„Mehr Lametta für Europa“

Marketingexperte Peter Funk engagiert sich bei „Pulse of Europe“
Peter Funk
Foto: Rolf Zöllner
Peter Funk

Als 2016 nach dem Brexit auch noch Donald Trump US-Präsident wurde, da wusste Peter Funk: Die Zeit ist reif für bürgerschaftlich-politisches Engagement. So wurde der Berliner Aktivist bei der Graswurzelbewegung „Pulse of Europe“ und ist es bis heute.

Im Alltagsleben dreht sich bei Peter Funk viel um Süßwaren, denn der 54-Jährige ist seit vielen Jahren Marketingexperte bei der Firma Storck und kümmert sich dort im Speziellen um die verschiedenen Produkte von „Werthers Original“. Aber im Frühsommer 2016 stieß ihm der Brexit sehr sauer auf, und spätestens nach der Wahl von Donald Trump im November zum US-Präsidenten wurde ihm klar: Da läuft einiges schief, man sollte sich engagieren.

Über eine Kleinanzeige im Philosophie Magazin stieß Funk auf den Thinktank Polis180, dem er sich anschloss, und besuchte in diesem Rahmen eine Veranstaltung mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Dieser schilderte eindringlich, wie sehr das europäische Projekt durch neue Strömungen im Zeitgeist in die Schieflage zu geraten drohe. „Da bin ich aufgewacht und habe gedacht, du kannst nicht mehr abends nur auf dem Sofa sitzen.“ Animiert durch seinen Thinktank engagierte sich Funk bei der Entwicklung des Wahltools Euromat, der anlässlich der Bundestagswahl 2017 als Ergänzung zum sogenannten Wahl-O-Mat entwickelt wurde, ein Tool, das für europapolitisch Interessierte Entscheidungshilfen für die Wahl bereitstellte.

Prima Stimmung

Anfang 2017 hörte er dann erstmals von einer Gruppe in Frankfurt/Main, die mal nicht gegen etwas demonstrierte, sondern für etwas, nämlich für Europa und die EU, und die dafür sogar auf die Straße ging. Es handelte sich um Pulse of Europe, die damals gerade gegründet wurde, als eine niedrigschwellige Bürgerbewegung mit Graswurzelcharakter. Funk blickt zurück: „Im Februar 2017 erfuhr ich, dass Pulse of Europe auch in Berlin aktiv ist, und ging zu einer Kundgebung auf den Gendarmenmarkt. Da waren zuerst dreißig bis fünfzig Leute, die da wacker demonstrierten und auch eine Bühne hatten und sich für Europa und die EU einsetzten. Das war damals jeden Sonntag, immer ab 13 Uhr.“

Die Stimmung war prima, erinnert sich Funk, aber irgendwie fehlte ihm doch die Atmosphäre. „Es sah alles ein bisschen traurig aus.“ Also bestellte Funk auf eigene Faust Europaflaggen, zog sie auf Bambusstöcke auf und besorgte auch in größerem Stil Europa-Luftballons und die Heliumflasche. „Ich musste an das geflügelte Wort ,Früher war mehr Lametta‘ denken und wollte, dass unsere Kundgebungen auch äußerlich etwas mehr hermachten.“ Das gelang dank seines ehrenamtlichen Eventmanagements und im Sommer 2017 wuchsen die Teilnehmendenzahlen bei den sonntäglichen Pulse of Europe-Kundgebungen immens – manchmal auf bis zu 5 000 Besucher. Funk: „Das war jeden Sonntag so eine Art RockShow, die wir unter der Woche organisieren mussten, zehn Leute gehörten zum Vorbereitungsteam. Wir haben Künstler und Politiker eingeladen.“

Bis in den Frühsommer 2017 hinein funktionierte das ziemlich gut, aber dann ging die Beteiligung an den Outdoor-Aktivitäten merklich zurück. Einige Befürchtungen hatten sich nicht bewahrheitet, zum Beispiel hatte Marine Le Pen nicht die französische Präsidentschaftswahl gewonnen, und auch die Rechtspopulisten in den Niederlanden hatten nicht – wie befürchtet – ein gutes Ergebnis erzielt. „Wir brauchten ein neues Format“, sagt Peter Funk, denn der Impuls, sich zu engagieren hatte nicht gelitten, für ihn war klargeworden, das ist auch künftig sein Ding. „Auf der Suche nach einem anderen, kleineren Format kamen wir auf die Idee, einen #EuropaSalon aufzumachen. Also immer wieder, alle paar Wochen Leute zusammenzubringen und beispielsweise mit Buchautoren und bekannten Journalisten zu diskutieren.“

So wurde in Berlin-Mitte ein schöner Kinosaal ausfindig gemacht, „klassisch klein, aber sehr gut geeignet für diese Art von Veranstaltungen.“ In diesem Indoor-Format mit Funk als Moderator war dann beispielsweise das Berliner Duo Herr & Speer zu Gast. Dahinter verbergen sich die beiden jungen Autoren und Aktivisten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer, die sich den großen Themen Geschlechtergerechtigkeit, politische Teilhabe und eben Europa verschrieben haben. Auch Bernd Ullrich von der ZEIT und die Ökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel traten in diesem Rahmen auf.

