Ganz neue Perspektiven

Schlaglichter aus einem Jahr im Landpfarramt
„Ich bin in Osterode am Harz geboren und als älteste und lauteste von drei Schwestern in einem Pfarrhaus mitten in der Hildesheimer Börde aufgewachsen. Von 2002 bis 2017 war ich als Ehrenamtliche in der Evangelischen Jugend Hoheneggelsen-Bettrum engagiert. Von 2007 bis 2015 habe ich Theologie in Kiel studiert und hatte dort von 2015 bis 2017 mehrere Forschungs- und Lehraufträge am Lehrstuhl für Praktische Theologie bei Uta Pohl-Patalong.“
Foto: Tristan Vankann
„Ich bin in Osterode am Harz geboren und als älteste und lauteste von drei Schwestern in einem Pfarrhaus mitten in der Hildesheimer Börde aufgewachsen. Von 2002 bis 2017 war ich als Ehrenamtliche in der Evangelischen Jugend Hoheneggelsen-Bettrum engagiert. Von 2007 bis 2015 habe ich Theologie in Kiel studiert und hatte dort von 2015 bis 2017 mehrere Forschungs- und Lehraufträge am Lehrstuhl für Praktische Theologie bei Uta Pohl-Patalong.“

Mit diesem Artikel startet eine mehrteilige zeitzeichen-Serie, in der Pfarrerinnen und Pfarrer verschiedener Generationen aus ihrem Dienst und ihrem Leben im Pfarramt erzählen. Den Anfang macht Ronja Hallemann. Die 33-Jährige ist seit 2020 Pastorin für drei Dörfer im  niedersächsischen Kirchenkreis Peine.

Am 8. November 2019 sitzen wir im Landeskirchenamt in Hannover und warten auf die Verteilung unserer Probedienststellen. Obwohl ich mich mit vielen aus meinem Vikariatskurs alles andere als verbunden fühle, sind sie in diesem Moment meine Verbündeten. Wir haben über zwei Jahre miteinander und oft auch gegeneinander gekämpft, gelacht und vor allem viel geredet. Wenn wir uns jetzt gegenseitig anschauen, dann wissen wir ganz genau voneinander, was sich die anderen wünschen, wovor sie Angst haben, für was sie sich einsetzen werden. Ich höre einen Kollegen ein bisschen zu laut lachen und weiß, dass er auf diese unangenehme Art nur lacht, wenn er unsicher ist. Als dann endlich alle Stellen verteilt sind, macht sich Erleichterung breit. Zuerst einfach, weil es vorbei ist, und dann, weil sich das Durchhalten gelohnt hat: Ich darf endlich in der Region arbeiten, wo wir als Familie leben. Es folgt das Auspacken der Päckchen und Pakete, die die Gemeinden für ihre:n neue:n Pastor:in mit typischen Kleinigkeiten aus der jeweiligen Region gepackt haben. (Mein Paket war übrigens mit Abstand das größte.) Und dann gehen wir als Kolleg:innen mit Perspektiven in der Tasche Pommes essen.

4. Dezember 2019:

Es ist neun Uhr an einem verregneten Mittwoch im Dezember. Vor zwölf Stunden bin ich mit dem Zweiten Examen in der Tasche nach Hause gekommen und jetzt betrete ich das Gemeindehaus im Nachbarort. Meine zukünftigen Kollegen haben mich eingeladen, in der Gemeindeberatung die Gottesdienste für unsere Region mitzuplanen. Eigentlich hätte ich gerne mal Pause gemacht nach dem Examensstress, aber ich möchte auch nichts verpassen, und ich möchte mitentscheiden und natürlich auch die Kollegen nicht vor den Kopf stoßen. Dieses Gedankenkarussell scheint mein ganz persönlicher Balanceakt in diesem Beruf zu werden. Dieser Vormittag fühlt sich an wie puzzeln an einem Bild, das man sich erst während des Puzzelns überlegt, aber vielleicht sind das auch noch die Nachwirkungen des Zweiten Examens.

