Kontinuität und Bruch

Über 1700 Jahre jüdisches Leben zwischen Rhein und Oder
Die 1906 im neoromanischen Stil errichtete Synagoge am Bornplatz in Hamburg wurde 1938 zerstört und schließlich abgerissen.
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Die 1906 im neoromanischen Stil errichtete Synagoge am Bornplatz in Hamburg wurde 1938 zerstört und schließlich abgerissen.

Das jüdische Leben im heutigen Deutschland ist mindestens 1 700 Jahre alt. Das wird derzeit groß gefeiert. Seit der ersten urkundlichen Erwähnung einer jüdischen Gemeinde in Köln durch Kaiser Konstantin haben sich Zeiten der Blüte und der Verfolgung immer wieder abgelöst. Ein Überblick über eine wechselvolle Geschichte vom emeritierten Pädagogikprofessor und jüdischen Gelehrten Micha Brumlik

Jüdische Geschichte in Deutschland ist – wie alle jüdische Geschichte – durch eine Dialektik von Kontinuität und Bruch geprägt. Dafür steht idealtypisch der in diesen Tagen entbrannte Streit in Hamburg um den Wiederaufbau der 1906 im neoromanischen Stil errichteten Synagoge am Bornplatz, die 1938 zerstört und schließlich abgerissen wurde. Bund und Land sind derzeit bereit, diese Rekonstruktion mit 130 Millionen Euro zu finanzieren, auch die jüdische Gemeinde befürwortet mehrheitlich den Wiederaufbau.

Allerdings haben sich kürzlich zehn überregional bekannte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, unter ihnen der israelische Historiker Moshe Zimmermann, öffentlich gegen den originalgetreuen Wiederaufbau gewendet. Der Haupteinwand dieser Gegner des Wiederaufbaus lautet, dass die „historisierende Rekonstruktion das Resultat verbrecherischer Handlungen unsichtbar“ mache und „die Erinnerung an dieses Verbrechen erschwert“. Daher könne eine Rekonstruktion kein Zeichen für einen Sieg über den Nationalsozialismus sein, sondern erzeuge vielmehr die Illusion, „es sei nie etwas geschehen“. So auch der Berliner Soziologe Michal Bodemann, der in der Aprilausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik die Feierlichkeiten zu 1 700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland kritisiert: „Für die gesellschaftliche Mitte in Deutschland bleiben die Juden ein unergründlicher und zugleich tabuisierter Teil der deutschen Geschichte – selbst nach 1700 einer angeblich durchgängigen deutsch-jüdischen Geschichte.“

Eine Geschichte, die es schon alleine deswegen nicht gegeben haben kann, weil Deutschland vor 1700 Jahren noch gar nicht existiert hat. Immerhin ist die Anwesenheit jüdischer Gemeinden – sieht man von Konstantins Edikt aus dem Jahre 321 ab – im deutschsprachigen Raum seit dem frühen Mittelalter, in Hamburg seit 1590 bezeugt. Dort verfügt die in der Nazizeit zerstörte jüdische Gemeinde über eine neue, 1960 eingeweihte Synagoge an der Hohen Weide, die das niedergebrannte Gebäude am Bornplatz ersetzt. Dazu schrieb der früh aus Israel nach Hamburg zurückgekehrte, die dortige Gemeinde prägende Künstler und Publizist Arie Goral (1909 – 1996): „Mit dem Bau der Synagoge wurde dem Geschichtsmosaik der Jüdischen Gemeinde in Hamburg ein neuer Stein der Erneuerung und der Bewahrung der Tradition hinzugefügt.“

Um Erneuerung und Bewahrung der Tradition geht es aber auch all jenen Jüdinnen und Juden, denen es – bei aller biografischen und herkunftsbezogenen Diversität – derzeit darauf ankommt, die dauerhafte jüdische Präsenz im deutschsprachigen Raum zu bezeugen. Ist doch das Judentum seit Anbeginn eine Religion des Gedenkens, wie schon sein Festkalender von Freuden- und Trauertagen unschwer beweist. Mehr noch: Im Judentum ist die Dialektik von Kontinuität und Bruch durchaus lebendig – was nicht zuletzt für die neueste Geschichte gilt. So wird in Israel seit 1951 der „Yom ha Shoah“ begangen, der an die sechs Millionen Ermordeten erinnert – ein Tag, an dem im ganzen Land die Sirenen heulen und das öffentliche Leben stillsteht.