Tiefschlag Corona

Maja Göpel musste schon in einem virtuellen Salon empfangen werden, denn Corona machte ab Frühjahr 2020 die Arbeit in diesem Format unmöglich. „Corona war erstmal ein Tiefschlag, und einige Zeit hingen wir ein bisschen in der Luft, aber dann hat Pulse of Europe international das Projekt #EuropeanHomeParliaments angestoßen und das funktionierte sehr gut.“ Peter Funk: „Das sind Diskussionsveranstaltungen, die entweder offline, also ganz real zuhause im Wohnzimmer, im Garten oder auch am Strand stattfinden können oder eben online per Videokonferenz.“ Man kann sich über www.homeparliaments.eu anmelden und bekommt bereits im Vorfeld Texte zur Vorbereitung, Pro- und Contra-Argumente, und dann geht es zur Sache: Es gibt ein eingegrenztes Thema, über das diskutiert wird, wie zum Beispiel „Europäische Solidarität bei der Beschaffung und gerechten Verteilung von Impfstoffen“ und am Ende ein abgestimmtes Ergebnis. Das Ganze ist klar strukturiert – Dauer: 90 Minuten inklusive Einleitung, Diskussion und Eingabe der Ergebnisse.

Die Resonanz auf diese Idee war so gut, dass das Projekt von der Bundeszentrale für Politische Bildung unterstützt wurde, sodass sich die HausParlamente-Bewegung einen hauptamtlichen Projektmanager leisten konnte. Das sei auch nötig gewesen, so Funk, denn die ganze Vorarbeit mit Themenfindung, Modellierung von Pro- und Contra-Argumenten und die ganze Werbung für die Sache, verursache viel Aufwand. Der technische Ablauf der Sitzungen wird über eine abgestimmte Maske der Demokratieplattform Open Petition arrangiert. Rund 30 Mitglieder des realen Europäischen Parlaments (wie Katarina Barley und Manfred Weber) und des Bundestags sowie auch rund 1 000 Europäer beteiligten sich an jeder Runde daran, und kürzlich ist die Unterstützung für das Projekt über die Bundestagswahl hinaus verlängert worden. Im Gegensatz zu öffentlichen Ad-hoc-Veranstaltungen habe man bei den „HausParlamenten“ gemerkt, dass die Leute besser vorbereitet waren und dass man so tiefer in die Fragen europäischer Politik und der Zukunft Europas habe eindringen können.

Gegründet wurde Pulse of Europe vor fünf Jahren in Frankfurt/Main, federführend von einem Juristenehepaar, Daniel und Sabine Röder, aber inzwischen haben sich an die 70 Gruppen in verschiedenen Städten in ganz Europa gebildet, und Peter Funk hofft natürlich, dass ihre Zahl noch wächst.

Aber was ist Pulse of Europe eigentlich genau? Eine sehr dezentrale Organisation, klar, ein Netzwerk, sicher, aber was genau? „Wir sind eine Partei der Überparteilichen – also bewusst offen für alle Anhänger demokratischer Parteien, die ein Faible für verschiedene Formen europäischer Öffentlichkeit haben, die wir mit unseren Projekten entwickeln“, sagt Peter Funk. Zwar gebe es einen Verein mit Sitz in Frankfurt, in dessen Vorstand auch das Ehepaar Röder mitwirkt, aber es wird längst nicht alles „von oben“ initiiert, sondern ganz viel direkt und spontan an den verschiedenen Orten. Insofern ist Pulse of Europe durchaus eine Graswurzelbewegung.

Und was bringt das nun alles? Peter Funk ist überzeugt davon, dass Europa auf der „Schulter der Bürger:innen“ stehen muss und je mehr Energie aufgewendet wird in Aktionen wie von Pulse of Europe, umso deutlicher werde, dass Europa „nicht nur eine Idee ist oder etwas Fernes, was in Brüssel oder Straßburg passiert.“ Und jenseits des „funktionalen Nutzens“ sei Europa für ihn auch „ein Sinnbild für Weltoffenheit als Gegenentwurf zu Weltgeschlossenheit, die ja jetzt gerade ein bisschen Karriere macht“, eine Bewegung für Toleranz und Vielfalt, eine „Grundentscheidung für ein bestimmtes Leben, was man führen will und haben will“. Peter Funk gefällt das Bild von Europa als einem Fahrrad. „Man muss immer treten, sonst fällt es um.“ Dass Europa aufrecht nach vorne fährt – dabei will Peter Funk gerne mithelfen und, wenn möglich, viele gewinnen, die mitfahren.

 

Weitere Information

www.pulseofeurope.eu

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