1. Februar 2020:

Samstag, zehn Uhr, Treffen im Jugendraum zur Besprechung der Konfi-Freizeit. Was die Beschreibung unzähliger Samstage meiner Jugendzeit sein könnte, ist in diesem Fall mein erster „richtiger“ Tag im Dienst. Im Gegensatz zu früher sitze ich jetzt also auf der anderen Seite, und das liegt nicht nur am Alter, sondern an diesem Amt, das sich auf einmal zentnerschwer anfühlt. Bei der Vorstellungsrunde höre ich mich sagen, dass ich Pastorin bin, und das fühlt sich fremd an. Ich fühle mich wie in dem Moment, als ich ganz zu Beginn des Vikariats das erste Mal einen Talar anziehen sollte. Es fühlt sich an, als würde diese Rolle mich verschlucken. Ich betrachte den Fußboden des Jugendraums und sehe die grauen Sneaker an meinen Füßen mit dem Loch an der rechten Schuhspitze und dem winzigen türkisen Farbfleck vom Kindergottesdienst-Projekt. Und ich höre wieder die Sätze, die ich in der Ausbildung immer und immer wieder hören musste. Von Ausbilder:innen, aber vor allem von Kolleg:innen: „Achten Sie mehr darauf, dass Sie nicht die gleiche Kleidung tragen wie Ihre Konfirmand:innen!“ Und: „So wie du rumläufst, wirst du es in der Kirche sehr schwer haben.“ Und auf einmal bin ich stolz: Denn entgegen dieser Prognosen und dem beständigen Augenrollen mancher Kolleg:innen sitze ich jetzt hier im Jugendraum und plane als Pastorin von drei Kirchengemeinden eine Konfi-Freizeit. Genau wie mein Talar wird auch das Wort Pastorin mich nicht verschlucken, sondern vielleicht irgendwann zu einer Freundin werden.

13. März 2020:

Seit 19 Tagen bin ich jetzt ordiniert. Fast drei Wochen ist es her, dass die Kirche und das Gemeindehaus vollkommen überfüllt waren, weil so viele Menschen mitfeierten. Was nur die wenigsten von ihnen wussten: Während die Tische in den Gemeinderäumen hübsch eingedeckt waren, herrschte im Pfarrbüro Baustellen-Stimmung. Denn entgegen manch düsterer Prognose bezüglich Kirchenvorständen und deren Veränderungsbereitschaft hatten „meine“ Kirchenvorsteher:innen es nicht abwarten können. Also räumten, entrümpelten und putzten wir, lachten über alte Konfirmationsfotos und schauten betreten in sogenannte Kinderbücher der 1970er-Jahre. Und heute, fast drei Wochen später, stehen wir auf dem neuen Vinylboden und wollten eigentlich beratschlagen, wo die Regale am besten stehen sollen. In den Medien herrscht Unruhe. Immer wieder kommen neue Nachrichten. Das Virus, das auch wir zuerst nicht richtig ernst genommen hatten, bestimmt die Gespräche. Wir schauen oft auf unsere Handys. Kolleg:innen rufen an, der Organist für Sonntag sagt ab, und dann steht es irgendwann fest: Lockdown. Die Reaktionen im Raum überschlagen sich. „Was ist mit Ostern?“ „Und der Konfirmation?“ „Müssen wir uns als Kirche daran halten?“ „Bei uns sind die Zahlen doch gar nicht so hoch.“ „Denkt doch mal dran, wer in die Gottesdienste kommt. Das sind fast alles die Alten.“ Und dann treffen wir Entscheidungen. Mit drei Kirchenvorständen für drei Gemeinden. Ich bekomme einen Anruf der Bestatterin: Dienstag, 14 Uhr, Trauerfeier. „Wie sind denn jetzt die Regelungen, Ronja?“ Natürlich weiß ich keine Antwort, aber ich verspreche, dass ich das kläre und mich wieder melde. Das erste Gespräch von sicher hunderten in den nächsten Monaten, in dem ich diese Antwort gebe.

