Überraschende Wahl

Mit der neuen Präses gelang der 13. EKD-Synode ein Coup
Anna-Nicole Heinrich, 25, seit 8. Mai neue Präses der EKD-Synode.
Foto: epd
Anna-Nicole Heinrich, 25, seit 8. Mai neue Präses der EKD-Synode.

Die neue Synode der EKD konstituierte sich im Mai. Das alles überstrahlende Ereignis: Die Wahl der 25-jährigen Studentin Anna-Nicole Heinrich zur neuen Präses. Wie kann das sein? Yes, it can … Impressionen einer denkwürdigen Tagung, die hoffentlich letztmalig „nur“ digital stattfand.

Das war wirklich eine Überraschung: Die neuformierte 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland wählt eine Studentin zur neuen Präses! 54 Jahre liegen „altersmäßig“ zwischen Vorgängerin Irmgard Schwaetzer und Anna-Nicole Heinrich. Diese Wahl Anfang Mai sorgte für ein gehöriges Rauschen im analogen und digitalen Blätterwald und für Spekulationen, was das denn wohl bedeuten könne.

Nur ein Beispiel: In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mutmaßte deren Kirchenexperte Reinhard Bingener, dass sich in der Wahl Heinrichs „Niedergang“ wie Aufbruch der EKD spiegele. Eigentlich hätte man gerne „weitergemacht wie bisher“ und wieder jemanden Prominentes aus der Politik als Präses gesehen. Der CDU-Politiker Hermann Gröhe aber habe abgewinkt und das Kirchenparlament „einen radikalen Schnitt“ gewagt. Die neue Gewählte sei kirchenpolitisch betrachtet „ein widersprüchliches Geschöpf“, so Bingener. Sie spreche konsequent „mit Gender-Gap“, gehöre aber trotzdem in ihrer bayerischen Heimatkirche zur konservativen Synodenfraktion „Lebendige Kirche“. Sie lobe sowohl die „charismatische Frömmigkeit der Freikirchen“ – und bezeichne sich dennoch als „theologisch liberal“.

Möglicherweise gibt es in der EKD aber auch kirchenpolitisch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als es die FAZ-Deutung vermuten lässt, denn so ganz aus dem Nichts kam die Wahl von Anna-Nicole Heinrich nicht. Sie gehörte als sogenannte Jugenddelegierte bereits zur 12. EKD-Synode, ist seit Jahren leitend in der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej) aktiv und war Mitglied im sogenannten Z-Team der EKD. Jener hochrangig besetzten Gruppe mit dem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und der bisherigen Präses Irmgard Schwaetzer, die im vergangenen Herbst der Synode das Zukunftspapier der Zwölf Leitsätze vorgelegt hatte.

Jenseits des ersten Hypes gilt es nun abzuwarten, wie die neue Präses, die ab sofort auch dem Rat der EKD angehört, ihr Amt gestaltet. Der Charakter desselben setzt der Amtsführung natürliche Grenzen, denn es ist ein Ehrenamt. Die bisherige Präses hatte den Vorteil, dass sie das Amt erst nach einem erfüllten Berufsleben im Ruhestand antrat. Anna-Nicole Heinrich hat bereits ein Philosophiestudium mit dem Bachelor abgeschlossen und absolviert jetzt parallel zwei Masterstudiengänge an der Universität Regensburg. Zum einen „Digital Humanities“, zum anderen „Menschenbild und Werte in christlicher Perspektive“. Das ist deutlich mehr als Ruhestand.

Vorgeschaltet waren der EKD-Synode die Tagungen der sogenannten konfessionellen Bünde: Bei der Generalsynode der VELKD folgte auf den langjährigen Präsidenten Wilfried Hartmann der Hannoveraner Richter Matthias Kannengießer. Bei der UEK folgte im Vorsitz auf den bisherigen pfälzischen Kirchenpräsidenten Christian Schad sein bisheriger Stellvertreter, der hessisch-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung. Während im Lager der VELKD der Leitende Bischof Ralf Meister zu Tagungsbeginn feststellte: „Das Ringen um Strukturen ist zur Ruhe gekommen“, vermittelte die Tagung der UEK einen gegenteiligen Eindruck.

„Moralische Fallhöhe“

Die glanzvollen und meist positiven Berichte über die Wahl der neuen Präses wurden konterkariert von vielen Artikeln über die institutionell vorläufig gescheiterte Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Raum der evangelischen Kirche. Hier gibt es bis zur nächsten Synode der EKD viel zu tun (siehe Kommentar rechts). Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sagte diesbezüglich auf der Synode, er halte es durchaus für angemessen, wenn die Kirche hier besonders im Fokus stehe, da es bei ihr eben eine besondere „moralische Fallhöhe“ gebe. Allerdings machte er auch deutlich: „Sexualisierte Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, und es muss auch – noch viel mehr als bisher – gesamtgesellschaftlich angegangen werden.“ Realistisch hielt der Ratsvorsitzende in Bezug auf das kirchliche Image in diesem Zusammenhang fest: „Den Vertrauensverlust, der darin zum Ausdruck kommt und der unabhängig von den jetzt handelnden und an einer Aufarbeitung ehrlich interessierten kirchenleitenden Personen da ist, können wir kurzfristig nicht überwinden.“ Wohl wahr.

Bedauerlich, dass die Tagungen wieder nur digital stattfinden konnten. Dass ein großer Abschied, wie der von Irmgard Schwaetzer deswegen vorläufig nur per Zoom erfolgen musste, empfanden viele als bitter. Die Hoffnung, dass Anfang November die 2. Tagung der 13. Synode wieder „in echt“ durchgeführt werden kann, war in diesen Maitagen jedenfalls übergroß. Mögen sie nicht trügen – und dann kann einiges nachgeholt werden. 

Weitere Berichte zu den Tagungen finden Sie hier.

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