Jenseits des Normalkonservativen

Die sogenannte Alternative für Deutschland, die Neue Rechte und ihr Verhältnis zur Kirche
Volker Münz, religionspolitischer Sprecher der AfD, auf dem Katholikentag 2018.
Foto: epd
Volker Münz, religionspolitischer Sprecher der AfD, auf dem Katholikentag 2018.

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist eine dezidiert kirchen­feindliche Partei. Trotzdem versucht sie, sich als christliche Kraft zu inszenieren. Der Tübinger Theologe Hans Probst blickt auf den Bundestagswahlkampf der AfD zurück und diskutiert neue Strategien, sich mit dem Phänomen „Rechtes Christentum“ auseinanderzusetzen.

Ortstermin auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb in Württemberg: Volker Münz, kirchenpolitischer Sprecher der AfD im Bundestag und Publizist der Neuen Rechten, ist kurz vor der Bundestagswahl zum Wahlkampfauftritt geladen in einer Region, die traditionell evangelisch-pietistisch geprägt ist. Mit drei Pfarrer:innen ist die Evangelische Landeskirche in Württemberg hier vertreten. Darüber hinaus findet sich in fast jedem Dorf eine tendenziell wortfundamentalistische christliche Freikirche. Münz soll auf Einladung des lokalen Bundestagskandidaten vortragen zu dem Thema, mit dem die Partei hier punkten möchte: „Warum Christen AfD wählen sollten!“

Das Publikum, das sich für die Wahlkampfveranstaltung zusammengefunden hat, ist überschaubar und wohl schon fest davon überzeugt, der AfD ihre Stimme bei der nahenden Bundestagswahl zu geben. Zumindest herrscht vor der Veranstaltung die Atmosphäre eines Klassentreffens: Mitglieder und Sympathisanten der AfD duzen sich, sie sind unter sich. Der örtliche Pfarrer, mit dem ich die Veranstaltung besuche, blickt vor allem in für ihn fremde Gesichter.

Volker Münz setzt an und spricht über die Abgründe des Zeitgeistes: Dekadenz und Sittenverfall seit 1968, Neo-Marxismus, Genderideologie und Islamisierung, wohin er auch blicke. Es sind die mittlerweile zur Genüge beschriebenen reaktionären Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichem Wandel und pluraler Kultur in diesem Land, die hier präsentiert werden. Es ist die Abrechnung mit der „dämonischen Moderne“, die zum Untergang von griechischer Philosophie, römischem Recht, Aufklärung und christlichem Abendland führen würde.

Der sich als gläubiger Christ beschreibende Münz sieht das Handeln des Teufels in dieser Welt. Was aktuell geschehe, könne nicht anders als mit den biblischen Anzeichen des Weltendes verstanden werden. Münz spitzt weiter zu und trägt die AfD als rettende Größe in seine Zeitdiagnose ein: Die einzige wirkliche Partei, die sich für die christliche Kultur und für Aufklärung noch einsetze und den Kulturverfall aufhalten könne, sei die AfD. Da die Union eben nicht mehr konservativ sei (Beweis dafür sei die Öffnung zur „Ehe für alle“), müsse nun das konservativ-christliche Profil dieser Gesellschaft von der AfD getragen werden.

Das „christliche Abendland“ oder „die christliche Kultur“ sind im Grunde für Münz vorgestanzte Worthülsen, die er als positiven Bezugspunkt für die AfD setzt. Austauschbar sind sie mit den Begriffen „unsere Werte“ beziehungsweise „unsere Kultur“, die er kämpferisch in Anschlag gegen Migration und Islam bringt. Für den am 26. September abgewählten Bundestagsabgeordneten, der bis 2019 auch als Kirchengemeinderat in der Evangelischen Landeskirche aktiv war, ist die „christliche Kultur“ der Imaginationsort einer homogenen Gesellschaft. Doch die Selbstbeschreibung des Konservativen, mit dem er sich an diesem Abend mehrmals selbst auszeichnet, greift dabei eben nicht mehr: Es sind reaktionäre und (bezogen auf Muslime in Deutschland) gewaltaffine Gedanken, die er hier formuliert. Entweder, so Münz, müssten sich Migranten hier assimilieren oder sie hätten im christlichen Abendland eben keinen Platz.

Die Unterordnung des „Fremden“ in einer homogenen und dominant-christlichen Gesellschaft ist das Ziel des Bundestagsabgeordneten. Maßgeblich für sein Verständnis der Bundesrepublik ist das mehrfach angeführte Böckenförde-Diktum, das er jedoch dahingehend auslegt, dass es die eine dominante christliche Kultur für das Gelingen des freiheitlich-säkularisierten Staates brauche. Angesprochen auf sein Verhältnis zur Freiheit der Religionsausübung des Islam und damit zu einer pluralen Gesellschaft, windet er sich zunächst, um dann deutlich zu werden: Wer die christliche Kultur Europas nicht akzeptiere, könne in dieser Gesellschaft hier keinen gleichberechtigten Platz haben.

