Geborgen im Gericht

Klartext
Foto: privat

Mitten im Leben

Volkstrauertag, 14. November

Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse. (2. Korinther 5,10)

Das Thema „Gericht“ belegt keinen der vorderen Plätze im Ranking der Texte, die in den Gottesdiensten der evangelischen Landeskirchen eine Rolle spielen. Denn da könnte es eher ungemütlich werden, mag da als Sorge mitschwingen. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis klingt es zwar oft wie eine Selbstverständlichkeit, wenn wir sagen, dass wir „an Jesus Christus“ glauben, der zur Rechten „Gottes des allmächtigen Vaters“ sitzt, „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“. Doch spätes­tens dann wäre es aus mit dem, was wir im Leben vor den anderen haben erfolgreich verbergen können. Vielmehr stünden wir dann vor Gott ziemlich nackt da.

Vermutlich sind es die Assoziationen, die das Stichwort „Gericht“ bei uns auslöst, dass dieses Thema so oft ausgeblendet wird. Denn wir verbinden mit ihm einen Rückblick auf das eigene Leben in Form einer himmlischen Strafakte. Das Handeln Gottes scheint einer vernichtenden Urteilsverkündung zu entsprechen. So ist es schon verständlich, wenn wir da zusammenzucken.

Aber je länger ich mich theologisch mit dem Thema „Gericht“ befasse, desto mehr erschließt sich mir, dass sich damit das glatte Gegenteil zu landläufigen Vorstellungen verbindet, nämlich Entängstigung statt drohender Bloßstellung. Denn Gottes Richten ist kein Vernichten, sondern ein Zurechtbringen. Ich habe Zukunft, weil Gott sich meiner Vergangenheit annimmt. Und in meinem eigenen Leben ist das so: Die Aussicht, dass ich am Ende nicht meinen Mitmenschen in die Hände falle, sondern Gott, entlastet mich ungemein.

Auch der Volkstrauertag ist, ins Gesellschaftliche gewendet, eine Weise, diese Einsicht zu bekräftigen. Das öffentlich begangene Eingestehen der Unfähigkeit von Menschen, Kriege zu vermeiden, verwandelt sich in eine Kriegsverhinderungstrauer.

„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ Diese Einsicht, die drei Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs bei der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Amsterdam formuliert wurde, zeigt, was Gottes Richten im besten Fall bewirken könnte – nicht erst irgendwann in ferner Zukunft, sondern mitten in unserem Leben. Viel zu gefährlich wäre es, wenn wirs selber richten wollten. In Gottes Richten fühle ich mich da deutlich besser aufgehoben.

 

Lob des Loslassens

Totensonntag, 21. November

Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho … Und der Herr sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. So starb Mose, der Knecht des Herrn daselbst im Lande Moab nach dem Wort des Herrn ... Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag. (5. Mose 34,1+4–7)

Der ganz große Erfolg, das Betreten des Gelobten Landes, bleibt Mose am Ende verwehrt. Obwohl sein ganzes Leben im Einsatz für andere bestanden hatte. Immer wieder gerät er im Auftrag Gottes auf Konfrontationskurs mit seinem Volk, das er doch in die neue Freiheit führen soll. Denn statt sich von der Aussicht aufs Gelobte Land beflügeln zu lassen, träumen die Israeliten lieber von den Fleischtöpfen Ägyptens, die sie hinter sich gelassen haben.

„Er hat sich aufgeopfert“ steht manchmal als Summe eines Lebens über einer Traueranzeige. Und das trifft für Mose ohne Zweifel zu. Aber er erntet nicht einmal bei Gott Dank. Zwar wird Mose der Blick in das Gelobte Land gewährt, das am Ende des Weges steht, den die Israeliten geführt werden. Aber den Schritt über die Grenze enthält Gott Mose vor. Weil auch sein Vertrauen nicht immer unerschütterlich war.

Zynisch und kleinlich könnte wirken, wie Gott hier mit Mose umgeht. Und ertragen kann ich es nur, weil es Gott ist, der hier handelt. Weil er die Kommunikation mit Mose nicht abbricht, sondern sie auf eine neue Grundlage stellt. Nicht das Gelobte Land steht am Ende des Weges, den Mose mit Gott geht, sondern die unüberbietbare Gottesnähe. Mose fällt zurück in die Hände, aus denen er sich einst auf den Weg in die Welt gemacht hat. Und so kann er sich beruhigt fallen lassen. Denn diejenigen, denen er so lange den Weg gezeigt und die Richtung gewiesen hatte, würde Gott auch ohne ihn ans Ziel führen. Und die Verantwortung in andere Hände legen. Nein, das Leben des Mose bleibt nicht unvollendet. Und auch mein Leben erreicht seine Fülle nicht darin, dass ich alle Ziele erreiche. Es genügt vielmehr, wenn ich das vollende, was mir möglich war. Und kein Leben geht ohne die Verheißung zu Ende, dass auch diejenigen, die nach mir kommen, fähig sind, Verantwortung zu übernehmen.