Seit wann also ist jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum tatsächlich bezeugt? Urkundlich klafft zwischen dem Edikt des Kaisers Konstantin und frühmittelalterlichen Quellen eine Lücke von etwa fünfhundert Jahren, archäologische Quellen, etwa die Mauern von Synagogen, Friedhöfen oder jüdischen Ritualbädern, den „Mikvoth“, lassen sich frühestens ins achte Jahrhundert datieren. Aus dieser Zeit auch stammen Dokumente aus der Regierungszeit Karls des Großen über einen jüdischen Gesandten zum Kalifen Harun al Raschid in Bagdad sowie Bestimmungen, unter welchen Bedingungen Juden einen Eid gegen Christen ablegen dürfen. Jüdische Geschichte im deutschsprachigen Raum? In der jüdischen Tradition wird der deutschsprachige Raum, der bis weit ins Baltikum und nach Polen reichte und von dem die jiddische Sprache zeugt, als „aschkenasisch“ bezeichnet. Was aber bedeutet dieser Name, dieser Begriff „aschkenasisch“? Dieser von mittelalterlichen Rabbinern geprägte Begriff war zunächst ein in der Hebräischen Bibel verwendeter Name für geografische Regionen, genauer für Stämme, für die Kinder „Gomers“. In Genesis 10,3, Chronik 1,6 sowie Jeremia 51,27 werden mit diesem Namen Landschaften in der Nähe des heutigen Armenien und des oberen Euphrat genannt.

Später dann wurde das erste Siedlungsgebiet von Juden in Nordwesteuropa, vor allem an den Ufern des Rheins als „Aschkenas“ bezeichnet. Im babylonischen Talmud (Joma 10a) – einer Schrift aus der späten Antike – wird der biblische Gomer, der Vater des „Aschkenas“ erwähnt – dort geht es um die kriegerischen Konflikte zwischen Rom und Persien sowie um die Mitleidenschaft des Tempels zu Jerusalem. An der entsprechenden Stelle heißt es: „Gomer ist Carmania“ – worunter zunächst ein Küstenstreifen am persischen Golf verstanden wurde. In rabbinischen Schriften wurde diese Region schließlich vor dem Hintergrund lateinischer Sprachkenntnisse der Rabbinen mit „Germania“ identifiziert. „Die Verwendung des Begriffs ‚Aschkenasisch‘“, notiert die Encyclopedia Judaica, „bezeichnet eine eigenständige kulturelle Einheit, die die Gemeinden Nordfrankreichs und der slawischen Länder umfasst, die zuvor als ‚Erez Kenaan‘ bekannt waren. Der Begriff kann in Quellen bereits ab dem 14. Jahrhundert nachgewiesen werden.“

Als erste gesicherte Bezeichnung dieser Regionen mit dem Namen „Aschkenas“ kann jedenfalls eine Bemerkung des berühmten mittelalterlichen Bibel- und Talmudkommentators Rashi (Rabbi Schlomo ben Jizchak 1040 – 1105) gelten, der mit „Aschkenas“ jüdische Siedlungsgebiete am Rhein meinte; ein weiterer Rabbi, Eliezer ben Nathan, unterschied dann im frühen 12. Jahrhundert genau zwischen „Zorfatim“ und „Aschkenasim“, das heißt zwischen Franzosen und Deutschen. Damit steht fest, dass die Bezeichnung „Aschkenasim“ seit dem hohen Mittelalter auf Juden angewendet wurde, die in deutschsprachigen Gebieten lebten. Briefe aus syrischen und byzantinischen jüdischen Gemeinden weisen übrigens die Bezeichnung „aschkenasisch“ für christliche Kreuzfahrer aus.