Doch nicht nur die AfD beschäftigt sich selbst mit ihrem positiven Bezug zum Christentum. Die publizistische Auseinandersetzung, wie sich der Rechtspopulismus und die politisch extreme Rechte zu den Kirchen beziehungsweise recht grundsätzlich zum Christentum verhalte, hat aktuell Konjunktur. In zahlreichen Beiträgen, nicht zuletzt in zeitzeichen, ist über die Gefahren des Rechtspopulismus grundsätzlich, aber auch über die Verbindungslinien der selbst ernannten Neuen Rechten zum Christentum diskutiert worden.

Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der EKD, überzeugte beispielsweise mit der theologisch und historisch konzisen Auseinandersetzung mit der Ideenwelt Karlheinz Weißmanns, der als einer der zentralen christlichen Akteure im Bereich der Neuen Rechten insbesondere publizistisch auftritt. Claussens Analyse beschrieb Weißmann (ohne dies zu pathologisieren) als Modernisierungsverlierer, der sich mit theologischen Figuren gegen alle Formen der gesellschaftlichen Liberalisierung seit den 1960er-Jahren und gegen die Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus zur Wehr setze (zz 3/2021). Weißmann reagierte auf diese Vorwürfe, auch wenn er sie nicht wirklich stichhaltig zu entkräften vermochte (zz 5/2021).

In einem kürzlich erschienenen Sammelband (Christentum von rechts, Tübingen 2021) führt Claussen die theologische Auseinandersetzung mit Weißmann und grundsätzlich mit der Neuen Rechten fort. Der Band setzt sich nun jedoch das diskussionswürdige Ziel, einen Beitrag zur „Entdämonisierung“ der Neuen Rechten zu leisten. In diesem Duktus steht der Wunsch, den „Freund-Feind-Dualismus“ zu überwinden, wie ihn der systematische Theologe Rochus Leonhardt in seinem Text im Sammelband formuliert. Wohl ebenso in Richtung „Entdämonisierung“ zielt der Beitrag von Martin Fritz, Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Hierfür arbeitet er fünf Grundprinzipien heraus, mit denen sich ein „rechtes Christentum“ charakterisieren lässt, und gibt eine eigene Antwort auf die Frage, was eigentlich den Differenzpunkt zwischen rechts und konservativ ausmache: Für Fritz ist dies die Polemik, die kriegerische und populistische Rhetorik, die sich im rechten Christentum wiederfinde. Konservative Positionen würden im Gewand der Bürgerkriegsrhetorik artikuliert. Substanziell-inhaltlich seien, so Fritz, dahingegen rechte Positionen nicht von einem christlichen „Normalkonservatismus“ zu unterscheiden. Als Ausgangspunkt für seine Zusammenstellung der Grundprinzipien des rechten Christentums dienten Fritz Texte der Neuen Rechten, die sich in zwei Bänden des österreichischen Ares-Verlages versammeln. Mitherausgeber der beiden Bände ist Volker Münz.

Neue Rechte als Scharnier

Ist das Ziel der „Entdämonisierung“ nun der probate Zugang, um die Neue Rechte und den Rechtspopulismus analytisch in den Blick zu bekommen? Steht nicht hinter dem Gedanken der Entdämonisierung stets die Vorannahme, dass ein Phänomen, das in der Öffentlichkeit als Gefahr wahrgenommen wird, im Grunde ein Scheinriese ist? Ist also die politische Theologie von rechts nicht weiter gefährlich, wenn sie erst einmal enttarnt ist? Alles also eigentlich substanziell konservative Positionen, die sich nur in der Rhetorik zugespitzt haben? Es ist ein ambivalentes Verhältnis zum Christentum zwischen Aneignung christlicher Semantik und Ablehnung der institutionalisierten Kirchen, in dem die Neue Rechte als Scharnier zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus in Deutschland steht: Die germanischen Götter oder das Neuheidentum spielen keine zentrale Rolle für die Neue Rechte. Ja, es ist ein konservatives Framing, das sich in der Neuen Rechten findet: Sei es das christliche Abendland, auf das sich positiv in Publikationsorganen der Neuen Rechten, wie der Jungen Freiheit oder der Sezession, bezogen wird. Oder seien es heteronormative Geschlechter- und Familienbilder, die durch die biblische Schöpfungsordnung legitimiert werden.

