Die Töchter der Regina Jonas

Rabbinerinnen in Deutschland sind Zeichen der Renaissance des liberalen Judentums
Ordination von Rabbinerin Alina Treiger in der Synagoge Pestalozzistraße in Berlin am 4. November 2010.
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Ordination von Rabbinerin Alina Treiger in der Synagoge Pestalozzistraße in Berlin am 4. November 2010.

Das Ringen um Gleichberechtigung einer Bertha Pappenheim oder Regina Jonas, das durch die Shoah frühzeitig abgebrochen wurde, geht weiter. Dafür stehen die Rabbinerinnen, die es nun wieder in Deutschland gibt. Ein bemerkenswertes Buch zeichnet ihre Geschichte nach. Der Religionswissenschaftler und Theologe Martin Bauschke führt in eine alte, neue Geschichte ein.

Rabbinerinnen? Ja, gibt es denn das überhaupt?“ Das ist in der Regel die überraschte Reaktion, wenn das Stichwort, ja Zauberwort „Rabbinerin“ fällt. Es ist an der Zeit, auf eine erstaunliche Entwicklung aufmerksam zu machen, die noch relativ unbemerkt von der allgemeinen Öffentlichkeit verläuft. Angesichts des Jubiläums „1 700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ soll an dieser Stelle das jüngste, durchaus revolutionäre Kapitel in dieser langen Geschichte beleuchtet werden: dass immer mehr Frauen Rabbinerinnen werden. Weltweit und auch hierzulande. Gerade in Deutschland.

Man könnte meinen, das sei ein Indiz für die „Renaissance des Judentums“ in unserem Land. Das wohl eher nicht. Denn was bedeutet diese oft wiederholte Formel? Sie meint eigentlich die neue Mainstream-Orthodoxie in den Gemeinden, die zu 90 Prozent aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion besteht. Simpel ausgedrückt: Renaissance des Judentums heißt nur, es gibt seit den 1990er-Jahren wieder mehr Juden in Deutschland. Etwas anderes ist die Renaissance des deutschen Judentums, also eines Judentums, das bis in die 1930er-Jahre vorwiegend liberal war. Das ist die andere, gleichfalls seit den 1990er-Jahren stattfindende Entwicklung, die eher im Schatten der allgemeinen Öffentlichkeit stattfindet.

Diese Renaissance steht nicht nur für Anknüpfung an das aufklärerische Erbe reformerischer Vorbilder von Moses Mendelssohn über Abraham Geiger bis hin zu Leo Baeck. Sondern sie steht auch für die Fortsetzung des Ringens um Gleichberechtigung einer Bertha Pappenheim oder Regina Jonas, das durch die Shoah frühzeitig abgebrochen, doch glücklicherweise nicht ein für alle Mal unterbrochen worden ist. Dafür stehen die Rabbinerinnen. Sie personifizieren die Renaissance des liberalen deutschen Judentums. Dass es sie vermehrt in Deutschland gibt, ist ein Wunder. Sie gleichen Blumen in der Wüste. Nein, sie sind Quellen, aus denen Oasen entstehen, immer mehr progressive, bunte, internationale Gemeinden.

Nun ist es ein absoluter Glücksfall, dass der Publizist und Fotograf Rocco Thiede schon vor Jahren damit begonnen hat, Reportagen über Rabbinerinnen zu erstellen. Insgesamt neun Frauen hat er kennengelernt, interviewt, fotografiert und Eindrücke aus deren Gemeindearbeit gesammelt. Daraus ist ein Buch entstanden, das jedermann und vor allem jede Frau, die sich für das Judentum interessiert, begeistern wird. Es ist eine einzigartige Dokumentation dieses jüngsten Kapitels der langen deutsch-jüdischen Geschichte. Thiede gelingt es mit seinen behutsamen Beschreibungen, die Rabbinerinnen aus ihrer weitgehenden Unsichtbarkeit herauszuholen. Manche von ihnen, wie etwa Elisa Klapheck, waren durchaus bereits bekannt, andere, wie Esther Jonas-Märtin, eher weniger. In allen Fällen werden uns als Leser und Leserinnen auch Einblicke in sehr persönliche Erfahrungen und innere Entwicklungen dieser Frauen gewährt. Der Obertitel dieses zu Jahresbeginn erschienenen Buches lautet „Reginas Erbinnen“, was zu der historischen Rückfrage führt: Wer war denn überhaupt die erste Rabbinerin?