Ja, manchmal kann es sogar entlastend sein, wenn ich mit dem Blick ins Gelobte Land davonkomme und andere dann das zu Ende bringen, was bei mir offengeblieben ist.

 

Glied einer Kette

1. Advent, 28. November

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird … Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit“. (Jeremia 23,5–6)

Im Advent haben wir endlich einmal das Recht, unsere Vorstellungen von einer besseren Zukunft öffentlich zu machen. Ohne als Träumer abgetan zu werden. Ohne im Verdacht zu stehen, die Realitäten der Gegenwart nicht ernst zu nehmen. Einmal im Jahr brauche ich eine Zeit, und sie tut mir gut, in der meine Hoffnungen die Bedenken und Befürchtungen aushebeln, die sonst vorherrschen. Wenn ich mir dann Gedanken mache, woran sich diese kleine Spanne adventlicher Beflügelung bei mir festmacht, dann ist es nicht ein Nachkomme früherer Herrschergeschlechter wie die Hohenzollern oder die Wittelsbacher, sondern der Spross eines anderen Geschlechts.

Den Menschen, an die sich die im Jeremiabuch gesammelten Ermutigungsworte richten, ging es deutlich schlechter als den meisten von uns. Trotzdem gilt auch bei uns: Je mehr mir der Boden unter den Füßen wegbricht, desto stärker müssen die Kräfte sein, die mich halten. So soll es der Nachkomme Davids richten, schreibt Jeremia. Die Erinnerung an David steht für den fulminanten Aufstieg eines behüteten Hirtenjungen zum König. Für erfolgreiches politisches Agieren, das den eigenen Herrschaftsbereich erweitert und die Macht in der neuen Metropole Jerusalem zelebriert.

Die Rückbindung der Hoffnung auf bessere Zeiten an den Nachkommen dieser legendären Gestalt aus grauer Vorzeit hat am Ende aber einen anderen Grund. David lebt im Gedächtnis als einer fort, dem Gott ein ums andere Mal Gelingen schenkt und neue Möglichkeiten eröffnet. Und an diese Segensspur soll der Nachkomme Davids die Menschen anknüpfen lassen. Kein Wunder, dass der ein Spross Davids sein muss, mit dem Christen die Gegenwart Gottes mitten unter den Menschen wie mit keinem anderen verknüpfen und an dessen Geburt wir uns am Ende der adventlichen Tage erinnern.

Hier geht es aber nicht um den ohnedies versiegten Zauber mythischer Vergangenheit. Im Advent feiere ich vielmehr die Gewissheit, dass ich Teil einer Kette der aussichtsreich Hoffenden bin, die von David über Maria (und Joseph, über ihn geht die Linie zu David) bis zu mir reicht – und noch weit über mich hinaus. Und so atme ich erst einmal adventlich durch.

 

Starker Kontrast

2. Advent, 5. Dezember

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Auch hat man es von altersher nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren. (Jesaja 63,19+64,1–3)

Dieser Verzweiflungsruf hat bei uns als gern gesungenes Adventslied Karriere gemacht: „O Heiland, reiß die Himmel auf!“ Beim Singen seiner Strophen faszinieren mich deren Bilder jedes Mal neu. Von dieser adventlich-feierlichen Gestimmtheit ist in der biblischen Vorlage aber nichts zu spüren. Dort wird eher ein Zustand der Ernüchterung nach einer anfänglichen Euphorie beschrieben. Die Israeliten, die aus der babylonischen Verschleppung zurückgekehrt sind, müssen sich der Einsicht stellen, dass die neuen Realitäten erstmal nicht viel besser sind als die alten. Sie stehen vor den Trümmern der einst so unerschütterlichen Gewissheiten ihrer Vorfahren. Vom Tempel ist nicht viel übrig geblieben. Häuser sind zerstört, und Felder liegen brach.

Der geographischen Umkehr müsste die innere Umkehr folgen. Mit Worten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen, wirft der uns unbekannte Mensch Gott seinen Frust vor die Füße: Da müsste doch endlich einmal jemand kommen und unsere Not zu seiner Sache machen. Ohne falsche Rücksichtnahme. Und mit der klaren Botschaft, dass es so jedenfalls nicht weitergehen kann.

Heutige Populisten, die beanspruchen, endlich die entscheidenden Themen auf den Tisch zu legen und einfache Lösungen gleich mitzuliefern, können damit aber nicht gemeint sein. Denn der verzweifelte Rufer kann sich nur Gott selber in der Rolle des den Himmel zerreißenden Heilsbringers vorstellen.

Ich verbinde meine Hoffnungen auf diesen „heruntergekommenen“ Gott mit dem Kind aus Bethlehem, Jesus, dessen Reich „kein Ende haben“ wird (Lukas 1,33). Darin unterscheide ich mich von den Menschen damals, die anders und in anderen Bildern gehofft haben. Aber ich fühle mich ihnen und dem Poeten, der Gottes Eingreifen fast herbeischreit, verbunden. 

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