Authentisch

Bonhoeffer in Text und Ton

Es gibt verschiedene Wege zu Dietrich Bonhoeffer: über sein Leben, seine politische Widerständigkeit und über seine Theologie. Was hingegen unterschätzt wird: Zugänge zu Bonhoeffers Denken und Spiritualität eröffnen auch seine lyrischen Texte. In der Haft, ab Juni 1944, begann er, seinen Gefühlen und Gedanken auf poetische Weise Ausdruck zu verleihen. Eine weite Verbreitung und große Bekanntheit – über evangelische Kreise hinaus – hat davon mindestens einer dieser Texte erreicht: „Von guten Mächten“.

Es ist eines von zehn Gedichten Bonhoeffers, die bis zu seiner Hinrichtung im April 1945 entstanden sind: Texte, die durch ihre expressive Intensität bestechen. Das beweist ein neuer Band, der jetzt im Gütersloher Verlagshaus erschienen ist. Der Band folgt nach den Worten des Herausgebers Gotthard Fermor keiner analytischen, sondern einer ästhetischen Herangehensweise. Entsprechend ist die Gestaltung des Buches: eine wohlproportionierte und lesefreundliche Typografie sowie ein ansprechendes, luftiges Layout, dazu Bilder des Wuppertaler Fotografen Klaus Diederich. Beigelegt ist dem Buch eine Audio-CD, die die Gedichte auch akustisch erlebbar macht. Vorleser ist Fermor selbst, im Hauptberuf Leiter des Pädagogisch-Theologischen Instituts der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Auf jedes Gedicht folgt die Einspielung einer Klavierimprovisation von Josef Marschall. Der österreichische Komponist, Keyboarder und Jazz-Pianist hat dafür Stücke aufgegriffen, die Bonhoeffer in seinen Gefängnisbriefen erwähnt hat, die ihm, dem Musikkenner und -liebhaber, viel bedeuteten. Im Anhang des Buches werden die Stücke und die Geschichte, die Bonhoeffer mit ihnen hatte, kurz erläutert. Alle drei Elemente von Buch und CD – Texte, Musik und Bilder, laden zusammengenommen nicht nur zum Lesen ein, sondern dazu, in sie einzutauchen – mit Auge und Ohr. So können sie ihre volle Wirkung entfalten. Bonhoeffer selbst stand, wie Fermor schreibt, seinen Gedichten allerdings eher skeptisch gegenüber. Er hatte sich in der Haft auch länger an einem Roman versucht, diesen dann aber beiseitegelegt. Seine Gedichte sind jedoch erhalten und – dank seiner Verlobten Maria von Wedemeyer und seines Freundes Eberhard Bethge – veröffentlicht. Zum Glück für die Nachwelt. Denn obwohl sie in der Tat nicht durchgängig von herausragender literarischer Qualität sind, so legen sie doch auf „verdichtete“ Weise Zeugnis ab von der existenziellen Erschütterung ihres Autors durch das nationalsozialistische Regime und die Haft. Themen, die Bonhoeffers theologische Texte behandeln, finden ihren Widerhall in den Gedichten. Es geht um politische Verantwortung, um Widerstand, Freiheit und Schuld, um das Verhältnis zu Gott, um das Wirken Gottes in der Welt. Themen sind Einsamkeit, Sehnsucht nach Schönheit und Sonnenlicht, Verzweiflung und Angst. Aber auch Hoffnung – jenseitige und diesseitige. Manche Passagen haben den Charakter eines Gebets, manche den einer Andacht.

Über Dietrich Bonhoeffer ist überliefert, er sei mit großer Gefasstheit seiner Hinrichtung entgegengegangen. Genauso gefasst und stets freundlich sei er auch in der Haft gewesen, heißt es. Sein Gedicht „Wer bin ich?“ beweist, dass es so einfach nicht war. Es offenbart wie viele andere Texte Selbstzweifel und inneres Ringen: „Wer bin ich? Der oder jener?/Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?/Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler/und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?“ Es ist dieser Charakter von Glaubwürdigkeit und Authentizität, die Bonhoeffers Gedichte bis heute lesens- und hörenswert machen.

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