Grandios

Biografie eines Gottsuchers

Der gute Klang der Reihe Bibliothek Suhrkamp ist um einen pointierten Akkord reicher: In seinem 85. Lebensjahr hat Wolf Biermann sein liedehrliches und auch darüber hinaus klangvolles Oeuvre auf seine lebenslange Zwiesprache mit Gott in der Deklination der verschiedenen Jahrzehnte durchgesehen und legt ein kantig-frommes Ketzer-Brevier vor.

Mensch Gott ist nicht nur ein im Titel grandios zusammengefasster Religionsdisput, sondern auf jeder Seite lebendiger, ehrlich heiliger Zorn gegen fromme Geduld, die komprimierte Biografie eines Gottsuchers ohne das Ruhekissen Religion.

In acht Kapiteln, die die eigene Gläubigkeit, das Prinzip Hoffnung in der Melancholie, Gebete, die Frage nach der Auferstehung und die jüdische Herkunft in den Blick nehmen, tritt Wolf Biermann mit Texten und Gedichten von 1964 bis zum gendergottlosen Glaubensbekenntnis von 2020 als hell- und herzwacher, liebender Schwertschwinger auf wie Martin Luther, mit dem er sich vergleicht: „Er prügelte Gottes Stellvertreter auf Erden mit Gottes Wort in der Heiligen Schrift. Und mit solch immanenter Kritik prügelten Leute wie ich die machtbesoffenen Bonzen der DDR mit dem Kommunistischen Manifest des Karl Marx. Ohne meinen Glauben an die heilige Kuh des Kommunismus hätte ich den Streit mit den Bonzen der Partei kaum durchgehalten.“

Mit dem differenzierenden Blick auf jeden Glauben, der einerseits immer wieder zynisch zum Machterhalt missbraucht wird, andererseits aber als Ermutigung und moralischer Halt im Widerstand gegen Unterdrückung seine Kraft entfalten kann, zeigt sich Wolf Biermann als instinktiv kluger, der Wahrheit des eigenen Lebens auch im Spiegelbild den Vorzug gebender, bedenklicher Regenbogenradierer.

Dabei hält er es offenkundig mit Alexander Pope, den er hier im Gedicht „Von den Menschen“ (1981) zur Abrechnung mit der fehlenden Selbstbeschäftigung als Inspiration heranzieht: „krieg raus, wer du bist! und/schnüffel nicht Gott hinterher!/denn das, was die Menschheit ist/begreifst du am besten an dir.“ An Stellen wie dieser schillert der klassisch kundige, nimmermüd hochmütige und elende Gottlose auf, der am Küchentisch nicht nur für Heringsstipp sitzt oder aufwändig die Fingernägel bearbeitet, auf dass sie den sechs Saiten der Gitarre den treibenden Rotz für jedes klingende Wort abtrotzen, sondern dort auch Bücher frisst wie Brot, sich erkenntnishungrig durch die Gedankenwelten Anderer gräbt wie ein Goldsucher und dabei auch als Übersetzer brilliert, vor allem, wenn es um Shakespeare geht, dessen Sonette in seinem Deutsch ein Feuerwerk sind.

Hier – im Kreisen um und im Schnitzen und Zündeln an Gott – findet sich das alltägliche Sinnen im gestanzten Wort, das den Tonfall des Wolfschen Heulens immer impliziert, von der Tugend der Wahrhaftigkeit durchdrungen. Die lässt sich nicht argwöhnisch abtun oder schulmeisterlich zerlegen. Biermann luthert – ganz aus gestählter Kraft und innerer Überzeugung, getränkt von jahrzehntelanger Glaubenserfahrung – und tritt überzeugend mit allen in Kontakt, hier vorzüglich mit „Gott und seinen Fans, dem Bodenpersonal Christi“ – mit einem friedfertigen, der Freiheit des Andersglaubenden Tribut zollenden Credo (2001): „Ja, glauben!/Glauben muß der Mensch/Ganz gleich an Gott, an Götter/Woran? – egal!/An welchen Scheibenkleister/Nur wie wir glauben, dieses Wie/Ach! Dies verflixte kleine Wie/Scheidet die Geister […] Sei Moralist, bleib was du bist/Ob Sauertopf, ob Spötter/Glaub tot an roten Klassenkampf/Egal! nur glaube ohne Krampf!/Und giftdurchtränkten Eifer!/Hauptsache nur: ein Glaube. Glaub!/Gelassen, ohne Geifer.“ Neben diesem Aufruf erbringt Biermann noch einen besonderen Liebesbeweis: „… die richtige große Musik-Liebe? Die gilt nur einem Einzigen. Ich liebe erstens den Bach, und zweitens Bach, und drittens Bach – na, und Bach! – den Alten, versteht sich, vorzüglich BWV 21.“

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