Fast fünfzig Jahre ist es her. Am 3. Juni 1972 wurde die junge Sally Priesand (Jg. 1946) am Hebrew Union College in Cincinnati als Rabbinerin ordiniert. Es war eine Sensation. Nicht nur für das progressiv-jüdische College selbst, das das älteste Rabbinerseminar der USA ist und in seiner bis dato fast hundertjährigen Geschichte noch nie eine Frau ordiniert hatte. Man ging damals allgemein davon aus, Sally Priesand sei „weltweit der erste weibliche Rabbiner“, als der sie auch von der Presse gefeiert wurde. Ihrem Beispiel folgten in den nächsten Jahrzehnten hunderte anderer Frauen insbesondere in den USA, so dass aus der Sensation bald Normalität wurde.

Eine Sensation

Doch die eigentliche Sensation sollte erst noch kommen. Rund zwanzig Jahre später. Nicht in den USA, sondern in Deutschland. Nach der Wiedervereinigung wurden in Ost-Berlin in den staatlichen Archiven Dokumente aufgefunden, die bewiesen, dass lange vor Sally Priesand eine andere Frau zur ersten Rabbinerin weltweit ordiniert worden war –Regina Jonas. Ihr Leben und Wirken wurde erstmals 1999 von Elisa Klapheck in dem Buch „Fräulein Rabbiner Jonas: Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ dokumentiert. Dementsprechend beginnt auch Thiedes Buch mit einer Einführung von Rachel Herweg über die erste Rabbinerin der Welt. Regina Jonas wurde 1902 in Berlin geboren. Obwohl sie weder eine Feministin war noch mit dem Reformjudentum sympathisierte, war sie Feuer und Flamme für ihre jüdische Religion und äußerte früh den Wunsch, Rabbinerin zu werden. Zunächst jedoch war sie nur Religionslehrerin. Nebenher studierte sie weiter an der reformjüdischen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die 1872 gegründet worden war, um sich ihren eigentlichen Berufswunsch zu erfüllen. Bezeichnend für ihre Ernsthaftigkeit und Hartnäckigkeit war es, dass sie für ihre Abschlussarbeit das Thema gewählt hatte: „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ In ihrer Abhandlung bedient Jonas sich keiner speziell liberalen Argumente. Vielmehr begründet sie die Möglichkeit und Zulässigkeit des weiblichen Rabbineramtes ganz vom traditionellen Religionsgesetz her, der Halacha.

1935, fast vierzig Jahre vor Sally Priesand, war es dann soweit: Rabbiner Max Dienemann, Geschäftsführer des Liberalen Rabbiner-Verbandes, unterzog Regina Jonas der mündlichen Rabbinatsprüfung. Und sie bestand. Der Widerstand freilich unter den liberalen Kollegen damals war groß: „Die Majorität ist gegen Sie. Gehen Sie ruhig ihren Weg, der Vorstand der Gemeinde (in Berlin) wird Sie schrittweise fördern. Eine Eiche fällt nicht auf den ersten Hieb“, sagte Dienemann zu ihr. In ihrer beruflichen Praxis blieb Jonas die Anerkennung weitgehend verwehrt. Auf keiner der Kanzeln der vielen liberalen Synagogen Berlins durfte sie predigen. Auch durfte sie keine Trauungen oder Scheidungen durchführen. Jonas war aber eine gute Rednerin. Sie hielt Vorträge im Trausaal der Neuen Synagoge und engagierte sich in der Seelsorge. Als mehr und mehr ihrer Rabbinerkollegen flüchteten oder deportiert wurden, durfte und musste sie immer öfter Vertretungen übernehmen. Sie selbst dachte nicht an ihre eigene Sicherheit oder an Flucht, als die Shoah und der Krieg begannen. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Auch dort arbeitete sie als Rabbinerin und hielt vor allem regelmäßig religiöse Vorträge. 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Seitdem Regina Jonas dem Vergessen entrissen wurde, ist sie weltweit zur In­spiration vieler Frauen geworden, die auch ins Rabbinat wollen. Dies bekennen im Buch gleich fünf Rabbinerinnen, die je ein Grußwort beigetragen haben. Sie gelten je innerhalb ihrer jüdischen Strömung als die ersten Ordinierten. So schreibt besagte Sally Priesand in ihrem Grußwort: „Alle Rabbinerinnen, egal welcher Strömung sie angehören oder wo sie leben, stehen auf dem Fundament, das Regina Jonas gelegt hat.“ Diese vielen Grußworte sind ein Beleg dafür. Zugleich sind sie ein Dankeschön an Thiede und die Mitherausgeberin Antje Yael Deusel, die auch im Buch porträtiert wird.