Die Neue Rechte setzt auf konservative Semantik und einen intellektuellen Habitus, mit dem im Spektrum des bürgerlich-konservativen Milieus überzeugt werden soll. Um Prinzipien der sogenannten Konservativen Revolution der Weimarer Republik aufzunehmen, kommen christliche Sprache und homogen-christliche Kulturvorstellungen zur Geltung. Das Christentum wird so zum Bollwerk gegen kulturelle Veränderung und gegen die Präsenz des Islams in Deutschland – eine Strategie, der auch Münz in seinem Vortrag folgt.

Doch neben diesen positiven Bezügen auf das Christentum ist es aber auch der Kampf, der den beiden großen Kirchen in Deutschland aus dem Spektrum Rechtspopulismus und Neue Rechte erklärt wird: Diakonie und kirchliche Beteiligung an gesellschaftspolitischen Debatten sind aus rechter Perspektive Ausgeburt einer schlimmen Gesinnungsethik, die auf einem Missverständnis beruhe, um wen es eigentlich im Gebot der Nächstenliebe gehe. Die Corona-Maßnahmen der beiden Kirchen seien Ausdruck davon, wie sehr diese dem dämonischen Zeitgeist verfallen seien und sich zum Handlanger eines diktatorischen Regimes machen würden. Alexander Gauland formulierte in IDEA im Januar 2021, er bekämpfe mittlerweile das Programm der Kirchen. Drohungen und Hassbriefe an engagierte Pfarrer:innen oder kirchliche Ehrenamtliche aus dem politisch rechten Spektrum werden von solchen Ankündigungen sekundiert und sprechen eine eigene gewaltverherrlichende Sprache.

„Normalkonservative“ Positionen, die nur in einer polemischen Rhetorik daherkommen? Die Neue Rechte folgt seit ihrer Etablierung in den 1970er-Jahren der Auffassung, dass das Ende der Weimarer Republik nicht durch militante Nationalsozialisten, sondern durch bürgerliche und antidemokratische Gesinnungen, die im Gewand des Konservativen auftraten, eingeläutet wurde. Dies versucht sie strategisch mit allen Mitteln zu aktualisieren.

Die Ideen, die Münz für die AfD vorträgt und auch in von ihm herausgegebenen Texten unterstützt, wurzeln häufig in der Vorstellung des Ethnopluralismus. Der Ethnopluralismus, der zwar die Existenz unterschiedlicher Kulturen bejaht und gleichzeitig deren strikte Trennung voneinander einfordert, ist geradezu ein cantus firmus der Neuen Rechten.

Moderne als Auflösung

Und auch hier kommt die Bibel wieder zur Anwendung. So wird in einem von Münz mitherausgegebenen Text argumentiert: Alles wurde nach biblischer Schöpfung „nach seiner Art“ geschaffen – das beziehe sich nicht nur auf Tiere und Menschen, sondern auch auf Völker und Kulturen. Es gelte nicht nur, die geschlechterbezogenen Schöpfungsordnungen zu restituieren, sondern eben auch die göttlich intendierte getrennte Anordnung unterschiedlicher Kulturen wiederzuerlangen. Da die Moderne mit eben der Auflösung dieser Ordnungen einhergehe, müsse sie als antichristlich verworfen werden. Es sei die christliche Aufgabe, sich dem mit aller Macht entgegenzustellen und Widerstand gegen diese Veränderungen zu leisten.

Die gewaltsamen Konsequenzen, die das Konzept des Ethnopluralismus zeitigt (wie soll die Trennung der Kulturen geschehen?), werden nicht benannt. Doch es geht um Ausgrenzung und Phantasmen der Vertreibung von Menschen, die nach kulturrassistischen Prinzipien als nicht zugehörig begriffen werden. Das ist die Legitimation von Gewalt.

Es fällt schwer, diesen Gedanken etwas „Normalkonservatives“ abzugewinnen. Anstelle der Entdämonisierung braucht es von Seiten der Theologie und der Kirche doch eher die Enttarnung davon, wie im Spektrum der Neuen Rechten und des Rechtspopulismus ganz in Manier der Konservativen Revolution die Selbstbeschreibung „konservativ“ Anwendung findet, hinter der sich doch eigentlich eine menschenrechts- und demokratiefeindliche Gesinnung verbirgt. Es haben sich nicht einfach der Modus und die Rhetorik des Konservativen in den vergangenen Jahren gewandelt. Menschenfeindliche Gesinnungen können eben nicht mehr „normalkonservativ“ sein, auch wenn sie mit dem christlichen Abendland argumentieren und eben auch unter Christenmenschen vertreten werden. Es braucht den deutlichen theologischen Widerspruch. 

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Hans-Ulrich Probst

Hans-Ulrich Probst ist Referent für die Themen Populismus und Extremismus Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelische Landeskirche in Württemberg. 2008 und 2009 arbeitete er für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Minsk.


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