Freilich war die Präsenz jüdischer Gemeinden am Rhein alles andere als gesichert: Schon im Hohen Mittelalter begann die durch Pogrome verursachte, in aller Regel völlig unfreiwillige Wanderung der aschkenasischen, am Rhein lebenden Juden: zunächst in das Gebiet des heutigen Polen, sodann bis nach Russland, von Litauen im Norden bis nach Moldawien im Süden. Der Historiker Frantisek Graus ist den Ursachen dieser Wanderung nach Osten in seinem Buch Pest-Geissler-Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit im Einzelnen nachgegangen. Seine Studie schildert akribisch Anlässe, Verlauf und Folgen der Ermordung und Vertreibung von Juden aus den deutschen Landen, namentlich den Reichsstädten. „Mindestens dreihundert Gemeinden“, so auch der Historiker Mordechai Breuer, „wurden in dieser Zeit vernichtet, und die betroffenen Städte gelobten für alle Zukunft, keine Juden mehr zuzulassen. Jedoch verging nicht viel Zeit, bis die Städte nacheinander, trotz anderslautender Beschlüsse, Juden wieder aufnahmen.“ Und so fort – es würde zu weit führen, den stetigen Wechsel von Vertreibungen, Wiederansiedlungen und erneuten Vertreibungen im Einzelnen aufzuführen.

Eine halbwegs kontinuierliche Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland lässt sich überhaupt erst seit dem Barockzeitalter erzählen: Das von Mordechai Breuer und Michael Graetz herausgegebene Standardwerk zur Geschichte der Juden in Deutschland umfasst vier Bände mit insgesamt etwa sechzehnhundert Seiten und trägt nicht von ungefähr den Titel Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit. Im ersten Band – er umfasst die Zeit von 1600 bis 1780 – geht es sowohl um die Tradition des sogenannten barocken Hofjudentums sowie – vor allem – um die seit Moses Mendelssohn um sich greifende jüdische Aufklärung, die „Haskala“, die einen ihrer Höhepunkte in den Berliner Salons der Rahel Varnhagen, Henriette Herz und Dorothea Schlegel, der Tochter Moses Mendelssohn, fand.

Schon damals nahm der Frühantisemitismus bedrohliche Formen an, um sich fünfzig Jahre später weiter zu verschärfen. Denn: Mit – oder wegen? – der Gründung des Deutschen Reiches durch Otto von Bismarck im Jahr 1871 trat der Judenhass in Deutschland in eine neue Phase, indem er neue, zeitgemäße, organisierte Formen annahm. An dieser Form des Judenhasses waren weite Teile des protestantischen Bildungsbürgertums wesentlich mit beteiligt. Verstand sich doch das 1871 von Bismarck gegründete Reich in seiner Abwehrhaltung gegen sozialistische Arbeiterbewegung, katholischen „Ultramontanismus“ und als „jüdisch“ bezeichneten Liberalismus als deutsch und protestantisch.

Bei alledem war das 1871 neu gegründete Deutsche Reich – was die Entwicklung von Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft betraf – von hoher Neuerungskraft. Allerdings ließ die schwere ökonomische Krise der Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts den damit verbundenen Fortschrittsglauben verblassen und gab einer tiefgreifenden Kulturkritik Raum.

Diese Kritik stellte Urbanisierung, Kapitalisierung, Szientifizierung, aber auch Militarismus, Bürokratie und nicht zuletzt die soziale Frage ins Zentrum und schlug unter gebildeten Protestanten schon deshalb besonders durch, weil sie – wie keine andere gesellschaftliche Gruppe unter dem Einfluss von Luthers Antijudaismus stehend – das Scheitern der im Kulturprotestantismus entwickelten Synthese von moderner Kultur und Innerlichkeit erfahren hatten.

