Himmel der Vielfalt

„G*tt w/m/d“ in Frankfurt und im Internet
Bühnenscheinwerder
Rainer Sturm / pixelio.de

Der Weg in den Himmel ist gar nicht so leicht zu finden. Er beginnt – wie könnte es anders sein – auf der Erde, in einem virtuellen Vier-Raum-Haus aus der Zeit um etwa 800 vor Christus. In ihm teilten sich Mensch und Vieh die Räume, wer mit dem Cursor auf Schaf, Hahn oder Ziege geht, bekommt einen akustischen Eindruck von den tierischen Lebensgefährten. Doch im Haus verteilt sind noch andere Objekte, Abbildungen von Gottheiten aus unterschiedlichen Kulturen und Völkern, die in Israel im Laufe der Jahrhunderte das Sagen hatten. Etwa Ashera, die Göttin, die für eine reiche Ernte sorgen sollte und mit den Händen unter ihren Brüsten ihre Fruchtbarkeit demonstriert. Oder auch der zwergenhafte ägyptische Gott Bees, der Schutzgott der Schwangeren mit Brüsten, Bauch und Löwenmähne.

Das erste, was man in der virtuellen Variante der Ausstellung „Gott w*m*d“ des Frankfurter Bibelhauses lernt, ist also: In Israel wurden vor Jahwe auch andere Götter angebetet, weibliche, männliche oder nicht ganz klar geschlechtlich identifizierbare. Das überrascht eigentlich nicht, denn sonst wäre das erste Gebot wohl unnötig gewesen. Aber der virtuelle Blick in die religiöse Möblierung einer Durchschnittsfamilie vor knapp 3 000 Jahren weitet schon einmal den Blick auf die Frage: Welches Geschlecht hat Gott? Hat er überhaupt eines? Und ist das wichtig?

Ja, ist es. Denn wer Gott in die eine geschlechtliche Schublade packt, legt in der Regel noch ein paar Eigenschaften hinzu, die mit dem Geschlecht konnotiert werden. Hier der männliche Herrscher, der den Weltenlauf lenkt und Blitz, Donner, Corona-Viren und Klimawandel auf die Erde schickt, um uns immer wieder an unsere Schwachheit zu erinnern. Und dort die fruchtbare Göttin, aus deren Schoß die Welt entspringt, die mal mütterlich tröstend und mal mit weiblicher Lebenskraft wirkt und irgendwie alles natürlich, weich und rund werden lässt. Alles menschliche Bilder, und wir sollen uns solche ja nicht von Gott machen, schon klar. Aber erstens geht das gar nicht anders und zweitens: Hat Gott den Menschen nicht nach seinem Bilde geschaffen? Als Mann? Als Frau? Als irgendetwas dazwischen?

Zeit, aufs Dach zu steigen und noch ein wenig höher, die Leiter hinauf, die scheinbar ins Nichts und doch in den virtuellen Himmel führt. „G*tt schuf den Menschen zu G*ttes Bild – G*ttes Ebenbild ist ‚männlich und weiblich‘“ heißt es dort mit Verweis auf Genesis 1,27. „Gott ist alles in allem – männlich, weiblich, divers von Anfang an – hier beginnt die Spur.“ Und der folgen wir durch den Himmel der geschlechtlichen Vielfalt und begegnen ziemlich bald einer eindrücklichen Illustration aus der Koberger Bibel von 1483. Die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau wird hier offenbar wörtlich genommen. Zu sehen ist ein liegender Mensch mit einem Unterleib und zwei Oberkörpern, einem männlichen und einem weiblichen. Der weibliche wird gerade von dem (männlichen) Gott an der Hand in die Sitzposition gezogen, der männliche ruht auf seinen Arm gestützt. Der erste Mensch, ein Hermaphrodit?

Zumindest gibt es, so lernen wir auf dem Pfad durch den Himmel weiter, ja auch bei Platon die Idee, dass der Mensch ursprünglich Mann und Frau in einem war. Und heißt es nicht im Galaterbrief „Hier gilt nicht mehr … männlich oder weiblich … Ihr seid alle eins in Christus“? Faszinierend die danebenstehende Illustration aus der Handschrift „Splendor solis“, dem „Sonnenglanz“ aus dem Jahr 1440. Ein schmucker geflügelter Hermaphrodit mit einem männlichen und einem weiblichen Kopf, in der einen Hand ein Schild, in der anderen ein Ei.

Solcherlei gibt es noch mehr zu sehen, unter www.gott-wmd.de, und noch viel ausführlicher und tiefschürfender im Katalog und in der realen Ausstellung im Bibelhaus Erlebnismuseum in Frankfurt am Main, die bis zum 19. Dezember zu sehen ist. 

www.bibelhaus-frankfurt.de

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