10. April 2020:

Es ist Karsamstag. Gestern haben wir den Ostergottesdienst fertiggeschnitten, jetzt stehe ich in der Küche und backe ein Jugendkreuz für eine Instagram-Challenge der Evangelischen Jugend. Mein Handy vibriert. Eine Nachricht von der Mutter einer Konfirmandin: „Danke für den Osterbrief, ein gutes Gefühl zu wissen: Wir sind nicht allein!“ Als ich den Messenger wegklicken will, sehe ich 14 Benachrichtigungen in den WhatsApp-Gruppen der Kirchenvorstände: Diskussionsinhalt ist immer noch (oder schon wieder), dass wir als Kirchengemeinden zu wenig anbieten und warum wir keine Gottesdienste machen können. Ich merke, dass ich das viel zu persönlich nehme und muss meine wütenden Tränen unterdrücken. Ich habe viel gearbeitet in den vergangenen Wochen. Trotz drei Kindern zwischen acht und 13 Jahren im Homeschooling. Eigentlich will ich das Handy weglegen und einfach mal nicht antworten. Ich ärgere mich darüber, dass es anscheinend niemanden interessiert, dass ich erst seit Februar in diesen Gemeinden bin, auf meiner allerersten Stelle, und dass ich überhaupt keine Chance hatte, die Gemeinden kennenzulernen. Ich fühle mich allein gelassen und bin enttäuscht. Wo sind die erfahrenen Kolleg:innen und die kirchenleitenden Menschen? Wieso muss ich in meinem Probedienst ganz allein irgendwelche Entscheidungen moderieren, anstatt einfach die Ostergottesdienste zu feiern und hinterher zufrieden mit meiner Arbeit zu sein? Und dann denke ich, dass das wahrscheinlich nicht wirklich fair von mir ist und dass auch alle anderen „einfach ganz normal“ Ostern feiern und das Gefühl haben wollen, etwas richtig zu machen. Oder wenigstens so wie immer. Dass auch für die Kolleg:innen und Ehrenamtlichen diese Situation vollkommen neu und fremd ist. Und dass es vielleicht noch viel schwieriger ist, wenn man schon so lange an etwas gewöhnt ist. Ich lese noch einmal die WhatsApp-Nachricht der Konfi-Mutter und erinnere mich daran, warum ich Pastorin werden wollte: Nämlich um wirklich mitten im Leben, wie schön oder schrecklich es gerade ist, davon zu erzählen, dass Gott immer schon vor uns da ist und wir deshalb gnädig sein dürfen mit anderen und mit uns selbst. Davon wollte ich erzählen, gerade dann, wenn andere es gerade nicht können. Und deshalb schreibe ich jetzt keinen 15. Beitrag zu einer müßigen Diskussion, sondern eine ehrliche Osterbotschaft in all die explodierenden WhatsApp-Gruppen. Die erste Antwort, die ich bekomme, ist ein Foto von einer unserer Kirchenmauern, die kaum noch zu erkennen ist unter all den bunt bemalten Ostersteinen.

31. Juli 2020:

Verabschiedung der angehenden Schulkinder aus dem Kindergarten: 27 Kinder, ein Kirchenvorsteher und ein paar Eltern stehen auf den Kirchenbänken und strecken sich nach dem Segen aus.

14. Oktober 2020:

In einem Artikel für den Gemeindebrief schreibe ich folgenden Satz: „Ich wünsche mir für unsere Region ein vielfältiges kirchliches Leben und ein Denken, das weiter reicht als bis zum eigenen Ortsausgangs-schild.“ Das verärgert ein Gemeindemitglied dort so sehr, dass ich mehrere Wochen lang wirklich ungemütliche E-Mails bekomme. Dass seine Enkeltochter im Sommer auf der Kirchenbank stehen durfte, noch mehr. Ich überrasche mich selbst, weil es mich kaum stört.

22. November 2020:

Ewigkeitssonntag habe ich den Sonntag (für mich viel zu selbstverständlich) überall genannt. Nach einem der Gottesdienste spricht mich eine ältere Dame an: „Wenn das mein Mann noch erlebt hätte, der mochte den Totensonntag sowieso nie, dem hätte es gefallen, dass Sie das jetzt abschaffen!“

24. Dezember 2020:

Am Vormittag des Heiligen Abends geht es bei uns zuhause hoch her. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches. „Müssen wir dieses Jahr echt nicht in die Kirche?“ „Warum sind da so viele Lichterketten im Auto?“ „Was ist eigentlich dieses Kirche onn-tee-ro-att, was da überall am Auto steht?“ „Papa macht auf dem Hof irgendwas mit einem Lautsprecher!“ Zugegeben, 2020 hat mich abgehärtet für Sprünge ins kalte Wasser. Es ist nichts Besonderes mehr, unbequeme Entscheidungen zu treffen und zu vertreten. Es macht mir auch keine Angst mehr, etwas zu tun, das es so noch nicht gab oder das mich unbeliebt machen könnte. Und doch schwebt heute, am 24. Dezember 2020 um 13.40 Uhr, nicht nur ein großes Fragezeichen über mir in der Luft, als wir in der ungemütlichen Weihnachtswetter-Suppe das Auto starten. „Kirche On The Road“ heißt der Plan. Eine Idee, die vor Wochen am Küchentisch entstanden ist, als immer klarer wurde, dass die Pläne für Weihnachten nicht haltbar sind.