Eintausend Rabbinerinnen

Reginas Erbinnen sind überraschend viele. Weltweit gibt es immerhin rund eintausend Rabbinerinnen. Und in Deutschland? Wie viele sind es hier? Das ist nicht so einfach zu beantworten. Versteht man die Frage strikt im Sinne aller Rabbinerinnen, die aktuell in Deutschland amtieren, sind es etwa zehn Frauen. Folgt man einer maximalen Definition im Sinne von allen deutschsprachigen Rabbinerinnen, die bis heute hierzulande und/oder im Ausland tätig waren oder noch sind, kommt man auf rund zwanzig Frauen. Tendenz in jedem Fall stetig steigend. Es könnten in Deutschland schon jetzt mehr Frauen sein, wenn die liberalen Gemeinden mehr Geld und die Rabbinerinnen mehr Anerkennunng bekämen. Daher waren einige gezwungen, nach ihrem Studium ins Ausland zu gehen oder, wenn sie im Ausland studiert hatten, dort zu bleiben. Dies war etwa der Fall bei der im Buch nicht erwähnten Daniela Thau (*1952). Sie wurde 1983 am Leo Baeck College in London ordiniert. Damals hatte sie keine Chance, eine Anstellung an einer jüdischen Gemeinde hierzulande zu bekommen, also ist sie in England geblieben. Anders erging es zwanzig Jahre später Irit Shillor (*1950), die ebenfalls am Leo Baeck College studierte und 2002 ordiniert wurde. Dass die Ältere so viel später dran war, war ihr Glück. Sie konnte hier als Rabbinerin arbeiten. Shillor wurde bekannt als „die fliegende Rabbinerin“. Denn sie betreute gleich mehrere Gemeinden, nicht nur in Deutschland.

Shillors Ordination erst mit 52 Jahren war keine Ausnahme. Insbesondere bei den Frauen der Generation der 1950er- und 1960er-Jahre sind es späte Berufungen um die Lebensmitte herum. Der Entschluss, Rabbinerin zu werden und ein langes Studium aufzunehmen, war oft der Kulminationspunkt eines weiten inneren Entwicklungsweges. Die meisten hatten längst einen anderen Beruf. Zu den im Buch dargestellten Pionierinnen gehört auch Bea Wyler (*1951), die erste Schweizer Rabbinerin und zugleich die erste Rabbinerin nach der Shoah, die in Deutschland amtierte. Sie feierte ihre Smicha (Ordination) 1995 am konservativen Jewish Theological Seminary in New York. Schon sie hatte, zwölf Jahre nach Daniela Thau, Glück.

Die Lage hatte sich so weit geändert, dass Wyler eine Anstellung an zwei Gemeinden in Oldenburg und in Braunschweig fand. Doch ihre Amtseinführung 1995 sorgte für erhebliches Aufsehen. Und für knallharte Ablehnung in den Reihen der orthodoxen Juden einschließlich des Zentralrats der Juden. Dessen damaliger Vorsitzender Ignaz Bubis erklärte, er werde nie einen Fuß in eine Synagoge setzen, wo eine Rabbinerin amtiere. Wyler wurde auch nicht in die damalige Deutsche Rabbinerkonferenz, die orthodox war und nur männliche Mitglieder hatte, aufgenommen. Das ist heute anders. Als 2003 die Orthodoxe Rabbinerkonferenz gegründet wurde, die noch immer Frauen ablehnte, gründete sich zwei Jahre später die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland, in der Rabbinerinnen willkommen sind. Aktuell umfasst sie 22 Männer und acht Frauen. Exemplarisch für die neue Generation seien zwei Frauen genannt: Alina Treiger (*1979) und Jasmin Andriani (*1983, nicht im Buch erwähnt). Beide studierten am 1999 gegründeten Abraham Geiger Kolleg in Potsdam. Treigers Smicha 2010 war ein Meilenstein. Denn sie war die erste Frau nach Regina Jonas, die in Deutschland ausgebildet und auch ordiniert wurde.

Seither amtiert „die singende Rabbinerin“ in Oldenburg und Delmenhorst, wo früher Bea Wyler war. Im September 2020 wurden mit Jasmin Andriani und Anita Kántor, die zurück nach Ungarn geht, bereits die sechste und siebte Frau vom Geiger Kolleg ordiniert. Andriani ist nun Rabbinerin in Hannover und Göttingen. Möge dieses wunderbare Buch, das auch schöne Fotos der porträtierten Frauen enthält, ein Ansporn werden für noch mehr Frauen, Rabbinerinnen in Deutschland zu werden. 

 

Literatur

Antje Yael Deusel/Rocco Thiede (Hg.): Reginas Erbinnen. Rabbinerinnen in Deutschland. Hentrich &  Hentrich Verlag 2021, 212 Seiten, Euro 19,90.

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