineinwirkt. Denn in den Gemeinden und Schulen entfaltet der von Pfarrer:innen und Lehrer:innen an der Universität erlernte Umgang mit Diversität weitreichende Folgen auf konkrete Lebens- und Glaubensfragen, wie etwa den Blick auf Gottesbilder, Gleichberechtigung der Geschlechter oder Homosexualität.

Die Freiheit der Wissenschaft beinhaltet kein Recht auf Diskriminierung. Beleidigungen, wissentliche Ungleichbehandlung und Rassismus – wie wir sie zum Teil erleben – sind keine Meinung. Es gilt: Diskriminierung gedeiht dort am besten, wo nicht über sie reflektiert oder sie sogar geleugnet wird. Das wollen wir ändern.

Zweitens: Diskriminierung ist ein vielschichtiges Phänomen. Als Frauen begegnet uns beispielsweise eine Form, die die kanadische Theologin Sara Parks als „subtle silencing“ beschreibt (wörtlich: subtiles Zum-Schweigen-Bringen): Wir werden unterbrochen, unsere Expertise wird unterschwellig auf „Frauenthemen“ beschränkt, oder unsere Beiträge werden erst rezipiert, wenn sie von einem männlichen Kommilitonen wiederholt wurden. Ein weiterer Teil des Problems ist der „lack of representation“, also mangelnde Repräsentation. Frauen, queere Menschen oder BIPoC (Black, Indigenous, People of Colour; Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung) finden sich im wissenschaftlichen Betrieb und in der rezipierten Literatur entweder gar nicht oder sind nur bei den Themen repräsentiert, die sich auf ihre Gruppenidentität beziehen (zum Beispiel wenn es um explizit feministische Theologie geht). Das entmutigt, denn es vermittelt, nicht dazuzugehören.

Diversitätssensible Lektüre

Wir unterstellen keiner Lehrperson, dass sie bewusst diskriminiert oder einseitige Literatur auswählt. Umso wichtiger ist es, zu reflektieren, dass Lehrende sich in einer Machtposition befinden. Diejenigen, die entscheiden, was im Curriculum seinen Platz findet, üben Macht aus. Bildung kann ermächtigen – aber auch Barrieren aufbauen und diskriminierende Strukturen fördern, wie die französische Politologin Emilia Roig in ihrem Buch Why We Matter – Das Ende der Unterdrückung (Berlin, 2021) wirkungsvoll aufzeigt. Deshalb möchten wir auf unsere und die Erfahrungen anderer aufmerksam machen und fordern, diversitätssensible Lektüre in Seminare aller Themen einzubeziehen. Diskriminierungserfahrungen sind real und müssen ernst genommen werden. Dass unsere Gesellschaft pluraler wird und sich verändert, ist eine Tatsache, mit der es auch an der Universität umzugehen gilt. Der Soziologe Aladin El Mafaalani hat in seinem Buch Das Integrationspradox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt (Köln, 2020) treffend beschrieben, dass bei zunehmender Integration bisher zurückgedrängter Perspektiven leichter Streit entsteht. Dieser Streit muss produktiv genutzt werden, damit die düstere Prognose einer aussterbenden Wissenschaftsfreiheit keine Realität wird. Wir sollten deshalb jetzt in einen Dialog treten, damit alle Anliegen angemessen berücksichtigt werden können.

Drittens: Besonders als Christ:innen sehen wir uns verpflichtet, die Stimmen derjenigen ernst zu nehmen, die sich unterdrückt und marginalisiert fühlen – in Deutschland und weltweit. Die weltumspannende Ökumene verpflichtet uns, wahrzunehmen, was christliche Gemeinschaften auf anderen Kontinenten und in anderen Kontexten bewegt. Die Vielfalt innerhalb der menschlichen Gemeinschaft wird explizit betont und wertgeschätzt. Die individuellen Unterschiede werden nicht aufgehoben, sondern als bereichernde Vielfältigkeit verstanden: „Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns schwächer erscheinen, die nötigsten“ (1 Korinther 12,21).

Die Bibel versteht christliche Gemeinschaft dabei immer inklusiv: „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt“ (1. Korinther 12,13). Ausdrücken lässt sich das beispielsweise in der geschlechtergerechten und pluralen Rede von Gott. Sie steht einerseits in der biblischen Tradition eines multidimensionalen Gottesbildes, andererseits birgt sie die Chance, Menschen in unterschiedlichen Kontexten anzusprechen. Die Suche nach einer diversitätssensiblen Theologie ist keine Forderung aus falsch verstandener ‚political correctness‘. Wir fassen sie als christliche Notwendigkeit auf.

Aufgrund dieser drei grundlegenden Gedanken ist es uns wichtig festzuhalten: Glaube und Wissenschaft sind beide auf der Suche nach Erkenntnis, denn wer behauptet, die Wahrheit vollständig erfasst zu haben, muss uns suspekt vorkommen. Glaube und Wissenschaft sind nicht starr und absolut, sondern erfahren in der Gemeinschaft oft ihre besten Impulse und nachhaltigsten Innovationen. Wir sollten uns deshalb in der Debatte um Diversität und Identität nicht von einem Geist der Furcht (2. Timotheus 1,7) prägen lassen, sondern gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, wie sie produktiv integriert werden können. Nicht immer kommt man dabei sofort auf ein Ergebnis, und wir werden auch lernen müssen, Differenzen und Stille auszuhalten.

Selbstkritischer Blick

Zwei Punkte sind uns wichtig, die helfen können, trotzdem miteinander im Gespräch zu bleiben: Zum einen benötigen wir eine grundlegende Sensibilität für Ungleichheiten und Marginalisierungserfahrungen. Dafür ist es notwendig, ernst zu nehmen, was Menschen von ihren Erfahrungen berichten, sowie einen selbstkritischen Blick auf die eigenen Privilegien und die eigene Involvierung in diskriminierende Strukturen zu werfen. Sich mit Rassismustheorien oder Möglichkeiten geschlechtergerechter Sprache auseinanderzusetzen, fördert diese Haltung zusätzlich.

Zum anderen – untrennbar mit der Sensibilität verbunden – sind Wohlwollen und Respekt im Umgang miteinander nötig. „Denn für ein wirklich gemeinsames Nachdenken über unsere Zukunft braucht es vor allem das: Wohlwollen zwischen Menschen, die sich prinzipiell denselben Werten verschrieben haben.

Wer wohlwollend kritisiert, der öffnet seinem Gegenüber eine Tür, durch die er auf einen zugehen kann,“ trifft es die Autorin Kübra Gümüşay auf den Punkt (Sprache und Sein, München 2021). Wohlwollen und Respekt helfen, sich auch auf fremd erscheinende Positionen einzulassen – und sich gemeinsam auf die Suche nach Erkenntnis zu begeben, frei von Ideologien und Formzwängen. Es ist genug für alle da. 

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