Der neue Plan war folgender: Wir machen uns am Heiligabend mit unserem weihnachtlich geschmückten, mit Lautsprecher und Beschallungs-Genehmigung ausgestatteten Auto auf den Weg durch die Dörfer. Dort halten wir an verschiedenen Punkten, ich lese die Weihnachtsgeschichte oder einen kleinen Weihnachtsgruß und spreche einen Segen. Aus dem Lautsprecher hört man meine Stimme und weihnachtliche Musik. Die Reihenfolge der Stationen ist klar, und auch die ungefähren Uhrzeiten stehen fest. Ja, wir haben damit gerechnet, dass möglicherweise niemand unsere Aktion wahrnimmt, doch dann stehen sie überall: in den Gärten und an den Fenstern, in offenen Haustüren und in Garagen, vor der Kirche und bei der Feuerwehr. Ich erkenne sogar manche Gesichter hinter den Masken: den kleinen Jungen, den ich im August getauft habe, die Tochter, deren Vater wir im Juni nur zu zweit beerdigten, und das Ehepaar, dessen Goldene Hochzeit wir verschieben mussten. Und so begab es sich im vergangenen Jahr, dass ich doch irgendwie wenigstens ein bisschen angekommen bin in diesen Gemeinden.

12. Februar 2021:

Ich treffe zwei meiner Konfirmandinnen auf dem Weg zum Bäcker. Sie machen vor der Kirche Fotos für Instagram und fragen, ob sie sich zum Angucken kurz irgendwo reinsetzen dürfen. Ich biete ihnen den Konfi-Raum an oder einen der anderen Gemeinderäume. „Geht auch so richtig Kirche?“, fragt Nelia. Ich bin überrascht, schließe ihnen aber die Kirche auf und lasse sie dann allein mit der Bitte, dass sie kurz Bescheid sagen sollen, wenn sie gehen. Nach anderthalb Stunden sehe ich das nächste Mal nach. Sie sitzen immer noch da, trotz der Kälte. „Ist so entspannt hier“, sagt Lara und guckt zu Nelia. „Wär doch richtig nice, wenn die Kirche immer auf wäre, oder?!“ Ich nicke, ja, das wäre tatsächlich richtig nice … Vielleicht lade ich die beiden demnächst mal in eine Kirchenvorstandssitzung ein.

3. Mai 2021:

Heute holen wir die privaten Sachen aus dem Pfarrbüro meines Vaters. Mehr als zwei Monate ist er jetzt tot. Seitdem zieht sich die Traurigkeit in die Länge wie ein zähes, fahles Kaugummi. Als ich jetzt auf das große alte Fachwerkhaus zugehe, fühle ich mich gleichzeitig fremd und zuhause. In diesem Haus bin ich aufgewachsen, habe mein halbes Leben dort verbracht und darf nun die privaten Räume und den Garten nicht einmal mehr betreten. Im Büro hängt noch der typische Geruch in der Luft, den ich seit meiner Kindheit kenne: selbstgedrehte Zigaretten, altes Holz, Bücher und zitroniges Aromaöl. Das Büro war für mich immer ein geheimnisvoller Ort, und es war Teil meines Zuhauses. Ein Raum mit Seele. Und in all den Büchern und auf den vielen kleinen handgeschriebenen Notizzetteln unendlich viele Welten. Ein bisschen davon ist noch da, und das versuche ich ganz tief in mich aufzunehmen. So als würden wir eine letzte Zigarette rauchen. „Was soll von mir einmal bleiben, wenn mein Büro ausgeräumt werden muss?“, frage ich mich.

Eine Antwort finde ich heute nicht, aber die brauche ich auch nicht, weil ich weiß, dass ich das Wichtigste schon habe, weil er von Anfang an der beste Lehrer war „mit dem Rucksack der Erinnerungen auf dem Rücken und dem Stab der Hoffnung in der Hand“. 

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