Judenhass im Verein

Vor diesem Hintergrund entstanden in den 1880er-Jahren verschiedenste Gruppierungen und Parteien, die ihr wichtigstes Ziel darin sahen, gegen die Juden als Inbegriff des Liberalismus zu agitieren; die modernsten unter ihnen verabschiedeten sich dabei vom traditionell kirchlichen Antijudaismus und stellten sich – vermeintlich naturwissenschaftlich aufgeklärt – auf den Boden von Rassen- und Sprachwissenschaft: So prägte der Journalist Wilhelm Marr 1879 zum ersten Mal den Begriff „Antisemitismus“ mit dem ausdrücklichen Interesse, die Frage der Juden nicht mehr vom „confessionellen Standpunkt“ aus zu betrachten.

Im neuen Reich fand dieser weltanschauliche Judenhass in sich selbst so bezeichnenden „Antisemitenvereinen“ seinen Ort. Diese Vereine wurden von politisch interessierten, weit rechts stehenden Intellektuellen gegründet: Genannt seien nur der Göttinger Theologe Paul de Lagarde sowie der erwähnte Publizist Wilhelm Marr. Grundlage dieser – nun rassistischen – Form der Judenfeindschaft war der Anspruch, eine „deutsch-christliche“ Kultur wider die Kräfte der Moderne zu verteidigen, sie war auch und gerade im politischen Milieu des organisierten Protestantismus in der Nachfolge des antisemitischen Hofpredigers Wilhelms II., Adolf Stoeckers, des Begründers der „Christlich-sozialen Bewegung“, prominent. An dieser Stelle ist nicht zu erläutern, auf welchen Wegen diese Geisteshaltung in die industrielle und handwerkliche Ermordung von sechs Millionen jüdischer Frauen, Männer und Kinder mündete – wohl aber zu fragen, in welcher Kontinuität sich die nach der Katastrophe, seit 1945 neu entstandene jüdische Gemeinschaft in Deutschland sieht.

Ursprünglich, unmittelbar nach 1945 aus wenigen aus der Emigration zurückgekehrten deutschen Juden sowie vor allem aus ostmitteleuropäischen Überlebenden, den „displaced persons“, bestehend, zählte diese jüdische Gemeinschaft vor Ende der 1980er-Jahre niemals mehr als etwa 30 000 Personen, was sich mit der Einwanderung vor allem sowjetischer Jüdinnen und Juden änderte. Während derzeit etwa 100 000 Jüdinnen und Juden förmlich in Jüdischen Gemeinden Mitglied sind, wird ihre Gesamtzahl – unter ihnen viele Israelis, die oft keine Mitglieder sind – auf etwa 250 000 geschätzt.

Mit Blick auf die erwähnte Hamburger Debatte ist auf jeden Fall festzuhalten, dass historisch-kulturelle Kontinuitäten, so auch die des Judentums in Deutschland, stets Narrative, also durch Erzählungen geschaffene Konstrukte, sind, was aber ihrer Wirklichkeit, Wahrheit und Wirksamkeit keinen Abbruch tun muss. Sind doch auch Häuser aus Stein, Holz oder Beton „nur“ Konstrukte und gleichwohl höchst wirklich. Das gilt aber auch für „Deutschland“ im Ganzen. Existiert doch „Deutschland“ – wenn überhaupt – frühestens seit dem achten Jahrhundert oder, um des Historikers Johannes Fried Einleitung in sein monumentales Werk Die Anfänge der Deutschen. Der Weg in die Geschichte zu zitieren: „,Deutsch‘ war nicht zuletzt die Summe des Fremden, des Nicht-Deutschen, von dem es sich abgrenzte, das es nachahmte und sich aneignete[…] Dein Name? Von außen aufgedrängt, Erinnerung an das einzig Vertraute in einem Meer von Fremdem.“

Für das Judentum – auch und gerade für das Judentum in Deutschland – gilt jedenfalls, was der Glaube der Hebräischen Bibel schon vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren anbefahl:

„Nur hüte dich und achte gut auf dich selbst, damit du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben, und damit sie dir nicht aus dem Sinn kommen dein ganzes Leben lang. Und du sollst deinen Kindern und deinen Kindeskindern davon erzählen“ (Deuteronomium 4,9). 

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